Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
Schließen

Navigation:

18. Die Planetoideninsel

Als die Sannah auf dem Planetoiden landete, begab sich der Lord mit Schultze in den untersten Raum, dessen Wände auf der Oberfläche des Weltkörpers aufruhten. Hier wollte er abwarten, ob eine merkliche Erhitzung der Wandungen stattfinde, ehe der Ausstieg gewagt wurde.

Der Professor hielt immer wieder die Hand auf den Boden; denn er glaubte, es müsse eine gewaltige Steigerung der Temperatur erfolgen; aber er konnte nichts dergleichen wahrnehmen und auch das angelegte Thermometer stieg innerhalb einer halben Stunde um nur ein Grad.

»Entweder ist die Schutzhülle der Sannah von ganz wunderbarer Vortrefflichkeit«, sagte Schultze erstaunt, »oder Sie behalten recht, Lord. Zu Eis erstarrt ist der Planetoid aber keinesfalls; Wärme strahlt er unter allen Umständen aus; denn die Temperatur steigt, wenn auch kaum merklich.«

»Ich denke, wir können es wagen, uns ins Freie zu begeben«, meinte der Engländer: »Es fragt sich nur noch, wie die Luftverhältnisse sind.«

Sie erstiegen nun das Nordpolzimmer, in dem die andern ihrer harrten. Die Luke wurde vorsichtig geöffnet und Dick gegen den Spalt geschoben. Der Affe wich nicht zurück, im Gegenteil, er drängte den Kopf gegen die Öffnung, ein Zeichen, daß keinerlei giftige Gase einströmten.

Nun öffnete der Lord die Türe weit und Dick und Bobs sprangen vergnügt hinaus, um alsbald an den Rampen hinabzuklettern.

Flitmore trat unter die Türe und sah hinaus. Die Seite des Planetoiden, auf der die Sannah festlag, war von der Sonne abgewendet, das heißt, es herrschte zur Zeit Nacht auf ihr; allein es war durchaus nicht dunkel dort unten!

Große dunkle Flächen zeigten sich allerdings, aber sie schwammen wie Inseln in einem leuchtenden Meer. Taghelle herrschte freilich nicht; aber ein wunderbares, entzückendes sanftes Schimmern in allen Farbabstufungen: hier glänzte alles in grünem Schein, dort glühte es rot, dort wieder blau und violett; an einzelnen Stellen brach ein milchweißes Licht hervor, das seine Strahlengarben hoch emporsandte, gleich einem elektrischen Scheinwerfer.

Da und dort schwammen buntdurchleuchtete Nebelwolken über dem Boden. Ein leiser Luftzug trieb sie zuweilen weiter, und je nach der Färbung der Strahlen, die vom Grunde aufstiegen, über den sie schwebten, wechselte auch ihre Farbe in zauberschönem Spiel.

Eine würzige, lauwarme Luft wehte dem Lord entgegen und als er sah, daß die Schimpansen den Erdboden erreicht hatten und sich ohne irgendein Zeichen von Mißbehagen, vielmehr seelenvergnügt auf dem leuchtenden Boden tummelten, hakte er die Strickleiter ein und ließ sie hinabfallen.

Dann stieg er als erster in die Tiefe.

Ein lautes »Ah!« des Entzückens erscholl aus Mietjes Munde, als sie hinter ihm aus der Türe trat und auch die Nachfolgenden hielten überraschte Ausrufe der Bewunderung nicht zurück.

»Alles in bengalischer Beleuchtung zur Feier unserer Ankunft!« rief Münchhausen, als er mühsam aber mit begierigem Eifer die schwankende Strickleiter hinabkletterte, die unter seiner Last knirschte und stöhnte.

Bald waren alle unten versammelt. Es schien eine Wiese zu sein, die sie betreten hatten und das Gras leuchtete in grünem Schimmer von innen heraus; aber auch der Erdboden selber, wo er zwischen den Gräsern sichtbar wurde, phosphoreszierte in weißem und gelblichem Schimmer: alles schien durchleuchtet!

Flitmore brach zuerst das Schweigen.

»Laßt uns dieser Wunderwelt, die wir entdeckten und die uns einen neuen Einblick in die schöpferische Allmacht gewährt, einen Namen geben! Mietje, nach dir möchte ich den lieblich und herrlich zugleich erschimmernden Stern benennen.«

»Nein, mein Lieber!« verwahrte sich Mietje entschieden: »Weder fühle ich mich würdig einer solch außerordentlichen Pracht meinen Namen leihen zu lassen, noch ist der schlichte Klang dieses Namens geeignet, diese herrliche, strahlende Welt zu kennzeichnen: sie bedarf eines klangvollen Namens.«

»Nun, so sollst du jedenfalls das Recht haben, den Namen zu wählen«, sagte ihr Gatte und fügte höflich hinzu: »Falls die Herren nichts dagegen haben.«

»Das wäre noch schöner!« rief Schultze: »Wir haben weder ein Recht dazu, noch wüßten wir eine würdigere Wahl zu treffen.«

»Nun denn!« ließ sich Mietje vernehmen: »Ich trage im Herzen das Bild einer stolzen und zugleich anmutigen Prinzessin, einer Heldin, der wir alle, außer Herrn Friedung, der nicht das Glück hat, sie zu kennen, unendlich viel verdanken, einer edlen Seele, die wir bewundern, eines goldnen Herzens, das wir lieben lernten. Wie seh ich ihr leuchtendes Auge im Geiste mich anblitzen und wie schmeichelt sich mir der Klang ihres Namens ins Ohr.«

»Tipekitanga!« rief Münchhausen begeistert. »Brava, brava! Unsre Tipekitanga verdient wahrhaftig solche Ehre!«

Wir müssen hier bemerken, daß der Kapitän der italienischen Sprache mächtig war und daher einer Dame gegenüber nicht das männliche »Bravo!« gebrauchte, wie es bei Unwissenden üblich ist, sondern das einzig richtige »Brava«, das einem weiblichen Wesen zukommt, dem man Beifall spendet.

