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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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22. Ein Besuch auf dem Saturn

Da die Hitze allmählich unerträglich wurde, mußte die Fliehkraft in voller Stärke eingeschaltet werden, damit die Sannah möglichst schnell aus dem Bereiche des ungastlichen Planeten gelangte.

Als dies erreicht war, verlangsamte Flitmore wieder den Flug. Er wollte doch auch den Saturn näher in Augenschein nehmen, und da dieser Planet auf seiner Bahn just ziemlich weit entfernt war, galt es diesmal, das Sonnensystem sich ein wenig von der Sannah entfernen zu lassen, bis Saturn sich soweit genähert hatte, daß man sich im Bereich seiner Anziehungskraft befand.

Das konnte ein paar Tage dauern, wenn mit Ein- und Ausschalten des Stroms zielbewußt abgewechselt wurde; und das war notwendig, denn bei stetig eingeschaltetem Strom wäre das Sonnensystem in kürzester Frist der Sannah entschwunden, diese wäre nicht bloß über die Saturnbahn, sondern über die Neptunbahn hinausgeflogen und hätte bald kein Mittel mehr gehabt, in das Sonnensystem zurückzukehren, weil sie über die Anziehungssphäre der Sonne und ihrer Planeten hinausgekommen sein würde.

Wäre dagegen umgekehrt die Fliehkraft dauernd abgestellt worden, so hätte das Weltschiff der Anziehungskraft der Sonne oder eines Planeten erliegen müssen, vielleicht wäre es auch den Gravitationsgesetzen gemäß selber wie ein Planet um die Sonne gekreist.

Diese Wartezeit wurde zu allerlei Arbeiten in den verschiedenen Werkstätten benutzt; photographische Aufnahmen wurden entwickelt und musikalische Unterhaltungen veranstaltet; auch versammelte man sich fleißig zu gemütlicher Unterhaltung oder las ein Buch aus der reichhaltigen Bibliothek vor, die der umsichtige Lord mitgenommen hatte. Vor allem aber mußte Schultze astronomische Vorträge halten, da Mietje, Münchhausen und Heinz Friedung das Bedürfnis empfanden, ihre Kenntnisse auf dem Gebiet, das bei dieser Weltfahrt das wichtigste war, zu ergänzen, ganz abgesehen natürlich von John Rieger, der den Vorträgen mit besonderer Andacht lauschte und am fleißigsten das von vornherein verkündigte Recht benutzte, den Redner jederzeit mit Fragen zu unterbrechen.

In diesen Tagen wurde Münchhausens Geburtstag mit besonderem Glanze gefeiert und Küche und Keller mußten das Beste dazu liefern, was sie besaßen, beziehungsweise was Lady Flitmores und Johns Kochkunst hervorzuzaubern vermochten. Denn wenngleich der Kapitän auch zu entbehren, ja zu hungern vermochte, wenn es darauf ankam, so fühlte er sich doch am aufgeräumtesten bei einer vollbesetzten Tafel mit auserlesenen Genüssen und köstlichen Weinen.

Die Krone des Festmahls bildeten aber immer noch die unvergleichlichen Früchte der Tipekitanga, die auch den Vorzug aufwiesen, sich völlig frisch zu erhalten. Sie büßten weder ihre Leuchtkraft noch ihre Nährkraft und ihren Wohlgeschmack ein.

Endlich kam der Saturn in Sicht und die Sannah wurde seiner Anziehungskraft überlassen.

Schultze benutzte die Gelegenheit zu einer kleinen Repetition über das, was er schon in seinen Vorträgen über den ringumkreisten Planeten gesagt hatte.

»Wie gesagt«, führte er dabei aus, »ist Saturn nicht einmal so dicht wie das Wasser. Er hat zweifellos eine Atmosphäre und ist der zweitgrößte Planet, 780mal so groß wie die Erde. Seine Rotationsdauer beträgt nur 10¼ Stunden, also hat er wenig mehr als 5 Stunden Tag und 5 Stunden Nacht bei Tag- und Nachtgleiche am Äquator. Um so länger dauert sein Jahr, nämlich nach irdischer Rechnung 29 Jahre, 166 Tage, 5 Stunden und 16½ Minuten.«

»Herrlich!« rief Münchhausen aus: »Da lassen wir uns nieder; bedenken Sie, wenn da einer hundert Jahre alt wird, so ist das gleich 2900 und etlichen Erdenjahren. Da kann Methusalah nicht daran hin!«

»Nur wird es mit dem Niederlassen einige Schwierigkeiten haben«, meinte der Professor: »Sie könnten sich da in eine schöne Sauce hineinsetzen, vielleicht in steifen Grog, wie Sie vermuteten; darin würden Sie sich ja wohl ganz gut konservieren.«

»Ganz famos!« bestätigte der Kapitän.

