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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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46. Überirdische Klänge

Es fand sich, daß die Photographie den Edeniten nicht unbekannt war.

In Gabokols Wohnung waren die Wände vielfach mit Bildern geschmückt, teils Porträts, teils Landschaftsbilder oder belebten Szenen aus Welt und Leben. All diese Darstellungen erschienen so überaus lebendig und naturwahr, so zart und leuchtend in den feinsten Farbenabstufungen, daß unsre Freunde sich nicht genug wundern konnten über die hohe Stufe, welche die Kunst der Maler hier erreicht hatte.

Bald erfuhren sie jedoch, daß es sich nur zum geringsten Teil um Gemälde handelte, daß vielmehr die meisten dieser Kunstwerke nichts andres waren als Lichtbilder in natürlichen Farben.

Gabokol selber besaß einen photographischen Apparat, den er Flitmore bereitwilligst erläuterte. Die Linse war durchaus dem menschlichen Auge nachgebildet und wurde auch wie dieses eingestellt, wobei sie Bilder von unnachahmlicher Schärfe lieferte. Die Platten bestanden aus durchsichtiger Baumrinde und waren mit einem licht- und farbenempfindlichen Stoffe überzogen, der ebenfalls genau dem entsprechenden Stoff im Auge des Menschen nachgeahmt war. So entstand schon auf der Platte ein farbiges Bild, das durch ein verblüffend einfaches Verfahren festgehalten wurde. Von dieser ersten Platte konnten dann beliebig viele Vervielfältigungen ausgeführt werden, wobei man stets dieselben dünnen Platten benutzte: ein besonderes Material für die Abzüge war durchaus entbehrlich.

Gabokol schenkte dem Lord einen solchen Apparat und Flitmore war nun imstande, die Wunder Edens in einer Weise festzubannen, wie es keine irdische Kunst vermocht hätte.

Heinz durfte die Wunderkamera benutzen so oft er wollte; während aber der Lord vorzugsweise Landschaften, Tier- und Pflanzenbilder aufnahm, bevorzugte der Jüngling Porträtaufnahmen. Namentlich wurde er nicht müde, Heliastra allein oder mit ihrer anmutigen Schwester in immer neuen Stellungen zu photographieren und die Mädchen kamen ihm hiebei mit freundlicher Geduld entgegen.

Musik war den Edeniten ein Lebensbedürfnis; sie besaßen eigenartige Instrumente von unbeschreiblichem Wohlklang und einer Mannigfaltigkeit der Tonfarben, die ganz wunderbare Effekte ermöglichte. Das durchsichtige Holz der Bäume und Rohre, aus dem hauptsächlich die Instrumente gefertigt wurden, schien für diesen Zweck weit geeigneter als alle irdischen Holz- oder Metallarten; auch der stärkste metallische Klang, Orgel- und Glockentöne, war gewissen Holzarten eigen.

John war außer sich vor Freude über eine Flöte, die ihm Fliorot verehrte, und aus welcher der musikalische Diener Weisen hervorzuzaubern vermochte, die ihm alles Irdische zu übertreffen schienen.

Völlig in himmlische Sphären versetzt fühlten sich aber unsre Freunde, wenn Gabokol und Fliorot mit Bleodila, Glessiblora und Heliastra ihre herrlichen Gesänge erschallen ließen: das waren Stimmen, die den Traum einer Sphärenmusik tatsächlich verwirklichten; es war zu wenig gesagt, wenn man den Baß der Männer mit Orgelklängen vergleichen wollte und die Reinheit der Mädchenstimmen mit Silberglocken: jeder irdische Vergleich mußte hier verblassen und man konnte nur an die unbekannten Chöre der himmlischen Heerscharen denken. Und der Umfang dieser Stimmen war geradezu unglaublich: kein menschlicher Baß und kein irdischer Tenor konnte in solche Tiefen hinab, in solche Höhen hinaufsteigen; und die weiblichen Stimmen schienen in unendliche Räume entschweben zu können, wo sie zu ätherischen Klängen sich verflüchtigten.

Und welch fremdartige Melodien! Seltsam und nie gehört den Erdenbewohnern und doch so heimatlich vertraut, als ob die in Träume des Entzückens gewiegte Seele die Lieder eines verlorenen Paradieses vernehme, das einst ihre selige Heimat war.

