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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Sechzehntes Kapitel

»Es gibt eben Wege, auf denen nur Leute unseres Schlages etwas zu suchen haben und gewöhnlich auch manches finden, Rottmeister Brüggemann. Ertappen uns die Philister darauf, so sind wir natürlich Narren oder Lumpe, im günstigsten Falle aber harmlose, einfach zu belächelnde Kindsköpfe. Sie kennen dieses Philisterlächeln so gut als ich, Rottmeister, und machen sich hoffentlich auch so wenig als ich daraus. Sie sind der Rottmeister außer Dienst Brüggemann, und ich bin der Regierungsrat außer Dienst Wunnigel, und alte Kinder sind wir beide, ich will das herzlich gern zugeben, da das Wort im Grunde alle wirkliche Genußfähigkeit an und auf diesem vertrackten, viehischen Erdball bedingt.«

Also sprach der Regierungsrat Wunnigel zu dem Rottmeister Brüggemann, nachdem er sich zu ihm geschlichen und die Bekanntschaft oder besser Freundschaft mit ihm erneuert hatte.

»He, he, was Sie mir da sagen, das ist wohl beinahe eine zu große Ehre für mich, Herr Regierungsrat«, erwiderte das alte Herrchen am Untertor, das aber dessenungeachtet seinen Freund Wunnigel mit großer Spannung in seinem Häuschen erwartet hatte. Frau Anselma hatte ihren Kummer und ihre Beängstigungen in dieser Hinsicht nicht vergeblich den Schloßberg hinab zum Untertor getragen.

»Das von den alten Kindern will ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis gelten lassen, mich wenigstens haben sie immer in der Stadt für ein kurios Genie und einen ganz verbohrten Schlaukopf ästimiert. Na, ich begrüße Sie denn recht schön in Deutschland zurück, Herr Rat. Nach Italien hätte ich wohl auch für mein Leben gern gehen mögen; aber es hat sich nie machen lassen wollen. Haben sich wohl sehr angenehm unterhalten in dem Italien, Herr Regierungsrat?«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Brüggemann«, schnarrte Wunnigel in seiner frischesten Riedhornweise, »eine Dummheit habe ich dort begangen – weiter nichts. Wenn ich daran denke, wie ich jetzt hier an diesem Tische bei Ihnen sitze – da oben am Berge Kind und Schwiegersohn – in Königsberg meine – (er verschluckte sonderbarerweise noch einmal das Wort Schulden) –, Rottmeister, ich sage Ihnen, dann fasse ich mich selbst nicht und begreife nicht, da man doch alle vier Schritte in der Welt auf eine Mauer trifft, weshalb ich mir noch nicht das Gehirn an irgendeiner eingerannt habe!«

»Ich bin nichts weiter als ein alter, bankerotter Uhrmacher, der sich nur für seine Jahre recht gut gehalten hat; der Herr Regierungsrat würde es mir vielleicht übelnehmen –«

»Was sollte ich Ihnen übelnehmen, Brüggemann?«

»Nun, wenn ich mich unterstände, Ihnen einen Rat geben zu wollen.«

»Rat? Rat? – Rat! Uh!« stöhnte Wunnigel, den Kopf auf beide Fäuste stützend. »Nicht wahr, Sie meinen – gestehen?! Ach, lehren Sie einen alten Untersuchungsrichter diese Sorte von gutem Rat kennen! Hätte ich denn den Kindern da oben nicht schon längst gestanden, wenn ich mich nicht noch etwas mehr als rettungslos bankbrüchig an Leib und Seele fühlte? Was soll mir denn da das Gestehen, wenn es sich doch nur trotz aller Schmeichelreden vom Richtersitze her im günstigsten Falle um Zuchthaus für den Rest des erbärmlichen Daseins handelt? Herauskriegen werden sie's ja doch im Laufe der Zeit. Brüggemann, was weiß das gewöhnliche Volk davon, was es heißt, wenn unsereinen das Bewußtsein übermannt, daß man sich blamiert, gründlich blamiert habe?!«

»Hm, als ich die Rudera vom mechanischen Wagen (und er war doch nach den richtigsten Principiis konstruieret) in den Ofen steckte –«

»Und als Sie mit ausgerenkter Schulter dasaßen, haben Sie da wirklich jedem beliebigen Hansnarren gestanden, daß Sie ein Narr waren?«

