Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
Schließen

Navigation:

Achtzehntes Kapitel

»Ich habe eine Bitte«, sprach der Knäs. Holen Sie rasch Madame wieder herein, auf daß ich ihr die Hände küsse und ihr meine tiefempfundensten Entschuldigungen zu ihren Füßen niederlege. Dann bitte ich um Ihre Freundschaft, mein verehrungswürdiger Herr Doktor; – ich bin Ihnen in der Tat dieses schuldig nach dem, was vorher voraufgegangen ist mit meinem Freunde Wounikkel. Mein Gott, und lassen Sie mich wenigstens ganz genau besehen dieses sehr herrliche alte Haus, und lassen Sie mich vor allen Dingen auch ganz genau reden bei Tische mit meinem Freunde Wounikkel. Mein Herr, wenn Sie einmal nach Moskau kommen, so sind Sie auch mein Gastfreund, und ich werde Ihnen zeigen mein Haus und meine Sammlungen; – o, ich habe oft gewünscht, meine Sammlungen dort meinem Freunde Wounikkel zeigen zu können, und er hat es gleichfalls gewünscht; o, o, und ich wollte, ich hätte ihn heute dort, meinen Freund Wounikkel aus Italien! Ich wollte, daß wir heute dinierten in Moskau mit ihm, heute in Moskau, in meinem Hause – Sie und die gnädige Frau und – mein Freund – Wounikkel. Ich würde ihm mancherlei zeigen können und ihn auch in Überraschung versetzen – einigermaßen!«

»Das glaube ich Ihnen gern, Herr Staatsrat«, meinte der Doktor Weyland lachend. »Ich verüble es Ihnen auch nicht im allergeringsten. Im Gegenteil, es wäre mir heute keineswegs unangenehm, wenn wir heute meinen Papa, Ihren Freund, den Regierungsrat Wunnigel, so recht ruhig in Moskau zwischen uns hätten. Jetzt aber erlauben Sie mir in der Tat, Herr von Sesamoff, daß ich erst meine kleine Frau – seine Tochter, rufe.«

Dieses war nicht nötig. In demselbigen Moment nämlich öffnete Anselma die Tür des Salons, schob ihr hochrotes, verstörtes Gesichtchen hinein und rief:

»O Himmel, Heinrich; er ist wieder nirgends zu finden!«

»Dann ist er durch die Nebentür durchgegangen. Das Zimmer nebenan hat zwei Pforten, Herr Staatsrat.«

»Ja, Heinrich. Ich habe ihn da nebenan auf dem Diwan gesucht, und er war verschwunden. Ich habe ihn in seiner eigenen Stube gesucht, und er ist auch dort nicht. Ich habe ihn im Garten gerufen –«

»Und er hat nicht geantwortet. Beruhige dich nur, Herz; dann ist er selbstverständlich wieder zum Rottmeister Brüggemann hinunter! Daß wir ihn unter diesen Umständen zum Mittagsessen wieder erwarten dürfen, wage ich nicht zu hoffen. Wir speisen ja doch zu drei; laß sein Couvert abnehmen, Kind. Mein Rat ist, wir lassen ihn ganz ruhig gewähren und suchen erst gegen Abend durch freundliches und vernünftiges Zureden auf ihn einzuwirken. Der Herr Staatsrat wird uns gewiß gern im Laufe des Nachmittags auf einem Spaziergange durch die untere Stadt begleiten.«

»Mit Vergnügen«, sprach Paul Petrowitsch; – Anselma Weyland zog hastig das Köpfchen wieder zurück und schloß die Tür. Der Knäs fand erst beim Mittagsessen Gelegenheit, der Herrin des Hauses die Hand zu küssen und sich als der freundliche, liebenswürdige, unendlich gutmütige und vergnügliche Herr und Kunstliebhaber aus dem heiligen Rußland und hohen Norden zu erweisen, der er wirklich und wahrhaftig (ungelogen! hätte Wunnigel gesagt) war.

