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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Vierzehntes Kapitel

Und nun laßt mir endlich Wunnigel, den Herrn Regierungsrat a. D. Wunnigel aus Königsberg, ein wenig mehr in den Vordergrund!

Alle haben sie immer das Wort, nur die wirklich Liebenswürdigen nicht. Die ziert immer ihre Blödigkeit und Schämigkeit, aber leider – wie es ihr zukommt – stets ganz im geheimen.

Immer mit Bescheidenheit, unter Geldmangel, mit dem feinsten Sinn und Gefühl für alles Höchste, Schönste und Beste! Es ist zum Verrücktwerden! – Grob und gewissenlos sollte man werden! sagt – Wunnigel.

»Wissen Sie«, sagte er, »ich habe gottlob eine sehr lebhafte Phantasie, und meine einzige Hülfe ist, jeden Tag zirka fünfundzwanzig von diesen Grinsenden, behaglichen Philisterbestien überzulegen und ihnen fünfundzwanzig hintenauf zu zählen. Ohne dieses würde es mir vollständig unmöglich sein, so gelassen, wie ich es kann, mit der Menschheit zu verkehren! Als ich noch im Amte war, erboste mich mein Regierungspräsident dergestalt, daß mir nur eine einzige Hülfe gegen einen persönlichen Angriff mit gewaffneter Faust meinerseits auf ihn überblieb. Und was war dies? Wieder meine Einbildungskraft. Dem Kerl blühte unbedingt die Wassersucht, und diese Vorstellung transfusionierte mir Lammsblut, ich sage Ihnen, reines Lammsblut, diesem dummfrechen, naseweisen, hochnäsigen Schlingel gegenüber in die Adern. Lächelnd warnte ich beim nächsten Renkontre den hypochondrischen Feistling vor allen überflüssigen Gemütsbewegungen und unnötigen Erweiterungen des Zellgewebes und machte ihn überhaupt auf sein übles Aussehen aufmerksam, worauf er vom Sitzungssaal aus nach Hause ging und nach dem Doktor schickte, ich hingegen zu einem Glase Madeira und einer halben Kaviarsemmel im Schloßhofe ins Blutgericht abbog, milde wie Milch gestimmt gegen den Herrn Chef.«

O ja, wenn einem höheren Staatsbeamten die Phantasie über die Verdrießlichkeiten und Drangsale des Lebens weghalf, so war's der Regierungsrat Wunnigel, vordem zu Königsberg am Pregel und jetzt in Neapel am Tyrrhenischen Meere. Die Götter der Leichtlebigkeit wußten es; es gab selten einen Menschen mit solcher Genußfähigkeit für jeden der gegenwärtigen Momente und so radikalem Abweisungstalente für jegliche Dunkelheit und Wolkenansammlung des nächsten – von allen Zukunftssorgen, insofern sie sich auf Tage, Wochen, Jahre bezogen, ganz zu schweigen. Und er war ein guter Jurist – Fachmänner nannten ihn einen ausgezeichneten. Er hatte zwei Abhandlungen über das Erbrecht und ein Buch über das Konkursverfahren geschrieben, die in Universitätsvorlesungen zitiert wurden, nannte dieses alles Allotria und wurde ob einer großen verabsäumten Staatskarriere als ganz verrückter Schrullenkopf beklagt.

Wunnigel beklagt! Er, der sich noch nie in seinem Dasein gelangweilt hatte! Er, der den Säckel des Fortunat nicht in der Tasche, sondern unter dem Hirnschädel trug. Das alte Kind Wunnigel, das in seinem beneidenswerten Kinderegoismus so glücklich war mit seinem unendlichen Spielzeug!

