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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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45. Heliastra

Es war wunderbar, wie die Lebenslust Edens Körper und Geist frisch erhielt, stärkte und belebte!

Was ließ sich doch alles an einem Tage ausführen, kam doch zum siebenundzwanzigstündigen Sonnentag nach einer Dämmerstunde die achtstündige Rosennacht, in der noch keine Müdigkeit oder Schläfrigkeit aufkam!

Man ging zur Ruhe, wenn der blaue Mond bereits einige Stunden geleuchtet hatte; man erhob sich gestärkt und munter, ehe der grüne Mond sich zum Untergang neigte: acht bis neun Stunden Schlafs genügten allen Bedürfnissen, so daß der Tag, das heißt die Zeit des Wachens, mehr als 40 Stunden währte.

Was man bei der hier so gesteigerten Auffassungsfähigkeit in wenigen Tagen lernen konnte, merkten unsre Freunde besonders daran, daß sie bald die Sprache Edens verstanden und redeten, als sei sie ihnen von Kind auf bekannt gewesen. Freilich wäre dies nicht möglich gewesen, wenn nicht eben die Verwandtschaft mit der irdischen und namentlich mit der deutschen Sprache, die der menschlichen Ursprache so besonders nahe steht, gewesen wäre.

Eines Abends, als der Rosenmond sein märchenschönes Licht über die Landschaft ergoß, saß die nun so vertraute Gesellschaft auf dem Dache des Hauses.

Gabokol führte mit Schultze und Flitmore ein ernstes Gespräch, dem John andächtig lauschte, sich hier und da eine seiner wohlgesetzten Fragen gestattend.

Mietje unterhielt sich mit Bleodila und der gesetzten Glessiblora über das Leben und Treiben der Frauenwelt Edens.

Fliorot lauschte den fabelhaften Erzählungen des Kapitäns Münchhausen, der an dem Knaben einen eifrigen Zuhörer gefunden hatte.

Etwas abseits saßen Heinz und Heliastra und betrachteten den leuchtenden Sternenhimmel, der freilich den Augen der Jungfrau einer höheren Welt noch viel reichere Wunder offenbarte als dem Jüngling der irdischen Fernen.

»Ich liebe die Sterne so sehr!« sagte die kleine Elfe: »Wie viel leuchtende Sonnen hat doch Gott erschaffen und wie unzählig mögen die Wesen sein, die ihres Glanzes sich freuen! Den helleren Sternen haben wir Namen gegeben und ebenso den Bildern, die durch verschiedene einander scheinbar nahestehende Sterne entstehen, wenn man sie vereint betrachtet.«

»Genauso haben auch wir auf der Erde es gemacht«, erwiderte Heinz lächelnd.

»Nein, wie merkwürdig!« rief Heliastra erfreut: »Sieh einmal, dort am Horizont stehen vier Sterne, die einen viereckigen Leib bilden, von dem ein langer Hals emporstrebt; wir nennen das Sternbild, das wohl das deutlichste am Himmel ist, Ligela, nach dem langhalsigen Tier, das ihr Giraffe nennt, wie heißt denn ihr's?«

Heliastra hatte sich von Heinz fleißig in seiner Sprache unterweisen lassen und wußte schon alle Namen derjenigen irdischen Geschöpfe, die mit denen Edens einige Ähnlichkeit hatten.

»Wir nennen dies Sternbild den Wagen oder den Großen Bären«, erklärte der Jüngling: »Es gehört auch bei uns zu den bekanntesten.«

Heliastra schüttelte das Goldköpfchen: »Ligela klingt schöner«, meinte sie; »aber schau, dort drüben sind drei Sterne in einer Reihe und zwei darunter; dieses Bild nennen wir den Thron, Sissal, und den hellen Stern rechts unten Helor.«

»Wir heißen den letzteren Rigel, nehmen aber zum Sternbild noch jene beiden oberen Sterne, links Beteigeuze, rechts Bellatrix, und heißen das ganze Gebilde Orion.«

»Orion! Nein, welch schöner, klangvoller Name!« rief das Mädchen. »Aber paß auf: die beiden Sterne, die ihr Beteigeuze und Bellatrix benennt, wir aber Fluir und Saila, rechnen wir zum langgestreckten Bild der Schlange, Slipilil; ihr Kopf ist dort links das strahlende Gestirn Glorhel.«

»Das ist Sirius im großen Hund«, erklärte Heinz.

