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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Elftes Kapitel

Es war in der Tat hohe Zeit, daß der Doktor Weyland heimkam; der muntere Gastfreund, der Regierungsrat außer Dienst Wunnigel, lag gerade heute dem alten Hause ungewöhnlich schwer auf. Selbst der Daus im Stall ließ seine Ohren über der vollen Krippe hängen; im Gemach der Jungfer Männe aber steckten die alten Dienstleute immer ängstlicher die Köpfe zusammen und wünschten ihren jungen Herren immer bänglicher zurück. Sie konnten es durchaus nicht begreifen, weshalb der liebe Gott ihnen und dem guten, alten, stillen Hause am Schloßberge dieses Schicksal angetan hatte.

Der liebe Gott aber war's ganz gewiß auch gar nicht. Der Teufel war's und kein anderer. In Person hatte er hier Besitz ergriffen, und daß sich der leidige Satan nicht selten eines schönen jungen Frauenzimmers zur Anbahnung und Erreichung seiner bösen Zwecke und niederträchtigen Werke bedient, wenn er es gleich nicht immer für seine Tochter ausgibt, das ist ja jedermann bekannt.

Und sprach nicht selbst der Name des Fräuleins auf dem Riedhorn dafür, daß hier, in dieser Beziehung, nicht alles mit richtigen Dingen zuging?! – Anselma!

Wunnigel war doch wahrlich schon zur Genüge verdächtig; aber Anselma Wunnigel, das ging denn doch über alles, und kein Mensch hatte vordem davon vernommen, daß es so etwas überhaupt in der Welt gäbe.

Ein christlicher Mädchenname war Anselma nicht. In ein christliches Kirchenbuch hatte noch nie ein christlicher Pastor solch ein heidnisch Wort eingetragen. In diesem Worte und Namen roch jedweder Buchstabe nach Schwefel, Hexerei und Zauberkunst, und daß diese – diese Anselma – diese fremdländische Anselma Wunnigel den jungen Herrn verhext und verzaubert habe, wer konnte daran zweifeln?

»Ich, Jungfer Männe!« brummte Kalmüsel. »Verschossen hat er sich in das Fräulein, und den Herrn Rat da oben kriegen wir zu!«

In diesem Momente klang die Haustürglocke, wie sie seit hundertundfünfzig Jahren geklungen hatte, wenn jemand die Tür öffnete und schloß. Da war der Herr gottlob wenigstens für heute abend zurück. – »Gottlob! Gott sei Dank!«

Sie traten ihm mit der Lampe entgegen, und er sah bei ihrem Scheine in ihre betretenen, kleinlauten Gesichter. Vom oberen Stock hernieder drang rauh des Gastes munterer Abendsang.

»Nun, Kinder, nichts vorgefallen? Keine Patienten gemeldet?« – Sie schüttelten die Köpfe: – »Nein, Herr Doktor.«

»Nun, was gibt es denn sonst? Was seht ihr euch und mich so an? Was ist passiert? Heraus mit der Sprache!«

»Vorgefallen ist wohl weiter nichts, Herr Doktor; aber – aber –«

Kalmüsel warf einen grimmig-wehmütigen Blick nach der Treppe, die in das obere Stockwerk führte.

»Nun? Aber, aber?«

»Nun, hingefallen ist genug, Herr Heinrich! Zugrunde gerichtet ist für den heutigen Tag mal wieder genug und über und über genug.«

»Was hat es denn gegeben? So redet doch.«

»O gar nichts!« sprach jetzo mit merkwürdig gut fingierten Kühle bei überkochendem Gift die Jungfer Männe. »Gar nichts hat es gegeben; nur Er – der fremde Herr, hat nur der seligen Großmama Porzellanschrank von der Wand abrücken wollen, von wegen des Getäfels dahinter, und da ist denn alles zu Schaden gekommen: der Schrank und das alte, schöne China und Er auch! Gläser, Vasen, Tassen und Schüsseln, Götter und Schäfer und Tiere und Er auch! Es hat einen Krach gegeben, daß man es bis unten in die Stadt gehört haben muß. Mir zittern noch alle Glieder. Er hat sich ein schwarzes Heftpflaster quer über die Nase kleben müssen; ich aber habe den übrigen Ruin und Jammer auf einen Haufen gekehrt; wenn der Herr Doktor jetzt nur die Güte haben will, seinen Schaden zu besehen, so braucht er nur hinaufzugehen. Mir bricht es das Herz; – wie's der Herr Doktor ansehen wird, weiß ich nicht, aber der Herr Regierungsrat singen gottlob bereits wieder bei ihrem Grog – dem Herrn Regierungsrat Wunn–i–gel hat der Schrecken, Gott sei Dank, nicht geschadet.«