»O, ich würde mit einem Winkel unter der Treppe vorliebnehmen, wenn ich dafür den Tag über ungestört dieses Haus betrachten dürfte«, seufzte der Staatsrat.

»Sie sind auch vom Petersburger Hofe aus herzlich dazu willkommen«, erwiderte der Doktor; im geheimen aber fügte er hinzu: »Na, ich werde dir schon auf die Finger bei deiner Besichtigung passen. Allmählich kennt man euch Schwärmer fürs Kuriose, euch Sammler, euch Liebhaber des Schönen vom achtzehnten Jahrhundert an rückwärts gerechnet! Was auch dieser Kerl da wieder für riesige Taschen versteckt um sich trägt! Jaja!«

Doch es drängt uns nunmehr sehr, uns wieder nach unserem und des russischen Kollegen besten Freunde, Wunnigel, umzusehen. Er hat sich in der Tat wieder beim alten Rottmeister Wenzel Brüggemann am Untertor verkrochen – verkrochen, diesmal in der wahrsten, wirklichsten Bedeutung des Wortes.

Als er sich zum erstenmal dorthin schlich, schlüpfte er verstohlen scheu an der Haus- und Gartenmauer hin; diesmal fühlte er sich so weit gebracht, daß ihm das nicht mehr möglich war und auch nicht mehr nötig erschien.

Nein, er stürzte den Schloßberg hinunter. Für diesen Fluchtweg fand er noch einmal seine ganze frühere Schnellkraft und Beingelenkigkeit wieder, freilich leider nur, um in dem Häuschen am Tor um so erbärmlicher zusammenzuknicken.

»Jesus, ist sie da?« schrie schrillstimmig der Urgreis und künstliche Uhrmacher, als ihm der Regierungsrat in die Stube stürzte, auch hier wieder in die Sofaecke fiel und von neuem – steif wurde; wir wissen keine andere Bezeichnung für den Zustand seiner Gliedmaßen. –

»Sie angekommen?« lallte er. »Nein, sie kommt erst nächstens; ich aber – ich bleibe bei Ihnen, Brüggemann. Die Maschinerie sollen Sie erst noch erfinden, die mich wieder den nichtswürdigen Berg da hinaufbringt, Rottmeister! Die Pferdekräfte, die dazu gehören, um mich alten Esel wieder in das verdammte, verfluchte, heillose, verteufelte Haus da oben hineinzubringen, hat noch niemand in einem Dampfkessel zusammengequetscht! Hier, bei Ihnen, Liebster, Bester, Ältester, will ich mein letztes Stündlein, und wär's auch im Winkel unter der Treppe, abwarten. Hier will ich verschnappen, und Sie grauer Knabe sollen mir nicht nur die Augen, sondern auch das verruchte, leichtfertige, immer und ewig ins Dumme, Blaue, Verdrießliche, Abschmeckende hineinschwatzende, bodenlose Maulwerk zudrücken. Ja, Sie, Brüggemann, sollen mir endlich einmal den Mund schließen, der mich jetzt, der Satan weiß es, lange genug in jedwedes Erdenpech hineinschwadroniert hat; und – mein Te–sta–ments–vollstrecker sollen Sie auch sein, Rottmeister.«

Der Alte im Lehnstuhl am Ofen lüftete höflich sein Hauskäppchen:

»Das ist mir eine große Ehre, Herr Regierungsrat; aber Herr Rat –«

»Kein Aber, guter, allerbester Freund und präadamitischer Patriarch! Sie sollen mir meinen alten Adam ausziehen; Sie sind der Mensch dazu. Sie einzig und allein sind der Mensch, an den sich ein Mann wie ich nach einem Leben voll solcher Schrullen, Grillen, Neigungen, Abneigungen – kurz nach einem Dasein gleich dem meinigen anklammern, einzig und allein anklammern kann. Sie sehen mich bedenklich an: das nehme ich Ihnen nicht übel. Sie halten mich für halb verrückt: das bin ich auch; und mit drei Vierteln treffen Sie sogar noch etwas genauer das Richtige. Haben Sie was dagegen einzuwenden, daß ich die Tür versiegele und die Fensterladen schließe?«

