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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Dreizehntes Kapitel

Wir tun jetzt den ersten Sprung in dieser Geschichte und bitten unsere Leser und Leserinnen mitzuspringen, und zwar aus dem Dezember in den April, aus dem Christmond in den Wandelmond. Die ominöse Zahl dreizehn steht nicht ohne Grund gerade über diesem Kapitel; glücklicherweise aber fallen gewöhnlich auch die Ostern in den April, und was noch besser ist, es gibt ein italienisches Sprichwort, das steif und fest behauptet, gerade der April mache die Blumen, von denen der Mai die Ehre habe:

»Aprile fa le fiore, e Maggio ha l'onore.«

Von der Klimatologie absehend, halten wir uns natürlich nur an den Sinn dieses klugen Wortes. Dem Regierungsrat Wunnigel in Italien schreiben wir wegen des Dictums auch nicht; er aber wird im Verlaufe dieses Kapitels mal schreiben. –

Ach, wer doch im Leben auch so vorgehen und mit einem Sprung aus Winter Frühling machen könnte! Was aber bleibt in diesem besonderen Fall dem Leser anderes übrig, als sich an dieses Blatt zu halten, auf welchem die Tage immer mehr zunehmen und die Nächte immer kürzer werden?!

Und die Regenschauer und die Sonnenblicke streifen da über die Stadt und die Ebene. Immer mehr ins Grüne geht die Aussicht von den Fenstern des Hauses am Schloßberge aus. Im Garten wird es schon längst auch bunt. Die Schneeglöckchen haben sogar schon lange ihre Zeit gehabt. Nun kommt die Kirschenblüte, die Apfelblüte; es bleibt uns wahrlich nichts anderes über, als ein Anlehen zu machen bei jenem mit der holden Gabe des Reims begnadeten Bruder in Apoll, der unserer Meinung nach alle Lenzregesten für alle Zeiten aufs bündigste und deshalb auch mustergültigste zusammentrug. In Hildesheim, wenn wir nicht sehr irren, lebte er und sang:

»Hokuspokus,
Erst kommt Krokus,
Dann die andern Blumen
Alle!«

und sagt alles damit. –

»Es ist zu entzückend!« sagt auch die junge Frau an jenem Fenster, in das der Spruch Benedikt Spinozas eingegraben ist. Aber das Fenster steht jetzt weit offen. Im Sonnenglanze liegt das große Buch aufgeschlagen, das bei vielem andern nicht bloß das eine Wort, sondern auch das ganze Leben des hohen Meisters aus dem Haag enthalten hat und enthält, und mit dem Frankfurter Poeten den Hildesheimer. In das All hinein flimmern und blitzen die vergoldeten Knöpfe und Kreuze auf den alten Kirchtürmen wie die goldene Palme, welche vor zweitausend Jahren die Nike vom Tempel zu Olympia dem blauen hellenischen Zeus entgegenhielt, wie die Lanzenspitze der Pallas auf der Akropolis von Athen, die man bei hellem Frühlingswetter, einem Wetter »so wie heute«, schon von Sunium aus sah.

Die Schmetterlinge dieses Jahres flattern, die Spatzen zwitschern; es ist für alles ewiger Raum und ewige Zeit, und also auch für den jungen Ehemann Heinrich Weyland, der mit seinem Weibe in den neuen Frühling aus dem offenen Fenster sieht und flüstert:

»Aber der Winter war doch auch nicht ohne seine Reize, Anselma?! Diese Luft – dies alles da ist freilich herrlich, und daß die Laube im Garten bereits grün wird, freut mich ungemein; aber auf den Winter, ich meine selbstverständlich diesen letzten Winter, lasse ich nichts kommen und sitzen.«

Die junge Frau rückt dichter an den Ellenbogen ihres Gatten. Natürlich liegen in dem Schloß die meisten Beamten gleichfalls in den offenen Fenstern ihrer Schreibstuben und sehen in den Frühling hinaus; allein das geht uns nicht das mindeste an. Dagegen aber sind wir sehr bei dem Klange der Glocke beteiligt, die sich eben in einem der schönen gotischen Türme unter dem Hause Weyland und dem Schlosse aus irgendeinem Grunde in Bewegung setzt. Einer vorbeiflatternden weißen Taube entfällt eine weiße Feder. Dieses ist für uns von höchstem Interesse. Die Herren Beamten da oben haben auch ihre Federn hinterm Ohr stecken; lassen wir die Herren selber lachen, als einem von ihnen die seinige entfällt und in die Tiefe purzelt.

