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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Neunzehntes Kapitel

Am folgenden Morgen war Anselma schon sehr früh an der Tür des Papas in dem Häuschen am Untertor und vernahm, daß dem Regierungsrat besserer Rat nicht über Nacht gekommen sei. Er hatte nichts dagegen, daß sie sich neben seinem Bette niederließ und einen töchterlichen Kuß auf seine Stirn drückte; aber bei seinem Willen und Vorsatz verblieb er.

Das andere alte Kind, der Herr Rottmeister Brüggemann, sagte:

»Geben Sie sich keine Mühe, Frau Doktorin. Er ist nicht gewillt, heute aufzustehen; aber recht gut geruhet haben der Herr Rat, und das ist doch die Hauptsache.«

»Es ist mir lange nicht so gut gewesen und geworden wie jetzt, Anselmchen«, sprach Wunnigel. »Ja, ich bleibe jedenfalls noch ein wenig liegen. Gehe du nur ruhig hin, Kind, und besorge deinen Haushalt. Grüße deinen braven Mann und ersuche ihn, mir durch Kalmüsel aus der Bücherstube die Havercampsche Ausgabe des Flavius Josephus zu schicken. Kannst du es im Gedächtnis behalten, oder soll ich's dir aufschreiben? Flavius Josephus heißt der Jude – hörst du? Ich denke, seine Belagerung von Jerusalem wird mir eine recht erquickliche Lektüre sein; und nun gehe hin und belagere du mich nicht länger unnötigerweise. Du bist und bleibst mein altes braves Mädchen, aber liegen bleibe ich doch. Fällt – sonst – etwas – mich – Betreffendes vor, so kann ich das auch in den Federn über mich kommen lassen. Auch beim stärksten Gewitter bin ich nie der Narr gewesen, aufzustehen und in die Kleider zu fahren. Im Gegenteil, es ist mir immer eine behagliche Vorstellung gewesen, einmal im Bette recht rasch vom Blitze erschlagen zu werden.«

Anselma Weyland ging seufzend und berichtete alles oben am Schloßberge.

Der Doktor meinte:

»Den Josephus will er jetzt lesen? Das ist freilich eine recht angemessene Lektüre, und Kalmüsel mag ihm auf der Stelle die beiden Folianten hinunterschleppen. Hm, hm, und der Blitz, für den er sich in seinem schlechten Gewissen reif fühlt, der kommt auf der Eisenbahn am hiesigen Orte an. Ein Blitz aus heiterem Himmel ist es jedenfalls nicht, mein Herz; wir haben schon wochenlang das Gewölk sich zusammenziehen sehen; aber eine Erleichterung ist es doch, daß man weiß, wie man daran ist. Übrigens ist diese russische Exzellenz ein ganzer Prachtkerl. Schade, daß auch er sich hinterm Ohr kratzt, wenn die Unterhaltung sich wieder auf Mama wendet.«

»Mama!« stöhnte Anselma. »O Heinrich, du gibst mir jedesmal einen Dolchstoß, und – du – bist doch recht grausam!« – – –

Im ersten Gasthofe der Stadt hielt die russische Exzellenz ihre Zimmer noch immer fest. Es war fast ein Wunder, wie gut er sich in dieser Stadt und wie gut ihm diese Stadt gefiel.