»Hm«, grinste das Herrchen, »das erstere geht noch an; aber was das zweite betrifft, so –«

»So können Sie immer noch nicht genug kriegen von den Farben, Lichtern und Tönen dieses erbärmlichen Daseins. Jawohl, da kenne ich Sie ja. Na, dann lassen Sie Ihre verdammten Laden nur offen; ich aber ziehe in Ihr Hinterstübchen mit dem Fensterloch drei Schritte von der Stadtmauer. Da ist es wenigstens annähernd feucht, dunkel und still genug. Ich habe es Ihnen schon neulich gesagt, daß ich nichts mehr von der Außenwelt will; aber meine neuliche Stimmung war doch nur die reinste, possenhafteste Aufgelegtheit zu allem früheren Lebensunsinn gegen meine heutigen Gefühle.«

»Wenn Sie mir nur sagen wollten, Herr Rat, was denn eigentlich passiert ist?!«

» Er ist mir richtig auf den Hals gefallen.«

»Er! – Wer?«

»Der russische Kollege – Paul Petrowitsch Sesamoff – ja so, Sie können das freilich nicht wissen. Nämlich dieser slawische Staatsrat und Hyperkulturbarbar – nein, es ist zu dumm –«

»In des Himmels Namen, was haben Sie denn mit ihm? Was will er hier?«

»Den Inhalt des Hauses Weyland erhandeln vom Keller bis zu dem Dache!« stöhnte der Regierungsrat Wunnigel, die Augen zudrückend.

»Herr Jesus, Sie haben ihm das doch wohl nicht verkauft in Ihrem Italien?«

»Verkauft? Nein! – ja! – Nur so annähernd! Ich habe ihn – dazu – eingeladen – und der heillose Kerl hat das Ding im blutigsten Ernst genommen – da oben am Berge sitzt er bei meinem Sohn und meiner Tochter – mit einem Verzeichnis der – Hauptgegenstände in der Tasche. Ich aber, ich ziehe in Ihr Hinterstübchen, Brüggemann.«

Der alte Rottmeister, Herr Wenzel Brüggemann, ließ nur einen Ton hören, der ungefähr klang wie:

»Pfü–ü–ü–üt!«

»Sie begreifen nun alles, Brüggemann? Sie sind nicht imstande, mir hier Asyl zu verweigern, Rottmeister?«

»Wissen Sie, begreifen tu ich das schon; auch steht Ihnen der Unterschlupf natürlich zur Verfügung, wenn Sie damit und mit mir vorliebnehmen wollen, Herr Rat; aber – aber bedenken Sie doch nur – Ihr Herr Schwiegersohn – Ihre liebe, gute Frau Tochter, was werden die –«

»Die, wollte ich, wären mit allem, was um sie herum hängt, liegt und steht, wo der Pfeffer wächst, oder – in Mos–kau!« schrie Wunnigel.

»He, he, he«, kicherte das greise Herrchen, »nun, wenn Ihnen wirklich mein Hinterstübchen mit der Aussicht auf die Stadtmauer für Ihre Verhältnisse paßt, so sind Sie willkommen darin, Herr Regierungsrat; dann können wir ja wohl sogleich unsern Haushalt zusammen anfangen. Was soll ich Ihnen an nötigen Bequemlichkeiten vom Berge herunterholen lassen? Sehen Sie, ich brauche bloß aus dem Fenster zu gucken, um einen Boten auf der Stelle zur Hand zu haben.«

