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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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25. Eine seltsame Welt

Der Tag begann zu grauen. Rosige Wölkchen schwebten über dem Horizont und bald darauf leuchteten die fernen Berggipfel auf, vom flüssigen Gold der ersten Sonnenstrahlen umrandet.

Münchhausen und Mietje schauten umher.

Welch eine sonderbare Landschaft! Berg und Tal, Hügel und Ebenen, Wasserfälle und Bäche – nun, das mutete nicht besonders fremdartig an, obgleich ein kleiner Wasserfall, der im nahen Hintergrund über einen niedern Felsblock herabschäumte, bereits ein Rätsel aufgab.

Das Wasser spritzte nämlich so hoch auf und dichte Schaumflocken schwammen gleichsam in der Luft, daß man dieses Schauspiel wohl begriffen hätte, wenn sich das Wasser aus hundert Meter Höhe herabgestürzt hätte, nicht aber, wo es sich um höchstens drei oder vier Meter handeln konnte.

»Nanu!« sagte Münchhausen verblüfft: »Dieser Zwerg von einem Wasserfall gebärdet sich ja wahrhaftig, als wollte er mit dem Niagara oder Mosioa-tunia, den Viktoriafällen des Sambesi in unlautern Wettbewerb treten.«

Weit befremdlicher aber noch erschien die Pflanzenwelt: was bei Nacht als mannshohes Schilf erschienen war, erwies sich nun bei Tageshelle als Gras. Da ragten grüne Büschel von zwei Meter Höhe, darüber wiegten sich Halme mit mächtigen Samenrispen; die Gräser waren mehr als handbreit, die Halme mehr als daumendick und der Hochwald dahinter schien aus krautartigen Gewächsen zu bestehen mit ungeheuren saftigen Stengeln und Blättern, deren geringste die Bananenblätter weit an Größe übertrafen. Dazwischen schossen Blumen empor, die sich wie Sonnenschirme ausbreiteten oder wie Kirchenglocken herabhingen.

Nirgends aber war ein Gewächs zu sehen, das einem Baume glich; die höchsten Waldriesen, die bis zu sechzig Meter emporstreben mochten, waren knotige Rohre von oft mehreren Metern im Umfang, mit Wedeln und Kolben gekrönt, oder Schachtelhalme und Farnkräuter mit gigantischen Fiederblättern.

Aber schön und überwältigend großartig erschienen diese Büsche von Gras und diese Wälder von Kraut mit ihrer farbenleuchtenden Blütenpracht.

»Wir müssen die Schläfer wecken!« mahnte die Lady, nachdem sie von ihrer ersten staunenden Bewunderung zu sich zurückkam.

»Ich hätte weit lieber zunächst eine Entdeckungsreise auf eigene Faust gemacht«, brummte Münchhausen; »aber erstens wäre dies ein heimtückischer Verrat an den Genossen, und zweitens, was das Ausschlaggebende ist, ohne ein ordentliches Frühstück im Leibe bin ich zu einer weltberühmten Forschungsexpedition leiblich unfähig.«

So weckten sie denn die ganze Gesellschaft, die bald, sich die Augen reibend, vor den Zelten erschien.

»Hurrah!« rief Schultze, als er sich umsah: »Das ist wieder etwas ganz Neues, ganz Überirdisches, diese wogenden Fluren, diese fabelhaften Wälder! Da müssen wir vor allem andern einen Spaziergang hinein machen.«

»Nichts da!« protestierte der Kapitän: »Alles in der Ordnung! Zuerst ein kräftiges Frühstück, dann bin ich zu allem bereit.«

»Sie haben recht«, stimmte Flitmore bei: »Es ist besser, wir erledigen zunächst die leiblichen Bedürfnisse; dann können wir den Tag, der ja kurz genug ist, ununterbrochen ausnützen. Das erste Bedürfnis wird übrigens eine erfrischende Waschung sein; dort plätschert ja ein prächtiges Bächlein ganz in unsrer Nähe.«

Das leuchtete allen ein und sie eilten dem nahen Bache zu, um Gesicht und Oberkörper und Glieder darin abzuspülen.

