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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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24. Eine Nacht auf dem Ringplaneten

Münchhausen war eifrig auf seinem Posten, stets die elektrische Kontaktbirne in der Hand. Gab er ein kurzes Klingelzeichen, so stellte Flitmore oben die Fliehkraft ab und der Kapitän fiel mit dem dicken Bauch auf die Fensterscheibe, die glücklicherweise so massiv war, daß sie noch heftigere Stöße unbeschädigt ausgehalten hätte.

In solchem Falle machte es Münchhausen den Eindruck, als hätte sich die Welt mit Blitzgeschwindigkeit umgedreht: der Planet, zu dem er bisher aufgeschaut hatte, weil er über ihm schwebte, schien nun plötzlich unten zu sein und es galt, von der über ihm schwebenden Sannah auf ihn hinabzublicken.

Gab Münchhausen dann wieder die zwei Klingelzeichen, die das Einschalten des Stromes bedeuteten, so plumpste er gleich darauf rücklings in die Hängematte zurück und sah das Fenster und den Saturn urplötzlich wieder über sich.

Dieser fortwährende und ganz unvermittelte Wechsel, der jedesmal wieder verwirrend wirkte und für einen Augenblick alle Orientierung lahmlegte, hätte einen Unkundigen an aller Wirklichkeit und am eigenen Verstande verzweifeln lassen können.

Man stelle sich's vor, was das für ein Gefühl sein muß, wenn die Decke, zu der man aufschaut, innerhalb einer Sekunde auf einmal zum Fußboden wird, auf dem man liegt, und dann wird sie eben so plötzlich wieder zur Decke über einem; und so wechselt es alle paar Minuten; ohne daß man selber seine Lage verändern würde oder daß der Raum, in dem man sich befindet, sich drehte: das Weltall scheint jedesmal völlig mit einem umzukippen, und dabei wird man nur mit einem kleinen Ruck wie ein Ball auf und ab geschleudert: man fällt jedesmal nach oben und liegt jedesmal unten!

Dem Kapitän machte schließlich dieses Zauberspiel einen köstlichen Spaß; davon merkten die dort im Zenitzimmer rein gar nichts, für sie blieb der Fußboden unverrückt unten und die Zimmerdecke oben; kein Ruck zeigte ihnen die Änderung des Schwerpunkts an.

»Ein Glück, daß ich und nicht der Professor oder sonst eine unerfahrene Landratte auf diesem Posten liegt«, dachte Münchhausen: »die bekämen die Seekrankheit im höchsten Grade; mir altem Seebär jedoch bekommt die Bewegung vorzüglich.«

Und aus lauter Lust an der Sache gab er die Zeichen viel häufiger als notwendig gewesen wäre.

Bald aber machte er eine fatale Entdeckung: Die Sannah blieb stets dem Nordpol des Planeten zugewendet und konnte unmöglich mehr südlichere Gegenden des Saturn erreichen. Er hatte das Weltschiff in seiner ganzen Länge passiert, und sobald der Fliehstrom eingeschaltet wurde, entfernte er sich auf seiner Bahn, während die Schließung des Stroms nur ein Stürzen gegen den Pol bewirkte.

»Wir sollten uns am Südpol befinden«, brummte der Kapitän, »dann würde der Weltkörper unter uns durchpassieren und wir könnten uns niederlassen, sobald etwa der Äquatorialgürtel unter uns stünde. Nun aber ist er bereits völlig unter uns weg und kehrt nicht wieder um; da sehe ich nicht, was noch zu machen ist.«

Er teilte diese Beobachtung durch das Telephon dem Lord mit.

Nun wurde droben beraten und ihm dann das Ergebnis der Beratung mitgeteilt.

»Glücklicherweise«, erklärte Schultze durchs Telephon, »ist der Saturn zur Zeit ganz nahe dem Ende seiner Bahn und muß binnen wenigen Stunden seine Wendung vollziehen. Da wir nun in der günstigen Lage sind, uns auf der Innenseite seiner Bahn zu befinden, das heißt zwischen ihm und der Sonne, so werden wir jetzt den Strom ununterbrochen wirken lassen. So wird die Sannah in einer Sehne den Bogen abschneiden; den der Planet in den nächsten Stunden beschreibt, und sich einem Punkte seiner rückläufigen Bahn nähern, den er bald darauf passieren muß. Dann müssen Sie scharf aufpassen, wenn der Planet sich uns wieder nähert, damit wir uns rechtzeitig seiner Anziehungskraft aussetzen und ihn in der Folge durch geeignetes Öffnen und Schließen des Stroms soweit an uns vorbeiziehen lassen, bis wir in seinen Äquatorialgegenden landen können. Kommen Sie jetzt herauf zum Abendessen; Sie können dann ruhig fünf Stunden schlafen, denn wir werden etwa sieben Stunden brauchen, um den Scheitel der Ellipse durch einen möglichst kurzen Bogen abzuschneiden.«