»Nötige Bequemlichkeiten? Herunterholen lassen? Boten schicken?« murmelte der Regierungsrat ächzend und mit sichtlicher Anstrengung sich aus seiner Ecke im Sofa erhebend. »Sie sind sehr gütig, Brüggemann, und ich danke Ihnen; aber nötig habe ich von da oben nichts mehr, und für alle unnötigen Bequemlichkeiten danke ich gleichfalls. Für einen Narren dürfen Sie mich dreist halten, das habe ich Ihnen bereits zugestanden, aber eines weiß ich, nämlich, daß ich heute zum ersten Male in meinem Leben weiß, was ich will: Ruhe will ich – ungestörte, absolute Ruhe! Alle Hagel und Donnerwetter, wenn einer den Lärm des Lebens und das Herumtreiben inwendig und auswendig satt hat, so bin ich's!« – – –

Wunnigel war an den Tisch getreten oder hatte sich vielmehr dahin geschleppt. Ohne ferner noch ein Wort zu reden, fing er an, seine Taschen zu entleeren und ihren Inhalt auf der Wachstuchplatte zu einem kuriosen Haufen zu häufen.

Da kam wahrlich mancherlei zum Vorschein, was wohl einer näheren Aufführung wert ist, und eine tiefe Wahrheit springt ans Licht, nämlich, daß mancher Mensch, nach dessen Charakter, Gemüts- und Sinnesart man sehr vergeblich phrenologisch am Hirnschädel herumtastet, ziemlich richtig und genau aus dem Inhalt seiner Taschen zu enträtseln ist. –

Es war unbedingt etwas mechanisch Gespenstisches in der Art und Weise, wie der Regierungsrat Wunnigel sein Allerlei auf den Tisch niederlegte.

Es kam zum Vorschein zuerst eine Uhr. Höchst interessant, was das Äußere anbetraf. Eine seltene Merkwürdigkeit – Venediger Arbeit, aber als Zeitmesser gänzlich unzuverlässig. – Die Kette dazu mit Breloquen – auch sehr merkwürdig!

Das war die linke Westentasche; die rechte entleerte drei Zahnstocher und einen Ohrlöffel.

»Da!« sprach Wunnigel, in die Hosentasche greifend; und es erschienen, nicht in einem »Portemonnaie« der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, sondern in einem richtigen »Geldbeutel« aus dem Anfange dieses Säkulums, anderthalb Dutzend römische Kaisermünzen – lose, außerhalb des Beutels, ein Taler, fünf Silbergroschen und etliche Pfennige in dem noch üblichen und gangbaren Kurant – in Papier eingewickelt etwas italienische Scheidemünze, wahrscheinlich als ein Andenken an die letzte Reise des Kapitalisten.

Der Regierungsrat seufzte tief und holte aus der anderen Hosentasche hervor: ein Bernsteinbüchschen mit Emser Pastillen, eine Streichholzbüchse und wieder eine Kuriosität, nämlich ein silbernes Etui aus dem achtzehnten Jahrhundert mit der Geschichte der Andromeda in getriebener Arbeit darauf, und darin mit den nötigen Räumen für Messer und Gabel en miniature, Korkzieher, Pinzette usw. usw. Die Utensilien selber waren freilich nicht mehr darin vorhanden.

Vier Stück zerknitterte und zerkrümelte Regaliazigarren erschienen aus der linken Brusttasche, und aus der rechten zog der Regierungsrat zum Beschluß seine Brieftasche hervor, legte selbige neben das übrige und sagte:

»So!«

Und nach einer längeren Pause:

»Nur einige Lebens- und Reisenotizen ohne Wert, einige Visitenkarten und etwas englisches Pflaster! Wenn Sie Gebrauch davon machen können, steht Ihnen alles zur Verfügung. Übrigens – bei besserer Überlegung – etwas Wäsche und meinen Schlafrock möchte ich doch gern hier haben. Die Jungfer Männe weiß alles zu finden und mag Kalmüsel damit herunterschicken. Lieber würde es mir wohl sein, sie käme selber; sie könnte dann gleich meine Hosen wieder mit hinaufnehmen. Die vermache ich ihr; ich brauche sie nicht mehr.«