»Nein, wie merkwürdig weich doch dieses Wasser ist, beinahe wie Öl«, bemerkte Mietje zuerst.

»Es ist wahr, es scheint viel flüssiger zu sein als irdisches Wasser«, bestätigte Heinz: »Es fließt einem durch die Finger wie Nebel und rinnt wie Spinnenfäden so dünn an der Haut hinab.«

»Und es bildet gar keine rechten Tropfen«, fügte Schultze hinzu, »nur so feine Sprühstäubchen, wie der Sprühregen im Nebel.«

John rannte die paar Schritte zum Lagerplatz zurück, ergriff ein dünnes Holzscheit, mit dem er wieder angesprungen kam und das er klatschend in den Bach warf.

Wie ein Springbrunnen spritzte das Wasser in feinverteiltem Staub wohl drei Meter hoch empor. Alle staunten sprachlos dies neue Wunder an. Rieger aber rief:

»Das ist ja gar kein Wasser!« und er wies auf das Holzstück, das wie ein Stück Blei auf den Grund des Baches gesunken war, wo es liegen blieb.

»Da hört sich aber doch endgültig alle Wissenschaft auf!« rief Schultze: »Das ist frisches, klares Wasser, aber von einer Leichtigkeit, daß es auf unsern schwerfälligen irdischen Gewässern wie Öl oder Spiritus schwimmen würde; es scheint entsprechend flüchtig zu sein und sehr rasch zu verdunsten; das spüre ich schon an dem starken Prickeln, wenn es auf der Haut trocknet. Lady Flitmore, auf dem Saturn würde Ihre größte Wäsche in der halben Zeit trocknen, als auf unsrer mangelhaften Erde!«

Zu Münchhausens Beruhigung schritt man jetzt zur Bereitung des Frühstücks.

Es war überraschend, wie schnell das Wasser zum Sieden kam. Der Professor prüfte seine Wärme mit einem Thermometer: »Dachte ich's doch!« rief er aus: »Bloß 52 Grad! Das Saturnwasser kocht also schon bei dieser geringen Temperatur.«

Hierauf machte er sich an die Untersuchung des Grund und Bodens und löste das Gestein mit einem Pickel, den John aus der Sannah herbeischaffen mußte. Die Steinbrocken, die aus dem Boden gehauen wurden, erinnerten in ihrem Bau an Knochen: sie waren voller Hohlräume, schwammig, in Zellen eingeteilt, mit dünnen, doch sehr widerstandsfähigen Wandungen. Die mehr oder minder großen Kammern waren mit Luft oder Gasen gefüllt, während sich überall durch die größeren zusammenhängenden Felsmassen Wasseradern zogen.

Ein Versuch ergab, daß die Mehrzahl der Steine auf dem Wasser des Baches schwamm, obgleich das Wasser selber schon so leicht war.

In der Folge fanden sich auch völlig dichte Gesteinsmassen, die im Wasser untersanken, aber immer noch fabelhaft leicht erschienen.

»Nun ist das Rätsel der geringen Dichtigkeit dieses Planeten gelöst«, sagte Flitmore: »Die Dichtigkeit, oder was auf das gleiche herauskommt, das spezifische Gewicht des Saturns beträgt ? von dem der Erde, ¾ des Wassers, nämlich des irdischen Wassers.

Man vermutete daher, er müsse sich in glutflüssigem Zustand befinden, wodurch freilich so äußerst geringe Dichtigkeit nicht recht begreiflich wird. Deshalb stellte ja auch unser Kapitän die Theorie auf, der Stoff der Saturnmasse möchte heißer Grog sein.«

»Schade, daß dies nicht zutrifft!« meinte Münchhausen lachend.

