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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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52. Eine Weltkatastrophe

»Wenn ich mir erlauben darf, auch eine Beobachtung meinerseits gemacht zu haben«, begann John, als die Sannah sich vom Planeten des Grauens entfernte, »so sehe ich dort einen andern schwarzen Erdball daherkommen, sozusagen herabstürzen.«

»Das könnte uns gefährlich werden«, rief Schultze, in der von John bezeichneten Richtung hinaussehend: »Es scheint in der Tat ein Zusammenstoß zweier gewaltiger Körper bevorzustehen. Ich schätze Scheol auf die zehnfache Größe der Erde, und der mit rasender Geschwindigkeit auf ihn herabstürzende Weltkörper scheint nahezu ebensogroß.«

Der Lord sprach kein Wort, schaltete aber die Parallelkraft in vollster Stärke ein und die Sannah entfernte sich mit Lichtgeschwindigkeit von der bedrohlichen Stelle.

Auf einmal wurde es hell; ein Licht, wie von zehn Sonnen auf einmal, erfüllte den Raum mit blendendem Glanze: Die beiden Weltkugeln waren aufeinandergeprallt und in weniger als einer Sekunde hatten sie sich zu einer weißglühenden Masse vereinigt, von der flammende Stücke nach allen Richtungen hinausgeschleudert wurden und Stichflammen von Millionen Kilometer Höhe emporschlugen.

Alles Leben mit seinem grausigen Kampf mußte auf dem Scheol in einem Augenblick vernichtet worden sein; aber den Insassen der Sannah drohte das gleiche Schicksal: das Weltschiff war in glühende Gase gehüllt, eine Stichflamme hatte es erreicht; gleichzeitig aber wurde es, wie von dem Druck einer ungeheuerlichen Explosion emporgeschleudert mit einer Geschwindigkeit, die alles übertraf, was sie bisher geleistet.

Durch und durch wurde das Fahrzeug erschüttert und eine Zeitlang lagen alle, plötzlich zu Boden geschleudert, durcheinander. Nur Heliastra schwebte in ihrer Leichtigkeit über dem Boden und half nun den Gestürzten auf die Beine.

Jetzt erst ließ sich ein fürchterliches Krachen, Rollen und Donnern vernehmen. Noch einmal erbebte die Sannah in allen Fugen, vom erschütterten Weltstoff geschüttelt. Eine furchtbare Hitze entwickelte sich in dem Antipodenzimmer und alle flüchteten auf Tod und Leben in die innersten Räume des Fahrzeugs.

Hier war es noch auszuhalten, und die unausdenkbare Wucht, mit der das Weltschiff von den zusammengeprallten Planeten fortgeschleudert wurde, brachte es in kürzester Zeit aus dem Bereiche der Stichflamme, so daß es sich allmählich wieder abkühlte, ohne ernstlichen Schaden genommen zu haben.

»Wir haben eine Weltkatastrophe erlebt«, sagte nun Flitmore, »wie sie gar nichts so Seltenes ist.«

»Allerdings«, bestätigte der Professor: »Seit uns der Fixsternhimmel näher bekannt ist und man gelernt hat, auf derartige Erscheinungen zu achten, hat man das Aufleuchten neuer Sterne öfters beobachten können.

Charakteristisch für diese Erscheinungen ist die Nova Persei, das heißt der neue Stern, der im Jahre 1901 im Sternbild des Perseus aufleuchtete. Er erschien zunächst als Stern 12. Größe, wurde innerhalb dreier Tage zu einem Stern erster Größe, dem hellsten am ganzen Firmament außer Sirius: sein Licht hatte um das 250 000fache zugenommen, nahm aber dann ab, bis es wieder so schwach war, daß der Stern als zwölfter bis dreizehnter Größe erschien. Er muß mindestens 100 Lichtjahre von der Erde entfernt gewesen sein und umgab sich nach dem Ausbruch mit einer Nebelhülle, die wenigstens das 1400fache des Erdbahndurchmessers umfaßte und Verdichtungsstreifen und Lichtknoten aufwies, die sich, gering geschätzt, mit mehr als 3000 Sekundenkilometern Geschwindigkeit fortbewegten.«

»Diese neuen Sterne entstehen also durch das Aufleuchten zweier dunkler Weltkörper, wenn sie sich durch einen Zusammenstoß erhitzen?« fragte Heinz.

