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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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35. Ein Wunder

Schultze, der der Öffnung ganz nahe stand, spürte einen frischen Luftzug herein wehen!

Obgleich sich da selbstverständlich alle und jede Wissenschaft aufhörte, sprach er doch kein Wort, sondern sperrte Mund und Nase auf, um die köstliche, belebende Luft in seine Lungen aufzunehmen.

»Nein! Herrscht bei Ihnen eine abscheuliche Stickluft«, rief John herein, indem er den Kopf in die Luke steckte: »Kommen Sie doch schnell alle heraus.«

»Kannst du denn schnaufen im luftleeren Raum?« rief der Kapitän von unten: er war empört, denn es schien ihm, als treibe der Diener einen höchst unangebrachten Scherz mit ihnen. Vielleicht hatte er den Verstand verloren, der arme John! Oder war er schon ein Verstorbener, ein Geist, der keiner Luft bedarf? Münchhausen jedenfalls brauchte noch Luft zum Leben, das spürte er nur zu sehr!

John aber rief herab: »Es herrschen ja sozusagen die herrlichsten atemsphärischen Verhältnisse hier draußen! Wirklich, werter Herr Kapitän, eine köstliche Atemsphäre, und das Merkwürdigste ist, man fällt gar nicht herunter von der Sannah: ich bin vom Nordpolfenster bis hier heraufgestiegen, wie ich der Meinung nach gesagt haben würde, aber in Wirklichkeit konnte ich von einer Steigung nichts verspüren: überall war ich oben und wenn ich dann meinte, ich müsse mit größter Vorsichtigkeit an der Rampe hinunterklettern, weil es überall rund hinunter ging, so war das auch wieder gar nicht so und keinerlei Redensart von einem vorhandenen Abstieg, sondern immer nur oben. Die Affen springen um die ganze Sannah rings herum, daß man meint, jetzt fallen sie, jetzt stürzen sie ganz ins Weite; aber sie bleiben unentwegtermaßen in vollster Aufrichtigkeit ihrer leiblichen Haltung.«

Den letzten Teil seiner sprudelnden Rede hielt John an Professor Schultze hin, der inzwischen hinausgeklettert war und nur atmete, atmete.

Jetzt nahm er endlich das Wort: »Daß man um die ganze Sannahkugel herumlaufen kann, ohne in den Weltraum zu fallen, das hat seine Richtigkeit und selbstverständlich befinden wir uns an ihrer Oberfläche überall oben. Aber daß im luftleeren Weltraum eine so tadellose Luft vorhanden ist, das kann absolut nicht stimmen und geht nicht mit rechten Dingen zu: Da hört sich ja einfach alle Wissenschaft auf!«

Nun war es heraus!

Jetzt aber wandte er sich zurück und rief in die Stube hinab:

»Was wollt Ihr denn dort unten noch länger mit der Atemnot kämpfen? Macht, daß ihr herauskommt: tatsächlich ist hier draußen eine Luft, die lebendig und gesund macht! Es ist zwar selbstverständlich ein unmöglicher Umstand und die reinste Torheit, es zu glauben, aber ich versichere euch, es ist doch so, tatsächlich so!«

Unterdessen hatte der frische Luftzug von oben seinen Weg nach unten gemacht und war auch Flitmore, Heinz und Münchhausen in die Nasen gedrungen.

Da raffte sich der Kapitän auf und bewegte seine Leibesmasse schwerfällig empor, um die köstliche Atmosphäre aus erster Hand zu genießen.

Als er mit Kopf und Brust aus der Luke emporgetaucht war, blieb er atemlos stehen und stützte sich mit den Armen auf den Türrahmen. Und jetzt atmete und pustete er wie eine Dampfmaschine.

