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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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20. Die Seeschlange

Das Gespräch über die Kometen war während des Mittagsmahls geführt worden; deshalb hatte sich Münchhausen so wenig daran beteiligt, denn wenn er an der gewaltigen und doch so angenehmen Arbeit war, seinen Appetit zu stillen, ließ er die andern behaupten, was sie wollten, das war ihm alles Nebensache.

John fühlte sich durch die neuen Lichter, die ihm über die Kometen aufgesteckt worden waren, so erleuchtet, daß er zum Schluß begeistert äußerte: »Die Asternomie ist doch sozusagen die hochwohllöblichste Wissenschaft, indem daß sie das höchste Lob verdient, sowohl von wegen ihres Verstandes der unbekanntesten und schwierigsten Probleme, sowie von wegen der besonderen Interessantheit und Wichtigkeit ihrer Entdeckungstatsachen.«

»Lieber Freund«, widersprach der Kapitän, den letzten Bissen mit einem Schluck Wein begießend: »Es fehlt der Astronomie nur ein einziger Buchstabe, um das Lob zu verdienen, das du ihr spendest. Weil ihr aber dieser Buchstabe fehlt, kommt sie erst in zweiter Linie.«

»Und was wäre dann, wenn Sie mir gütigst zu fragen gestatten, hochverehrtester Herr Kapitän, dieser Buchstaben?« fragte John verwundert.

»Das G«, erwiderte Münchhausen überzeugt: »Über die Astronomie und alle andern Wissenschaften geht die Gastronomie.«

»Die Gasternomie?« wiederholte John, hochaufhorchend. »Verzeihen Sie bescheidenst, wenn mir das leider vollständig unbekannt zu sein der Fall ist, daß es auch eine sobenannte Wissenschaft gibt, wo ich doch der schmeichelhaften Meinung war, alle Wissenschaften zu kennen, aus welchem Grunde ich Ihnen besonders zu Dankbarkeit verpflichtet wäre, wenn Sie mich auch diese Wissenschaft lernen wollten.«

»Die lernt man nicht, die genießt man, mein Sohn; es ist eine Wissenschaft, die einem angeboren sein muß; sie beschäftigt sich mit dem Eßbaren und Trinkbaren und lehrt, was gut schmeckt und bekömmlich ist, sowie was man zu tun hat, um besonders schmackhafte Speisen und Getränke zu bereiten. Ihr Lehrbuch ist das Kochbuch, das aber ohne angebornes Genie geringen Wert hat. Übrigens genügt es, die leiblichen Genüsse recht zu schätzen und zu genießen, um ein tüchtiger Gastronom zu sein, wenn man auch ihre Zubereitung nicht selber verstünde. Schau, ohne Astronomie und alle andern Wissenschaften kann der Mensch leben und glücklich sein, nicht aber ohne Essen und Trinken; ja, ohne diese notwendigste aller Beschäftigungen wäre er gar nicht imstande, irgendeiner andern Wissenschaft sich hinzugeben; daher ist die Gastronomie die Grundlage und Seele aller andern Wissenschaften.«

»Das dürfte ja wohl sozusagen stimmen«, meinte Rieger nachdenklich: »Und mit hungrigem Magen bin ich auch nicht für die Wissenschaften aufgelegt.«

»Also!« triumphierte Münchhausen: »die wichtigste Frage ist nicht die, wie schnell sich ein Weltkörper bewegt, wie weit er von uns entfernt ist und was für Stoffe ihn zusammensetzen, sondern ob es auf ihm auch etwas Gutes zu essen gibt, und das kann uns die Astronomie nicht enthüllen.«

»Viel wichtiger erscheint mir«, sagte Mietje lachend, »zu wissen, was für Geschöpfe auf einem Planeten hausen, dem wir einen Besuch abstatten wollen; denn solchen scheußlichen Ringelwürmern wie auf dem Mars möchte ich doch nicht wieder begegnen.«

»Kleinigkeit!« brummte der Kapitän: »Geben Sie mir eine gute Mahlzeit und ich pfeife auf alle Lumbriciden und andere Ungeheuer.«

»Na, na!« spöttelte Schultze: »Auf dem Mars ist Ihnen das Pfeifen doch vergangen; Sie schienen wenigstens bereits aus dem letzten Loch zu pfeifen, als Sie ›unter Larven die einzige fühlende Brust‹ sich am Boden wälzten.«

»Unsinn! Wer wie ich schon die Seeschlange bekämpft und besiegt hat, sollte sich vor solch harmlosem Gewürm fürchten?«

»Die Seeschlange? Die echte, fabelhafte Seeschlange?« fragte Heinz neugierig.

»Gewiß! Ein Ungeheuer, zwanzig Meter lang und dick wie eine Hochwaldtanne.«

»Bitte, erzählen Sie uns doch dieses bemerkliche Abenteuer, wenn ich mir die Unbescheidenheit erlauben darf«, bat John.