Das Auge Anselmas blickt feucht und nachdenklich jener weißen, in der Luft tanzenden Flocke nach, bis sie ihm entschwindet, und in den Glockenklang hinein antwortet das junge Weib auf die Bemerkung und Ansicht des Gatten:

»O ja; ich auch nicht! Das wäre zu schlecht, wenn ich was auf den Winter kommen lassen wollte, aber siehst du, du mußt bedenken, auf welch seltsame Weise du mich in dein Haus geholt und bekommen hast. Es ist keine Kleinigkeit, sich so an etwas ganz anderes zu gewöhnen. Der Papa hatte mir ja eine ganz andere Bildung gegeben –«

»O, du bist freilich meine vielerfahrene Alte, meine weitgewanderte – –«

»Lache nur, Heinrich! Auf den Landstraßen bin ich wahrhaftig genug herumgezerrt, und selbst an das Bessere muß man sich gewöhnen, selbst an das Behagen, nicht mehr in einem Wirtshause, sondern in seinen eigenen sicheren vier Pfählen aufzuwachen!«

Lachend fügte sie hinzu:

»Selbst an die Jungfer Männe mußte man sich gewöhnen.«

Worauf der Gatte glückselig lächelnd rief:

»O, das hast du aus dem Grunde verstanden! Zieh nur die Glocke, laß den Kalmüsel heraufkommen und bitte ihn, da aus dem Fenster zu springen. Er tut's. Was die Jungfer Männe anbetrifft, hast du mich nicht auch der durch Liebenswürdigkeit abgenommen und dich dafür selber von ihr auf den Arm heben lassen? Gibt sie es nicht mit angenehmster, rührendster Milde zu, daß du mir ein um den anderen Tag eine von dir eigenhändig versalzene Suppe nebst dem verbrannten Zubehör vorsetzest? Sieht sie nicht etwa nicht nur ruhig, sondern sogar auch ganz einverstanden deinen kulinarischen Studien und diätetischen Versündigungen an deinem Manne zu? He?«

»O Gott, Heinrich!«

»Mit dem größesten Gleichmut, mit dem Nicken gemütlichster Zustimmung läßt sie mich von dir vergiften. Mich! Fasse es ganz, was dieses persönliche Fürwort in diesem Falle bedeutet, und gib mir noch einen Kuß. Du hast mich, du hast sie, du hast ihn – Kalmüsel nämlich –, du hast den Daus und was sonst noch auf zwei oder vier Beinen im Haus ein und aus oder herum läuft, am Wickel. Wir sind darunter durch, und – das – nennt – dies Persönchen hier dann sich allgemach eingewöhnen! Herz, Herz, Herzchen, kannst du nun noch leugnen, daß der Winter wonnig war? Nein?! Nun, so gestehe ich dir zu, daß es himmlisch ist, ihn an einem Frühlingsmorgen wie dieser zu loben!«

»Du bist ein zu närrischer Mann! Was hast du denn eigentlich davon, daß ich dir alle fünf Minuten deinen Winter lobe? Jaja, er war ganz nett; aber hatte ich es dir nicht schon vor fünf Minuten zugestanden? Und ferner sage ich dir: da solch ein Doktor immer auch ein halber Apotheker ist und jeder Apotheker sich nicht bloß aufs Nasenrümpfen und Schlechte-Redensarten-Machen, sondern auch aufs Kochen verstehen muß, so gehst du augenblicklich mit mir in die Küche und bringst dein dickstes chemikalisches Liebigsches Apotheker-, Koch- und Fleischextraktbuch mit. Da wollen wir dann das Kapitel von dem Versalzen und Anbrennenlassen zusammen nachschlagen.«