»He!« mahnte Schultze: »Machen Sie, daß Sie vollends herauskommen!«

Münchhausen schüttelte den Kopf: »Muten Sie mir keine übermenschlichen Anstrengungen zu. Hier will ich verschnaufen. Ah, herrlich, köstlich!«

»Aber Mensch! Wenn Sie mit Ihrem Bauch die ganze Luke verstopfen, müssen die dort unten elendiglich umkommen! Haben Sie denn gar kein Mitleid mit Ihren Nebenmenschen?«

»Ja so!« stammelte der Kapitän beschämt: »Da dachte ich ja gar nicht daran vor lauter Lebensluft, die mir zuströmt.« Und nun krabbelte er vollends heraus.

Jetzt kamen der Lord und Heinz nach, die Mietje an die freie Luft empor trugen.

Die Lady war noch immer ohnmächtig, als sie aber draußen in die sauerstoff- und ozonreiche Luft gebettet wurde, kam sie bald zu sich und fühlte sich nach kurzer Zeit so gekräftigt, daß sie sich zu erheben vermochte.

Nun wurde ein Spaziergang rings um das Weltschiff gemacht, ein köstlicher Spaziergang! Dabei wurden sämtliche irgend vorhandenen Luken geöffnet, um die verdorbene Luft entweichen und die frische Atmosphäre einströmen zu lassen.

»Und sagen, daß wir um ein Haar allesamt elend erstickt wären, da uns die Lebensluft doch rings umgab!« sagte Münchhausen. »Gestorben wären wir, nur weil wir nicht wußten, daß es eigentlich gar keine Not hatte! Hätte John nicht zufällig, oder besser durch göttliche Fügung, den Gang ins Freie angetreten, unsre Unwissenheit hätte uns das Leben gekostet.«

»Es ist aber auch rein unerklärlich, wie wir in einen mit Luft erfüllten Winkel des Weltraums geraten konnten«, meinte der Professor. »Es war gewiß niemand zuzumuten, daß er auf diesen himmelfern liegenden Gedanken käme.«

»Doch!« widersprach Flitmore nachdenklich: »Eigentlich hätte ich daran denken, ja es bestimmt wissen sollen. Sie haben da wieder ein Beispiel dafür, Professor, wie wir Menschen, die wir uns so gar gescheit dünken, mit Blindheit geschlagen sind, und oft nicht einmal die nächstliegenden vernünftigen Folgerungen zu ziehen vermögen aus dem, was wir bereits erkannten.«

»Wieso denn?«

»Nun, ich setzte Ihnen doch auseinander, daß meiner Ansicht nach der Stoff, der den Weltraum erfüllt, nichts andres sein kann als verdünnte Luft und daß jeder Planet oder vielmehr jeder rotierende Körper durch seine Umdrehung und Anziehungskraft die Luft um sich her verdichtet und sich so mit einer Lufthülle umgeben muß.

Welcher Schluß lag nun näher, als daß dies auch bei unsrer Sannah der Fall sein müsse? Warum sollte sie sich nicht auch mit einer Atmosphäre umgeben, die sie aus dem Weltraum an sich riß?«

»Nein!« rief Schultze, sich an die Stirn schlagend: »Solch ein alter Esel, wie ich bin! Und solch einen Menschen tituliert man Professor! Die Sache ist ja sonnenklar! Bei unsern Landungen merkten wir natürlich nichts davon, weil wir die Sannah erst verließen, wenn sie sich in der Atmosphäre eines Weltkörpers befand. Aber hätten wir in der Zwischenzeit nur auch ein einzigesmal eine Luke ein klein wenig geöffnet, so wäre uns frische Luft entgegengeströmt!«

»Natürlich«, sagte der Lord wieder, »das wagten wir nicht, daran dachten wir überhaupt nicht, weil wir stets im Wahne befangen waren, dort außen gebe es keine Luft, die wir atmen könnten, vielmehr umlaure uns Tod und Verderben und lediglich der luftdichte Abschluß aller Luken, der das Entweichen der Innenkraft verhindre, schütze uns vor dem Erstickungstod.«

