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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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51. Der Planet des Fremdartigen

Es war Abend, als die Sannah emporstieg.

Zum letztenmal grüßte das rosige Licht des schönsten der Monde unsere Freunde und die engelschöne Frau, die von Kind auf in seinem Rosenschimmer fröhlich gewesen war.

Rasch, mit wachsender Geschwindigkeit entfernte sich das Weltschiff, getrieben durch die doppelte Kraft der Abstoßung und des Vorwärtstriebes.

Bald entschwand das Sonnensystem Alpha Centauri den Blicken der Reisenden, das heißt, seine Planeten begannen nur noch als Sterne am Nachthimmel zu flimmern.

Nur Heliastra mit ihren Sonnenaugen vermochte noch alles groß und deutlich zu sehen und sogar den blauen Mond zu erkennen, der nun dort unten, oder dort oben, wie es hier jetzt schien, aufgegangen war.

Sie allein war es aber auch, die vom entgegengesetzten Zimmer aus genau angeben konnte, welcher winzige Stern die irdische Sonne sei, so daß Flitmore gleich von Anfang an der Sannah die rechte Fahrtrichtung geben konnte.

Dann begaben sich alle zur Ruhe bis auf John, der die erste Wache hatte.

Münchhausen übernahm nach drei Stunden die mittlere Wache und schließlich der Professor die dritte und letzte.

Gegen Morgen sah er, wie die Sannah sich einem mächtigen dunklen Weltkörper näherte, wenn von einer Annäherung bei einer Entfernung von immerhin einigen Millionen Kilometern die Rede sein konnte.

Auch »Morgen« und »Tag« waren bloße Zeitbegriffe geworden, seit die Doppelsonne Alpha Centauri wieder zu zwei Fixsternen geworden war, die nach und nach für das Auge zu einem einzigen verschmolzen. Da nicht, wie auf dem Hinweg, wenigstens ein schwachschimmernder Komet einiges Licht von außen gab, mußte das Weltschiff seine ganze, vielleicht Jahre dauernde Reise nach dem irdischen Sonnensystem in beständiger Nacht ausführen: Tageshelle oder gar Sonnenschein war ausgeschlossen.

Das war keine angenehme Aussicht!

Es war Zeit, die andern zu wecken, soweit diese überhaupt sich das Wecken ausgebeten hatten und nicht von selber zur bestimmten Zeit aufwachten.

Der Professor drückte auf die verschiedenen Kontaktknöpfe, die in den entsprechenden Schlafräumen die elektrische Klingel ertönen ließen.

Flitmore erschien zuerst.

»Lord«, sagte Schultze: »es befindet sich hier in unserer Bahn ein dunkler Weltkörper, also ein Gestirn, das der Erde näher steht als Alpha Centauri. Wollen wir ihm nicht nahen, um zu schauen, wie es dort aussieht?«

»Lang aufhalten unterwegs wollen wir uns nicht«, sagte Flitmore lachend: »Unsere Heimfahrt dürfte sowieso lang genug werden! Andererseits kommt es bei einer Fahrt, die voraussichtlich Jahre dauert, auf ein paar Tage mehr oder weniger nicht an.«

Heinz war inzwischen mit Heliastra erschienen und fügte hinzu:

»Da überdies unsere Reise, so viel wir wissen, durch eine trostlose Öde geht, auf der wir bis zum irdischen Planetensystem nicht darauf rechnen dürfen, irgend etwas anzutreffen, so sollten wir uns diese voraussichtlich letzte Gelegenheit, etwas Neues zu schauen, nicht entgehen lassen.«

»Das ist wahr!« sagte der Lord: »Also stellen Sie die Fliehkraft ab, Herr Professor.«

Auch die anderen waren nun eingetreten, und das Frühstück wurde eingenommen, während die Sannah, von dem dunklen Weltkörper angezogen, auf ihn zustürzte.

Als sie der Oberfläche des geheimnisvollen Gestirns nahe gekommen war, ließ Flitmore einen ganz schwachen Zentrifugalstrom durch ihre Metallhülle kreisen, welcher der Anziehungskraft der Kugel genau die Waage hielt, so daß die Sannah in der Schwebe gehalten wurde und sich stets im gleichen Abstand oder in der gleichen Höhe halten mußte.

Hierauf wurde die Parallelkraft, ebenfalls in bescheidenem Maße, in Tätigkeit gesetzt, und das Weltschiff fuhr mit der geringen Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde über die Oberfläche des neuen Planeten dahin.

Alle begaben sich in das Antipodenzimmer, um von dort aus die Landschaft zu ihren Füßen beobachten zu können.

Sie sah finster und düster aus: keine Sonne, kein Mond leuchtete diesem Weltkörper; nur ein blutiger, nordlichtartiger Schimmer drang aus seiner Atmosphäre herab, offenbar ausgehend von selbstleuchtenden Stoffen oder Bakterien, die sich in der Luft befanden.