Wunnigel zu beklagen? Er, der noch nicht ein einziges Mal imstande gewesen war, sich auf das zu besinnen, was er sich eine Viertelstunde vorher fest vorgenommen hatte! Er, der in dem seligen Bewußtsein, eine Braut sicher zu haben, von dem guten Mädchen endlich daran erinnert werden mußte, daß man sich auch wohl heiraten könne! Er, der zur Trauung von einem eiligen, atemlosen, keuchenden Boten, der bereits die halbe Stadt nach ihm abgelaufen hatte, aus dem »Blutgericht« abgeholt werden mußte! Er, der sein neugeborenes Töchterlein dem Domprediger hinhielt mit den Worten: »Da, alter Freund, taufen Sie mir den Bengel!« und, auf den Irrtum aufmerksam gemacht, erwiderte: »Ja so, richtig. Na, wissen Sie, ich hatte mich eben auf einen Jungen gespitzt, Mann, und habe mich einmal in die Vorstellung eingelebt. Na, dem sei nun, wie ihm wolle, vollenden Sie die Zeremonie, Alter; nachher bei der Bowle reden wir noch über die Täuschung.«

Nun, das Töchterchen hatte ihn dann allgemach weiter kennengelernt und kannte ihn jetzt freilich besser als alle anderen. War sie es nicht, die auf dem Riedhorn den jungen Doktor Weyland vor ihm warnte: »O, Herr Doktor, glauben Sie nur nicht alles, was er sich selber glaubt!« – Und das kam wahrlich aus keinem pietätlosen Herzen, sondern nur aus einem sehr gedrückten und fortwährend in Aufregung und Unruhe erhaltenen.

Wenn jemand hoch und groß von dem Regierungsrat Wunnigel dachte, so war's seine Tochter Anselma. Er weiß alles! Er weiß in allen Dingen Bescheid, der arme Papa. Er hat mich überall mit hingenommen, ich habe viele, viele Menschen auf unseren Reisen und daheim in Königsberg kennenlernen müssen, aber nicht einen einzigen Menschen, der mit allen Dingen, die es auf Erden gibt, umzugehen weiß wie er. Und weil dieses so ist, deshalb hat er nirgends Ruhe und kann niemals stillsitzen und eine gelassene Freude an irgend etwas haben gleich anderen Menschen; und dann sind sie alle, alle so leicht ärgerlich über ihn, weil sie nicht wissen, wie gut, wie gutmütig er eigentlich im Grunde ist. Er sagt es ihnen freilich nicht, wie es in seinem Innern aussieht; im Gegenteil, ihm macht es Spaß, wenn sie sich recht über ihn ärgern, wenn sie nichts von ihm wissen wollen und ihm so weit als möglich aus dem Wege gehen. Das schlimmste aber ist, daß er sich nie geniert – nicht aus bösem Herzen, sondern weil er eben meint, daß alle Leute geradeso sind wie er. Und dann ist er so sehr leichtgläubig, und das ist das allerschlimmste. Von Tag zu Tag wird mir das Herz schwerer, daß ich hier bei dir so in Frieden, Glück und in der Stille sitze, Heinrich, und er da draußen in der weiten Welt jetzt ganz allein herumreist und keinen, keinen mehr hat, der auf ihn achtgibt.«

»Niemand kann zween Herren dienen, Kind«, meinte der junge Ehemann schmunzelnd. »Du weißt, wie sehr auch ich jemand nötig habe, der auf mich achtgibt. Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und auf seinen Mann passen, das steht in der Bibel.«

»Ja, du lachst, Herz; aber diese Sorgen lachst du mir nicht weg. O, wie ich mich vor seinem nächsten Briefe fürchte.«

»Vor seinem nächsten Briefe? Ei, er schreibt ja, daß er binnen kurzem in Person bei uns eintreffen wird. Wird er denn vorher noch einmal schreiben? Sicherlich nicht, wie ich ihn kenne.«