»Sofort! – Weißt du noch, wie der Papa zum erstenmal mit uns hinunterstieg und wie er über das alte Gewölbe entzückt war? Die Küche des Hauses Weyland hat noch jedem imponiert, und der Papa fing augenblicklich an, nach Spuren und Resten des Mithrasdienstes darin zu suchen.«

»O, der Papa!«

»Ja, und als er dergleichen nicht fand, erklärte er das Ding unbedingt für eine den mageireionischen, optanionischen Mysterien geweihte Krypte frühchristlicher Ära.«

»Über welche gräßlichen Worte ich damals nicht nachdachte und mich auch nicht weiter erkundigte.«

»Aber ich! Es war Griechisch, Schatz. Ich schlug's nach, und zwar allein für mich im Wörterbuch und fand's auch zuletzt: ein zu Küchenzwecken eingerichtetes Erdgelaß nämlich.«

»O, das sieht dem Papa ganz ähnlich! Jetzt aber komm nur; – die Jungfer Männe nämlich hat schon zweimal in die Tür geguckt und hinter deinem Rücken mir gewinkt.«

»Hinter meinem Rücken dir?! – – Es ist zu wundervoll. Ich hätte es nie für möglich gehalten!« – –

Aber April – April, April! Und wenn auch nicht der erste, so doch immer noch der letzte! Und wir stehen immer noch unter der bedenklichen Zahl dreizehn! Was ist es für ein Segen, daß vierzehn auf dreizehn folgt und auf den April der Mai! Am dreißigsten April kam Anselma Weyland geborene Wunnigel sehr eilig und auch ein wenig verstört die Treppe und Pfade des Schloßberges herab, durchtrippelte die Gassen der Stadt bis zum Untertor, trat hastig in das Stübchen des Rottmeisters Herrn Wenzel Brüggemann und trug einen Brief in der Tasche.

»Er ist von dem Papa aus Italien, Papa Brüggemann, und er ist an Heinrich und mich. Heinrich lacht darüber, aber ich nicht, ich wahrhaftig nicht. Nun komm ich zu Ihnen um Rat, zu Ihnen, der Sie hundert Jahre alt geworden sind und die Welt kennen und meinen Papa und meinen Heinrich, und mich selber auch schon ein wenig.«

»Ein wenig! Ei, ei – he, he?! Ei jawohl, ein wenig, ein wenig! Hundert Jahre, he, he? Beinahe! Und sieht noch ganz gut und hört auch noch – ein wenig, wenn er die Hand hinters Ohr hält, der alte Brüggemann. Und guckt hinauf nach dem Schloßberge und reibt sich die Hände, daß da endlich wieder mal so eine kluge, junge kleine Frau in das Haus gekommen ist. Setzen Sie sich, setzen Sie sich, Madamchen – da dicht neben mich auf den Stuhl, Frau Doktorin Weyland. Gib mir deine Hand – Gott segne dich, Kind, du weißt gar nicht, wie ich mich freue, daß ich dich da oben in dem alten Hause habe, daß gerade du und keine andere berufen wurde, das alte Haus da oben zu einem neuen, einem jungen, jungen zu machen! Und nun – lassen Sie hören, Frau Doktor, was uns mein ganz spezieller Freund und Gönner, der Herr Papa, schreibt. Mich hätten Sie vor fünfzig Jahren im Amt sehen sollen bei öffentlichen Nöten und Fährlichkeiten; aber bei Unruhe und Tumult im Hause Weyland ist der Rottmeister Wenzel Brüggemann immer noch im Dienst.«

»Weil Sie und der Papa wirklich und wahrhaftig sich kennen und gern haben und verstehen, komme ich zu Ihnen –«

»Vögel aus einem Nest, he, he!«

»Und nun hören Sie, was er uns zu sagen hat, und wenn Sie wirklich auch mich gern haben, so lachen Sie nicht wie mein Mann da oben in der Bücherstube bei seiner Tabakspfeife und seiner Herzensgüte.«

Es war ein hübscher Anblick, wie der Greis und das Weibchen die Köpfe über dem Briefe des Regierungsrates Wunnigel zusammenlegten. Wir aber müssen uns vorerst an den Brief halten, der alte und der junge Menschenkopf da werden nachher auch wohl wieder zu ihrem Recht gelangen, wenn sie ihre Gedanken über das Schreiben austauschen werden.