»Nun, an Grog soll es Ihnen sobald nicht fehlen«, tröstete der Lord. »Wir haben nun hier einen festen, widerstandsfähigen Grund entdeckt, durchaus nicht so weich und elastisch wie die viel dichtere Marserde, und doch von solcher Leichtigkeit, daß diese alles erklärt. Das Wasser hat ein entsprechend geringeres Gewicht als auf Erden, und so scheint auch die Pflanzenwelt aus leichtem Stoff gebaut, der nicht durch seine starre Masse, sondern durch seine elastische Biegsamkeit und die Zähigkeit der Fasern den Stürmen trotzt.«

»Gewiß ist auch die Tierwelt diesen Verhältnissen angepaßt«, vermutete Schultze. »Brechen wir auf! Ich brenne vor Begier, eine Entdeckungsreise zu unternehmen.«

Als unsere Freunde kurz darauf den Graswald und hinter diesem den Hochwald der Riesenkräuter betraten, fanden sie des Professors Vermutung voll bestätigt: nirgends begegnete ihnen ein Wirbeltier, das einen festen Knochenbau aufgewiesen hätte; nur Insekten, Kerbtiere und Weichtiere waren zu sehen.

Aber welch entsetzliche Ungeheuer waren dies!

Obwohl sie in Einzelheiten ihres Baues und ihrer Formen wesentlich von allen irdischen Arten abwichen, zeigten sie doch im allgemeinen eine in die Augen springende Ähnlichkeit mit solchen, und nach dieser wurden sie denn auch bezeichnet.

Münchhausen erklärte gleich anfangs, man könne dies Geziefer nicht anders unter einem Sammelnamen begreifen, als unter dem Namen »Drachen«; denn als solche müßten sie bei ihrer unnatürlichen Größe und ihrem entsetzenerregenden Anblick gelten.

Da fanden sich denn Schneckendrachen und Raupendrachen und solche, die durch Füße am Vorderleib mit Käferlarven Ähnlichkeit hatten, lauter dicke, plumpe und doch behende Geschöpfe in der Größe von Wieseln, Katzen und Schafen. Dieser Größenvergleich konnte jedoch bei den beiden letzteren nur für die Höhe gelten; die Länge betrug das Doppelte und Dreifache.

Weit grauenhaftere Kriechtiere waren die Asseln und Tausendfüßler mit ihren unzähligen Gliedern, wie Krokodile so groß krochen und wanden sie sich daher und wenn sie sich mit halbem Leibe emporhoben, schwebten ihre gräulichen Häupter und zappelnden Beine so bedrohlich über den Köpfen der Wanderer, daß diese durch wohlgezielte Kugeln sich der Ungeheuer erwehren mußten.

Ameisen- und Wanzendrachen, unheimliche Spinnen, über mannshoch, erschienen noch gefährlicher; die wahren Riesen der Tierwelt des Saturns aber waren die gepanzerten Käfer, die wie Flußpferde, Elefanten und Nashörner daherstapften und mit ihren Zangen nach den fremden Eindringlingen griffen.

Man mußte stets auf der Hut sein; denn diese Tiere kletterten an den mächtigen Stauden umher, die sich oft unter ihrer wenn auch noch so leichten Last beugten; doch Lord Flitmores fleißigen Momentaufnahmen entgingen sie nicht.

Eine Art Hirschkäfer faßte einmal unversehens den Kapitän mit seinen fürchterlichen Kiefern mitten um den Leib. Der Lord war so eifrig beim Photographieren, daß er rasch auch dieses großartige Bild aufnahm, ehe er dem Bedrohten zu Hilfe kam. Heinz Friedung hatte inzwischen durch mehrere Schüsse dem Scheusal den Garaus gemacht; aber die Zangen des toten Tieres mußten erst förmlich abgesäbelt werden, ehe Münchhausen wieder befreit aufatmen konnte und seinen Humor wiedergewann.

»Natürlich, gleich den fettesten Bissen mußte sich dieser Schlecker heraussuchen«, scherzte er, während ihm noch der Angstschweiß auf der Stirne perlte.

Besonders in acht nehmen mußte man sich auch vor den Heuschrecken und Grashüpfern, die wie Känguruhs umherschnellten.

Auch eine Art riesiger Ohrwürmer machte sich unangenehm bemerkbar.

In den Lüften summten Mücken, Rüsselfliegen und Bremsen mit durchsichtigen Flügeln in Spatzen- bis Taubengröße. Weit gewaltiger waren die Wespen und Hummeln, die geflügelten Ameisen und die stahlglänzenden Libellenarten. Die Riesen der Vogelwelt aber, wenn hier von Vögeln geredet werden durfte, waren die Schmetterlinge, die ganz entzückende Färbungen aufwiesen.