»Nun, wir werden ja bald sehen, wie die Terrainverhältnisse sind«, fuhr Schultze fort: »Sollte die so undichte Masse glutflüssig sein wie auf dem Jupiter, so werden Sie ja wohl auf eine Niederlassung darin verzichten.«

»Unbedingt!« gab Münchhausen zu: »Doch hoffe ich nicht, daß der alte Saturn mir solch eine Enttäuschung bereiten wird.«

»Wie gesagt, wir werden das bald sehen«, wiederholte der Professor. »Das Interessanteste am Saturn sind jedenfalls seine Ringe; auch hat er bekanntlich nicht weniger als acht Monde; doch weil wir ja eben im Begriff sind, das alles selber zu schauen, will ich mich nicht weiter darüber verbreiten, da ich, wenn es je nicht stimmte, was ich darüber zu sagen weiß, doch nur der Blamierte wäre.«

Die Sannah war über die Saturnbahn hinausgekommen, als der Planet in ihre Nähe kam und so senkte sie sich zunächst gegen seine Nachtseite.

Flitmore hatte erwartet, daß die Saturnringe aus Nebelmasse beständen, obgleich er es nicht für unmöglich hielt, daß sie auch aus festen Stoffen gefügt sein könnten oder, wie auch angenommen wird, aus einer dichten Wolke sehr kleiner Trabanten.

Er trachtete danach, den innersten der drei Saturnringe, der verhältnismäßig dunkel ist und verschwommene Umrisse aufweist, zu erreichen; dies gelang ihm auch.

Dieser Ring ist trotz seiner Breite der schmälste der drei; er ist nicht ganz so breit wie der äußere helle Ring und weniger als halb so breit wie der mittlere.

Die Sannah fand festen Grund und ruhte auf ihm auf.

Es war gerade Zeit zur Nachtruhe und alle begaben sich schlafen bis auf die jeweiligen Wachhabenden.

Als am andern Morgen alle beim Frühstück versammelt waren, nahm Kapitän Münchhausen folgendermaßen das Wort:

»Professor, Sie haben behauptet, die Saturnnacht dauere durchschnittlich 5 Stunden. Warum wird es denn gar nicht Tag? Oder sollten wir den kurzen Tag verschlafen haben?«

»Das nicht«, erwiderte Schultze, »aber wir befinden uns auf dem Ring, auf dem die Verhältnisse wesentlich andre sind. Hier dauert nämlich Tag und Nacht je ein halbes Saturnjahr, das sind 14¾ Erdenjahre. Während dieser etwas dauerhaften Nacht ist der Ring auf das schwache Licht der acht Saturnmonde und auf dasjenige des Saturns selber angewiesen, der ihm, entsprechend seiner Rotation, periodisch leuchtet.«

»Hollah!« wetterte der Kapitän: »Und da warten wir nun wohl hier ab, bis es Tag wird.«

»Allerdings«, schaltete Flitmore ein: »Aber beruhigen Sie sich, Kapitän, die Sannah sitzt an einem Punkte des Rings, dem schon in zwei Stunden die Sonne aufgehen wird, nachdem er sie seit fast 15 Jahren nicht mehr gesehen.«

Dies bestätigte sich: zwei Stunden darauf ward es Tag; freilich, die Sonne leuchtete weit nicht mit dem Glanze, mit dem sie die Erde bescheint, ist sie doch vom Saturn neunmal weiter entfernt als von der Erde.

Nun wurde ein Abstieg auf den Ring gewagt. Er zeigte sich aus sehr leichten schwammigen Stoffen gefügt und wies zahlreiche Löcher und Risse auf, die durch und durch gingen.

Ganz entzückend und wahrhaftig großartig war die Aussicht auf die ungeheure Saturnkugel, die mächtige Gebirgszüge aufwies.

Auch der Ring war durchaus nicht eben, sondern zeigte mannigfaltige Erhebungen, zum Teil recht stattliche Berge; aber die Wanderung wurde jäh unterbrochen durch einen Riß, der den Ring in seiner ganzen Breite durchlief.

Späterhin beobachteten unsre Freunde, daß alle drei Ringe durch zahlreiche mehr oder weniger breite Spalten in einzelne Stücke geteilt waren, die einander nicht berührten, daß aber diese Risse sich mehr und mehr schlossen unter dem ausdehnenden Einfluß der Sonnenhitze.

Das ließ sich leicht feststellen, da die Teile des Rings, die schon längere Zeit Tag hatten, zunehmend schmälere und schließlich gar keine Lücken mehr aufwiesen, während auf der Nachtseite der Ringe die Klüfte sich fortschreitend verbreiterten.