»Seit mir Seine Kaiserliche Majestät gnädigst die Erlaubnis gab, im Auslande zu reisen, habe ich mich selten an einem Orte so gut unterhalten wie an dem hiesigen«, meinte er, im Fenster liegend und auf den Markt vor dem Fenster hinausschauend. »Es ist der Gegensatz! Ich werde nach Hause kommen als ein deutscher Philosoph. Ich habe nicht gewußt, wo sie steckt, die deutsche Philosophie; ich habe sie hier gefunden. Hier ist die Luft gesund, und der Mensch, wenn er ein Narr ist, ein deutscher Narr. Was ist der deutsche Mensch in St. Petersburg? Mir ein Verdruß! – Was ist er mir in Berlin? Langweilig! – Und was ist er mir hier? – Eine Vergnügung! – Er macht alles vor in St. Petersburg; er macht alles nach in Berlin; er ist hier er selbst, wirklich – im einzelnen angenehm. In früheren Zeiten ist er auch sehr originell gewesen; ich vermehre meine Sammlungen in Petersburg sehr gern durch das, was er damals gemacht hat in der Kunst aus seinem eigenen Genie. Ich werde gern Gevatter stehen bei dem Herrn Doktor Weyland und der Frau Doktorin, wenn sie es mir vielleicht einmal melden nach Moskau oder St. Petersburg, daß alles glücklich abgelaufen ist. Mein Freund Wounikkel wird mit mir stehen. Mein Freund Wounikkel ist eigentlich ein Untier, ein Un–geheuer. Er würde nicht Regierungsrat geworden sein bei uns; er ist viel zu dumm dazu in seinen Ansichten vom Leben und viel zu hastig. Ein Vieh ist er nicht, denn ein Vieh fällt nicht alle Augenblicke über seine eigenen Beine; wir in Rußland, wir fallen nie über unsere eigenen Beine. Er weiß mehr Jurisprudenz als wir alle in unserem Collegio zu Moskau; aber er hat das ebenfalls nicht anzuwenden gewußt. Er hat nichts von seinen Fähigkeiten anzuwenden gewußt; er interessiert mich sehr. Er hat ein sehr zartes Gewissen, mein lieber Freund Wounikkel; er macht sich selbst Vorwürfe, weil er über seine eigenen Beine fällt; – er legt sich zu Bett, wenn er Dummheiten gemacht hat; er ist mir sehr interessant, denn wie will der Mensch etwas werden in dieser schlimmen Welt, wenn er sich nicht eine Leiter macht aus seinen Dummheiten? Ich bin auch wohl gefallen in meinem Leben, aber immer nur über das Bein eines anderen, und ich habe mir immer gesagt: Petrowitsch, sei nur ruhig, Bruder; aber merke dir ja, wie das Brüderchen, der Schuft, das gemacht hat. Petruschka!«

»Ich höre!« sprach der auf höchste Anordnung endlich Freigelassene.

»Petruschka, wir halten uns jetzt acht Tage in dieser neuen ausländischen Stadt auf: wie gefällt dir sie und das fremde Volk darin, Bruder?«

Da grinste Petruschka, wie nur ein Mann slawischer Rasse zu grinsen vermag, und legte die Hand erst auf den Bauch, dann auf den Magen und zuletzt auf das Herz und – schüttelte den Kopf – stumm aber bewegt. Er dachte an die Jungfer Männe in dem alten Hause am Schloßberge, und wie auch sie das Exotische zu schätzen wußte und es auf der Stelle dem Einheimischen vorzog. Er dachte an Kalmüsel, wie der wütend und verbissen im Winkel am Herde saß, und grinste noch stummer und noch bewegter auf die Frage seines Herrn hin. – –

»Der Deibel! Es ist eine Sünde und Schande!« brummte gerade in dem nämlichen Moment Kalmüsel in dem Hause Weyland. »Wahrhaftig, man sollte wirklich auch Lust kriegen, irgendwo unterzukriechen und sich zu Bett zu legen wie der Herr Regierungsrat beim alten Rottmeister Brüggemann am Untertor.«

Der Ingrimm war ihm nicht zu verdenken, denn er nagte eben zum Frühstück an einem Knochen, von welchem Herr Petruschka am vergangenen Abend das Fleisch bekommen hatte; und er – Kalmüsel – fühlte sich gegenwärtig durchaus nicht erfüllt von dem Beruf seiner Nation zum Kosmopolitismus und zur »Weltliteratur«; auch grinste er gar nicht vor Behagen, als die Jungfer Männe ihn ziemlich spitzig fragte:

»Nun, was machen Sie denn mal wieder für ein Gesicht, Kalmüsel?« – –

Der Knäs hatte auf dem Boulevard des Italiens im Fenster gelegen; er hatte auf den römischen Korso hinausgesehen und auf die Promenade des Anglais zu Nizza, von den Moskauer und Petersburger fashionablen Straßenprospekten gar nicht zu reden. Jetzt sah er auf den Wochenmarkt einer deutschen Mittelstadt hinaus und nahm auch daran Anteil, und zwar vermittelst seines Opernglases. Da gegenwärtig der Gänsehandel in Schwung kam, interessierte er sich für denselben höchlichst; aber noch viel mehr interessierte er sich für die vom Bahnhofe hereinpassierenden und den Platz kreuzenden Fremden und vor allen Dingen für den Bahnhofswagen seines eigenen Hotels.