Jetzt aber kroch ein plattleibiges Ungetüm heran mit langen Armen, an deren Ende sich zwei gewaltige Zangen aufsperrten, gleichzeitig schwang es den hoch über seinen Rücken gebogenen vielgliedrigen Schwanz gegen Lady Flitmore. Am Ende dieses Schwanzes befand sich ein scharfer Stachel, der über der Spitze stark verdickt war, offenbar eine Giftdrüse enthaltend.

»Ein Skorpiondrache!« schrie Münchhausen und legte sein Gewehr an.

Doch wäre er zu spät gekommen, wenn nicht Mietje selber mit großer Kaltblütigkeit dem Angreifer eine Kugel direkt in die geblähte Giftdrüse gesandt hätte, so daß diese platzte, einen gelblichen Saft entleerend, und der Stachel schlaff herabfiel.

Mit der einen Zange jedoch packte der Skorpion den Arm der jungen Frau.

Jetzt kam John zu Hilfe: er war mit einer Axt bewaffnet, um, wo es not tat, die Wege zu bahnen. Mit einem wohlgezielten Hieb trennte er das Zangenglied vom Leibe des Riesenskorpions, der nun von weiteren Angriffen absah.

Mit großer Anstrengung gelang es dann dem Lord, die krampfhaft geschlossene Zange aufzubrechen und den Arm seiner Gattin aus der Klemme zu befreien. Aber eine schmerzhafte Quetschung trug die mutige Dame als Andenken von dieser Begegnung davon.

Die meisten Waldriesen hatten weiche, biegsame, saftige, doch zähe, elastische Stämme von enormem Umfang, es waren einfach gigantische Kräuter.

Es fanden sich aber auch Stauden, Büsche und Gesträuche mit rohrartigen Zweigen oder von äußerst leichtem Mark erfüllten Stengeln, und schließlich Riesenfarne und Schachtelhalme. Wirkliches Holz jedoch war nirgends vorhanden: alles entsprach in seiner leichten, losen Struktur der geringen Dichte des Planeten.

Dementsprechend waren die köstlichen, saftigen Riesenfrüchte fast durchweg Beeren- und Schotenfrüchte, teils mit Steinen, gleich den Schlehen und Wacholderbeeren, teils den Himbeeren, Brombeeren und Maulbeeren ähnlich oder auch den Stachelbeeren; viele hingen in saftigen Trauben herab oder in Büscheln als enorme Bananen und Bohnen; endlich fanden sich noch haselnußartige Stauden mit hartschaligen, kokosnußgroßen Nüssen.

Selbstverständlich wurden all diesen Herrlichkeiten die Namen nur vergleichsweise gegeben nach den irdischen Gewächsen, mit denen sie eine besondere Ähnlichkeit aufwiesen; in Wirklichkeit unterschieden sie sich nicht nur in der Größe, sondern auch in Form und Geschmack wesentlich von allen Beeren der Erde, aber durchaus nicht zu ihrem Nachteil. Den ersten Preis in bezug auf Aroma und Güte erhielt nach einstimmigem Urteil eine Art Kaktusfeige ohne Stacheln.

Die beiden Schimpansen ließen sich's wohl sein und kletterten überall empor, wo eine Frucht lockte. Sie waren von Flitmore dazu dressiert, auf Kommando ihre Beute herabzuwerfen, und das kam nun allen zustatten; denn die meisten Früchte hingen so hoch, daß sie vom Boden aus nicht zu erreichen waren, und für gewichtige Menschen war das Erklettern der schwankenden, biegsamen und dabei meist sehr umfangreichen Stengel und Rohre mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft.

Auch auf Kämpfe mit den verschiedenen Ungetümen des Urwalds ließen sich die Affen ein, wobei sie manchen Heuschrecken- und Raupendrachen erwürgten und Riesenspinnen und Tausendfüßler zerrissen oder todbissen. Im Handgemenge mit den gepanzerten Käfern aber zogen sie meist den kürzeren und trugen allerlei Wunden davon; doch wurden sie jedesmal durch die Kugeln der Herren oder durch Johns Axt vor dem Erliegen gerettet.

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