»Neapel, 20. April 187*.

Liebe Kinder!

Ihr nennt Südwind, was weiter nach Süden Föhn genannt wird und wir hier als Schirokko kennen. Nehmt vor allem diesen Brief als scritto nel tempo del Scirocco, geschrieben zur Zeit des Schirokko. Aus der Sahara kommt der Unhold und läßt sich dort Smum oder Samum titulieren und verschüttet Kamele samt ihren Reitern und Begleitern. Letzteres würde mir sehr gleichgültig sein, wenn er sich darauf beschränkte und das Mittelländische Meer als Grenze respektierte. Aber man komme dem Wüstensohne einmal mit solchem Barrieretraktat! Er heult einfach vor Hohn und sucht seine zu verschüttenden Kamele nur desto weiter nach Norden hinauf; mich zum Exempel überstäubt er bereits in diesem Moment allhier, und zwar mit dem mare mediterraneo vor den dichtverschlossenen Fenstern. Samiel heißt der Halunke im wüsten Arabien, und Kind, geliebteste Kinder, wußte, was er tat, als er in seinem Freischütz seinen feurigen Satan ebenso benamsete. Gerade zu Ostern pflegt er mit Vorliebe uns hierzulande die Ehre seiner Gegenwart zu schenken, aber da es ihm stets bei uns gefällt, bleibt er gern bis Pfingsten und länger.

Daß es Euch gut und behaglich geht, hat mir ja der Brief von Euch in und zwischen den Zeilen gesagt. Wollte nur, ich könnte das nämliche von mir behaupten; aber hundeelend geht es Eurem alten treuen Papa. Von einem Ausfluge nach Paestum hierher zurückkehrend, finde ich meinen Schreibtisch von hinten her in wahrhaft genial-banditischer Weise durchgesägt, ein Loch in der Mauer und meinen Stubennachbar, einen sonst recht höflichen, angenehmen, netten Herrn und anscheinenden Nähmaschinenagenten aus Venedig, mit meiner Reisekasse durchgebrannt. Nähmaschinenagent? Venedig? O mein braves, solides Venedig! – Ein Malteser war der Kerl, und zwar ein früherer Oberkellner aus dem Clarence-Hotel, ich aber war genäht und hatte höchst widerwillig einen ganz unvorhergesehenen Wechsel auf Königsberg zu ziehen, und die letzte Folge von alledem ist, daß ich um ein bedeutendes eher mich wieder in Eurer Mitte befinden werde, als meine Absicht war und, offen gestanden, meiner sonstigen Sehnsucht nach Euch unbeschadet, mir lieb ist.

Ob ich das kleine Fieberchen, das ich gleichfalls aus ›Pesto‹ mitgebracht habe, dem Poseidon oder der Ceres zu verdanken habe, will ich dahingestellt sein lassen. In ihren Tempeln habe ich es mir jedenfalls geholt; und einen gleich ruinierten Magen, wie der meinige jetzo, gibt's, soweit ich heute zu urteilen vermag, nicht zum zweitenmal in dieser nichtswürdigen Welt.

Noch nie auf allen meinen Fahrten hielt mich das Vaterlandsgefühl so an den Ganglien wie augenblicklich gepackt. Das Zwerchfell vibriert mir im Heimweh-Katzenjammer gleich einem Schweizerherzen, wenn der Kuhreigen geblasen wird oder der Fremdenverkehr infolge regnerischer Witterung nachläßt.