»Ne!« sprach das alte Herrchen vom Untertor. »Ganz im Gegenteil. Da haben Sie recht. Gar nichts habe ich an mich herankommen lassen. Denn, Herr Regierungsrat, gute und gescheite Nachbarn und Freunde hat man immer; aber ob sie von dem, was einem in seiner innersten Natur passiert und sich da herausarbeitet, Bescheid wissen, das fragt sich freilich.«

»Sehen Sie, Rottmeister! Mich aber hätten Sie mit an Ihrem Wunderwagen arbeiten lassen müssen! Nachher hätten wir dann ruhig mit den Köpfen gegeneinander anrennen und sie uns gegenseitig einstoßen können – ganz seelenfrei, ohne die geringste Scham, Schmach und Schande.«

»He, he, mit untertänigstem Respekt, Herr Rat, meiner armen Meinung nach können wir das noch. Also – ganz offen, Herr Regierungsrat: daß ich ein Esel gewesen bin, weiß ich, und gestehe ich hiermit.«

Der Regierungsrat Wunnigel schritt dreimal im Stübchen auf und ab, stellte sich sodann mit untergeschlagenen Armen vor den Rottmeister Wenzel Brüggemann hin und sprach:

»Ich aber ein Maulesel! In Raffs Kindernaturgeschichte finden Sie nichts von dem Vieh, alter Freund, aber schlagen Sie nur gefälligst nach im Buffon oder sonst einem ernsthaften Wissenschaftler, und Sie werden finden, daß ich Sie mit meinem Geständnis um ein bedeutendes übertrumpfe!« –

Als an diesem Abend das Rottmeisterchen in sein Bett gekrochen war, erboste es sich für diesmal nicht im geringsten über die gewöhnliche Schlaflosigkeit des Alters. Im Gegenteil, sie war ihm für diese Nacht ganz recht, denn so vergnügt-munter hatte es seit langer Zeit keine zugebracht. Es zählte kichernd die Stunden, wie sie eines seiner Uhrwerke nach dem andern, begleitet von den dazu gehörigen tausendkünstlerischen Schnurren, verkündete. Da war vor allen anderen der Kerl, gerade dem Bette gegenüber, der bei jedem Schlag den Finger an die Nase legte, und es fand beim Schein des Nachtlichtes ein wirklicher und wahrhaftiger Seelenaustausch zwischen ihm und dem Rottmeister über den Regierungsrat Wunnigel statt. Der Kuckuck rief vom Hausflur seine Meinung über den Regierungsrat herein; aber am aufgeregtesten über ihn war doch des Meisters Brüggemann Meister- und Lieblingskunststück neben dem Ofen in der Stube. Das war nämlich ein wahrhaftes Ungeheuer von Uhrmacherei, das nicht bloß die Stunden zeigte und sie schlug, sondern auch bei jeglichem Schlag vermittelst ganz genial-unheimlicher Blasebälge in seinem Innern ein dumpfes »Ha, ha!« ausstieß, gerade als ob ein dicker Spießbürger eben seine Partie Schafskopf gewonnen habe. Auf der andern Seite des Ofens das alte Weib, das sich auf seinem Gehäuse bei jedem Stundenschlage angsthaft beide Ohren zuhielt, schien sie sich diesmal die ganze Nacht hindurch aus Entsetzen über das vernommene Geständnis Wunnigels zuzudrücken. Das Werk schlug mit einem feinen, zirpenden Ton, fast wie der Verfertiger, der Herr Rottmeister Wenzel Brüggemann, selber; es war gleichfalls ein Lieblingsstück von ihm, aber in dieser Nacht stimmte er doch viel harmonischer mit dem lachenden mechanischen Ungeheuer zur Rechten seines Ofens. – Ha! ha! ha! drei Uhr!