Auch der Professor und der Lord waren mit Mietjes Vorschlag einverstanden und ersterer bemerkte:

»Es ist überhaupt ein besonders glücklicher Gedanke, diesem Planetoiden den Namen einer Zwergprinzessin beizulegen, sind doch diese Weltkörper die Zwerge unter den Planeten und der von uns betretene scheint mir in seinem leuchtenden Geschmeide eine Prinzessin unter den Asteroiden zu sein.«

Nachdem nun diese Frage zu allgemeiner Genugtuung erledigt war, wurde eine Entdeckungsreise auf dem neugetauften Planeten unternommen.

»Gehen wir nach Westen«, schlug der Lord vor: »Ich vermute, daß der Anblick dieser Lichtwelt bei Nacht am reizendsten ist und wir gehen in dieser Richtung der Sonne aus dem Wege.«

Auch dieser Vorschlag fand keinen Widerspruch, und so wanderten unsre Freunde durch die leuchtenden Auen, von einem Entzücken ins andre geratend.

Der grünen Wiese schloß sich eine blumige Au an: die roten, gelben und blauen Blumen strahlten jede ihr eigentümliches Licht aus; man glaubte, den leuchtenden Saft in den Stengeln emporsteigen und in dem feinen Geäder der Blütenblätter kreisen zu sehen.

Das weiße Licht entstrahlte dem Boden an Stellen, die des Pflanzenwuchses bar waren und die aus leuchtender Kreide oder Kalkstein zu bestehen schienen.

Dann kamen Gebüsche und Stauden mit zartviolettem Blattwerk, Bäume, zwischen deren mattlichten Blättern orangerote und goldgelbe, auch purpurne und silbergraue Früchte förmlich strahlten und gleich venezianischen Laternen die Umgegend erhellten.

Wunderbar erschien vor allem das Silberleuchten der Bäche, die sich durch die Auen schlängelten und der weißaufblitzende Schaum der Wasserfälle, die sich von felsigen Hügeln herabstürzten. Diese massiven Felsen, die sich aus der Ebene erhoben, stellenweise auch als tafelartige Flächen in der Ebene selber lagen, bildeten die dunklen Flecken, die unsern Freunden gleich zu Anfang aufgefallen waren. Sie erhöhten in ihrem Teil den Reiz des Ganzen und der zauberhafte Eindruck des farbenbunten Lichtes hätte sicher Einbuße erlitten, wenn nicht die Schatten es wirksam unterbrochen und gehoben hätten.

Märchenschön erschienen die Teiche und Seen, deren Gewässer in verschiedenen Farben vom lichtesten Blau bis zum dunkelsten Violett, vom zartesten Rosa bis zum düstersten Purpur glühten. Über ihnen schwebten die beweglichen, durchleuchteten Nebelwolken, die sich, vom Nachthauch getrieben, in zerflatternden Streifen über Wiesen und Auen hinzogen.

Die Berge, die stellenweise zu überklettern waren, zeigten sich stets von mäßiger Höhe und boten keine besonderen Schwierigkeiten. In der Regel war das Gestein dunkel; doch auch hier waren Schichten selbstleuchtender Mineralien eingesprengt und einen besonders feenhaften Anblick gewährte es, wenn man über Geröll dahinwanderte, das aus lichtsprühenden Steinchen aller Färbungen bestand: es war, als schritte man über Diamanten, Rubine, Saphire und andre Edelsteine hinweg, die im eigenen Glanze funkelten und bei jedem Tritt bunt durcheinanderrollten mit melodischem Klingen und wunderbarem Geblitz und Geflimmer. Flitmore machte fleißig farbige photographische Aufnahmen, die sich späterhin als von wunderbarer Wirkung erwiesen und ein herrliches und dauerndes Andenken an die buntleuchtende Pracht der Tipekitanga bildeten.

Nach fünfstündiger Wanderung, die nur durch eine halbstündige Frühstücksrast unterbrochen worden war, sahen unsre Freunde die Sonne hinter sich emporsteigen.

Wie Flitmore richtig vermutet hatte, löschte ihr Glanz den Hauptreiz des Wunderplaneten aus.

Zwar erschienen die leuchtenden Farben auch jetzt noch von einer Pracht, mit der nichts auf der Erde sich vergleichen ließ und man konnte das eigene Licht des Erdbodens, des Wassers und der Pflanzen ganz deutlich unterscheiden. Aber das feenhafte Schauspiel, das sie im nächtlichen Dunkel boten, war es nun doch nicht mehr.

Wie in einem Märchentraum waren die Wandrer bisher dahingewandelt, schwelgend in nie geahnter Seligkeit des Schauens. Jetzt brachte das altgewohnte Licht des Tagesgestirns das Erwachen, doch konnte es nicht die Eindrücke verwischen, die sich ihnen unauslöschlich eingeprägt hatten.

Aber was war das? Vor ihnen ragte die Sannah aus leuchtenden grünen Matten!

Nicht mehr als eine Stunde brauchten sie, um wieder auf dem Platze zu stehen, von dem aus sie die herrliche Rundreise angetreten hatten.

In fünf Stunden hatte die Tipekitanga ihre Umdrehung um ihre Achse vollendet, nicht viel mehr als sechs Stunden hatten die Wandernden gebraucht, um den Planetoiden im Äquator in seinem ganzen Umfang zu umschreiten: wahrhaftig eine Zwergprinzessin unter den Planeten!

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.