»Hm, hm, hm«, murmelte Herr Heinrich. »Der Großmutter Porzellanschrank! Das ist freilich kein kleiner Schade! Gottlob, daß sie das nicht selber erlebt hat. O, das würde sicherlich auch Anselma leid tun. Hm, hm, das wird in der Tat einen argen Krach gegeben haben. Ist denn alles hin, Kalmüsel?«

»Alles, Herr Doktor! – bis auf die Scherben. Die sind noch da, und dem Herrn Regierungsrat hat es auch sehr leid getan. Sie waren eine Weile recht angegriffen und schickten mich nach warmem Wasser aus. Und als ich Ihnen nicht schnell genug damit von der Küche heraufkam, rissen Sie in ihrer Erregung auch die Klingelschnur ab. Du lieber Himmel, das ganze alte Haus hat bis in seine Grundfesten gebebet und wie ein erschreckter, kummervoller Mensch geächzet. Es ist zusammengefahren wie wir andern; und der seligen Frau Großmama gönne ich auch ihre Ruhe, daß sie dieses nicht erlebt hat.«

»Und der Herr Regierungsrat, Kalmüsel?«

»O gottlob, die haben sich nach dem Schrecken so ziemlich wieder erholt und liegen ganz behaglich auf dem Kanapee in der Bibliothek.«

Der Doktor hielt sich nun keinen Augenblick länger bei seinem treuen Hausgesinde auf. Er schüttelte noch einmal den Schnee ab und übergab seinen Oberrock seinem Kalmüsel. Dann stieg er rascher, als es sonst seine Art war, die Treppe hinauf und trat ein in die Bücherei. Hier ließ sich die Sache in der Tat dem geschehenen Unheil und dem schwarzen Heftpflaster über der Nase des Regierungsrats zum Trotz recht gemütlich an.

Der Patient lag wirklich ganz behaglich auf dem Kanapee, hatte sich ein Tischchen zurechtrücken lassen und benutzte das warme Wasser keineswegs bloß zum Auswaschen seiner Wunden. Inwendig, das heißt zur Restaurierung seines inneren Menschen, tat es das reine Element freilich nicht. Einige andere Elemente gehörten noch dazu, und glücklicherweise kannte Wunnigel dieselbigen und wußte die Mischung auswendig.

So rief er denn aus dem Gewölk seiner Abendpfeife heraus den eintretenden jungen Freund höchstens ein wenig mehr durch die Nase an:

»Kommt Ihr endlich, Freundchen? – Das muß ich sagen, ich habe zuletzt wahrhaftig mit einiger Sorge nach Euch in die unbehagliche Nacht ausgeschaut. Hoffentlich habt Ihr wie gewöhnlich das Mädel wohlauf und munter und die Biedermänner im Nobelzimmer recht interessant gefunden. Sie sehen mich an, Weyland? Sie sehen mich ein wenig betreten an? Ja, sehen Sie mich nur an, lieber Junge; man wird es Ihnen wahrscheinlich bereits unten im Hause mitgeteilt haben: ich habe Ihnen leider Gottes da einen kleinen Polterabend zugerichtet, und mein Riechorgan hat dann Hochzeit mit einer Potpourrivase gehalten. Großer Gott, wenn ich etwas dafür gekonnt hätte, würde mir die Sache längst nicht so fatal sein wie jetzt, wo mir auf einmal alles Hals über Kopf über den Leib stürzte. Rasend möchte man werden, wenn man diese Herrlichkeiten zu schätzen weiß wie ich und sodann plötzlich stumm, starr, entsetzt inmitten des Trümmerhaufens steht. Gehen Sie hin, Doktor, und sehen Sie sich den Scherbenhaufen an als Arzt, als Mensch und als Freund und versetzen Sie sich in meine Gefühle als Mensch, Freund und enthusiastischer Liebhaber von altem Meißener Porzellan. Zu flicken und sonst zu kurieren gibt es da leider Gottes nichts mehr, Doktor.«

