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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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53. Durch die Sonne

Die furchtbare Explosion, welche der Zusammenstoß der beiden dunklen Weltkörper zur Folge hatte, schleuderte die Sannah, wie wir hörten, mit unheimlicher Gewalt in den Weltraum.

Dies erwies sich als ein ungeahntes Glück; denn das Weltschiff behielt diese Geschwindigkeit tagelang bei mit nur langsamer Abnahme, und so legte es in wenigen Tagen einen Weg zurück, zu dem es sonst ebensoviele Jahre gebraucht hätte.

Man konnte dies an der rasenden Geschwindigkeit beobachten, mit der man sich dem irdischen Sonnensystem näherte.

Noch keine vier Wochen waren verflossen, seit unsre Freunde Eden verlassen hatten, als sie bereits die Neptunbahn kreuzten.

Nun aber zeigte sich eine neue Gefahr.

»Wir stürzen geradewegs auf die Sonne zu«, sagte Flitmore.

»Und die Fliehkraft?« fragte Schultze.

»Ich fürchte sehr, daß sie uns nichts hilft«, erwiderte der Lord. »Die Gewalt, mit der die Sannah in ihrer Bahn dahingeschleudert wird, ist stärker als die stärkste Zentrifugalkraft, die wir entwickeln können.«

»Nun, dann wird sie auch stärker sein als die Anziehungskraft der Sonne«, meinte der Professor.

»Das gebe Gott!« sagte Flitmore, »denn sonst sind wir verloren.«

Die Sonne kam näher und näher; schon war die Uranus- und Saturnbahn durchschnitten, ohne daß man diese Planeten zu Gesichte bekam, da sie sich an entfernten Stellen ihrer Bahn befanden. Jupiter sah man nur von ferne, von den Planetoiden, Mars und der Erde, war nichts zu sehen, als man ihre Bahnen kreuzte; dagegen kam die Sannah der Venus sehr nahe, dem hellen Morgen- und Abendstern, der, wenn er sich von der Sonne entfernt, der Erde heller leuchtet als alle andern Gestirne und selbst bei Tage gesehen werden kann, wenn man seine Lage am Himmel genau kennt; der einzige Stern, der bemerkbare Schatten wirft, wenn der Mond nicht stört.

Schultze konnte seine bisher unbekannte Umdrehungszeit feststellen. Bekanntlich herrscht hierüber eine solche Unklarheit unter den irdischen Astronomen, daß man sie teils zu 24 Stunden, teils zu ebensoviel Tagen, ja bis zu 225 Erdentagen annahm.

Der Professor fand nun eine Rotationszeit der Venus von etwa 700 Stunden oder 30 Erdentagen.

Ihr Jahresumlauf beträgt 224 Erdentage.

Es erwies sich, daß ihre eine Hälfte ewigen Tag, die andere ewige Nacht hat, und die Nachtseite zeigte eine matte Erleuchtung. Ihre Atmosphäre war sehr dicht und vielfach stark bewölkt; ihre Oberfläche bildete eine vollkommene Wüste, eine trostlose Einöde von gleichmäßigem weißen Glanz.

»An Größe und Masse«, sagte der Professor, »ist dieser Planet unsrer Erde sehr ähnlich, empfängt aber doppelt so viel Sonnenlicht als diese. Ihre Bahn ist nahezu kreisförmig; sie hat das stärkste Albedo, das heißt, von allen Planeten strahlt sie das meiste von all dem Licht zurück, das sie empfängt; vielleicht hat sie noch etwas eigenes Licht. Der Erde zeigt sie Phasen wie der Mond.«

»Schmerzlich ist es, daß wir von hier aus die Erde nicht erreichen können«, seufzte Heinz. »Wir sind ihr doch so nah: 40 Millionen Kilometer! Was will das heißen?«

»Ja, ja!« sagte Schultze: »Da hilft uns alles Bedauern nichts, wir werden fortgerissen ohne Erbarmen!«

Die Sannah kreuzte die Merkurbahn.

Die Sonne erschien wie ein ungeheurer Feuerball.

Flitmore schützte die Fenster der Sannah durch geschwärzte Scheiben, so daß man mit dem bloßen Auge in die Gluten schauen konnte. So gelang es, die Sonnenflecken als ungeheure Schlackeninseln zu erkennen, die in einem Meer von Glut schwammen, das sie zeitenweise wieder auflöst.

