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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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38. Die Wunder Edens

»Ah! Herrlich! Köstlich! Wunderbar!« klang es in Verzückung von aller Lippen, als die Luft voll herber Frische und gleichzeitig erfüllt von beinahe betäubenden aromatischen Düften durch die geöffnete Türe hereinflutete.

Die ganze Gesellschaft eilte hinaus, die Strickleiter hinabzuklimmen und die Landschaft, die sie von unten her anlachte, übte einen solchen Zauber auf sie aus, daß sie wirklich nicht wußten, ob das ein Traumbild sei oder Wirklichkeit sein könne.

Übrigens überkam alle das seltsame Gefühl, als ob der Abstieg einen ganz außerordentlichen Kraftaufwand erfordere und wirklich eine Kletterpartie darstelle, die mühsam und ermüdend hätte sein müssen, wenn der ozonreiche Äther, den sie atmeten, sie nicht mit solcher morgenfrischer Jugendkraft und überschwellender Lust, die neuen Kräfte zu betätigen, erfüllt hätte, daß ihnen jede Anstrengung ein wahres Wonnegefühl verursachte und von Ermattung keine Rede sein konnte.

Münchhausen, der letzte beim Abstieg, empfand diese fremdartigen, erhebenden Gefühle am deutlichsten, wie es bei seinen schwerfälligen Körperverhältnissen begreiflich war.

»Ich schwebe!« rief er wonnetrunken aus: »Ich fühle mich leichter als eine Feder! In meiner zartesten Jugend fühlte ich mich nie so frisch. Ich bin mehr als verjüngt, wirklich neugeboren: so wenig Gewicht spüre ich mehr, daß ich kaum herabkomme; es ist mir, als könnte ich fliegen!«

Man mußte lachen, wenn man seine wuchtige, massige Gestalt ansah und ihn so von Leichtigkeit und Flugfähigkeit reden hörte und Schultze rief ihm zu:

»Na! Eine Kugel, wie Sie, Kapitän, sich schwebend vorzustellen, ist ein unbezahlbarer Gedanke! Verzeihen Sie mir meine unhöfliche Heiterkeit, aber ich kann nichts dawider. Nein! Wenn uns Lady Flitmore entschwebte, so wäre dies höchst bedauerlich und schmerzlich für uns, doch nicht so gar erstaunlich bei der Leichtigkeit, die wir hier, wie es scheint, alle verspüren; aber Ihr Entschweben macht uns noch keine grauen Haare.«

»Na, na!« bruddelte Münchhausen in komischer Entrüstung, als er jetzt den Boden betrat: »Sie bleiben doch stets unvernünftig, einsichtslos und zweifelsüchtig, oller Professor! Warten Sie nur ab, ob Sie nicht noch zu Ihrer Beschämung oder zu Ihrem Entsetzen das Wunder erleben, daß Kapitän Hugo von Münchhausen Ihren Blicken entschwebt gleich einer luftigen Sylphide, so gerne Sie ihn zurückhalten möchten.«

Der Kapitän als luftige Sylphide! Dieser Vergleich war gar zu köstlich, um nicht ein allgemeines schallendes Gelächter zu erwecken.

Münchhausen stimmte zwar mit ein, protestierte aber doch weiter: »Wegen meiner etwas kugeligen Gestalt trauen Sie mir das Fliegen nicht zu? Da sieht man wieder, wie wenig Logik die Menschen haben! Was ist denn runder, voller, kugeliger als ein Luftballon? Kann der etwa deshalb nicht steigen und schweben, he?«

»Ja, Kapitän«, entgegnete Heinz: »Aber Sie sind doch nicht durch Wasserstoff zu solcher Fülle gebläht?«

»Viel mehr als luftiges Gas wird meine Leibeshülle zur Zeit nicht enthalten«, behauptete der Schalk: »Wenigstens fühle ich mich ganz leer und ausgehungert, obgleich es eine Schande ist, dies zu gestehen angesichts dieser paradiesischen Landschaft. Jedenfalls werde ich ihren ganzen Zauber erst dann voll zu würdigen verstehen, wenn ein ordentliches Frühstück mir den nötigen Halt gegeben haben wird. He, John! Du hast doch die Eßvorräte nicht vergessen.«

»Nein, wertester Herr von Kapitän«, beeilte sich dieser zu versichern: »Wie könnte ich mir gestatten dürfen, solcher Pflichtvergessenheit mich schuldig machen zu können: schon habe ich allbereits den Semaphor angesteckt.«

Dabei wies er auf den dickbauchigen Samowar, die russische Teekochmaschine.