»Aber du kennst ihn ja auch gar nicht, Heinrich. Wo ich mich da hinwende, treffe ich auf etwas Schmerzliches! Und ich habe euch ja beide, beide so lieb, so sehr lieb! Kommen wird er freilich, aber sicherlich nicht es vorher uns schreiben. Und daß er bald kommt, das glaube ich nach diesem Briefe hier ganz und gar nicht. O, wir brauchen wahrhaftig das hübsche Stübchen, in welches die Blutbuche guckt, nicht Hals über Kopf für ihn einzurichten. Und – daß er gerade da hineinziehen will, wenn er vielleicht im Herbste oder nächsten Jahre uns besucht, das – glaube ich auch nicht. Er hat das nur gesagt, weil er seinen Brief an einem schwülen Tage geschrieben hat. Er braucht viel mehr Raum, Licht und Luft. O Heinrich, Heinrich, wirst du es nie bereuen, daß du mich in dein Herz, deine Arme und deine Behaglichkeit aufgenommen hast?«

Daß die junge Frau von den Armen ihres Mannes sprach, ging gar nicht anders. Eben hatte er sie nur in einem gehalten; jetzt aber nahm er sie auf der Stelle in beide, und von einem Freilassen daraus war fürs erste keine Rede. Was den Papa Wunnigel anbelangte, so zeigte es sich später, daß die junge Frau halb recht und halb unrecht in ihren Voraussagungen gehabt hatte: er kam freilich erst im Herbst; allein er schrieb doch noch einmal vorher, und zwar von Florenz aus. Es ist unter allen Umständen übrigens immer schon viel, wenn man sich nur halb geirrt hat; – ein Weib ist jedenfalls unter solchen Umständen vollkommen berechtigt zu fragen:

»Siehst du wohl? Ist es nicht ganz so eingetroffen, wie ich gesagt habe?!«

Es kann uns nur leid tun und mit herzlichstem Mitleid erfüllen, wenn die junge Frau im Hinhorchen auf den Schritt und das Anklopfen des Geschickes weder Zeit noch Stimmung findet, von ihrem Rechte Gebrauch zu machen.

Von Florenz aus schrieb der Regierungsrat zum zweitenmal; doch diesmal war der Brief nicht an die Tochter, sondern an den Schwiegersohn adressiert, und Furchtbarliches meldete er. Auf dem Wege von Cortona nach Arezzo, einem »freilich ziemlich unbetretenen Wege«, hatte der entsetzliche, in aller Welt berüchtigte Borco di Pacco mit seiner Bande den »zu derartigem Pech wie prädestinierten« Papa Wunnigel gepackt, und nur drei in die Unterhosen genähte Napoleons waren den Klauen des Räubers entgangen. Mittelst dieser drei Napoleons hatte der Papa kümmerlich Fiorenza, die Blumenstadt, erreicht, und von hier aus gab er nunmehr seinen »Kindern daheim« keineswegs durch die Blume zu verstehen, daß er diesmal notgedrungen einen Wechsel auf das gute alte Haus am Schloßberge, das solide Haus Weyland, kurz auf seinen innigstgeliebten Herrn Schwiegersohn habe ziehen müssen.

Anselma rang die Hände, Heinrich sah mit etwas verblüfftem Gesicht auf den Brief. Aber er hielt denselbigen in den Händen, und eine abermalige Lektüre änderte nicht das geringste an dem Inhalt. Als er dann in das vollständig verzweiflungsvolle Gesichtchen seines Weibes blickte, wurde es ihm aber sofort klar und selbstverständlich, daß er doch nicht verlangen konnte, beruhigt und getröstet zu werden, sondern daß es immer noch vielmehr seine Pflicht und Aufgabe sei, Trost und Beruhigung zu geben.

Das besorgte er denn auch den guten, treuen, tränenvollen Augen gegenüber so gut und zärtlich als möglich. Und er hatte Grund, freundlich und gut zu sein; denn selbst auf das Wort:

»Ach, Kind, wenn wir nur jemand hätten, den wir hinschicken könnten, um ihn nach Hause zu holen!« weinte das Kind bitterlich und schluchzte:

»O, wenn ich bei ihm geblieben und nicht zu dir gekommen wäre, dann wäre dieses wenigstens doch nicht vorgefallen, und diesen Brief hätten wir heute nicht gekriegt! O, Heinrich, lieber Heinrich, wohin soll ich mich denn mit meinem Gewissen wenden? Bin ich deine gute Frau, so bin ich eine böse Tochter, und bin ich eine gute Tochter, so bin ich eine schlechte Frau! O, ich wollte, ich wäre katholisch und könnte hinknien und hätte einen Menschen, von dem ich mir von oben Trost holen könnte!«