Hoch empor stiegen die glühenden Massen der sogenannten Sonnenfackeln und die flammenartigen Protuberanzen oder Sonnenflammen, die aus brennenden Gasen, meist glühendem Wasserstoff bestehen. Teilweise zeigten sie auch die Form von Feuersäulen und Glutwolken.

Ein wogendes Meer von Gluten und Flammen, wie von Orkanen gepeitscht, so stellte sich die Sonne dar. Ungeheure Explosionen und Eruptionen oder Ausbrüche ereigneten sich von Zeit zu Zeit; dann wurden Feuergarben und Flammenstrahlen in wenigen Minuten bis zu einer Höhe von 75 000 Kilometern emporgeschleudert mit einer Geschwindigkeit von 173 Kilometern in der Sekunde.

Und auf dieses wildtobende Feuermeer stürzte die Sannah unaufhaltsam zu mit rasender Geschwindigkeit!

Aber auch in diesen Augenblicken des Schreckens, da aller Gemüter von der Sorge eines drohenden Untergangs erfüllt waren, abgesehen von Heliastra, die mit kindlicher Neugier das schauerlich schöne Schauspiel bewunderte; auch in diesen bangen Augenblicken zeigte Schultze den kühlen Gelehrten, denn, wahrhaftig! Er hielt einen wissenschaftlichen Vortrag über die Sonne.

»Dieses Gestirn«, sagte er, »das unsrer Erde Licht, Leben und Wärme spendet, ist 300 000mal heller als der Vollmond; doch kommt der Erde nur der 2735millionste Teil ihres Lichts und ihrer Wärme zugute. Ihr Äquatorialdurchmesser beträgt 1 390 300 Kilometer gegen 12 755 Kilometer des irdischen Durchmessers. In der Sonne hätten 1 300 000 Erdkugeln Platz, dennoch wiegt sie nur so viel wie 324 400 Erden, denn sie ist nicht viel dichter als Wasser.

In der Sonne kommen fast die gleichen Stoffe vor wie auf der Erde, das hat uns das Spektroskop geoffenbart.

Die äußerste Umgebung des Sonnenballs oder vielmehr seiner Atmosphäre bildet die Korona, sie besteht, wie wir deutlich sehen können, aus breiten Strahlenbüscheln, die sich zum Teil mehr als einen Sonnendurchmesser weit in den Raum erstrecken und oft eigentümlich gekrümmt erscheinen.

Diese Korona kann man von der Erde aus am besten bei Sonnenfinsternissen beobachten, sie bildet dann einen schmalen Lichtring von blendender Helligkeit rings um die verfinsternde Mondscheibe; diesen Ring umgibt ein zwölfmal so breites Band von perlmutterartigem Glanz, aus dem weit hinaus in den Weltraum jene Strahlen schießen, die übrigens auf den Photographien gar nicht oder kaum erscheinen; dieses Band wird von einer noch breiteren Lichtzone umschlossen, die sich mit schnell abnehmender Helligkeit ohne sichtbare Begrenzung im Himmelsraum verliert.

Unter der Korona sehen wir die sogenannte Chromosphäre, einen rosafarbenen Ring, der aus den leichtesten uns bekannten Gasen, dem Wasserstoff und dem Helium gebildet wird.

Die innerste atmosphärische Hülle der Sonne endlich ist die Photosphäre, die aus glühenden Metalldämpfen besteht und die eigentliche Lichtspenderin ist. Diese sehen wir überzogen mit einem Netzwerk, das aus einer Unzahl seiner Poren und Linien besteht, die sich fortwährend verändern. Sie scheinen eine Art Schäfchen- oder Cirruswölkchen, deren kleinstes freilich die Größe eines irdischen Weltteils besitzt; man nennt diese Erscheinung ›die Granulation‹ der Sonnenoberfläche.«

»Hören Sie, Professor!« sagte Münchhausen unwirsch: »Was soll uns jetzt diese hochinteressante Belehrung. Ich meine, es wird hier innen schon abscheulich heiß und wir werden in kurzem zu Staub verbrennen. Wissen Sie ein Mittel dagegen, das besser wäre, als Ihre gesamte sonstige Weisheit.«

»Die Hitze der Sonne ist nicht so groß als man sich gewöhnlich einbildet«, erwiderte Schultze kühl. »Sie dürfte etwa 7000 Centigrad betragen, also das Doppelte der Hitze der Kohlenspitzen einer elektrischen Bogenlampe.«

»Heiß genug, um uns in Asche zu verwandeln!« brummte der Kapitän.