Richtet mir das Stübchen her linker Hand, wenn man die Treppe heraufkommt, mit der Aussicht auf den Garten, in den Schatten und ins Kühle, – das mit der Blutbuche vor dem Fenster. Ich kenne den Baum bloß kahl, aber die Aussicht in ihn hinein, wenn er seine Blätter hat, muß wundervoll sein. Vom Leibe bleibt mir mit aller Aussicht ins Weite! Behaltet das ganze Haus für Euch; Eurem treuen alten Papa gebt einen dunklen Winkel und dann und wann eine auf Eis gelegte Flasche Sodawasser.

Wie geht es meinem braven alten Freunde und Liebhabereigenossen, dem kuriosen Herrn am Untertor, Winkelmann – Brinkmann – wie heißt er doch? Den Rottmeister meine ich! Als ich ihm meine Abschiedsvisite machte, hatte ich durch fußhohen Schnee zu waten, und – hier liege ich aufgelöst und sitze und schreibe und liege wieder mit einer italienischen Übersetzung des malade imaginaire, als einzigstem geistigen Trost im Jammer. Was ich Euch von der Reise mitbringen werde, ist leider weiter nichts als ein matt, verdrießlich, schwachmütig Bruchstück von mir selber. Hätte es niemals für möglich gehalten, daß mir diese himmlische Gegend so stinkend widerwärtig werden könnte, wie sie mir heute vorkommt! Aber es ist in der Beziehung nicht anders als in anderen Hinsichten.

Einer der Burschen von Eurem Riedhorn wäre imstande, die philosophische Bemerkung zu machen, die ich Euch jetzt nicht vorenthalten kann, und wenn es mich mein Leben kosten würde, nämlich, daß es irgend einmal mit allen Schwärmereien, Neigungen und Liebhabereien zu Ende geht in der Welt. Was ich Euch rate, ist, daß Ihr die Eurigen so lange warm haltet als möglich: habe es ebenfalls so gemacht!

Tempo del Scirocco! Ihr habt doch, wenn alles zum Schlimmsten kommt, nichts dagegen, den armen Alten zu Tode zu füttern? Ich komme allein und nicht mit hundert kontraktmäßig ausbedungenen Rittern wie der alte Leibzüchter Lear. Ich komme jedenfalls allein, und das ist wenigstens ein Trost für Euch, und lange werdet Ihr mich voraussichtlich auch nicht auf dem Halse behalten. Kinder, ich sage Euch, Nacht für Nacht träume ich von Eurem alten kühlen Hause da oben im Norden, und diese Träume sind das einzige, was mich bei der augenblicklich hier herrschenden Temperatur am Tage aufrechterhält.

Fest überzeugt, daß ein Tag und eine Nacht in der hiesigen Atmosphäre Eure Flitterwochengefühle gründlicher ruinieren würden als jedwede Polarexpedition zur Erforschung der nordwestlichen Durchfahrt, bin und bleibe ich Euer Euch an sein Herz drückender

alter treuer Papa und Schwiegerpapa
Wunnigel.

Postscriptum. (NB. Erstes in meinem Dasein!) Ich fabele in der Tat nicht, wenn ich sage, daß ich mich nach Euch sehne.« – –

 

Ihre Lektüre beendigend, schloß Anselma Weyland mit einem wahrhaft trostlosen Gesichtsausdruck so dicht als möglich daran:

»Was sagen Sie nun? Aber Sie kennen ja den Papa nicht, und so können Sie gar nichts sagen, Papa Brüggemann. Und Heinrich lacht! Und da lachen Sie jetzt natürlich gleichfalls. Ich aber, ich wollte fast, ich wäre gar nicht so glücklich geworden, wie ich es bin! Sie sagen wohl, es sei ein amüsanter Brief –«

