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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zwölftes Kapitel

Welch eine Meinung der Rottmeister Wenzel Brüggemann sich über die Braut bildete, als sein junger Freund und Gönner sie ihm seinem Versprechen gemäß vorführte, wird auch besser bei einer späteren Gelegenheit abgehandelt werden können. Vor allen Dingen müssen wir Hochzeit halten; nur selten hat es ein Schwiegervater so eilig damit wie in diesem vorliegenden Falle der Papa und Regierungsrat a. D. Wunnigel.

Und es wurde eine ganz kuriose Hochzeit.

»Dieses verstehe ich, mein Sohn Heinrich«, sprach der Papa; »dieses verstehe ich ausnehmend wohl. Lassen Sie mich machen; – wir werden etwas zugleich Munteres und Erhebendes leisten. Sitzen Sie nur ruhig still und halten Ihr Mädchen bei guter Laune. Ich freue mich kindlich darauf, einmal wieder einer solchen Festivität als maître de plaisir voranzutänzeln, und noch dazu in eigener rührender Familienangelegenheit. Geben Sie mir nur eine Liste derer, die Sie bei der Hinrichtung gegenwärtig wünschen, und überlassen Sie mir alles übrige; – das Schafott werde ich schon aufzuschlagen wissen.«

»O Gott, Gott, Gott, wie ich wünsche, daß der Tag erst vorüber wäre, du Guter, kann ich dir gar nicht sagen!« stöhnte Anselma. »O der Papa! – O Heinrich, was würde ich an dem Tage anfangen, wenn ich dich nicht hätte?«

Das war freilich eine Frage. Der Geliebte nahm sie tiefbewegt entgegen und beantwortete sie durch einen Kuß. –

Und der schreckliche Tag kam, aber machte keine Ausnahme von seinen Brüdern. Er ging vorüber, und es wurde auch an seinem Ende einmal mehr wieder Schlafenszeit. Die Stadt hatte freilich, und zwar sowohl vorher wie nachher, ein ausgiebiges Thema der Unterhaltung; jedoch auch der größte Teil der Hochzeitsgäste hatte sich ungewöhnlich gut unterhalten, und das war doch die Hauptsache. Der Regierungsrat entwickelte ein Toasttalent, das fast ans Geniale grenzte. Er eroberte selbst die Herzen der drei anwesenden Stammgäste vom Riedhorn, und es fand sich unter ihnen sogar einer, der wieder einen Trinkspruch auf ihn ausbrachte und in demselben von ihm als »unserem lieben, trefflichen, geistreichen Freunde Wunnigel« redete.

»Siehst du, Herz, Herzchen, so weit sind wir!« flüsterte um Mitternacht der junge Ehemann, und die junge Frau Doktorin nickte lächelnd und schüchtern:

»Es ist, Gott sei Dank, besser gegangen, als ich mir dachte; aber – weißt du – Heinrich, ich habe mich eigentlich gar nicht mehr drum bekümmert. Als ich im Wirbel drin war, habe ich gar nicht ein einziges Mal mehr an die Leute und auch – an den – Papa nicht – gedacht.«

Da noch ein ganzer Haufe von »den Leuten« an der lichterglänzenden Festtafel anwesend war, so beantwortete der Doktor diese Auseinandersetzung jetzt nicht mit einem Kuß, sondern erst etwas später.

Eine Hochzeitsreise unternahm das junge Paar nicht. Dies nahm – und diesmal wirklich merkwürdigerweise – wiederum der Schwiegerpapa auf sich. Der Papa Wunnigel machte die Hochzeitsreise. Am zweiten Tage nach der Trauung reiste er ab, nachdem er natürlich »seinen Kindern« seinen »Segen« gegeben hatte. Die Tochter dabei auf sein Knie niederziehend, klopfte er, auf dem Sofa neben dem Schwiegersohn sitzend, diesem aufs Knie und meinte gemütlich:

»Jetzt sitzest du warm, Anselmchen; und mein höchster Wunsch ist in dieser Beziehung in Erfüllung gegangen. Danke deinem jungen liebenswürdigen Mann und deinem alten sorglichen Vater dafür! Ich lasse dich einem guten, nicht leicht heftigen, verständigen und in seinem Lebensberuf erfahrenen Gatten und habe also auch in dieser Hinsicht meinen väterlichen Pflichten auf das vollkommenste Genüge geleistet. Sind Sie da nicht ganz meiner Ansicht, Sohn Heinrich? Na, hab ich es mir nicht gedacht! Da geht die Weichmütigkeit schon wieder an! Ich bitte dich, Kind, Mädchen, laß das Taschentuch von den Augen, junge Frau! Die Redensart paßt durchaus nicht, sonst würde ich dir sicherlich anraten, dein Pulver für spätere Gelegenheiten trocken zu halten, Anselma. He, he, he! würde das alte, kuriose Kerlchen, mein Freund, der Herr Rottmeister da unten am Untertor, sagen. Aber was wollte ich denn eigentlich bemerken? Ja so – richtig! Nämlich, wie ich immer mein Behagen dem deinigen nachgesetzt habe, Tochter, so halte ich es auch jetzt wieder für meine Pflicht, es dem eurigen nachzusetzen. Ihr guten Kinder habt hoffentlich nichts dagegen einzuwenden, daß ich von meiner wiedergewonnenen isolierten Stellung in der Welt sofort kummervoll Gebrauch mache. Ich gehe, da ihr es euch in den Kopf gesetzt habt, zu bleiben. Ich reise. Ich gehe auf einige Zeit nach Rom, und es bleibt mir nichts übrig, als euch währenddessen allen Süßigkeiten eures Honigmonds zu überlassen. Nippt, schlürft, lebt euch ineinander ein (wie ich und deine selige Mama, Anselma!) und – eigentlich brauche ich euch dies speziell gar nicht anzuempfehlen! – trübt euch die Heiterkeit der guten, jungen, rosigen, blauen und leider Gottes ziemlich rasch vorbeieilenden Tage der jungen Liebe nicht durch allzu heftige Sehnsucht nach eurem alten, wunderlichen Papa. Ich werde schreiben, wenn sich Muße und Stimmung bieten, und es euch nach und nach, wie es Weg und Gelegenheit gibt, wissen lassen, wohin ihr mir direkt oder poste restante gleichfalls von euch erfreuliche Nachrichten zukommen lassen könnt. Da ich soeben das Wort »speziell« gebraucht habe, so kann ich Ihnen, mein Sohn Heinrich, speziell nur raten, mit dem teuren Pfunde, welches ich Ihnen anvertraute, zu wuchern. In zwanzig Minuten geht der Zug – es ist ein recht angenehmer nordischer Wintertag, brechen wir also auf nach Süden, das heißt, es wird die höchste Zeit, uns nach dem Bahnhofe zu verfügen. Das Gepäck wird Kalmüsel wohl bereits expediert haben, nicht wahr?«

Darauf gab die Jungfer Männe die nötige Auskunft.

»Alles besorgt!« zischte sie. »Ich hab's ihm eilig genug gemacht, und er hatte es schon von selber eilig genug damit.« Drehte sich kurz um und wurde für diesmal nicht mehr gesehen von dem Regierungsrat Wunnigel.

Ganz betäubt stieg das junge Ehepaar mit dem Papa den Schloßberg hernieder und begleitete den Greis zum Bahnhof, wo er nochmals kurz »adieu« sagte. Die Tochter hatte viele Worte und auch einige Tränen für sich zu behalten. Der Schwiegersohn gelangte im Grunde gar nicht mehr zum Worte.

Die Dampfpfeife schrie, die Maschine ließ nochmals viel weißen Dampf aus –

»Puh! – ah!« seufzte der Papa Wunnigel, die Reisekappe über die Ohren ziehend und den Pelzkragen aufklappend. »Es hat etwas tief Gemütliches, so mit einer versorgten Tochter hinter sich und dem Gedanken an Sorrent vom Kupee aus auf dies verschneite Germanien hinzublicken! Wie echt deutsch grau in grau die Stadt sich da an den Berg hinlegt – und – wie behaglich der Rauch aus all diesen Schornsteinen emporsteigt! Und sieh, da sind sie ja noch einmal! Da gehen sie hin nach Hause, aneinander gedrückt, die guten lieben Kinder. Adieu, adieu! Man fühlt sich wirklich höchst angenehm menschlich bewegt. Recht schade, daß solche Momente so selten kommen.«

Freilich, Arm in Arm, dicht aneinander gedrückt, hatte das junge Paar den Bahnhof verlassen und ging langsam heim in sein junges Glück. Beim Herrn Rottmeister Wenzel Brüggemann sprachen sie aber noch vor, ehe sie den Schloßberg wieder emporstiegen, und es war für beide nützlich und gut, daß dies kleine Haus auf ihrem Wege lag.

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