»Ich werde Achtung geben, gnädige Frau!« hatte er der kleinen Frau Doktorin Weyland oben in dem interessanten Hause am Schloßberge versprochen; und er hielt wirklich Wort und versäumte es selten, dem Aussteigen der frisch anlangenden Gäste von seinem Fenster aus zuzusehen. Es war heute der sechste Morgen, nachdem Wunnigel sich bei dem Rottmeister Brüggemann verkrochen hatte; es war die elfte Stunde dieses sechsten Morgens, und wieder erschallte die Glocke des Oberkellners gell durch das ganze Haus, den Schwarm der übrigen Dienerschaft zusammenrufend; der Wagen des Hotels rollte wieder einmal um die Ecke der Bahnhofsstraße auf die Stadt St. Petersburg zu. Merkwürdig viel Fremde diesmal!

Der Reisende für ein Haus ersten Ranges – behaglich und gelassen – ohne sichtbares Gepäck. Sein Kollege niederen Ranges mit einem Wachstuchkästchen unter dem Arm – zappelhaft und gönnerhaft gegen den Wirt. – Ein wohlbeleibter Herr – unstreitig Amtsrat oder dergleichen – mit zwei Töchtern im Alter von dreizehn bis sechzehn Jahren, pensionspflichtig und zum höheren gesellschaftlichen Abschliff heute in einer solchen Pension erwartet. Eine nervöse, ältliche Dame mit viel Gepäck und einer Handtasche voll aktenmäßiger Schriftstücke – NB. vermißt eine Schachtel und macht sofort erst den Kutscher und sodann den Herrn Wirt dafür verantwortlich – wird auf ihr Zimmer geführt mit der Versicherung, daß »sich das alles wahrscheinlich noch finden werde«. Noch ein dicker Herr – ungemein zärtlich und besorgt um eine noch dickere Dame – NB. erkundigt sich sofort nach dem Beginn der Table d'hôte. – Eine –

»Ah – mais en vérité!« – sagte plötzlich oben am Fenster Paul Petrowitsch Sesamoff. Er brach ab in der Mitte seines Satzes; er hatte augenblicklich nicht mehr die geringste Zeit zu wörtlichen Bemerkungen.

Sie – SIE – respektvoll begrüßt von der ganzen Dienerschar wie von dem Herrn des Hauses, war in das Haus geschritten – die ruhige, vornehme europäische Reisende – in grauer Wolle, doch wahrlich nicht als Büßerkostüm zugeschnitten; – und sie, allesamt sie in der Torwölbung des Hotels, hatten in alterprobter Gasthofstaktik zuerst auf die Stiefelchen und sodann, doch mit demselben Blick, auf die Handschuhe gesehen – en vérité, SIE bekam kein Zimmer drei Treppen hoch mit der Aussicht auf den Hof wie die Dame mit der verlorenen Schachtel. –

»Ich werde heute nicht oben bei meinen Freunden am Schloßberge speisen«, sprach Paul Petrowitsch, »ich werde hier im Hause an der Wirtstafel speisen. Petruschka, gehe hin und melde es dem Wirt, daß ich heute hier speisen werde. Nein, ich werde ihm selber sagen, an welcher Stelle ich zu speisen wünsche.«

Er schellte; doch er hatte diesmal etwas länger zu warten, ehe jemand herbeieilte, um sich nach seinen Wünschen zu erkundigen. Dafür aber stürzte dann auch der Besitzer des Etablissements selber in sein Zimmer – atemlos – mit ausgebreiteten Händen:

»Exzellenz – o, Exzellenz, die – Frau – Regierungsrätin – Wunnigel aus – Rom!«

»Oui, mon cher«, sprach der Knäs, sein Opernglas zusammenschiebend. »Ich wünsche zu speisen an der Table d'hôte, und zwar gegenüber der soeben angereist gekommenen Dame. Ich wünsche die nähere Bekanntschaft zu machen von Madame de Wounikkel; ich kenne sie jetzt nur aus der Weite, die Frau Regierungsrätin Wounikkel, die Frau von meinem Freunde Wounikkel!«

Dabei ging er raschen Schrittes vor dem sich die Hände reibenden Wirte auf und ab, blieb stehen, faßte ihn mehrmals ins Knopfloch, als ob er ihm noch etwas mitzuteilen habe, und ließ ihn jedesmal wieder los und mit immer qualvoller gespannt vorgeschobener Visage stehen.