»Ja, das war eine schlimme Geschichte«, hob der Kapitän schmunzelnd an. »Also! Wir fahren auf der Höhe von Kap Horn, als der zweite Steuermann, Petersen hieß er, auf mich zukommt und sagt: ›Kapitän, dort taucht der Rücken eines Wals aus dem Wasser.‹

Ich schaue hin: ›Nee‹, sag ich, ›das sind Delphine‹, denn ich sah fünf Rücken in einer Reihe hintereinander über dem Meeresspiegel. ›Vorhin war es bloß einer‹, versicherte Petersen, ›aber jetzt scheint es mir selber, es sind Delphine.‹

Die Geschöpfe bewegten sich, doch man sah weder Kopf noch Schwanz auftauchen und plötzlich rufe ich: ›Kinder, das sind auch keine Delphine; das sind die Rückenwölbungen eines einzigen Ungeheuers: es ist die Seeschlange!‹

Das gab ein Hallo, ein Laufen und Schreien! Die Seeschlange aber, sobald sie sich erkannt sah, gab ihr Versteckspiel auf und hob den scheußlichen Kopf über das Wasser. Sie wuchs empor wie ein Riesenmast und bald wiegte sich ihr Haupt über dem Schiff. Die sonst nicht so furchtsamen Matrosen stürzten alsbald feige davon und verkrochen sich in den Luken. Ich allein blieb auf dem Posten und das entsetzliche Reptil streckte den Hals nach mir aus, den gewaltigen Rachen aufsperrend.«

»Natürlich! Ein so fetter Bissen mußte ihr willkommen sein!« lachte Schultze.

»Bitte!« verwahrte sich der Kapitän: »Ich war damals noch jugendlich schlank und äußerst behende, wie Sie bald sehen werden. Sie wählte mich nur deshalb zum Opfer, weil ich eben der einzige war, der sich noch an Deck befand.

Wohl war mir nicht zumute, das gestehe ich, wie dieser mörderische Rachen mir entgegengähnte. Hoch in den Lüften wölbte sich der dicke Hals zu einem Bogen, während das Haupt der Schlange sich zu mir herabsenkte.

Ich springe beiseite; der Kopf fährt mir nach. Ich, in der Verzweiflung, setze mit gewaltigem Schwung über den Leib des Ungetüms weg, dort wo er am Bordrand auflag. Die Seeschlange fährt mit ihrem Haupte um ihren eigenen Leib herum, immer hinter mir her.

Da, im Momente der äußersten Gefahr, kommt mir ein rettender Gedanke. Der Oberkörper des Reptils bildete nun einen Ring über dem Verdeck und mit der Kühnheit der Verzweiflung springe ich durch diesen gräßlichen Ring hindurch mit gleichen Füßen. Keine Zirkuskünstlerin hätte es besser machen können.

Was ich gehofft hatte, trat ein. Die Schlange in ihrer gedankenlosen Verfolgungswut fährt mir auch diesmal mit dem Kopfe nach, der somit durch den Ring schlüpft, der durch ihren eigenen Oberleib gebildet wurde. Das gab eine regelrechte Schleife.

Nun renne ich aus Leibeskräften das Verdeck entlang. Das Scheusal will mich verfolgen; aber nun zieht sich die Schleife zu, es gibt einen Knoten, der sich eng um den Hals der Seeschlange zusammenzieht. Zu spät merkt sie diesen fatalen Umstand, es gelingt ihr nicht mehr, den dicken Kopf zurückzuziehen; ihre wütenden Bewegungen ziehen den Knoten bloß immer fester an, bis sie schließlich jämmerlich erstickt, von der Schleife des eigenen Körpers erdrosselt.

Schlaff hing das widerliche Haupt mit hervorquellenden Augen herab und mit dumpfem Fall stürzte der Oberkörper des gigantischen Reptils auf das Schiffsdeck, während der Schweif noch eine Weile krampfhaft das Meer peitschte.

Ich rief die zitternden Matrosen herauf und sagte ihnen: ›Da, zieht das Vieh vollends an Bord, wir wollen es dem ozeanographischen Museum auf den Falkland-Inseln stiften. Wie ihr seht, habe ich die Schlange gut gefaßt und trotz ihres gewaltigen Sträubens einen Knoten in ihren Hals geschlungen, daß sie elendiglich ersticken mußte.‹

Ich sage Ihnen, die Matrosen, die den so einfachen und natürlichen Hergang nicht ahnten, bekamen nun vor mir einen wahrhaft abergläubischen Respekt, vertrauten und folgten mir blindlings. Das hatte ich meinem gewandten Sprung und der Unvorsichtigkeit der Seeschlange zu danken.«

»Er lebe hoch!« rief Schultze lachend und alle stimmten mit ein und stießen an auf den gewaltigen Helden und Drachentöter, dessen fabelhafte Geistesgegenwart, wie der Lord schalkhaft bemerkte, die ganze Reisegesellschaft getrost allen kommenden Gefahren entgegensehen lassen könne.

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