Sechs Stunden später befand sich Münchhausen wieder auf seinem Auslug und sah nun in der Tat, wie Saturn von der andern Seite heransauste; die Sannah hatte ihn durch Abschneiden des Scheitelbogens seiner elliptischen Bahn überholt.

Nun galt es zunächst die Fliehkraft auszuschalten, um nicht wieder zurückgeworfen zu werden durch die abstoßende Kraft in bezug auf den nahenden Planeten.

Dann begann wieder das abwechselnde Schließen und öffnen des Stromes entsprechend den Klingelzeichen des Kapitäns und damit das lustige Ballspiel, das die Sannah mit seinem rundlichen Körper betrieb, ihn zwischen dem Fenster und der Hängematte hin und her schleudernd, je nachdem der Schwerpunkt des Weltschiffes nach innen in dessen Mittelpunkt, oder nach außen in den Mittelpunkt Saturns verlegt wurde.

Diese wechselnden Manöver verhüteten einerseits den vorzeitigen Sturz auf die Oberfläche des Planeten, andrerseits die allzugroße Entfernung von ihm: man blieb, nachdem die Ringe überholt worden waren, von jetzt ab innerhalb der Saturnatmosphäre.

Als die Südpolarzone vorübergeglitten war, erschienen dem beobachtenden Kapitän die Ringe als schmale Kreise; bei der Annäherung des Äquators war bald nicht mehr viel weiter als die Kante des innersten Ringes zu sehen.

Vor allem aber wurden die Blicke des Kapitäns gefesselt durch die landschaftlichen Bilder, die vorüberflogen, teils erhabene großartige Szenerien, teils ungemein liebliche Idyllen: Hochgebirge und Meere, mächtige Ströme, Flüsse und Seen, sanftgeschwungene Hügelketten, grüne Ebenen, Wiesen und geschlängelte Bäche; dann wieder schroffe Felsen und gähnende, nachtschwarze Schluchten.

Als die Sannah die Äquatorialzone erreichte, gab Münchhausen durch dreimaliges, langgezogenes Klingeln das Zeichen zur Landung.

Eine reizende, hügeldurchzogene Ebene war es, in welcher das Weltschiff sich niederließ; aber wiederum sank die Nacht herein, als die Gesellschaft die Strickleiter herabließ und den festen Boden betrat.

Von den acht Monden Saturns, deren Umlaufzeit entsprechend ihrem Abstand vom Zentralkörper wächst, und beim innersten nur 22½ Stunden, beim äußersten aber nicht weniger als 79 Tage beträgt, standen die vier innersten gleichzeitig am Himmel; doch ihr schwacher Schein genügte nicht, um den Glanz einer irdischen Vollmondnacht hervorzuzaubern. Die schmale Kante des Ringes war dunkel; die innerste Kante wird überhaupt nie von der Sonne erhellt, und die beleuchtete Ringfläche zeigt sich nur bei Tag, nie aber des Nachts.

Mietje übernahm diesmal die erste Wache und Münchhausen bestand auf der zweiten, gegen deren Ende der Anbruch des Morgens erfolgen mußte, da hier eine Sonnenfinsternis zur Zeit nicht herrschte, wie Schultze versicherte, und wie man vor der Landung hatte beobachten können, als noch die Sonne am Himmel stand.

Man wollte sich diesmal mit einem dreistündigen Schlafe begnügen, um sich ja nichts von dem kurzen Tage entgehen zu lassen.

Lady Flitmore, auf die nur noch eine Stunde Schlafes gekommen wäre nach ihrer zweistündigen Wache und die durchaus nicht gewillt war, den Saturnmorgen zu verschlafen, beschloß, sich überhaupt nicht zur Ruhe zu legen, sondern dem Kapitän bei dessen Wachzeit Gesellschaft zu leisten: sie hatte in Voraussicht dieses Falles vor dem Abstieg einige Stunden geschlafen und fühlte sich frisch und munter genug, um zehn, und, wenn es sein sollte, zwanzig Stunden zu wachen, ohne zu ermüden.

