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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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30. Schimpansenstreiche

Um die elektrische Heizung und Beleuchtung zu ermöglichen, sowie zur Entwicklung der Fliehkraft, mußte der elektrische Akkumulator täglich zweimal frisch geladen werden.

Dies besorgten die Affen so pünktlich und mit so viel Eifer, daß der Lord sie ohne jede Aufsicht die Arbeit ausführen lassen konnte, die den Tieren das reinste Vergnügen war.

Allerdings hatte Flitmore die elektrische Krafterzeugungsanlage auch genial eingerichtet: er hatte zwei große zylinderförmige Käfige herstellen lassen, wie diejenigen, die man in kleinerer Ausführung gefangenen Eichhörnchen zur Verfügung zu stellen pflegt. Wenn dann die Eichhörnchen an den Stäben emporspringen, dreht sich die Käfigwalze um ihre Axe und die kleinen Tiere sind unermüdlich in ihrer Beweglichkeit, mit der sie das Gitter in rasche Drehbewegung versetzen.

Genauso war es den Schimpansen offensichtlich der höchste Genuß, sich in ihren Drehkäfigen zu tummeln, ohne daß sie ahnten, daß sie damit eine verdienstvolle Arbeit verrichteten; denn die sinnreiche Konstruktion verwendete die rasche Rotation der Käfige zur Erzeugung elektrischer Energie, die im Akkumulator sich aufspeicherte.

Eines Tages erschollen aus dem Musikzimmer wunderbare Töne, eigentlich gräßliche Mißakkorde, wie wenn ein unmündiges Kind auf einem Klavier herumhämmert, und doch entwickelte der Missetäter eine derartige Fingergewandtheit, daß man auf einen geübten Pianisten hätte schließen mögen, den eine tolle Laune oder plötzlich eingetretener Wahnsinn zu solchen Orgien veranlaßte.

Unsre Freunde waren im Zenitzimmer versammelt bis auf den Diener, der einen Rundgang zu machen hatte; sie waren in Bücher vertieft oder beschäftigten sich mit ihren Gedanken. Bei dieser Katzenmusik aber horchten alle auf.

»Sollte sich John auf dem Flügel üben wollen?« rief Mietje: »So hübsch er Flöte spielt, so fremd ist ihm die Klaviatur; aber wie er ohne alle Kenntnis solche Griffe unternehmen kann, wobei ihm doch die Mißklänge die eigenen musikalischen Ohren zerreißen müssen, ist mir ein Rätsel.«

»Du irrst, meine Liebe«, sagte der Lord, »John ist niemals so keck, daß er das Instrument berühren würde; du weißt, er hat sich noch nie eine ungebührliche Freiheit herausgenommen; darin ist er äußerst bescheiden, beinahe zu ängstlich.«

»Das ist Geisterspuk«, sagte Münchhausen dumpf, »denn im Musikzimmer ist es just Mitternacht.«

»Horch! Da schrillt ja gar die Posaune dazwischen! Es ist ein Duett«, bemerkte Heinz.

»Unbegreiflich!« murmelte der Lord.

»Na! Sehen wir nach«, meinte Schultze, begierig auf die Lösung des Rätsels.

»Ach! Wollten Sie nicht lieber zuvor einige scharfsinnige Hypothesen aufstellen, die geeignet wären, dieses Phänomen wissenschaftlich zu erklären, bestes Professorchen«, bat Münchhausen ironisch.

»Damit Sie mich nachher wieder auslachen können mit meiner Wissenschaft, oller Spötter? Nee, das gibt's nicht! Ich selber stelle den Augenschein über alle theoretischen Erklärungsversuche.«

»Na, denn man zu!« rief der Kapitän und ging voran, während alle ihm folgten.

Jetzt erscholl ein wahrer Höllenlärm aus dem Musiksaal.

»Da spielt einer mindestens sechshändig!« lachte Heinz.

