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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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27. Vom Kometen entführt

Wir wollen eine andre Gegend des großen Planeten aufsuchen«, schlug Flitmore anderntags vor.

»Das ist ein guter Gedanke«, sagte Schultze beifällig. »Ich sehe selber ein, die Tierwelt hier in den Tropen ist eklig und unangenehm, so hochinteressant sie auch erscheint. Wohl möglich, daß andre Breiten neue Wunder und weniger Schrecken offenbaren.«

Zunächst wurden noch reichlich Früchte, besonders Nüsse eingesammelt und in die Sannah verbracht, wußte man doch nicht, ob der nächste Landungsplatz ebenso fruchtbar sein würde.

Dann wurden einige leere Behälter mit dem Wasser des Bächleins gefüllt, das sich als herrliches und bekömmliches Trinkwasser erwiesen hatte. In Eimern wurde es an einem Flaschenzug emporgewunden.

Auch diese Vorsicht wurde geübt, weil man nicht voraussehen konnte, wie es mit den Trinkverhältnissen an anderm Orte bestellt sei.

»Hoffentlich entdecken wir auch die Saturnmenschen, das heißt vernünftige Wesen gleich uns«, äußerte Mietje: »Ich kann mir doch nicht denken, daß ein so ungeheuer großer Weltkörper, der alle Lebensbedingungen für menschliche Wesen bietet, nicht auch von solchen bewohnt sein sollte!«

»Wenn diese Menschen wie die Pflanzen- und Tierwelt der Dichtigkeit des Planeten angepaßt sind«, scherzte Münchhausen, »so müssen sie äußerst leichtfüßig sein, und dann besteht für uns die Gefahr, daß sie uns als ›lästige Ausländer‹ ausweisen.«

»Das würde wenigstens Ihnen drohen, Freund Hugo der Dicke«, meinte Schultze: »Der lästigste Ausländer sind zweifellos Sie und die Saturniten könnten es mit Recht als eine schwere Bedrohung ihres leichten Planeten ansehen, wenn er mit so lästigen Lasten belastet wird.«

»Au!« rief Münchhausen: »Solche Kalauer bringt doch nur ein geborener Berliner fertig. Ganz der Schultze aus dem Kladderadatsch!«

»Ernstlich geredet«, begann der Professor wieder, »glaube ich nicht an die Saturniten, da wir bisher auch nicht die Spur von Menschenwerken entdeckten, auch die langen Winter und Sonnenfinsternisse den Aufenthalt dahier nicht besonders menschlich gestalten.«

»Ich neige zu Lady Flitmores Ansicht«, widersprach ihm Heinz: »Die Menschen könnten ja eben diesen Verhältnissen angepaßt sein, vielleicht sind auch die langen Winter gar nicht besonders streng. Und was die menschlichen Spuren anbelangt, so ist ja die Saturnwelt so ungeheuer groß im Vergleich zu der Erde, daß es rein nichts besagen will, daß einzelne Gegenden sich als unbewohnt, vielleicht von den Saturniten noch unerforscht weisen.«

»Es steht Ihnen natürlich frei, Ihre eigene Ansicht hierüber zu haben«, entgegnete Schultze: »Aber mit was wollen Sie dieselbe begründen? Eine unbegründete Theorie schwebt in der Luft.«

»Oh, ich begründe sie genau wie unsre Lady. Darin sind wir ja doch alle einig, daß diese Wunderwelten mit ihren Pflanzen und lebenden Wesen nur durch den Willen eines persönlichen und vernünftigen Schöpfers hervorgerufen worden sein können?«

»Natürlich! Darüber ist kein Wort zu verlieren«, ereiferte sich Schultze. »Daß unpersönliche Kräfte Persönlichkeiten hervorzauberten und die vernünftige Weltordnung das zufällige Erzeugnis der Vernunftlosigkeit ist, solchen Blödsinn zu glauben, wollen wir dem Halbgebildeten und Denkschwachen überlassen.«

»Also!« fuhr Heinz fort: »Ein persönlicher, vernünftiger Schöpfer wird nichts ohne Zweck und Bestimmung schaffen. Der Mars zum Beispiel war von menschenähnlichen Wesen bewohnt; er scheint seine Bestimmung vorerst erfüllt zu haben, um auszusterben, vielleicht nur, damit er in späteren Zeiten unter günstigeren Lebensbedingungen einem neuen Geschlecht eine Wohnstätte biete. Der Saturn, der fast 3000mal so groß ist wie der Mars und vernünftigen Wesen weit bessere Lebensbedingungen zu bieten scheint, kann doch unmöglich bloß als Aufenthalt der Rieseninsekten vom Schöpfer gedacht worden sein?«

»Bravo! So meinte ich's«, spendete Mietje ihren Beifall.

