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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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37. Eine neue Erde

Die Sannah stürzte auf Alpha Centauri zu. Je näher sie den beiden Sonnen kam, desto größer erschienen diese und desto weiter ihr Abstand voneinander.

Auf dem Wege zu ihnen aber befand sich ein weiß leuchtender Stern, den Schultze durch das Fernrohr als einen dunkeln Planeten erkannte, der im Lichte seiner beiden Zentralsonnen erstrahlte und Phasen zeigte wie der Mond. Der Professor berechnete seinen Umfang auf das Doppelte des Erdumfangs und seine Umdrehungszeit auf 50 Stunden.

»Das soll unser nächstes Ziel sein«, erklärte Flitmore: »Wir haben nach dieser ungeheuerlichen Reise wohl alle das Bedürfnis, einen Ruhepunkt im Weltall zu suchen, und wenn wir finden, daß dieser verheißungsvolle Planet uns die notwendigsten Lebensbedingungen bietet, so soll er für die nächste Zeit unser Aufenthaltsort sein; dann sind wir vorerst geborgen.«

»Ja«, ergänzte Münchhausen, »und können uns den Kopf zerbrechen, wie wir es anstellen sollen, den Weg zu unserer armseligen Erde zurückzufinden! Mich beschleicht wenigstens öfters ein stilles, wehmütiges Heimweh nach unserem fernen Planeten; aber Gott allein weiß, ob wir ihn jemals wiedersehen werden! Offen gestanden, mir täte es leid, wenn er uns ewig entrückt bleiben sollte.«

»Schade wäre es«, gab Schultze zu, »schon deshalb, weil wir das Wissen der staunenden Menschheit dann nicht durch den Bericht unserer großartigen Entdeckungen bereichern könnten; auch könnte es dann Jahrhunderte dauern, bis wieder einer auf unseres Lords großartige Erfindung käme und der Verkehr zwischen der Erde und den Planeten ihres Sonnensystems angebahnt würde. Andererseits eilt es mir jedoch durchaus nicht mit der Heimkehr, denn ich ahne, daß uns noch die wunderbarsten Entdeckungen bevorstehen.«

»Glauben Sie, daß der Planet, dem wir uns nähern, bewohnt sein könnte?« fragte Mietje, der es am meisten Freude gemacht hätte, wieder mit Wesen menschlicher Art zusammenzutreffen und die mit einem Gefühl des Grauens an den Saturn zurückdachte und nicht minder an den Mars, wo nur Ungeheuer und widerliche Scheusale eine sonst öde Welt bevölkerten.

»Möglich ist alles«, entgegnete der Professor bestimmt. »Selbst Snyder, der nur an die allmächtige tote Natur und an die Allweisheit ihrer Unvernunft glaubt, kann nicht umhin, zu erklären: ›Nur ein Tor könnte glauben, daß im unendlichen Räume die schrankenlos schaffenden Gewalten des Weltalls zur Bildung einer einzigen bewohnten, von einer Sonne erleuchteten Welt geführt hätten.‹ Der große Geometer Lambert ging noch weiter und sagte, da uns das Mikroskop offenbare, daß auf der Erde alles bewohnt sei, müsse auch im Weltall alles irgendwie Bewohnbare bewohnt sein.«

»Ja, das Bewohnbare!« warf Heinz ein: »Das haben wir ja auf dem Mars und Saturn selber gesehen, obgleich auf ersterem die vernünftigen Wesen ausgestorben scheinen, auf letzterem noch nicht vorhanden sein dürften. Aber wir werden doch annehmen müssen, daß auch in den Verhältnissen der unzähligen Planeten unendliche Verschiedenheit herrscht: auf dem einen mag unerträgliche Hitze, auf dem andern unmenschliche Kälte das Leben unmöglich machen; einer kann allzuschroffe klimatische Unterschiede, ein anderer eine ungünstig beschaffene Atmosphäre haben und was dergleichen mehr ist.«