»Nein! Und die Posaune! Das sind ja unerhörte Töne!« rief die Lady und hielt sich die Ohren zu.

Im Musikzimmer leuchtete eine elektrische Glühbirne, bei deren Schein man Bobs vom Flügel aufspringen sah, während es Dick just gelang, die mißhandelte Posaune vollends ganz auseinander zu reißen.

Bobs war es diesmal in seinem Drehkäfig langweilig geworden, und dem Schlaukopf war es gelungen, die Türe von außen zu öffnen, indem er zwischen den Gitterstäben hindurch über die hölzerne Seitenwand hinabtastete, bis er den Riegel fand, den er zurückschob.

Als er sich in Freiheit sah, öffnete er auch Dicks Gefängnis, und zu allen Schandtaten aufgelegt, begab er sich mit seinem gleichgesinnten Gefährten in das weiter unten gelegene Musikzimmer. Das Öffnen der Verbindungstüren war den intelligenten Affen längst kein Geheimnis mehr.

Hier nun faßten die beiden Verschwörer den schwarzen Plan, einmal selber eine musikalische Unterhaltung zu veranstalten, statt immer bloß als untätige Hörer Professor Schultze Konkurrenz zu machen.

Bobs öffnete den Flügel ohne Schwierigkeit; er versäumte auch nicht, ein Notenheft auf die Pultleiste zu stellen, freilich waren es Noten fürs Cello, doch das berührte ihn nicht, zumal er das Heft verkehrt aufstellte.

Dann hockte er sich auf den Klavierstuhl nieder und begann die Tasten mit einer Virtuosität zu bearbeiten, die seiner ihm natürlich eigenen affenartigen Geschwindigkeit alle Ehre machte.

Dick öffnete inzwischen bedächtig den Instrumentenkasten; das hatte er dem Lord trefflich abgeguckt. Er betrachtete sich die verschiedenen Musikerzeuger und griff dann nach der Posaune, deren Metallglanz ihm in die Augen stach.

Oh, er wußte genau, wo man das Ding in den Mund nehmen mußte und daß der untere Teil möglichst geschwind auf- und abgeschoben werden mußte, und es gelang ihm richtig durch heftiges Prusten einige entsetzliche Töne hervorzuzaubern, wobei er das Mundstück zu schanden biß.

Als nun aber die ganze Gesellschaft im Zimmer erschien, ahnten die Affen eine Art des Beifalls, die ihnen höchst unsympathisch war; sie nahmen daher schleunigst Reißaus und flüchteten in das anstoßende chemische Laboratorium, wo sie die Regale erkletterten, nicht ohne einige Kolben mit ätzenden Flüssigkeiten herabzustoßen.

Münchhausen folgte ihnen auf dem Fuß und drohte mit einem Stock zu Bobs hinauf, der die Zähne fletschte und höhnisch grinste, als wollte er sagen: »Na, Dicker! Du drohst umsonst: bei deiner Leibesfülle wirst du's wohl bleiben lassen, mir nachklettern zu wollen.«

Dieser sichtliche Hohn mußte natürlich den Kapitän ärgern.

»Warte, du Spötter!« rief er und ergriff das Gestell eines Spiritusbrenners, das er mit solcher Gewandtheit emporschleuderte, daß die drei Eisenfüße sich schmerzhaft in des Schimpansen schutzlosen Leib einbohrten. Es gab zwar keine Wunde, aber es tat weh!

Bobs kreischte laut auf; er fand das rücksichtslos und anmaßend von einem Menschen, der gar nicht sein Herr war und weder Klavier noch Posaune spielte. Er sann auf Rache.

Da stand ein großer Kolben neben ihm. Er hätte ihn auf den Attentäter werfen können; aber so plump handelte Bobs auch nicht in berechtigter Erregung. Er riß den Glasstöpsel heraus, erfaßte die Flasche und goß ihren Inhalt auf den Untenstehenden, der sich eben niederbeugte, um ein neues Wurfgeschoß aufzulesen.