»Erlauben Sie mir, beiden Parteien recht zu geben«, mischte sich der Lord in den Streit: »Nordamerika war Jahrtausende lang sehr dünn bevölkert und wies ungeheure Länderstrecken auf, die den Menschen doch ausgezeichnete Lebensbedingungen boten; heute hat es eine sehr dichte Bevölkerung, und das war jedenfalls seine Bestimmung. Dieselbe Bestimmung dürfen wir für Kanada annehmen, das sich erst in unsern Tagen etwas mehr zu bevölkern beginnt; desgleichen weist Südamerika noch die herrlichsten Besiedelungsflächen auf, die zur Zeit völlig oder doch beinahe menschenleer sind.«

»Daraus sehen wir nur«, fiel Mietje ein, »daß die Bestimmung der bewohnbaren Länder sich erst im Laufe der Zeiten erfüllt.«

»Ganz richtig, meine Liebe! Wenn ihr also mit Recht sagt, Saturn ist für menschenähnliche Wesen bewohnbar und ist also offenbar für solche bestimmt, so könnt ihr daraus noch lange nicht folgern, daß er zur Zeit auch schon seine Bestimmung erfüllt, das heißt, daß jetzt solche Wesen auf ihm leben müssen. Er kann eine Welt sein, die für spätere Besiedelung vorbehalten ist. Vielleicht werden bald seine Ringe vollends in Trümmer gehen und auf seine Oberfläche herabstürzen, so daß einmal die leidigen Sonnenfinsternisse ein Ende haben. Vielleicht wird dadurch auch seine Umlaufzeit beschleunigt; dann hindert nichts, daß er von der Erde aus bevölkert wird, nachdem nun die Mittel gefunden sind, binnen weniger Tage ihn zu erreichen.«

»Dagegen ist nichts einzuwenden«, meinte Schultze. »Aber, werter Lord, da wir nun zur Abfahrt bereit sind, um eine andre Gegend des Saturn zu besuchen, bitte ich, diesmal mir den Beobachtungsposten anzuweisen. Ich werde mich bemühen, den meistversprechenden Landungsplatz auszuwählen.«

»Halt, halt, Professorchen!« warnte Münchhausen: »das halten Sie nicht aus. Ich sage Ihnen, da werden Sie zwischen Plafond und Hängematte hin- und hergeworfen, daß Ihnen alle Knochen mürbe werden, da Sie mit keinem so ausgepolsterten, federnden Leib gesegnet sind, wie ich. Sie sind eine Landratte und werden jämmerlich seekrank, das dürfen Sie mir glauben.«

»Ach was, Landratte! Glauben Sie denn, ich könne keine schaukelnde Bewegung vertragen? Bin ich etwa zu Lande nach Amerika, Afrika, Asien und Australien gereist?«

»Na, probieren Sie's; aber Sie werden noch an mich denken!«

So begab sich der Professor in die Hängematte des Antipodenzimmers und gab das Zeichen zur Abfahrt, worauf er alsbald aus dem Netze flog und mit der Nase auf das Fenster zu liegen kam. Bei jedem Zeichen, das er gab, wechselte er seine Lage zwischen Matte und Zimmerdecke; aber mannhaft ertrug er das Ballspiel, das die Sannah mit seinem Körper aufführte, und fand die jedesmalige Veränderung der Perspektive hochinteressant.

Aber, was war das? Plötzlich verschwand der Saturn wie ein Blitz unter ihm und war nirgends mehr zu sehen!

Schultze rieb sich die Augen, er strengte seine ganze Sehkraft an: entzog ihm nur der plötzliche Einbruch der Nacht den Anblick des Planeten? Aber die Sannah hatte sich ja beim Aufstieg auf der Tagesseite, zwischen der Sonne und der Saturnbahn befunden: so lange die Fliehkraft eingeschaltet war, mußte der Planet dem Weltschiff stets die sonnenbeschienene Seite zukehren, weil er sich unter ihm drehte, ohne daß es an seiner Rotation teilnahm.

Bei ständig geschlossenem Strom hätte es immerhin einige Stunden dauern müssen, bis die Nacht eingetreten wäre.

Das also konnte es nicht sein, und doch war weit und breit nichts zu sehen als der dunkle Weltraum; die Sonne leuchtete ja der Sannah auf der andern Seite, im Antipodenzimmer herrschte tiefste Nacht.

So verblüfft war der Professor durch dieses völlig unerwartete und unerklärliche Ereignis, daß er lange Zeit nur seine Augen und sein Gehirn anstrengte, ohne weder etwas sehen zu können, noch des Rätsels Lösung zu finden.

Endlich fiel ihm ein, daß das Vernünftigste wäre, rasch den Strom unterbrechen zu lassen, damit die Sannah durch die Wirkung der Anziehungskraft womöglich dem verschollenen Gestirn wieder nahe komme.

Er gab das entsprechende Zeichen mehrmals: ganz umsonst! Ruhig blieb er im Netze liegen, der Schwerpunkt der Sannah blieb unverändert im Mittelpunkt des Fahrzeugs.

Da mußte etwas nicht in Ordnung sein, vielleicht gelang es dem Lord nicht, die Fliehkraft abzustellen.