»Gewiß! Das geben wir alles zu«, meinte Schultze: »Das alles schließt aber das Leben nicht aus, nicht einmal das Vorkommen vernünftiger Wesen. Denken Sie doch daran, wie es schon auf Erden Lebewesen gibt, die ungeheure Kälte- oder Hitzegrade unbeschädigt zu ertragen vermögen. Früher war man der Ansicht, das Vorkommen von Lebewesen in größeren Meerestiefen sei schon infolge des ungeheuren Wasserdrucks unbedingt ausgeschlossen. Heute weiß man, daß ein sehr mannigfaltiges Leben auf dem Meeresgrunde herrscht, und daß die Tiefseegeschöpfe eben in wunderbarer Weise den Bedingungen angepaßt sind, unter denen sich ihr Leben abspielt. So sagt denn auch der eben genannte Lambert, die lebenden Wesen auf den verschiedensten Weltkörpern werden eben auch den dort herrschenden Verhältnissen entsprechend gebaut und eingerichtet sein, und dagegen läßt sich einfach nichts einwenden.«

»Immerhin hat Lambert eine kühne Phantasie entwickelt«, sagte Flitmore: »Ich will ja gewiß nichts dawider sagen, auch die kühnsten Phantasien können mit der Wirklichkeit zusammentreffen. Er scheint sich etwa gedacht zu haben, daß die Menschen nach dem Tode mit einem Leibe versehen würden, der ihnen das Fortleben auf andern Weltkörpern gestatte, und daß sie dann eben dahin kämen, wo der für sie geeignetste Ort sei. So meinte er zum Beispiel, die Kometen wären der geeignetste Aufenthaltsort für Astronomen und Jahrhunderte müßten ihnen dort sein wie uns kurze Stunden.«

»Unrecht kann ich ihm nicht geben«, erwiderte der Professor: »Verdanken wir es nicht einem Kometen, daß wir bis in die Fixsternwelt vordringen konnten? Welch ein erhebender Gedanke für einen Sternkundigen, mit einem Kometen die unergründlichen Tiefen des Weltalls in nie endender Fahrt zu durchreisen und immer neue Entdeckungen machen zu können, oft aus nächster Nähe zu schauen, was er auf Erden kaum ahnen konnte!

Gauß wies sogar den Gedanken nicht von der Hand, man könne sich mit den Mondbewohnern in Verkehr setzen, dadurch, daß man durch die Bodenkultur auf einer größeren Ebene der Erde die Figur des pythagoräischen Lehrsatzes darstelle, indem durch breite Streifen hellgelber Kornfelder schwarze Waldvierecke eingerahmt würden. Ja, man vermutete schon im Ernst, die Marsbewohner bemühten sich, uns ähnliche Zeichen zu geben.

Nüchterner zeigt sich Klein, wenn er sagt, wahrscheinlich sei nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Planeten mit vernünftigen Wesen bevölkert; da aber die Zahl der Planeten nach Hunderten von Millionen zählen dürfte, könne dies immerhin eine ganz bedeutende Zahl sein. Er sagt ferner: ›Viele darunter mögen von Wesen bewohnt sein, die uns selbst in geistiger Beziehung weit überragen. Hier dürfen wir unserer Phantasie frei die Zügel schießen lassen und überzeugt sein, daß die Wissenschaft keinerlei Beweis weder für noch gegen die Richtigkeit eines ihrer Gebilde liefern werde.‹«

»Und dabei ist zu berücksichtigen«, schaltete Flitmore ein, »daß Klein lediglich solche Weltkörper in Betracht zieht, die menschlichen Wesen wie uns ohne besondere Anpassung die nötigen Lebensbedingungen gewähren würden.«

»Für uns kommen zunächst auch nur solche in Betracht«, sagte Schultze: »Jedenfalls können wir zur Zeit keinem Planeten einen Besuch abstatten, auf dem wir nicht leben und atmen können, und mag er mit noch so wunderbar angepaßten Lebewesen bevölkert sein, für uns ist es ausgeschlossen, sie kennen zu lernen, so lange es uns an der notwendigen Anpassung fehlt.«

»Höchstens von der Sannah aus könnten wir sie beobachten«, meinte Heinz.

»Kein übler Gedanke«, war des Professors beifällige Erwiderung. »Jedenfalls glaubten viele große Astronomen an die Bewohntheit der Planeten sogar im irdischen Sonnensystem: Huyghens, Littrow und viele andere halten sie für sehr wahrscheinlich und heute noch kann nichts Entscheidendes dagegen vorgebracht werden.«

Anderntags war man dem neuen Planeten so nahe gekommen, daß man schon an den Schattenflecken und an den Zacken seines Randes die Gebirge erkennen konnte, die sich teilweise zu ganz ungeheuren Höhen erhoben; weite blitzende Flächen verrieten die Meere, und gegen Abend nach irdischer Zeitrechnung entdeckte man die Färbung des bewachsenen Landes und erschaute spiegelnde Seen und silberglänzende Flußläufe.