»Was? – ja aber?« rief das Rottmeisterchen mit offenem Munde. »Aber verehrter Herr Rat, wollen Sie denn hier bei mir ohne Beinkleider herumlaufen?«

»Nein. Ich gehe sofort zu Bett im Hinterstübchen. Mein Herumlaufen ist zu Ende – ganz zu Ende – vollkommen zu Ende in der Welt. Was werde ich also noch viel bei Ihnen hier herumlaufen? Machen Sie sich nicht auch noch über mich lustig, Brüggemann! Wozu braucht ein Mensch, der so weit herunter ist wie ich und nur noch einen Funken von Schamgefühl in sich trägt, noch seine Hosen?!« – – –

Der Rottmeister schickte den ersten Boten, dessen er habhaft wurde, den Schloßberg hinauf zum Hause Weyland und bat dringend um Verhaltungsmaßregeln. Um vier Uhr nachmittags waren sie allesamt – der Knäs, der Schwiegersohn und die Tochter – in dem Häuschen am Untertor und fanden richtig den Papa bereits im Bette im Hinterstübchen mit dem Blick auf die Stadtmauer.

Die Tochter hing sich über ihn und küßte ihn stumm und tränenvoll; der Doktor hielt freundlich, gutmütig und zugleich berufsmäßig seine Hand; Paul Petrowitsch Sesamoff sprach mitfühlend:

»Seien Sie doch kein Narr, mein teurer Freund Wounikkel!«

Er aber, hartnäckig, war es, wollte es sein und wollte es bleiben. Er hatte seinen Kopf darauf gesetzt; nur als ihn sein Kind in die Arme schloß und flehentlich bat.

»O Papa, lieber, lieber Papa, wir haben dich ja alle so lieb, so gern! O sei doch nicht so –«, fiel er ein:

»Vollständig fertig!« und schloß:

»Ändere es mal!« – – –

Sie versuchten sämtlich in der Tat das immer von neuem durch heftiges Zureden; er jedoch kehrte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und drehte ihnen den Rücken zu.

»Papa, offen gestanden, ich zweifle noch immer daran, daß Sie es sind, was da im Bett liegt!« rief der rechtmäßige Besitzer des Hauses am Schloßberge. »Geht man so mit seinen Kindern um, von denen man doch weiß, daß sie – ahm – einen – ganz – genau kennen?«

»Und geht man um so mit seinem besten Bruder und Kollegen, mit seinem liebsten Freunde Paul Petrowitsch?« fragte die russische Exzellenz elegisch vorwurfsvoll. »Verkriecht man sich also vor ihm in der Finsternis, wenn man ihn hat am Kragen gehalten, als er ins Rutschen kam im Krater des Vesuvio, und ihn hat so weit herreisen lassen – wie mich?! Ja schämen Sie sich, mein lieber Freund Wounikkel.«

Noch einmal setzte sich Wunnigel rasch und heftig aufrecht auf seinem Lager, schlug mit beiden Händen flach auf die Decke und schrie:

»Alles, was recht ist: ihr seid allesamt recht brave Leute! Ganz liebe, gute Menschen seid ihr, aber die Atmosphäre verbessert ihr mir darum doch nicht. Geht mir aus der Sonne, kann ich in diesem Loche nicht sagen, aber auch was die Luft anbetrifft, so war mein alter griechischer Freund auf der Landenge von Korinth besser daran. Er hatte sie von zwei Seiten her übers Meer weg. Geben Sie mir die Hand, Sesamoff; in den Zynismus und ins Griechische hängen Sie ja auch ein wenig hinein, und ein braver, gutmütiger Bursche sind Sie, das steht fest. Nehmen Sie die Versicherung meiner vollständigsten Hochachtung mit nach Petersburg oder Moskau, lieber Staatsrat; und mich – nehmen Sie als eine amüsante Episode Ihres westeuropäischen Reiselebens. Ihr aber, liebe Kinder, nehmt ihn wieder mit den Berg hinauf und zeigt ihm wenigstens das Haus Weyland bis ins einzelne. Sollte – sich – sonst – noch etwas – Wichtiges – ereignen –, so – wißt ihr ja stets, wo ich zu finden bin. Hier im Bette – adieu!«