»Was ist denn los dort unten?« fragte jetzt Flitmores Stimme durch das Telephon.

»Ich möchte fragen, was dort oben los ist?« fragte Schultze zurück: »Der Saturn ist verschwunden, völlig weg! Warum unterbrechen Sie den Strom nicht?«

»Er ist unterbrochen! Ich stellte ihn ab, gleich bei Ihrem ersten Zeichen.«

»Dann funktioniert Ihr Schaltungsapparat nicht mehr!«

»Doch! Er ist völlig in Ordnung. Da muß etwas andres im Spiele sein; kommen Sie nur herauf.«

Kopfschüttelnd stieg der Professor aus der Hängematte und begab sich, zuerst absteigend, dann vom Zentrum an aufsteigend, in das Zenitzimmer.

Hier hatten die Reisenden gleich seit Beginn der Abfahrt ein ganz einzigartiges Schauspiel genossen: trotz des blendenden Sonnenscheins stand der Komet strahlend am Tageshimmel und bot als ein ungeheurer Schweifstern einen entzückenden Anblick.

Flitmore hatte vorgeschlagen, dem Kometen einen Namen zu geben.

»Die Astronomen auf Erden haben ihn ja zweifellos schon benannt«, sagte er, »aber wir wissen nicht wie und haben vorerst das Recht, ihm zu unserm Hausgebrauch einen Privatnamen zu geben.«

Man kam überein, daß er »Amina« heißen solle, zu Ehren einer treuen Somalinegerin, mit der man in Afrika so mannigfache Abenteuer bestanden hatte.

Merkwürdigerweise schien der Komet immer näher zu kommen und die Sonne immer ferner zu rücken. Einige leuchtende Körper, gleich Planetoiden, sausten an der Sannah vorbei.

Inzwischen gab Schultze wieder einmal ein Zeichen; Flitmore stellte den Zentrifugalstrom ab. Bald darauf aber ertönte das gleiche Zeichen wiederholt.

»Der Professor kennt sich nicht mehr aus mit den Zeichen«, lachte Münchhausen.

Und nun kam es zu dem Telephongespräch, infolge dessen Schultze sich hinaufbegab.

Als er eingetreten war, wurden seine auffallenden Beobachtungen lebhaft besprochen, ohne daß man jedoch eine Erklärung fand.

»Nehmen wir unser Mittagsmahl ein!« schlug Münchhausen vor: »Ein ordentliches Essen schärft den Verstand.«

Der Professor beobachtete vor und während der Mahlzeit den merkwürdigen Kometen; dann begab sich Heinz ins Antipodenzimmer und berichtete durchs Telephon, daß vom Saturn nichts zu sehen und alles in Dunkel gehüllt sei.

»Ich hab's!« rief Schultze: »Wir stecken mitten im Kometenschweif und werden mit ihm fortgerissen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die alle menschliche Fassungskraft übersteigt.«

»Hollah!« rief Flitmore: »Sie mögen recht haben! Beeilen wir uns, die Fliehkraft wieder einzuschalten, daß wir nicht gar auf den Kern der Amina stürzen.«

Und alsbald schloß er den Strom.

Aber die Wirkung war eine völlig unerklärliche: Die Sannah schien sich dem Kopf des Kometen noch beträchtlich zu nähern; dann blieb sie scheinbar unbeweglich an einem Fleck.

Dies konnte man daraus schließen, daß einige Meteorstücke, die sich nun ganz in ihrer Nähe befanden, stets die gleiche Entfernung von ihr beibehielten.

»Dieser scheinbare Stillstand«, erklärte der Professor, »beweist lediglich, daß wir samt jenen Meteoriten, die einen Bestandteil des Kometenschweifes bilden, unaufhaltsam im Schweife der Amina mit fortgerissen werden.«

Der Lord machte noch einige Versuche mit Ein- und Ausschalten des Stroms, aber diese hatten nur geringe Lageveränderungen der Sannah zur Folge: der Komet schien sie an einem unsichtbaren Faden festzuhalten.

Trotz der genauesten Untersuchung war nichts zu entdecken, das darauf hätte schließen lassen, daß die Fliehkraft irgendwie nicht mehr richtig in Tätigkeit war.

Niemand wußte Rat, niemand fand eine Erklärung.

Schließlich ließ Flitmore den Strom endgültig eingeschaltet, als sicherstes Mittel, einen Zusammenstoß zu vermeiden und vielleicht, nach Überwindung des rätselhaften Widerstands, vom Kometen loszukommen.

»Die Sannah wird vom Kometen regelrecht entführt, daran ist nicht zu zweifeln!« sagte er. »Ergeben wir uns in unser Schicksal, bis vielleicht einem von uns eine Erleuchtung kommt oder ein ebenso unbekannter Umstand uns aus der fatalen Lage befreit.«

Die Sannah vollendete ihre Rotation und im Zenitzimmer ward es Nacht.

Nachdem die Wachen verteilt waren, begab man sich mit gemischten Gefühlen zur Ruhe.

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