Flitmore erkannte die Notwendigkeit, durch zeitweise Unterbrechung des Zentrifugalstroms die Annäherung, die mit wachsender Geschwindigkeit erfolgte, zu verzögern.

Er gönnte sich nur kurze Ruhe, während welcher Heinz das Weltschiff abwechselnd sinken und steigen ließ. Dann löste der Lord den jungen Mann in seinem Wächteramt ab und übernahm selber die letzten Maßregeln, um eine sanfte, gefahrlose Landung zu sichern.

Als Flitmore annehmen konnte, daß die Sannah schon ziemlich tief in die Atmosphäre des Planeten gesunken sei, schaltete er den Fliehstrom ein und begab sich nach außen. Bei ausgeschaltetem Strom wäre das Hinausgehen gefährlich gewesen, weil nicht mehr der Mittelpunkt der Sannah, sondern derjenige des Planeten die Schwerkraft durch seine Anziehung beeinflußt hätte, und somit ein Absturz vom Weltschiff dem Unvorsichtigen hätte drohen können.

Als der Lord hinaustrat, stieg die Sannah unter dem Einfluß der Zentrifugalkraft zunächst noch mit mäßiger Geschwindigkeit empor.

Es war eine köstliche Luft, die da draußen wehte, ja sie schien Flitmore etwas ganz besonders Einschmeichelndes und Belebendes zu besitzen, wie keine Luft, die seine Lungen bisher geatmet hatten. Ein unbeschreibliches Wohlgefühl erfüllte ihn, als er diesen balsamischen Äther einsog, der von fremden, wunderbar wonnevollen Wohlgerüchen durchdrungen schien.

Da war kein Zweifel, das war nicht mehr die gewöhnliche Lufthülle der Sannah, das war eine ganz neue, unbekannte Atmosphäre, der man sich jedoch ohne alle Bedenken anvertrauen durfte.

Nachdem der Lord dies festgestellt, eilte er wieder zurück, so gerne er länger draußen geweilt hätte. Es galt jetzt, rasch und umsichtig die Landung zu vollziehen, dann konnte man ja diesen köstlichen Äther zur Genüge genießen.

Flitmore weckte Schultze.

»Ich möchte Sie bitten, Herr Professor«, sagte er, »nach den Klingelzeichen, die ich Ihnen geben werde, den Strom ein- und auszuschalten; ich will mich in das Antipodenzimmer ins Beobachtungsnetz begeben, von wo ich die Landschaft unter uns überschauen kann. So kann ich dafür sorgen, daß wir an einem günstigen Platze landen.«

Als der Lord sich auf seinen Posten begeben hatte, sah er, daß das Weltschiff über einem Hochgebirge schwebte, dessen Kamm schon so nahe war, daß man über seine Ränder hinweg die umgebende Landschaft nicht mehr zu erschauen vermochte: nur in weiten Fernen erblickte man hügeldurchzogene Ebenen und ausgedehnte Meere, ohne weitere Einzelheiten erkennen zu können.

Er besann sich, ob er nicht wieder aufsteigen wollte, bis die Rotation des Planeten ebenes Land unter die Sannah gebracht hätte; doch war es schließlich nicht einerlei, wo man landete? Und unter ihm lachte ein so himmlisch entzückender See, umgeben von märchenschönen Ufern in leuchtender Blütenpracht, daß er dachte, es könne wohl kaum einen schöneren Fleck geben als eben den, welchen der Schöpfer ihm hier vor Augen führte.

So gab er denn die Zeichen zum Einschalten der Fliehkraft nur so weit es notwendig war, um den Absturz zu mildern, und nach wenigen Minuten sank die Sannah sanft nieder auf eine blumenreiche Aue am Ufer des Sees.

Das Fenster des Antipodenzimmers berührte den Boden; Flitmore konnte nichts mehr sehen, eine kaum merkbare Erschütterung zeigte die glatt vollzogene Landung an: das Weltschiff hatte festen Fuß gefaßt und ruhte sicher auf dem fremden Planeten.

Nun begab sich Flitmore hinauf und fand die ganze Gesellschaft ermuntert und voll Begier, zu schauen, was sich ihr nun offenbaren würde.

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