Bei dieser Beleuchtung war wenig zu erkennen; aber was zu sehen war, machte einen widerlichen, unheimlichen Eindruck.

Das Land schien ziemlich eben zu sein und durchweg einen morastigen Charakter zu tragen.

An einzelnen Stellen stiegen leuchtende Dämpfe oder Nebel aus dem Sumpfe auf, die einen leichenfahlen, schwefelgelben Schimmer verbreiteten; dazwischen schossen bläuliche und grünliche Stichflammen empor, durch welche die nächste Umgebung ebenfalls mit einem matten Schein erhellt wurde, der etwas Grausiges an sich hatte, als seien es höllische Fackeln, die eine Welt des Entsetzens beleuchteten.

Ja, eine Welt des Entsetzens! Was waren das für Bäume und Pflanzen! Alle schienen lebendig und zugleich abscheuerregend: Gräser, die sich wie ekles Gewürm am Boden hinwanden, krümmten und schlängelten in krampfhaften Zuckungen, als strebten sie vergebens, sich von der moderigen Erde zu lösen, in der sie wurzelten! Vielverzweigte Bäume, deren kahle, blattlose Äste sich ringelten wie Riesenschlangen oder Polypenarme, in beständiger Bewegung, sich lang ausstreckend, sich zurückziehend, Wellen, Bogen, Ringe und Schleifen bildend, sich verwirrend und verschlingend, als befänden sich die lebendigen Zweige jedes Baumes in mörderischem Kampfe miteinander.

Und unten im Sumpf wimmelte es von scheußlichem Getier: weißliche Maden, größer als Elefanten, sperrten zahnbewehrte Kiefer auf; Riesenspinnen, deren plumper, kugeliger Leib oben und unten und an den Seiten mit langen, dünnen, haarigen Beinen besetzt war, so daß sie sich beständig um sich selbst drehen konnten und stets mit einer Anzahl Füße krochen, die andern zappelnd empor oder rings von sich streckend; grünliche Kröten, groß wie Büffel, die ihre häßlichen Augen auf dünnen, wurmartigen Stielen weit hinausstreckten; dünnbeinige Stechmücken von Giraffenhöhe, die mit ihren langen, durchsichtigen Rüsselröhren den andern Tieren das Leben aussaugten oder von diesen geschnappt und zerquetscht wurden.

Alles kroch durcheinander, alles kämpfte miteinander: nicht nur Tier mit Tier, sondern auch Pflanzen und Tiere befanden sich in unaufhörlichem mörderischem Kampfgemenge.

Da biß ein Riesenwurm mit Krokodilsrachen einem Baume die Äste ab und diese Äste schnellten und zuckten und wanden sich in Krämpfen am Boden, während aus dem sich wie im gräßlichsten Schmerz verkrümmenden Stumpfe ein dicker, grünlichschwarzer Saft hervorquoll.

Dort war eines der Riesentiere von den zahllosen Armen eines Baumes erfaßt worden und suchte vergebens, in verzweifeltem Ringen, sich aus der tödlichen Umarmung zu befreien: es wurde erdrückt, erstickt und zu einer unförmlichen Masse zerquetscht.

Und dann schossen wieder dünne Würmer wie Pfeile aus dem Morast, fuhren durch die Luft und bohrten sich in den Leib eines nicht minder widerlichen Tieres, um schließlich ganz in seiner Masse zu verschwinden und in seinem Innern ihr gräßliches, mörderisches Zerstörungswerk zu beginnen.

Schauerlich war es anzusehen, wenn so ein Riesentier, das selber grauenhaft aussah, in rasendem Schmerz emporsprang, wie wahnsinnig umherkreiselte und zuletzt im Todeskampf zusammenbrach, während plötzlich sein unförmlich angeschwellter Leib sich überall öffnete und ein Gewimmel schlangenartiger Würmer enthüllte, die es bei lebendigem Leibe von innen heraus verzehrten.

Und dann schlängelten sich wieder fahle Flammen durch die drängenden Massen, versengten und verzehrten die Leiber, die vergebens suchten, sich zu flüchten: auch diese höllischen Feuerschlangen schienen lebendig zu sein und ihre Opfer mit Mordgier zu verfolgen.

Heliastra war totenbleich und voller Entsetzen: »Sieht es so auf der Erde aus?« fragte sie beklommen.

»Nein«, tröstete sie Heinz: »Solch ein gräßliches Schauspiel erfüllt auch uns Menschen mit Entsetzen.«

»Ja!« bestätigte der Professor: »Selbst wissenschaftliche Forschung erlahmt dahier und wendet sich ab von diesen Greueln. Das ist ein Reich der Finsternis im vollsten Sinne des Wortes und ich schlage vor, ihm den Namen »Scheol« zu geben, wie die Hebräer ihr Höllenreich nannten.«

»Es ist genug«, sagte Flitmore: »Lieber durch die ewige Nacht des öden Raums, als solch ein Schauspiel länger mit ansehen!« Und er schaltete die volle Fliehkraft ein.

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