»Ich konnte das ja natürlich nicht ahnen«, sagte Münchhausen, »aber daß unser Lord und vor allem Sie, allerweisester unter den Professoren, nicht so weit dachten, das ist eine Schmach für die ganze Menschheit. Was? Da halten Sie uns eingeschlossen wie in einem Bergwerk oder in einem Unterseeboot, bis wir beinahe erstickt sind, statt zu sagen: Na, Kinder! Machen wir die Pforten auf, spazieren wir hinaus, ein wenig frische Luft schöpfen? Heinrich Schultze, Sie reden immer vom Aufhören aller Wissenschaft, wenn Sie nur erst einmal des Wissens Anfänge inne hätten!«

»Wenn ich mir erlauben darf, richtig verstanden zu haben«, mischte sich John jetzt in die Unterhaltung, »so schiene mir aus Ihren respektiven Reden ersichtlich zu sein, als ob diese Luft auch sonst früher vorhanden gewesen sein müßte.«

»Gewiß«, sagte Flitmore, »seit unsrer Abfahrt von der Erde besitzt unsre Sannah eine regelrechte Atmosphäre, die sich unaufhörlich aus dem Raumstoff ergänzt und erneuert.«

»Ah!« rief Lady Flitmore: »Da hätten wir ja schon öfters solche prächtigen Spaziergänge im Freien machen können. Schade, daß wir's nicht wußten; aber jetzt wollen wir's nicht wieder versäumen.«

»Nein, meine Liebe«, sagte der Lord. »Vor allem aber wollen wir Gott danken, daß er uns das, was uns zuvor nur als eine Annehmlichkeit erschienen wäre, im Augenblick der äußersten Not erkennen lehrte, da es unser aller Leben rettete!«

Entzückend war der Wandel im Freien wahrhaftig zu nennen; nicht nur wegen der gesunden Luft, die begreiflicherweise anfangs allen das Wichtigste war, sondern auch wegen der wechselnden Aussicht, die man auf den Sternenhimmel genoß.

Die Oberfläche der Kugel mit ihren etwas mehr als 63½ Ar bot Raum genug, sich zu ergehen; der Umfang von 141,3 Metern gestattete, in zwei Minuten die ganze Sannah in beliebiger Richtung völlig zu umwandeln.

So konnte man den gesamten Sternenhimmel bewundern.

Am nächsten standen der Sannah noch die beiden Kometen; doch schien es, als ob beide sich nach entgegengesetzten Richtungen hin von ihr entfernten: somit wäre das Weltschiff aus der gezwungenen Gefolgschaft der Amina befreit worden, offenbar dadurch, daß der neue Komet die Sannah ebenfalls angezogen hatte, ohne sie jedoch ganz mit sich fortreißen zu können, da die Anziehungskraft des ersten sie noch genügend zurückhielt.

Die meisten Sternbilder am nördlichen und südlichen Himmel erschienen durchaus nicht viel anders, als von der Erde aus gesehen; die Entfernung dieser Gestirne war so groß, daß die 3½ Lichtjahre, die man ihnen näher bzw. ferner gekommen war, gar nicht in Betracht kamen.

Diejenigen Sternbilder jedoch, denen man sich wesentlich genähert hatte (das heißt eigentlich nur einzelnen ihrer Sterne), erschienen ziemlich verändert oder stark verschoben.

Man befand sich hier im Reiche der Fixsterne, und doch eigentlich wieder nur in der Nähe eines fremden Sonnensystems, von dem die Fixsternwelt ebenso fern schien wie von der Erde aus.

Schultze gab dieser Beobachtung folgendermaßen Ausdruck:

»Wir sind dem Sonnensystem Alpha Centauri ganz nahe und doch weit entfernt, etwa im Sternbild des Centauren uns zu befinden, wie es sich der Erde darstellt; denn die andern Sterne dieses Sternbildes sind uns meist himmelfern und scheinen von hier aus auch einer abgelegenen Fixsternwelt anzugehören.

»Von der Erde aus betrachtet, sind wir hier unter den Fixsternen; von hier aus betrachtet aber sind uns die Fixsterne ebenso entlegen wie der Erde, wogegen uns die irdische Sonne einen Bestandteil des Fixsternhimmels auszumachen scheint.«

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