Die erste Hälfte des letzten Satzes kam bruchstückweise, gewürgt heraus; die andere Hälfte in einem Stoß mit fliegendem Atem; das »Adieu!« aber grabeshaft dumpf, als ob eben der Tod oder – Oktavia geborene von Schlimmbesser an die Tür poche und mit steinernem Gesicht jedwedes »Nicht zu Hause« sich aus dem Wege weise. –

Er drehte ihnen abermals den Rüden zu, und sie richteten nichts mehr an ihm aus, weder durch zärtliche Bitten, Beschwörungen und Klagen noch durch witzige aufmunternde Redensarten, am allerwenigsten jedoch durch Vernunftgründe.

Sie standen neben dem Bette und sahen sich an und schüttelten ratlos die Köpfe.

Da faßte das Rottmeisterchen, Herr Wenzel Brüggemann, die Hand der jungen Frau und sagte leise:

»Sie allein, Frau Anselma, machen mir bei dieser kuriosen Sache das Herz schwer. Sie tun mir leid dabei. Aber was ist jetzt weiter zu machen? Sie kennen ihn ja so gut als ich, und das einzige Glück ist, daß Sie mich auch kennen. Also gehen Sie nur ruhig mit den beiden Herren wieder nach Hause – er ist gut bei mir aufgehoben; und sowie er die Nase wieder unterm Deckbett vorstreckt, werde ich schon auf ihn einzureden wissen. Ängstigen Sie sich nicht zu sehr; es ist immer nur die Frau Regierungsrätin –«

Unter dem Deckbett hervor kam ein so unheimlicher Laut, daß sie sämtlich bestürzt zurückfuhren.

»Er seufzte nur zur Bestätigung!« sprach Brüggemann. »Bitte also, gehen Sie gefälligst ruhig nach Hause und überlassen Sie ihn mir; er ist recht gut bei mir aufgehoben.«

»Darauf verlassen wir uns freilich, Alter«, rief der Doktor, und dann gingen sie in der Tat, da sie einsahen, daß es nicht das geringste nütze, noch länger zu bleiben.

Sowie sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, zog Wunnigel sofort den Kopf unter der Decke hervor und grunzte:

»Alle Wetter! Wenn den Epimenides ebenfalls die liebe Freundschaft und Verwandtschaft bis an die Pforte seiner Höhle begleitet hätte, so würde er sicherlich vier Wochen über seine vierzig glücklichsten Jahre hinaus geschlafen haben! Nun, alter Freund, jetzt lassen Sie mich ein Stündchen allein; – Ruhe, Ruhe – Ru–he!«

Er tat ebenfalls wie jener Liebling der Götter auf der Insel Kreta einen langen Schlaf. Als er erwachte, war es Abend, und so hielt er's fürs beste – »da er es endlich mal wieder konnte!« –, sogleich von neuem ein- und weiterzuschlafen.

Auch der alte Brüggemann zog sich seinerseits in sein Kämmerlein zurück, aber den hielt der wunderliche Hausgenosse wach. Da er jedoch an das nächtliche Wachen gewöhnt war, so machte er sich wenig daraus und lag und hörte seinen Uhren zu, die auch diesmal, jede in ihrer Art und nach ihrem Mechanismus, die Stunden angaben.

»Meinen dicken Hauptphilister da, mit seinem dummen Ha, ha, den stelle ich morgen ab!« murmelte der alte Pfiffikus und Mechanikus, und für den guten Vorsatz wahrscheinlich fiel er zur Belohnung gegen Morgen auch noch in einen festen, erquicklichen Schlummer.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.