»He, he, he! Man kann es gar nicht erwarten, bis es wieder Morgen wird. He, he, da werden sie sich freilich ein wenig wundern müssen da oben am Schloßberge! Da möchten sie freilich wohl weit eher den Einfall des Himmels vermuten als – dieses! – Und o, die Jungfer Männe! Und o, der Kalmüsel! Man muß sich nur jeden einzeln überlegen, wie er es aufnehmen wird. Ein Glück ist es bei allem doch, daß ich den Herrn Heinrich ganz genau kenne und also ruhig hier liegen und meinen Spaß haben kann. He, he, he, he! Da schlägt's, Gott sei Dank, schon vier. Um zehn Uhr kommt der Doktor gewöhnlich auf seiner Praxis vorbei. O Wenzel – Wenzelchen Brüggemann, und du, du hast Auftrag, ihn anzuhalten und hereinzurufen und zu beichten – für den Herrn – Schwiegerpapa, den Herrn – Regierungsrat Wunnigel!«

Gegen Morgen entschlummerte er gesunderweise doch noch ein wenig, und als er endlich erwachte, war es heller Tag, und die greise Aufwärterin hatte seinen kleinen Haushalt bereits in Ordnung gebracht. Um neun Uhr schon saß er dann programmäßig am Fenster und wartete auf den ersten Doktorweg des Sohnes seines seligen Gönners aus dem alten Hause am Schloßberge.

»Seit er die junge Frau hat, wird er wirklich ein bißchen zu unpünktlich. Ich werde ihm auch das bei Gelegenheit sagen müssen, aber – heute nicht – heute nicht. Heute morgen haben wir freilich etwas Wichtigeres zu bereden, ich und er, und nachher die kleine Frau und der Herr Regierungsrat und Kalmüsel und die Jungfer Männe – der alte Brüggemann und das ganze alte Haus am Schloßberge. Es ist ganz verrucht; aber – ernsthaft bleibe da mal einer, selbst wenn er auf die Hundert losmarschiert! Da brauche ich doch gar nicht in den wissenschaftlichen Naturgeschichten nachzuschlagen, um hier zu wissen, wie ich dran bin, nicht nur als Mensch, sondern aber auch als ausgelernter Uhrmacher und Mechanikus.«

Es wurde elf Uhr, ehe der Doktor heute vorbeikam und angerufen werden konnte.

»Nur auf einen allerkürzesten Augenblick, Herr Heinrich«, grinste Methusalem. »Ich will Ihre kostbare Zeit ihnen diesmal auch honorieren und für alle frühere Herzensgüte und Gratisbehandlung mitbezahlen.«

»Das traue ich Ihnen wohl zu, Papa«, sprach der Doktor lächelnd und trat ein in das Häuschen am Untertor – stürzte nach zehn Minuten ungefähr – wieder heraus, und zwar mit einem Gesichte, als ob – über Nacht das Universum abgelaufen sei und er – der Doktor Weyland – jetzt rasch den Uhrschlüssel holen solle.

Das letzte Gleichnis stammte selbstverständlich von dem Rottmeister Wenzel Brüggemann her. – Der Doktor Weyland aber hatte es in seinen Sprüngen den Schloßberg hinauf in der Tat noch nie in seinem Leben so eilig gehabt, weder um etwas zu holen, noch um etwas zu bringen.

Atemlos stürzte er, geradeaus stierend, hin, und seine Patienten hatten gut warten.

»Herrje, was ist denn passiert?« fragten alle, die ihm auszuweichen hatten und in einigen Fällen nur durch einen raschen Seitensprung sich vor dem Übergeranntwerden retten konnten. Es war aber wahrlich auch wirklich etwas passiert, bei dem es sich lohnte, es so schnell als möglich zu Hause zu erzählen, zumal wenn dieses Haus das Haus Weyland war und die junge Frau darin eine geborene Wunnigel – die einzige Tochter des Regierungsrates außer Dienst Wunnigel! – – –

In das Stübchen seines Weibes zu stürzen, die Tür zu verriegeln, das erschrockene Kind über seinem Nähtischchen beim Kopfe zu nehmen, es abzuküssen und mit dem aufgelösten Rätsel über es loszuplatzen, war eins für den Doktor.

»Ich habe es! Brüggemann hat es! Es ist heraus! Gut, aber eigentümlich! Brüggemann hat es herausgekriegt, das heißt, der Papa hat es ihm gestanden! Gestern hat der Papa es dem Rottmeister gestanden!« – »Nun, nun? Um Gottes willen?!«

»Es ist wundervoll und – doch – so – einfach! Er – – hat sich – noch einmal – verheiratet in Italien!«

.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .

»Das ist denn freilich etwas zu stark!« sprach Frau Anselma Weyland, nach der durch die vorstehenden Punkte angedeuteten Pause bleich von ihrem Sesselchen aufstehend. –

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