Alles lag im Schlaf; nur Lady Flitmore saß als treue Wächterin in der Nähe des flackernden Feuers, von Zeit zu Zeit ein Scheit nachlegend.

Eine kleine Erhöhung des Erdbodens diente ihr als Sitz. Der Grund bestand hier aus kahlem Felsgestein, das sich merkwürdig warm anfühlte, so daß Mietje es nicht für nötig gefunden hatte, eine Decke über ihren Sitz zu breiten, zumal der Fels gar nicht hart erschien: sie glaubte, es müsse eine Art Bimsstein sein und das bestätigte ihr die auffallende Leichtigkeit einzelner umherliegender Steine. Ein Block von der Größe eines Riesenkürbisses, den sie versuchsweise aufnahm, wollte ihr so leicht wie ein Gummiball erscheinen.

Es fiel ihr dabei ein, wie merkwürdig leicht auch das Eis am Pol befunden wurde und sie mußte denken, daß dem ein dem Saturn eigentümliches Naturgesetz zu Grunde liegen müsse.

Dann schweiften ihre Blicke umher. Die kahle Stelle war nur von geringer Ausdehnung; sie wurde von einem mannshohen Dickicht eingesäumt, das aus Schilf oder Röhricht zu bestehen schien und über welches in der Ferne ein Wald hochragender Bäume unheimlich finster herüberschaute.

Sie sah zum Himmel empor: da grüßten sie die bekannten Sternbilder so traut, daß ihr auf einmal zumute wurde, als befinde sie sich auf der heimatlichen Erde und die ganze Weltallreise sei bloß ein Traum gewesen. War sie nicht auch so sonderbar, wie es sonst nur in Träumen vorkommt?

Aber mitten unter diesen altbekannten Sternbildern teilte ein dunkler schmaler Bogen das ganze Himmelsgewölbe in zwei ungleiche Teile. Das war die Kante des Rings, der ihr zweifellos bewies, daß sie sich auf einem fremden Planeten befand, und das sagten ihr auch die vier Monde, die in ungleicher Größe und verschiedener Lichtstärke am Himmel hinwandelten, und deren einer soeben vom Schatten seines Zentralgestirns verdunkelt wurde.

Dort strahlte auch der Komet, den sie von der Tipekitanga aus erstmals erschaut hatte, in beinahe unheimlich blendendem Goldglanz.

Und siehe! Drunten am Horizont tauchte ein fünfter Mond auf! Ja, es war eine fremde Welt! Trotz der Sternbilder, die um kein Haar anders aussahen als am irdischen Himmel, war sie doch von der Erde entsetzlich weit entfernt! Wie hatte ihr Gatte gesagt? 1260 Millionen Kilometer, mehr als achtmal so weit als der Abstand der Erde von der Sonne beträgt!

Sie schauderte, als sie sich diese ungeheure Zahl ins Gedächtnis zurückrief, und doch, was bedeutete sie gegenüber der Entfernung jener Fixsterne dort oben? So gut wie nichts! Die schienen weder näher noch ferner gerückt.

Aus diesen Gedanken wurde sie durch einen Schatten emporgeschreckt, der den Schein des Feuers verdunkelte.

Dort flatterte ein Vogel mit kaum hörbarem Flügelschlag. Er umkreiste die Flammen, näherte und entfernte sich, flog auf und schwebte wieder herab.

»Ein Adler«, dachte die Lady, die ungeheure Spannweite seiner Flügel mit den Blicken messend.

Aber merkwürdig genug erschienen diese Fittiche: Das war kein Gefieder, auch keine Fledermausflügel waren es, diese dünnen, buntgefleckten Segel mit dem breiten, scharfumrissenen Rand.

Mietje schüttelte den Kopf: »Wäre nicht seine ungeheure Größe, man könnte diesen Vogel für eine Motte, einen Nachtfalter halten«, sprach sie halblaut vor sich hin.

Da gesellten sich zu dem ersten ein zweiter und ein dritter. Lautlos umkreisten sie das Feuer, dessen Lohe von dem Luftzug ihres Flügelschlags gepeitscht, niederduckte, um gleich darauf um so lebhafter emporzuzüngeln.