Merkwürdigerweise besaßen die Edeniten keinerlei Saiteninstrumente und so war ihnen Heinz' Geige etwas völlig Neues.

Immer wieder wurde der Jüngling gebeten, ihnen irdische Weisen vorzuspielen. Anfangs sträubte er sich, denn ihm schien auch das Höchste, was Erdenkunst erreicht hat, kaum wert, sich hören zu lassen vor Ohren, die eine Sphärenmusik gewohnt waren; so glaubte er, sein Spiel müsse den Gastfreunden minderwertig erscheinen, und nur aus Höflichkeit bäten sie ihn, sein schwaches Talent ihnen vorzuführen.

Bald aber merkte er, daß er sich darin irrte; höfliche Verstellung und Schmeichelei war diesen Menschen fremd und sie hielten mit ihrem Urteil nicht zurück, wenn ihnen ein Musikstück nicht gefiel.

Aber das Violinspiel an und für sich und die wunderbare Vortragsweise des jungen Künstlers übte einen mächtigen Zauber auf sie aus, und Heinz mußte außerdem erkennen, daß die unsterblichen Tondichtungen irdischer Meister sich durchaus nicht zu scheuen brauchten, auch in höheren Welten zu Gehör gebracht zu werden, daß sie vielmehr hier ein noch höheres Verständnis fanden und entsprechenden Genuß vermittelten.

Heliastra besonders konnte sich an diesen Klängen einer fernen Welt nicht satthören.

»Unsre Musik ist schön«, sagte sie, »und wir haben große Tonmeister gehabt und besitzen deren noch solche. Ihre Schöpfungen heiligen unsre Andacht und geben unserem Jubel Flügel; aber unsrer Musik fehlt etwas: ja, ihr mangelt der Reiz, der mich an der euren so völlig gefangen nimmt, die Wehmut, der Schmerz, die himmlische Sehnsucht, die geben euren Tonschöpfungen eine Seele, eine Wärme und Tiefe des Gefühls und Ausdrucks, daß ich glaube, selbst die Engel und Verklärten im Himmel könnten sich ihrem Banne nicht entziehen, noch ihnen ohne Bewegung und innerste Erschütterung lauschen. Oh, was muß das für eine Welt sein, wo der Schmerz sich in solchen Tönen verklärt und die Sehnsucht so ergreifenden Ausdruck findet!«

Gabokol begeisterte sich so sehr für die Violine, daß er beschloß, den Versuch zu machen, ein ähnliches Instrument herzustellen.

Er wählte das Holz eines Baumes, dessen Klangfarbe ihm zu diesem Zweck am passendsten erschien, und als Saiten zog er Pflanzenfasern auf, die sich vorzüglich hiezu eigneten. Im Bau ahmte er die Geige seines jungen Freundes aufs genaueste nach.

Er kam rasch mit der Arbeit zustande und nun erwies es sich, daß sowohl Holz als Saiten ungeahnte Vorzüge vor den irdischen Materialien aufwiesen.

Heinz versuchte sich sofort auf dem neuen Instrument: es war eine richtige Violine, aber sie ermöglichte eine solche Zartheit und wiederum eine solche Kraft des Tones und war von einem Zauber der Klangfarbe und Reinheit, daß keine Stradivari, Guarneri oder Amati sich entfernt mit ihr hätte vergleichen können.

Auch die Edeniten erkannten sofort, daß dies neue Instrument dem schon bisher so bewunderten Spiel ihres Freundes noch erhöhte Kraft und Schönheit, vertiefte Wärme und Innigkeit verlieh.

Daher bot Gabokol sein so überraschend gelungenes Kunstwerk Heinz zum Geschenk an, eine Gunst, die mit Jubel und Dankbarkeit angenommen wurde.

In der Folge baute Gabokol noch mehrere Violinen, die alle die gleichen trefflichen Eigenschaften besaßen, obgleich es sich auch hier zeigte, daß jedes neue Instrument seine besondere Eigenart in der Klangfärbung aufwies.

Dieser Erfolg bewog unsre Freunde, ihren Gastgeber auch in die besonderen Geheimnisse andrer Saiteninstrumente einzuweihen und so entstanden Cellos, Gitarren, Mandolinen, Zithern, Harfen und sogar ein Saitenklavier.

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