»Eigentlich glaubt man das weniger«, entgegnete Schultze, »da dann das rasche Erkalten und Erblassen innerhalb weniger Wochen oder Monate unerklärlich wäre.«

»Wie erklärt man dann diese Vorfälle?« mischte sich nun Mietje in die Erörterung.

»Sehr verschieden!« sagte Schultze. »Die einen meinen, es handle sich um erloschene Sonnen, die für uns unsichtbar wurden, nachdem sie sich mit einer Erstarrungskruste umgaben, plötzlich aber wieder aufleuchten, wenn die innere Glut die Kruste vorübergehend durchbricht. Auch das Einstürzen eines großen Meteors könnte das plötzliche Aufleuchten verursachen.

Wilsing nimmt an, daß die sehr große Annäherung zweier ungefähr gleichgroßer Sterne eine Flutwelle in der Atmosphäre und dem feurigflüssigen Innern des einen hervorrufe. Dadurch würde ein Teil seiner Oberfläche fast von seiner ganzen Lufthülle entblößt, und die innern Glutmassen würden die dünne Erstarrungsdecke durchbrechen.

Seeliger im Gegenteil glaubt, daß ein erkalteter Weltkörper, in eine Wolke kosmischen Staubes eindringend, durch die Reibung an seiner Oberfläche in Glut gerate. Diese Vermutung stimmt allerdings nicht zu unsern Erfahrungen, nach welchen jedes Gestirn seine Lufthülle besitzt, die es vor solcher Reibung schützt.

Übrigens haben wir ja nun beobachten können, wie ein oder vielmehr zwei Weltkörper durch Zusammenstoß aufleuchten können; auf der Erde wird man am 12. Mai 1913 die Erscheinung des neuen Sterns gewahren, und dann wollen wir ja sehen, welche Erklärungen die irdischen Astronomen diesem Phänomen zu geben belieben.«

»Gestatten mir gütigst der Herr Professor eine Fragestellung in aller Rücksicht der Bescheidenheit«, bat John.

»Nur zu, mein Sohn! Was quält dich für ein Schmerz?«

»Der Herr Professor haben sich doch zu äußern beliebt, wie ich schon mehrfach hören konnte, daß sich neue fixe Sterne in den komischen Nebeln bilden?«

»Ganz richtig, guter Freund! Aber nicht in den komischen, sondern in den kosmischen Nebeln. Siehst du, man nennt auf griechisch die Welt ›Kosmos‹, und da ein gebildeter Deutscher Griechisch, Lateinisch und Französisch redet, nur kein Deutsch, so spricht er von kosmischen Nebeln, wo er ebensogut Weltnebel sagen könnte. Wie du also ganz richtig bemerkt hast, aus diesen Weltnebeln bilden sich Fixsterne.«

»Und die leuchten dann aber doch lange Zeit?«

»Gewiß! Tausende, Hunderttausende, vielleicht Millionen von Jahren.«

»Nun denn, Sie sagen, alle neuen Sterne verlieren sozusagen sehr schnell ihr starkes Licht; aber es sollten doch auch neue Sterne aus den Nebeln entstehen, die man vorher nicht gesehen hat, und die dann immer leuchten als Fixsterne?«

»Ja, weißt du, diese Bildung neuer Sterne aus Nebeln braucht jedenfalls Hunderttausende von Jahren.«

Hier fiel Flitmore ein: »Und doch hat John recht; warum soll gerade in unserer Zeit keine derartige Sternbildung zur Vollendung kommen? Niemals noch ist ein uns bekannter Fixstern erloschen, niemals noch ein neuer erschienen. Herrscht wirklich das beständige Werden und Vergehen im Weltall, wie man es annimmt, so ist diese Tatsache unerklärlich. Jedenfalls glaube ich, die Zeit der großen Sonnenschöpfungen ist vorüber.«

»Das ist eine sehr anfechtbare Ansicht«, widersprach der Professor, »es vollzieht sich eben nur alles so langsam, daß für uns nichts davon zu merken ist.«

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