»Herrlich! Großartig! Wunderbar!« rief Schultze einmal über das andre: »Wie ganz anders vermögen wir doch nun die Dinge dahier zu erkennen, als die armen erdfernen Astronomen mit ihren besten Instrumenten. Wenn ich nur bedenke, wie lange es dauerte, bis überhaupt erkannt wurde, daß Saturn von einem Ring umgeben ist. Zwar hat ihn schon Galilei durch das erste von einen Astronomen benutzte Fernrohr gesehen, doch glaubte er, es handle sich um Auswüchse, die mit dem Planeten zusammenhingen. Erst Huygens, der auch den ersten Satelliten des Saturn entdeckte, nämlich den sechsten seiner acht Monde, erkannte, daß es ein Ring sei, der frei um den Planeten schwebe, und Herrschel konnte dann die Rotationsdauer des Ringes oder vielmehr der Ringe berechnen, die annähernd die gleiche ist, wie die ihres Zentralkörpers.«

Da auch in der entgegengesetzten Richtung bald eine Spalte ein weiteres Vordringen unmöglich machte, auch die Erforschung der Ringe wenig Interessantes mehr zu bieten schien, wurde beschlossen, sich alsbald auf den Planeten selber zu begeben.

Bald sank die Sannah unter die niedrige Luftschicht, die um die Ringe lagerte und nach kurzem, aber ungeheuer raschem Sturz trat sie in die Saturnatmosphäre ein.

Hier verlangsamte Flitmore sofort die Fallgeschwindigkeit, und das Weltschiff schwebte träge zur Oberfläche nieder.

»Mylord«, fragte währenddessen John seinen Herrn, »warum gehen wir nie in die untern Zimmer, wenn wir einen Abstieg unternehmen? Da könnten wir so schön alles aus der Vogelprospektiefe beobachten, wie wir näher und näher kommen; hier oben aber sehen wir nichts als den Ring, der sich von uns entfernt.«

Man sieht, daß John sich seinem Herrn gegenüber keiner so gewählten Sprache befleißigte, wie wenn er den gelehrten Professor anredete; das kam aber nicht etwa von einem Mangel an Respekt, sondern weil er aus langjähriger Erfahrung wußte, daß der Lord viele Redensarten nicht leiden mochte.

Flitmore gab seiner treuen Dienerseele folgende Auskunft: »Siehst du, John, um den Fall der Sannah nicht zum verderblichen Sturz werden zu lassen, muß ich die Fliehkraft abwechselnd ein- und ausschalten. Dadurch wird aber jedesmal für die unteren Räume und die Seitenzimmer der Schwerpunkt verändert: schalte ich die Zentrifugalkraft ein, so werden wir gegen den Mittelpunkt unsres Fahrzeugs gezogen, schalte ich sie aus, so zieht uns der Saturn an. Du wirst dich erinnern, was dies zur Folge hatte, als wir die Erde verließen. Hier wäre es genau so: im untern Zimmer würden wir abwechselnd von der Decke auf den Fußboden stürzen und umgekehrt; in den Polzimmern würden wir zwischen der dem Saturn zugekehrten Seitenwand und dem Fußboden hin- und hergeschleudert. Hier oben aber liegt der Mittelpunkt der Sannah genau wie der Mittelpunkt des Planeten zu unsern Füßen und meine Manöver verändern den Schwerpunkt in keiner Weise. Das ist der Grund, weshalb wir hier wie bei unserm Abstieg auf den Mars und die Tipekitanga auf die Beobachtung des Geländes, dem wir uns nähern, verzichten müssen, so schade dies auch ist.

Du weißt ja, daß ich diesen Umstand beim Bau des Schiffes nicht in Betracht gezogen habe und selber von der alles auf den Kopf stellenden Wirkung der Fliehkraft überrascht wurde; sonst hätte ich Vorsorge getroffen, daß wir wenigstens durch außen angebrachte Spiegel in den Stand gesetzt worden wären, von diesem unserm Zenitzimmer aus zu betrachten, was unter uns liegt.«

Ein sanfter Ruck zeigte an, daß die Saturnoberfläche erreicht war. Die Sannah ruhte auf.

Daß diese Oberfläche weder flüssig noch glühend war, hatte man schon vom Ring aus feststellen können, sonst wäre der Plan einer Landung selbstverständlich ausgeschlossen gewesen.

Begierig zu schauen, welche neuen Wunder sich ihnen hier offenbaren würden, verließen unsere Freunde das Fahrzeug durch das Nordpolzimmer, nachdem die Luke geöffnet und die Strickleiter hinabgelassen worden war.

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