»Ich habe von dem Unglück freilich schon unten im Hause vernommen«, murmelte Herr Heinrich, aus der hastigen Anrede des Gastfreundes die Worte Polterabend und Hochzeit mit absonderlich schwirrendem Hall in seiner Seele nachklingen fühlend. »Beruhigen Sie sich nur, Herr Regierungsrat. Vor allen Dingen freut es mich, daß Sie selber keinen größeren Schaden bei dem Unfall erlitten haben.«

»Keinen größeren Schaden? Ich? – Mensch, Mensch, Sie waren nur der Besitzer, der Eigentümer der entzückenden Sammlung; – ich aber, ich war der Liebhaber, der Sachverständige! Fluchen möchte ich dem unwillkürlichen geschickten Seitensprunge, der mich dem Zerschmettertwerden entzogen hat! Blutige Tränen habe ich nicht bloß aus der Nase auf die Verwüstung geweint. Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem war ein Hanswurst gegen mich. Fragen Sie nur Kalmüsel, fragen Sie nur Ihre Jungfer Männe. Schämen sollten Sie sich, Weyland, einem solchen Elend, einem derartigen unersetzlichen antiquarischen Schaden gegenüber so kühl, so kalt zu bleiben. Ich für mein Teil habe die Klingelschnur in der Verzweiflung abgerissen. Da liegt sie; und jetzt noch habe ich die größte Lust und Neigung, mich vermittelst derselben da an den Nagel zu hängen und in das reuelose, erinnerungsfreie Jenseits hinüberzuschleudern. Keinen größeren Schaden? – Sie sind ein ganz gefühlloser Mensch! Prügeln möchte ich mich, Sie, das ganze Weltall – vor allen Dingen aber mich, mich, mich!«

Der Herr des Hauses hob die Klingelschnur vom Boden auf und schwang sie im Kreise, bis sie sich ihm um den Arm aufgewickelt hatte. Er schien auch ihr einiges Nachdenken zu widmen, ehe er hinging und den zertrümmerten Glasschrank der Großmama und den Monte testaccio, den Scherbenberg, daneben nach dem Wunsche des Gastfreundes sich ansah.

Es war ein recht niedlicher Haufen: Chinesen, Schäfer und Schäferinnen, Vasen, Schalen, Pudelhunde, Tassen, Lämmer, Löwen und Teller durcheinander – ein recht ansehnlicher Haufen!

Das Elend betrachtend, überkam ihn seltsamerweise das alte Mitleid mit der jungen Dame in erhöhtem Maße, und auch jetzt gottlob von unendlicher Zärtlichkeit begleitet.

»Ein Untier ist er! Da ist gar kein Zweifel daran!« ächzte er. »Aber ich werde ihm auf der Stelle ruhig von mir und Anselma sprechen können, und nachher – nachher wird sich ja wohl auch ein Mittel finden, ihn – den Papa – diesen heiteren Greis wieder aus dem Hause loszuwerden.«

Rasch, seinen Entschluß am Schopfe packend, schritt der Doktor Heinrich Weyland zurück in die Bücherei, und drei Minuten später vernahmen Kalmüsel und die Jungfer Männe unten im Hause von oben herab ein ganz sonderbares Gestampfe, Geschluchze, Gegrunze und sonstiges Getöse.

Der Papa Wunnigel hielt außer sich vor Überraschung und Rührung seinen Sohn Heinrich in den Armen und drehte sich mit ihm in überströmender Gefühlsbewegung um den großen grünen Tisch in der Bibliothek. Die Freudentränen rollten dem Regierungsrat Wunnigel über das schwarze Nasenpflaster; das letzte Resultat des Abends aber war, daß an einem der nächsten Sonntage in der Hauptkirche der Stadt der Doktor der Medizin Heinrich Weyland und Jungfrau Anselma Wunnigel dem Publikum als zwei Leutchen bekanntgegeben wurden, die den festen und besten Willen hatten, in sechs Wochen zu heiraten.

»Gottlob, die Sorge um das Kind bin ich los – endlich, endlich! – Ah, das ist die Hauptsache! – Ah, man fühlt erst, wie schwer die Last war, die man trug, wenn sich jemand gefunden hat, der sie einem von den Schultern nahm. Na, was das übrige anbetrifft, – bin ich Vater geworden, so kann ich am Ende auch nichts dagegen einwenden, im Laufe der Zeiten Großvater zu werden!«

So sprach der Regierungsrat. Die Jungfer Männe und Kalmüsel sagten auch etwas; wir nehmen jedoch jetzt keine Rücksicht darauf. Es wird sich herausstellen, daß sie sich ihre Meinung erst zu bilden hatten.

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