Der Professor zuckte die Achseln. »Alles, was ich Ihnen zum Troste sagen kann, ist, daß der große Komet von 1843 die glühende Korona der Sonne durchraste, 5 Millionen Kilometer in drei Stunden, also 570 Kilometer in der Sekunde zurücklegend. Er kam dabei der Sonne bis auf den zehnten Teil ihres Durchmessers nahe.«

»Und stürzte nicht hinein?« fragte Heinz.

»Nein! Davor bewahrte ihn die Gewalt seines Schwungs. Ähnlich ging es mit den Kometen von 1882 und 1883. Sie entwickelten dabei alle eine enorme Helligkeit, ja man sah sie bei Tage dicht neben der Sonne, und der Komet von 1882 verschwand, als er vor die Sonne trat; er war also genauso hell wie sie. Dabei entwickelten jene Kometen Eisendämpfe, ein Beweis, daß auch ein Teil ihrer festen Bestandteile sich unter der Einwirkung der Hitze der Korona in glühende Gase auflöste. Endlich zersprang der Komet von 1882 beim Passieren der Korona in mehrere Stücke.«

»Ein schöner Trost, den Sie uns da geben!« knurrte der Kapitän.

»Sind der Herr Professor der unmaßgeblichen Ansicht, daß wir in diesen furchtbar anzusehenden Flammenofen trotz der geschwärzten Scheiben mitten hinein plumpsen dürften?« fragte Rieger ängstlich.

»Nein!« erwiderte Schultze bestimmt. »Das glaube ich keinesfalls; denn unsre Geschwindigkeit übertrifft die des Kometen von 1843 um weit mehr als das Hundertfache.«

»Aber daß die Sannah in Weißglut gerät oder sich in glühende Dämpfe auflöst, zum mindesten samt uns allen in Stücke zerspringt, das glauben Sie?« polterte Münchhausen.

»Da unser Weltschiff keine feste, dichte Masse bildet«, entgegnete der Professor, »scheint es am wahrscheinlichsten, daß es sich in ein Dampfwölkchen auflöst. Offen gestanden, ich halte unsre letzte Stunde für gekommen; doch dürfen Sie mir glauben, wir werden nichts davon spüren, in weniger als einer Sekunde wird alles vorüber sein.«

Flitmore drückte auf einen Knopf und augenblicklich schlossen sich sämtliche Augendeckel der Sannah, das heißt die dicken Schutzplatten legten sich von außen dicht über die Fenster. Gleichzeitig ließ der Lord die elektrische Beleuchtung aufstrahlen und sagte: »Begeben wir uns in den allerinnersten Raum, in den Mittelpunkt der Sannah, in zehn Minuten haben wir die Glutatmosphäre der Sonne erreicht und jagen durch Feuer und Flammen. Dann gnade uns Gott!«

In Eile stürzten alle in den innersten Vorratsraum, den eine einzige elektrische Glühbirne erhellte. Alle Luken wurden geschlossen, nachdem sie passiert waren.

Hier sprach der Lord ein kurzes, markiges Gebet, eine Bitte um Rettung, zugleich aber auch den Ausdruck der Erhebung in den göttlichen Willen, falls ihr Ende beschlossen sein sollte; das Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit und die Aufnahme aller in das himmlische Reich trug er mit solcher Einfachheit und Glaubensfreudigkeit vor, daß sich alle über die Schrecken des Todes erhoben fühlten und keinerlei Angst mehr empfanden vor dem, was ihnen drohte. Mietje stimmte die beiden letzten Verse des herrlichen Liedes »O Haupt, voll Blut und Wunden«, an, und die andern sangen ergriffen mit. Dann trat Stille ein.

John setzte sich zu Füßen seines Herrn nieder, als wollte er damit zum Ausdruck bringen, wie er als getreuer Diener ihm in den Tod folgen wolle. Mietje lehnte ihr Haupt an ihres Gatten Schulter, Münchhausen faßte kräftig Schultzes Rechte und hielt sie fest. Heliastra schmiegte sich in Heinz' Arme und fühlte sich geborgen, während ihr junger Gemahl bereit war, mit ihr die Reise in ein besseres Leben anzutreten.

Die beiden Schimpansen Dick und Bobs kauerten in einer Ecke und wußten von nichts; doch verhielten sie sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, so regungslos, als ahnten sie doch etwas Außerordentliches.

Auf einmal wurde es furchtbar heiß; die Luft schien zu glühen und erstickend legte es sich auf aller Brust.

Da stand Flitmore auf und sprach ein warmes Dankgebet für die Errettung aus furchtbarer Todesgefahr.

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