»Ein ganz unkluges Persönchen bist du und die ganz richtige Tochter deines Vaters. O, komm du mir nur mit deinem Beichtstuhl! Jawohl, so ein alter Kapuziner wäre dir schon recht. Aber weißt du, jetzt lassen wir den Daus einspannen und fahren nach dem neuen Bade hinaus und hören der Jägermusik zu. Ich habe einen Patienten in Dricklingen, den besuche ich, während du beim Kaffee im Schatten sitzest. Der Henker weiß es übrigens, wie meine Praxis unter den besseren Familien der Stadt abgenommen hat, seit ich ein verheirateter Mann bin und nicht mehr der junge, ledige Doktor vom Schloßberge! Gewöhnlich soll doch das Gegenteil stattfinden. Da sieht man mal wieder deutlich, daß man bei jeder apodiktischen Aufstellung von Hypothesen nie genug Rücksicht auf die unumgänglich nötigen Prämissen nehmen kann.«

An einem angenehmen Nachmittage zu Anfang Septembers kehrte der Papa in die Arme seiner Lieben zurück. Da er sich telegraphisch angemeldet hatte, so wurde er am Bahnhof erwartet und von dort abgeholt; und das letztere war in der Tat nötig.

Anselma erschrak bei seinem Anblick, Heinrich verwunderte sich. Sie fanden ihn in der Tat recht verändert – um ein bedeutendes älter geworden in der kurzen Zeit!

Als der Bahnzug anächzte, war es der Papa, der den Kindern nicht die Hände entgegenbreitete, wohl aber ihnen einen Handkuß zuwarf und sie dadurch auf sich aufmerksam machte. Sie hätten ihn fast nicht wiedererkannt.

Es war immer noch ein recht warmer Tag des Jahres, und sie schoben vieles von seinem melancholisch-matten Aussehen auf die Atmosphäre, die Reisebeschwerden dazu rechnend. Vieles, aber nicht alles! Und auch er, der Papa Wunnigel, schob nur auf dem Wege den Schloßberg hinauf das meiste drauf.

Sie führten ihn zwischen sich, und er stützte sich schwer auf sie. Kalmüsel, der ihn gleichfalls mit erwartet hatte und nunmehr mit seinem Gepäck nachkommen sollte, sah ihm nach und blies viel Wind aus den Backen hinter ihm her und murmelte:

»I, so soll mich doch dieser und jener – na, das muß ich sagen! Na ja, wenn er mit dem Gesichte auch von der nächsten Vergnügungstour wieder bei uns einrückt, so will ich sie ihm gönnen – und zwar von Herzen! Uh, puh! Uuuuh!«

Daß er alle diese Äußerungen mit einem heftigen Abwehren mit beiden Händen in der Nähe beider Ohren begleitete, nahm ihnen nichts von ihrer Bedeutsamkeit und ebensowenig der letzte Ausruf, den er noch hinzufügte, nämlich:

»Uh, die Jungfer – die Jungfer Männe!«

Sie setzten ihn im kühlsten Gemache und im bequemsten Sessel des alten Hauses nieder. Er schloß einige Augenblicke lang die Augen, dann öffnete er sie wieder, sah sich um und seufzte:

»Ah! – Gottlob!«

Sie boten ihm eine Erfrischung an, und er nahm sie. Dann sprach er langsam und tonlos:

»Sohn Heinrich, wenn ich nicht irre, nannten wir uns, als ich neulich, das heißt im letzten Winter, von euch guten Kindern Abschied nahm, noch etwas förmlich Sie. Lassen wir das jetzt. Stellen wir uns auf den Du-Komment! Ich habe Nachsicht und viel Liebe nötig: weißt du was, Heinrich! Nenne du deinen alten Schwiegerpapa dreist du; Anselmchen wird es auch freuen, wenn ich dich du nenne.«