»Ei freilich! Soviel ich alter Mann und Dummkopf davon verstanden habe.«

»Aber das ist er gar nicht. O, wenn es nicht so sehr unrecht wäre, so wollte ich, ich wäre noch Anselma Wunnigel und säße jetzt mit meinem Papa in Neapel und pflegte ihn. Ich war noch ein junges Kind, als meine Mutter starb; aber dafür habe ich doch schon das Verständnis gehabt, als sie ihn mir auf die Seele band und als sie, ehe sie ihre lieben Augen schloß, sagte: ›Herz, ich wollte, ich könnte noch länger bei euch bleiben; nun mußt du allein mit ihm fertig werden und bei ihm festhalten und wie ein Band um ihn und wie ein Gewicht an ihm sein.‹ – Und nun sitze ich hier in meinem Glück und bin die einzige, die ganz genau weiß, was in diesem Briefe eigentlich steht, den er da aus Italien schreibt. O, das Herz bricht mir, aber ich wollte, ich führte noch meinen Mädchennamen!«

»Welches Herr Heinrich Weyland und ich ganz gewißlich nicht wünschten. Was steht denn eigentlich so gar Schreckliches in dem lustigen Briefe? Er schreibt ja, daß er kommen will, wenn Sie ihn hier haben wollen.«

»O nein, nein, das steht gar nicht darin. Er hat ja um Geld nach Königsberg geschrieben. Und ich habe gerade da eine so große Angst. Ich kenne ihn, Sie aber nicht. Sehen Sie, ich wollte ja ganz ruhig sein, wenn ich an die Geschichte von dem durchgesägten Schreibtisch nur ganz fest glauben könnte. O, er hat soviel Phantasie; und wenn er nach Königsberg geschrieben hat, so –«

Das junge ratlose, zwischen Eltern- und Gattenliebe hin und her gezogene Weibchen schwieg und rang stumm die Hände und fing an, dem alten schlauen Herrchen leid zu tun.

Er klopfte sanft mit seiner dürren Hand auf die beiden weichen, ineinandergeschlungenen Händchen und sagte begütigend und tröstend:

»Es war mir vieles in dem Schreiben zu hoch, Madamchen; aber verlassen Sie sich auf einen alten Uhrmacher – er kommt! Und wenn er jetzt noch nicht kommt, so kommt er später; und wenn er gekommen ist und Sie beide da oben am Berge gar nichts mehr mit ihm anzufangen wissen, dann schicken Sie ihn nur zu mir. Er ist ein hochgelehrter Herr Jurist und ein Regierungsrat; aber doch ist es mir, als ob er an meinem mechanischen Wagen mitgebaut hätte. Es lernt sich mancherlei bei unserem Handwerk, und Sie können dasselbige deshalb ganz dreist eine Kunst nennen. Machen Sie sich um Gottes willen Ihre jungen Tage nicht durch närrische Sorgen zuschanden, Frau; und wenn der Mann über eine unnötige Angst, die Sie sich machen, lacht, so haben Sie da ja schon alles, was Ihnen das Schicksal im Leben zuliebe tun kann, und brauchen nichts weiter. Sie heute noch Fräulein Wunnigel? Danke gehorsamst, sowohl im Namen des Hauses am Schloßberge wie auch im Namen des Rottmeisters Brüggemann am Untertor. Wenn Sie aber an den Herrn Vater in Konstantinopel oder Neapel schreiben, so grüßen Sie ihn auch von mir sehr schön, den Herrn Regierungsrat. Empfehlen Sie mich ihm recht höflich, und es täte mir sehr leid, daß es bei ihm zu Hause in Italien so heiß sei; ein dreiwöchentlicher deutscher Landregen habe dahingegen gleichfalls seine Unannehmlichkeit. Alte Kinder, alte, alte Kinder sind wir und bleiben wir.«

Wenig getröstet, wenn auch etwas ruhiger und langsameren Schrittes, trug die junge Frau ihre Zukunftssorgen wieder hinauf die steilen Wege zu der neuen, sicheren Heimat.

Als sie unter der Gartenmauer des Hauses Weyland anlangte, wurde ihr aus der Höhe eine Narzisse zugeworfen, das heißt, man zielte ganz unsentimental damit nach ihrem Köpfchen und traf auch richtig die Nase.

»Versteck dich nur nicht, Mann! Du bist's gewesen!« rief Anselma Weyland. Ach, ihr Heinrich war doch der beste der Menschen! Er machte sich sogar aus der Heimkehr des Papas nicht das geringste! – Alles ihr zuliebe.

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