»Semaphor ist wieder gut!« lachte Schultze: »Du bist doch ein urgelungener Kerl, John. Ein Semaphor ist nämlich ein Zeichentelegraph und ein Samowar nicht ganz genau dasselbe.«

»Ach, Herr Professor«, entschuldigte sich Rieger: »Diese chinesischen Ausdrücke kann ich sozusagen nicht genau behalten, weil die chinesische Sprache in meiner Schule nicht gelernt wurde und Sie verstehen ja schon, ob ich nun Semaphor oder Samopher sage, was ja ziemlich einerlei klingt.«

Der gebildete Diener wußte nämlich, daß der Tee aus China stammt und glaubte daher, der fremdartige Name der Teemaschine müsse chinesisch sein.

»Er hat gar nicht so unrecht mit dem Semaphor«, nahm ihn der Kapitän in Schutz: »Die aufsteigenden Dämpfe des biedern Kessels sind wahrhaftig telegraphische Zeichen, die von ferne einen köstlichen Labetrank ankündigen.«

Bald saßen alle mit dampfenden Teetassen und kräftiger Zuspeise zur Hand da, obgleich sie außer dem Kapitän vor lauter Entzücken über die Wunder ihrer Umgebung kaum ein leibliches Bedürfnis verspürten.

Das Auge mußte aber auch trunken sein von der Pracht und Lieblichkeit, die ihm hier in unendlicher Mannigfaltigkeit entgegenstrahlte.

Da war zunächst die Flur, auf deren weichem Teppich man lagerte.

»Ein weicher Teppich«, das war hier keine bloße Redensart: tatsächlich waren diese fein gefiederten Gräser in ihrem durchsichtig leuchtenden Grün so weich wie Flaum und Daunen.

Und die Blumen dieser herrlichen Wiesen! In allen Farben leuchteten sie; doch was ihnen den ganz besondern Reiz gab, war ihre unendliche Zartheit, die selbst die Frühlingsblüten der Erde in Schatten stellte. Wie ein Lichthauch, wie ein körperloser Duft, so wiegten sich diese Sterne und Kelche in der balsamischen Luft, die von ihren tausend Wohlgerüchen erfüllt war.

So durchsichtig zeigten sich die Blütenblätter, daß man tatsächlich wie durch feinstes buntes Glas den Hintergrund deutlich durchschimmern sehen konnte; je nachdem aber das Licht auffiel, wurde es in den zartesten Farben zurückgeworfen, so daß farbige Strahlenbündel von den Blüten auszugehen schienen, obgleich sie nichts von eigener Leuchtkraft besaßen und sich hiedurch von den Wunderblumen der Tipekitanga wesentlich unterschieden; dennoch erschienen sie, wenigstens bei Tag, unendlich reizvoller als diese.

Diese fremdartige und doch so über die Maßen entzückende Durchsichtigkeit schien überhaupt der Pflanzenwelt des paradiesischen Planeten ihre besondere Eigenart zu verleihen. Dort erhoben sich Büsche mit großen, prächtigen Blumen, gleich Glocken herniederhängend, gleich Tellern und Schalen schwebend, gleich kleinen Ballons oder Seifenblasen in runden, ovalen, zylindrischen oder zusammengesetzten Formen emporstrebend; im Hintergrunde ragten Wälder von früchtebeladenen Bäumen empor, teils schlanke, teils knorrige Stämme mit Zweigen voll Anmut im Schwunge der Linien, mit Blättern gleich durchbrochenen Spitzen in allen erdenklichen Musterungen; und das alles blinkte und glitzerte, wo es das Licht zurückwarf, während es vollkommen durchsichtig erschien, wo die Strahlen hindurchdrangen.