»Die gnädige Frau hat sich augenblicklich nach der Wohnung des Herrn Regierungsrates erkundigt«, ächzte der Wirt, da er es zuletzt nicht mehr aushielt, auf das erlösende Wort Seiner Exzellenz zu harren. »Sie hat sich auf ein Zimmer führen lassen und wird wahrscheinlich Toilette machen.«

»Ich werde gleichfalls Toilette machen«, sprach der Kaiserlich Russische Staatsrat. Der Wirt warf nochmals einen vieles sagenden Blick auf seinen Knäs und sodann zum Plafond seines Staatsgemaches empor und zog sich rückwärts schreitend zurück aus dem Gemache. Für uns geht aus seiner Aufregung zur Evidenz hervor, daß die ganze Welt bereits um die Vorgänge und Verhältnisse in dem guten alten Hause am Schloßberge ganz genau Bescheid wußte; wir haben aber auch schon früher gesagt, daß es wenige andere Häuser in der Stadt gab, an denen sie so großen Anteil nahm wie an diesem, und so etwas, als ihm jetzt passierte, war denn doch auch in der Tat ein »ganz gefunden Futter« für die allgemeine Teilnahme.

Paul Petrowitsch saß an der Table d'hôte der Frau Regierungsrätin gegenüber, und beide wurden von dem aufwartenden Personal mit außergewöhnlicher Spannung eifrig bedient. Selbst der Herr Wirt hielt sich so viel als möglich hinter ihren Stühlen auf.

Beide aber waren nur sehr liebenswürdig und heiter; außerdem sprachen sie zuerst nur französisch, in welcher Sprache auch Exzellenz von Sesamoff sich der gnädigen Frau als Landsmann oder vielmehr Halb-Landsmann vorstellten. Als sie gegen Mitte der Tafel anhuben, Russisch zu reden, hätte dieses das Hotel Sankt Petersburg fast übelnehmen dürfen. Es versuchte von da an zwar, auf den Mienen zu lesen; aber wenn ein Stück von einem Lavater in jedem ordentlichen Oberkellner sitzen muß, so sitzt doch der ganze Physiognom leider nicht darin, und das war in diesem Falle recht schade.

Nur ein einzig Mal glaubte man ein seltsam galvanisches Aufzucken in den Mienen und dem Oberkörper der gnädigen Frau zu bemerken; allein der Knäs lächelte dabei so gutmütig heiter, daß es doch wieder zweifelhaft blieb, ob es sich nicht harmloserweise um irgendeine pikante Petersburger Gesellschaftsgeschichte gehandelt habe. Die Tafel ging zu Ende, die Herrschaften zogen sich in ihre Gemächer zurück und –

des Donners Wolken hingen
schwer herab auf Ilion;

das heißt, auch während der ersten Nachmittagsstunden blieben sie so hängen, wie sie schon seit geraumer Zeit über dem Hause Weyland gehangen hatten. Heinrich und Anselma hatten an ihrem Tischchen zärtlich und zierlich wie ein immer noch junges Ehepaar zusammen gespeist. Von dem Hause am Untertor kam der Eßkorb, den das Haus Weyland täglich durch Kalmüsel dort hinunter sendete, ziemlich leicht wieder herauf, und der alte Brüggemann ließ zur Beruhigung heraufsagen: der Herr Regierungsrat hätten, Gott sei Lob und Dank, heute zum erstenmal wieder einen Appetit gezeigt, der – das Beste hoffen lasse. Was Kalmüsel sonst noch als neueste Stadtneuigkeit auf seinem Wege aufschnappte, das beredete er, zappelnd vor Aufregung, vorerst mit der Jungfer Männe in der Küche des Hauses am Schloßberge.

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