»Mit dem größten Vergnügen, lieber Papa!« sprach Herr Heinrich Weyland. »Ganz wie Sie – ganz wie du wünschest, Papa.«

»Sieh, das ist recht!« ächzte der Papa. »Man fühlt sich gleich viel heimischer, viel inniger und fester auf dem richtigen, behaglichen Fuße gegeneinander. Lieber Junge, weißt du, unnötige Verzögerung ist Menschenschicksal; ich für mein Teil würde mich bei unserem ersten Zusammentreffen sofort mit dir auf diesen Fuß gestellt haben. Du bist mein lieber, lieber Junge, Heinrich!«

Anselma, in diesem Moment in der Begleitung der Jungfer Männe mit einer neuen Platte voll von ihr nachher noch eingefallenen Erquickungsmitteln eintretend, vernahm diese letzten Worte und wurde auch sogleich mit den vorhergegangenen bekannt gemacht. Sie freute sich natürlich sehr, blickte aber doch ein wenig betreten und sah sowohl den Gatten wie den Papa einige Male eigentümlich ängstlich an, jedoch immer nur, wenn sie sich nicht von ihnen angesehen wußte.

»Ach, er ist es ja, der mich in sein Haus geholt hat«, klang es in ihrer Seele. »Und daß ich ihn gleich von Anfang an so gern und – nachher – so lieb hatte, dafür kann ich doch auch nichts. Und ich war so glücklich! – O, was soll aus mir werden, wenn sie nicht immer die besten Freunde sind?!«

Nachdem der Papa Wunnigel die Erfrischungen eingenommen und sich auch sonst ein wenig wieder erholt hatte, schlug man ihm vor, ihn in seine eigenen Gemächer zu führen, damit er daselbst nach seiner Bequemlichkeit und unter Kalmüsels Beistand sich einrichte.

»Gut!« sprach er und ließ sich schleppen; als man ihn jedoch zärtlich den Räumen zuführte, die er sich bei seinem ersten gastfreundlichen Aufenthalte im Hause Weyland ausgesucht hatte, tat er sowohl am Arme des Schwiegersohnes wie der Tochter einen Zug nach rückwärts und rief:

»Nein, nein! Mein Gott, habe ich es euch denn nicht geschrieben? Habe ich nicht um das kleine dunkle Stübchen nach hinten hinaus gefleht? Schatten, Dunkelheit – Stille, ungestörte Einsamkeit will ich und das Gabinetto nach dem Garten zu! Das andere ist mir alles zu hell, zu sehr nach den Leuten zu! Verrückt würde ich drin.«

»Aber bester Papa?«

»Ich sage wahnsinnig, verrückt, toll! Nun, soll ich meinen Wunsch erfüllt haben oder nicht?«

Sie taten ihm auch hierin seinen Willen; und er saß auf dem kleinen, schwarzen Ledersofa in dem kleinen, dem schattigen Garten zu gelegenen, ganz vor den Leuten versteckten Gemach und seufzte von neuem: »Gottlob!«

Nach einer Pause fügte er leise hinzu:

»Ach, das ist der erste behagliche Augenblick seit undenklicher Zeit!« Und sie – sie, Sohn und Tochter, standen vor ihm mit ratlos zusammengelegten Händen und betrachteten ihn und wußten so wenig, was sie ihn, als was sie sich selber und was sie einander fragen sollten. –

Nach einer geraumen Pause sprach er matt selber wieder weiter und bemerkte ebenso tonlos wie vorher:

»Daß ich ein wenig Sumpffieber mit heimbringe, wird euch allgemach wohl deutlich geworden sein, aber daß ihr meine Räubergeschichte glauben würdet, traute ich euch, offen gestanden, nicht zu und hoffte, daß ihr das für einen Scherz nehmen würdet – freilich einen Scherz ziemlicher Verlegenheit. Doch ich denke mich in alle eure Seelenvorgänge hinein und bin euch um so dankbarer! Dir vorzüglich, Heinrich! Ich brauchte sehr nötig – Geld; und ihr müßt eben Geduld mit dem alten armen Papa haben und gute Kinder sein! Einige Mühe werde ich euch wohl noch machen müssen – hoffentlich – nicht allzu lange mehr. In der Hinsicht mag es euch zur Beruhigung dienen, daß ich euch einen recht kranken Mann aus dem Orangen- und Myrtenlande heimbringe – und daß ich gottlob ganz genau weiß, was für ein ausgezeichneter Doctor medicinae und sonstiger Arzt mein liebenswürdiger Schwiegersohn Heinrich Weyland ist.«

»Nun, ich meine, Papa Wunnigel, eine oder zwei ruhige Nächte werden wohl alles wieder ins rechte Gleichgewicht bringen. Diesmal pflegen wir Sie – dich schon wieder heraus.«

»Ruhige Nächte? – Uh! – Herauspflegen? Du barmherziger Himmel! Wenn du noch vom ›Weiterfüttern‹ gesprochen hättest! – Aber wie dem auch sei, da hast du nochmals meine Hand, du bist in der Tat ein braver, lieber Kerl; und Anselma ist glücklich mit dir, muß glücklich mit dir sein, und das ist die Hauptsache. Auf mich kommt's wahrhaftig nicht mehr an. Ihr seid jung und leckt noch am Rande, ich aber scharre mit dem Löffel auf dem Grunde des Topfes, und es klingt, weiß der Teufel, allgemach höchst blechern und sehr nach Erdenware.« –

Als Mann und Frau am Abend dieses ereignisreichen Tages, nachdem sie den Papa noch bei hellem Tageslichte zu Bett gebracht hatten, sich zum erstenmal wieder allein zusammenfanden und in der Bücherei in der dem Schloßweg zu gelegenen Fensternische zusammenhockten, sagte Anselma, wahrscheinlich, um den innigen Seelenaustausch einzuleiten:

»Sag mal, Heinz, ich habe dich immer schon fragen wollen, was steht denn da für Latein in der Scheibe? Den deutschen Spruch drüben kann ich selbst lesen, und er gefällt mir ganz gut.«

»Hier?« lächelte der Gatte. »Dic mihi, si fias tu leo, qualis eris? –!«

»Nein, so mein ich nicht. Was es auf deutsch heißt, möchte ich gern wissen.«

»Hm«, sprach der Doktor, eine Rauchwolke aus seinem Pfeifenrohr ziehend und sie nach dem alten Spruche hinblasend. »Hm – auf deutsch? Nun, das Ding rät jedermann an, sich erst vollständig in die Haut des anderen hineinversetzen zu lassen, ehe er es sich herausnehme, über dessen Natur, Stimmungen, Gefühle, Werke, Taten und Handlungen abzuurteilen.«

»O, Heinrich, das ist wahr, das ist wahr! Der, welcher das geschrieben hat, hat recht; und ich wollte, du und ich, Herz, wir steckten nur einen einzigen Tag lang in der Haut des Papas!«

»Zusammen oder einer nach dem andern?«

»Ach, nun spottest du wieder! O bitte, bitte, laß das nur diesen einzigen Abend! Mir liegt es zentnerschwer in den Gliedern und auf der Seele, und ich bin wahrhaftig immer noch dem Weinen näher als dem Lachen.«

Der Doktor tröstete wieder und zeigte sich wiederum als ein guter Arzt, jedoch ohne ein Rezept zu schreiben und es nach der Apotheke zu schicken.

Übrigens war es ein Glück, daß der Papa Wunnigel einen Glockenzug neben seinem Bette hatte. Er riß zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht heftig daran und brachte so ziemlich das ganze Haus Weyland entsetzt an seine Kammertür. Und es war eine rechte Beruhigung für alle, als er ihnen auf ihre hastigen, besorgten Fragen hinter der Tür her die Antwort gab, daß er nur – von einem nichtsnutzigen, ganz albernen Traume beängstigt worden sei.

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