Jetzt kam einer dieser unheimlichen Vögel ganz nahe an der jungen Frau vorbei. Er hatte einen eigentümlichen dicken Kopf mit einem Elefantenrüssel von dem Umfang eines Spritzenschlauchs, zwei runde walnußgroße Glotzaugen, zwischen denen sich zwei Wedel bewegten, gleich riesigen Fühlern. Der Leib war zylinderförmig und stark behaart; starr wie Igelstacheln standen die Haare empor, das Merkwürdigste aber waren die sechs dünnen Beine, die das seltsame Geschöpf an den Leib gezogen hielt.

Mietje faßte ein Grauen vor diesen Ungeheuern und sie riß ein brennendes Scheit aus dem Feuer, um sie abwehren zu können, wenn sie sich ihr nähern sollten.

Sie sollte auch alsbald in die Lage kommen, sich gegen einen Angriff zu verteidigen; denn einer der Vögel flog geradewegs auf sie zu.

Mit dem brennenden Ende des Prügels schlug sie aus allen Kräften auf den widerlichen Kopf. Dieser schien keinen Schädel zu besitzen, sondern aus weicher Masse zu bestehen, denn der Schlag erschütterte die Waffe nicht und erzeugte auch keinen weiteren Ton als ein dumpfes Aufklatschen. Aber betäubt sank der Vogel zu Boden und als Mietje ihr Scheit auf seinen Kopf preßte, wurde derselbe alsbald zu einer formlosen Masse zerquetscht.

Jetzt erschien Münchhausen auf der Bildfläche. Es war eigentlich noch nicht ganz an der Zeit, daß er zur Ablösung kam; doch hatte er in Erwartung der Entdeckungen, die er als Erster zu machen hoffte, nur unruhig geschlafen und war frühzeitig erwacht.

»Was haben Sie denn da für ein Scheusal erlegt, Sie kriegerische Heldin?« fragte er erstaunt den zuckenden Leib am Boden betrachtend. »Fürwahr! Da flattert ja noch so eines daher. Ha! Das hat es auf meine Nase abgesehen. Nein, mein Freund, die leuchtet nicht für dich!« und gleichzeitig schmetterte er das zudringliche Ungetüm mit dem Flintenkolben zu Boden.

Der dritte Vogel war inzwischen wieder verschwunden.

Kopfschüttelnd untersuchte der Kapitän die erlegten Geschöpfe.

»Eine Art Schmetterlingsflügel«, sagte er, »zwei Fühlhörner, ein Rüssel, sechs hornumpanzerte Beine und im ganzen Leibe kein Knochen – alles Brei! Lady Flitmore, das sind Nachtfalter; Sie lachen mich aus, aber mit vollstem Unrecht. Ich glaube ja selber nicht, was ich sage, aber es ist dennoch so und nicht anders. Motten sind diese Scheusale, ungeheure Schwärmer! Sie sehen wahrhaft erschrecklich aus und es war mir keineswegs behaglich zumut, als dieser zweigehörnte Vogel mir nach der Nase trachtete; aber ich glaube nicht, daß diese Nachtvögel imstande sind, unsereinem das Geringste anzuhaben. Sehen Sie, sie sind von Butter; ein schwacher Druck genügt, ihren Leib zu einer unförmlichen Masse zu zerquetschen.«

Das war allerdings offensichtlich und Mietje war geneigt, sich ihrer Furcht zu schämen; aber das Unbekannte erregt stets ein gewisses Grauen, und der Kapitän selber hatte sich ja von den Riesenfaltern einen nicht geringen Schrecken einjagen lassen.

»Sehen Sie«, erklärte er, »das ist ganz menschlich; das Niegesehene erschreckt zunächst jeden; denn wer kann wissen, was einem von ihm droht. Das, was man daheim schon kannte, heimelt einen an; was aber der Heimat fremd ist, erscheint unheimlich. So zeigt uns schon die Entwicklung des Sprachgebrauchs, daß wir einem allgemein und uralt menschlichen Gefühl erlagen, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen, wenn wir nachträglich erkannten, daß der unheimliche Spuk im Grunde recht harmlos war und daß wir einen Heldenkampf auf Leben und Tod mit wehrlosen Nachtfaltern geführt haben.

Aber nun begeben Sie sich zur Ruhe auf diesen Schrecken hin, meine Wache beginnt.«

»Fällt mir nicht ein, mich jetzt zu legen«, lachte Mietje. »Ich leiste Ihnen Gesellschaft; ich bin begierig, den ersten Morgen auf diesem Planeten tagen zu sehen.«

»Um so angenehmer für mich«, meinte Münchhausen; »aber wollen wir uns nicht setzen?« und damit ließ er sich auf seine Fettpolster plumpsen.

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