»Und das Schwanzende«, fuhr Heliastra fort, »ist dort rechts der helle Stern, an den sich mehrere kleinere in schönem Schwung anschließen; ersteren heißen wir Glizil.«

»Das ist Aldebaran im Stier und die kleine Gruppe die Hyaden.«

Noch eine ganze Reihe von Stern- und Sternbildernamen erklärten sich die beiden gegenseitig, wobei es sich freilich erwies, daß die Astronomen Edens meist andere Gruppierungen festgestellt hatten, als die irdischen. Genau übereinstimmend fanden sich außer dem großen Bären nur die besonders scharf begrenzten Bilder der Kassiopeia, die ein großes lateinisches W bildet und der Waage; diese beiden nannte Heliastra »Doppeldreieck« und »Amboß« oder Dutri und Kolgor.

Immer wieder mußte Heinz dann von der Erde und den Menschen erzählen, und Heliastra lauschte seinen Berichten wie Wundermären aus einer fernen Märchenwelt.

Und wenn er von den Leiden, Fehlern und Leidenschaften der irdischen Geschöpfe berichtete, von den Schrecken und Gefahren, von Unglück und Verbrechen, die den Frieden und das Glück der Erdenbewohner trübten, da offenbarte sich ihm das tiefe Gemüt, das sich hinter dieses Sonnenkindes schelmischem Wesen barg.

Denn die Liebliche empfand ein so tiefes Mitleid mit ihren fernen Brüdern und Schwestern, daß ihre Himmelsaugen in Tränen schwammen; und die Sünde und Verworfenheit kam ihr noch als das allerbemitleidendste Elend vor, unter dem die armen Geschöpfe zu leiden hätten.

»Oh«, rief sie aus: »Wie viel höhere und edlere Aufgaben, Arbeit und Tätigkeit ist doch euch zugewiesen, die ihr Schmerzen zu lindern, Übel zu bekämpfen und Schlechtes zu überwinden habt! Wir streben ja auch der Veredlung und Vollkommenheit zu, aber die Schwierigkeiten, mit denen ihr zu rechnen habt, sind uns unbekannt: bei euch muß das Leben ein wahres Heldentum sein. Nur einmal möchte ich auch hineinversetzt werden in all dies bejammernswerte Elend, um mit euch kämpfen und siegen zu können.«

»Oh, wünsche das nicht!« sagte Heinz, das zarte Geschöpf in seiner verklärten Begeisterung wehmütig betrachtend: »Wie viel glücklicher seid doch ihr!«

»Meinst du? Ich fühlte mich wohl wunschlos glücklich, so lange ich nichts ahnte von Leiden, wie du sie zu schildern weißt. Nun aber ist ein heißer Wunsch, ein brennendes Verlangen in meiner Seele erwacht: ist es nicht das höchste Glück, trösten, lindern, helfen zu dürfen, wo das Elend zum Himmel schreit?«

»Und dann Undank ernten und von denen, mit denen man es so gut meinte, verhöhnt und gequält zu werden, wie es unserm Heiland erging?«

»Glaubst du nicht, es sei das Schönste, auch Unrecht zu leiden, nach dem Vorbild des Gottessohns, von dem du so himmlisch Großes und Herrliches zu erzählen weißt? Und dann weiß ich doch, du und deine Freunde, ihr würdet nicht spotten und mir mit Undank vergelten; ihr wäret meine treuen Mithelfer und Mitdulder. Oh, Freund, es müßte wahrhaft schön sein!«

Heinz betrachtete voll Bewunderung dieses ätherische Wesen, das sein beneidenswertes Glück mit Freuden geopfert hätte, um Lichtstrahlen denen zu spenden, die ihre Finsternis mehr liebten als das Licht!

Ja, wer an der Seite solch einer Seele hätte arbeiten können an der Beglückung der Gequälten und Verirrten!

Heinz hatte schon den Wunsch empfunden, für immer in dieser neuen Welt des Friedens zu weilen und nie wieder in das Elend der Erde zurückzukehren. Aber die hochherzige Gesinnung dieses Mädchens ließ ihn sich seiner eigennützigen Fluchtgedanken schämen: nein! Er mußte zurückkehren auf die Erde als ein Kämpfer für Licht und Glück!

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