Dabei wirkten diese durchsichtigen Formen vielfach wie Kristalle und Prismen, brachen tausendfach die Lichter in allen Regenbogenfarben, wodurch je nach der eigenen Färbung des Gegenstands und der Farbe der durchscheinenden Strahlen die wundersamsten Tönungen und zartesten Mischungen zustande kamen, so daß selbst die tiefsten Schatten das Auge durch ihren Farbenreichtum erfreuten.

Und nun erst der See, dieses lachende Himmelsauge! Ein Blau von einer auf Erden nie zu schauenden Tönung, ein Hauch, ein Duft von Saphir schien seine Grundfarbe auszumachen und hart am Ufer war er so durchsichtig, daß die bunten Sandkörner am Grunde einzeln zu sehen waren; wo sich aber die Farbenstrahlen, die sich rings in der Luft kreuzten und mischten, in seinen Wassern spiegelten, da entstanden Flächen von verschiedenster Färbung und das Auge irrte umher und wußte nicht, wo es am schönsten sei, und dann wurde es wieder gefesselt von dem Goldglanz, von dem Silberschimmer, von dem Rosenhauch da und dort, als ob es sich nicht mehr loszureißen vermochte von dem märchenschönen Anblick.

Aber es mußte wieder los: die Inseln und Inselchen, der wunderbare Linienschwung der Ufer, die Buchten und Landzungen, die fernen jenseitigen Küsten, die Hügelränder und die erhabenen Felsenmauern mit ihren zackigen Kämmen und seltsamen Formen, – das alles heischte sein Recht und nötigte zu immer neuen Ausrufen des Staunens.

In jedem Augenblick glaubte irgendwer in der Gesellschaft etwas Neues entdeckt zu haben, das alles bisher Geschaute in Schatten stellte, und man machte einander aufmerksam darauf und Augen und Seelen feierten einen ununterbrochenen Festtag beseeligenden Genießens.

»Eden, Eden!« rief Flitmore aus, der völlig aus seiner gewohnten kaltblütigen Ruhe gerissen war. »Welch andre Benennung könnten wir finden, um diesem Paradiese seinen gebührenden Namen zu geben? Und wäre der ganze Planet sonst eine trostlose, abschreckende Wüste, dieser eine Fleck rechtfertigt es, daß wir ihn mit dem Namen des Landes bezeichnen, das den Garten des Paradieses umschloß.«

»Recht haben Sie«, rief der Professor seinerseits: »Eden soll dieser neue Planet heißen!«

Stunden vergingen, ehe der Bann des Schauens und Bewunderns soweit gebrochen war, daß Heinz den Vorschlag machen konnte, nun endlich eine Entdeckungswanderung zu unternehmen, da man lange genug der Ruhe gepflogen habe.

Alle waren damit einverstanden, denn eine jugendliche Unternehmungslust, gepaart mit neugierigem Forschungstrieb, beseelte selbst die älteren Herren. Nur der Kapitän erhob wieder Einspruch, indem er die Uhr zog.

»Wir sitzen nun hier geschlagene vier Stunden«, sagte er: »Die Zeit ist uns freilich wie im Fluge vorbeigegangen, da wir genug zu schauen und zu genießen hatten. Nur an meinem Magen ging sie nicht spurlos vorüber. Es ist lange her seit dem Frühstück und ich stimme für ein Mittagsmahl.«

»Sie unverbesserlicher Genießer!« schalt der Professor. Flitmore aber sagte: »Unser Freund hat recht, erledigen wir zuvor dieses leibliche Bedürfnis, dann können wir unsre Entdeckungsreise um so länger ausdehnen. Es wäre schade, wenn eintretender Hunger uns frühzeitig zu deren Unterbrechung oder gar zur Rückkehr nötigte.«

So wurde denn zuvor das Mittagsmahl bereitet und getafelt unter steter Heiterkeit und in dauernd gehobener Stimmung, eine Wirkung, welche der wunderbaren Luft und der herrlichen Landschaft wohl mit Recht zugeschrieben werden konnte.

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