»Zu Hilfe, zu Hilfe! Das Untier mordet mich! Bobs überschüttet mich mit Vitriol; er verbrennt mir meinen schutzlosen Schädel!« schrie der Begossene.

Erschreckt eilte Heinz herbei: er glaubte schon den Kapitän in jämmerlich verbranntem Zustand zu finden, vielleicht des Augenlichts beraubt, denn es befanden sich tatsächlich mehrere Kolben mit Schwefelsäure auf den Regalen.

Ein Blick auf Münchhausens triefenden Schädel jedoch beruhigte ihn sofort; auch sagte ihm seine für chemische Dünste geschärfte Nase alsbald, daß es sich lediglich um Weingeist handelte, der allerdings auf der Kopfhaut ordentlich brennen mochte, namentlich auch infolge seiner starken Verdunstung ein Kältegefühl erzeugend, das, zumal wenn noch Schreck und Einbildung dazu kamen, als fürchterliche Verbrennung empfunden werden konnte.

»Beruhigen Sie sich, Kapitän«, rief Heinz dem Geängstigten zu: »es ist glücklicherweise bloß Spiritus.«

»Ich pfeife auf Ihren Spiritus! Vitriol ist's oder irgendeine andre Säure, die mich meines kostbaren Haarschmucks vollends beraubt, falls sie mir nicht den ganzen Skalp vom Schädel wegätzt.«

»Ich garantiere Ihnen, daß nichts dergleichen passiert; aber Sie triefen wie eine Wasserratte! Hier ist ein Handtuch, trocknen Sie sich ab und dann werden Sie sich wohl den Kopf waschen und die Kleider wechseln müssen.«

Das war allerdings notwendig. Münchhausen entfernte sich wie ein begossener Pudel und Schultze rief ihm noch lachend den Trost nach: »Bobs meinte es gut mit Ihnen, Weingeist stärkt ja wohl die Kopfhaut und fördert einen üppigen Haarwuchs.«

»Jetzt haben Sie gut lachen«, sagte Heinz zum Professor, als Münchhausen das Gemach verlassen hatte: »Aber ich sage Ihnen, mir ist der kalte Schrecken in die Glieder gefahren, als ich den Ärmsten so jammern hörte. Sehen Sie, da steht Schwefelsäure, Salzsäure, Karbolsäure und eine Menge andrer gefährlicher Flüssigkeiten. Künftig muß ich das Laboratorium stets abschließen und den Schlüssel zu mir nehmen; die Affen hätten da ein furchtbares Unglück anrichten können.«

»Können sie immer noch«, meinte Schultze und sah zu den beiden Schimpansen empor, die zuoberst zwischen den Kolben kauerten.

Nun aber rief Flitmore die beiden Missetäter und sie kamen alsbald demütig und zahm herab, gewohnt, ihrem Herrn aufs Wort zu folgen.

Strafe mußte sein, das erforderten des Lords Erziehungsgrundsätze; und so wurden die sichtlich zerknirschten Sünder auf zwölf Stunden in Einzelhaft gesteckt. Sie kannten die dunkeln, engen Kästen gar wohl und wußten, daß die Einsperrung wohlverdiente Strafe war; denn sie sprangen freiwillig hinein mit zerknirschten Mienen, duckten sich nieder und ließen sich ohne Widerstreben einschließen.

Als man wieder im Wohnzimmer versammelt war, erschien bald auch Münchhausen in trockener Kleidung. Er blieb dabei, daß die Flüssigkeit, die so brannte, Vitriol gewesen sei: »Glücklicherweise hat sich meine Haut als säurefest erwiesen«, fügte er bei, »und auch meine Kleider haben weiter keinen Schaden erlitten; ein ganz vorzüglicher Stoff, sage ich Ihnen!«

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