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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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17. Die Asteroiden

Am folgenden Tag, den Tag zu 24 Stunden berechnet, kam die Sannah mitten unter die Planetoiden.

»Die Entdeckung dieser Planetoiden oder kleinen Planeten, die man auch Asteroiden nennt«, belehrte Professor Schultze, »hat wieder einmal gezeigt, daß die von der Wissenschaft aufgestellten Naturgesetze niemals als etwas für alle Zeiten Gewisses und Feststehendes gelten können. In der Tat glaubte man bisher, die Planeten bewegten sich nahezu in der gleichen Ebene um die Sonne, und hielt dies für eines der großen Naturgesetze. Da entdeckte man diese Zwergplaneten, deren exzentrische Bahnen die Hinfälligkeit des angeblichen Gesetzes bewiesen.

Andererseits war ihre Entdeckung die glänzendste Bestätigung eines andern Naturgesetzes, das 1772 von Titus aufgestellt und später von Bode und Wurm genauer bestimmt wurde: es sollte danach zwischen den Abständen der Planeten von der Sonne ein bestimmtes gesetzmäßiges Verhältnis bestehen; nun aber zeigte sich zwischen Mars und Jupiter eine Lücke: nach dem Titiusschen Gesetze hätte sich dort ein Planet finden sollen. Und wirklich entdeckte Piazzi in Palermo am 1. Januar 1801 den kleinen Planeten Ceres, der aber bald durch seine Annäherung an die Sonne den Blicken entschwand.

Hätte nicht der große Mathematiker Gauß eine geniale Methode erfunden, durch die aus nur drei Beobachtungen eines Planeten seine Bahn berechnet werden kann, so hätte niemand gewußt, wo der neue Planet wieder aufgefunden werden könnte, und auch alle später entdeckten Planetoiden wären der astronomischen Beobachtung wieder entschlüpft. Allein nach der Gaußschen Berechnung konnte Olbers am 1. Januar 1802 die Ceres wieder auffinden und entdeckte im nächsten Jahre noch die Pallas, ebenfalls in der Lücke zwischen Mars und Jupiter. 1804 und 1805 wurden noch Juno und Vesta gefunden und 40 Jahre später entdeckte Hencke die Asträa; von da ab fand man noch mehrere Hundert solcher Wandelsternchen.

Eine solch verblüffende Bestätigung des Titiusschen Gesetzes schien dessen unumstößliche Richtigkeit zu beweisen und die Astronomie gewann dadurch auch bei den Laien ein Ansehen als einer Wissenschaft von unbezweifelbarer Zuverlässigkeit: ihre mathematischen Gesetze ließen ja selbst das Unbekannte mit Sicherheit feststellen.

Leider warf die Entdeckung des Planeten Neptun das ganze schöne Gesetz über den Haufen, denn die Entfernung dieses unbequemen Gesellen stimmte einfach nicht dazu. So mußte man einsehen, daß ein Naturgesetz, wenn es noch so glänzend sich bewährt, doch etwas zweifelhaftes bleibt.«

»Es wurde doch aber bloß ein Planet zwischen Mars und Jupiter vermutet«, warf Mietje ein: »wie kommt es, daß man sie zu Hunderten fand?«

»Das ist auch so ein Rätsel«, erläuterte der Professor: »Anfangs war man geneigt, zu glauben, es handle sich um einen großen Planeten, der durch eine Explosion oder durch den Zusammenstoß mit einem Kometen in kleine Stücke zertrümmert worden sei. Gegenwärtig findet die Ansicht mehr Anerkennung, daß der Planet schon bei seiner Entstehung durch die Nähe des dicken Jupiter in der Entwicklung gehindert worden sei, und an seiner Stelle gleich eine Menge kleinerer Weltkörper entstanden seien, oder daß diese eine Art Spritzschaum bei Entstehung des Sonnensystems darstellen. Sie sind außerordentlich klein und man könnte zum Beispiel mit einem Eilzug innerhalb zwei Stunden um die ganze Atalanta herumfahren. Übrigens erschwert ihre Lichtschwäche die Beobachtung von der Erde aus ungeheuer und man kommt zu keiner sicheren Feststellung ihrer Massen und Maße.«

»Um so wertvoller sind unsere Beobachtungen aus nächster Nähe«, sagte Flitmore: »Schauen Sie, Professor, da kommen wir wieder an einem dieser Zwerge vorbei.«

»Ah!« rief Schultze, »das ist interessant: keine Spur von Kugelform! Ein durch den Raum sausendes Felsgebirge ist's. Es mag 300 Kilometer lang, 50 Kilometer breit und höchstens 4 Kilometer dick sein, abgesehen von seinen Zacken und Spitzen.«

»Merken Sie wohl, diese Planetoiden haben keine Rotation, sie drehen sich nicht um ihre Achse.«

»Bei solchen formlosen Klumpen«, lachte Münchhausen, »ist eine Achse überhaupt nicht vorhanden.«

Eine längere Beobachtung der merkwürdigen Weltkörper ergab tatsächlich, daß von einer Umdrehung nichts zu bemerken war. Wenn je eine solche stattfand, so mußte sie ganz außerordentlich langsam vor sich gehen.

Heinz bemerkte noch: »Alles, was wir hier sehen, weist so regellose Formen auf, daß ich schon daraus schließen möchte, daß wir es trotz aller neuesten Ansichten dennoch mit den Splittern eines Planeten zu tun haben, und schon der Mangel an Kugelformen legt auch den Mangel einer Rotation nahe.«

»Nun sehen Sie«, begann der Lord wieder: »Weil diese Planetoiden keine oder doch nur eine äußerst langsame Umdrehung ausführen, sind sie nicht imstande, sich mit einer atmosphärischen Hülle zu umgeben; dadurch entsteht bei ihrem Umlauf um die Sonne ihre starke Reibung an der Weltatmosphäre, und so kommt es, daß sie glühen und leuchten. Besäßen sie den Schutz einer Lufthülle, so müßten sie bei ihrem geringen Durchmesser längst zu Eis erstarrt sein.«

Das leuchtete ein, um so mehr als späterhin eine ganze Anzahl dunkler Planetoiden entdeckt wurde, die eine sichtliche rasche Rotation aufwiesen und auch die Form von meist stark abgeplatteten Kugeln zeigten. Diese hatten sich offenbar infolge ihrer Umdrehung um die eigene Achse mit einer atmosphärischen Hülle umgeben, die sie vor der Reibung im Weltraum schützte, so daß sie erstarren konnten.

Allein nicht ohne boshaften Triumph machte der Professor bald eine Entdeckung, die ihn zu dem Ausruf veranlaßte: »Und dennoch, weiser Lord, geht Ihre geniale Theorie in die Brüche, da sehen Sie hin! Hier ist ein Planetoid von sphärischer Form, der ganz lustig um seine Achse wirbelt, also nach Ihnen die Schutzhülle einer Atmosphäre genießt, und dennoch leuchtet er, wenn auch etwas matt.«

Flitmore beobachtete den seltsamen Weltkörper. Sphärisch war er kaum zu nennen, denn er erschien so plattgedrückt, daß er eher einem Schweizerkäse glich, allerdings einem oben und unten rundlich aufgewölbten. Die Rotation war unverkennbar, denn man konnte Bergspitzen am Rande erkennen, die innerhalb einer Viertelstunde merklich ihre Lage veränderten. Es ließ sich daraus eine Umdrehungszeit von 5 Stunden ausrechnen. Daß der Planet eigenes Licht besaß, war unzweifelhaft.

Der Lord schüttelte den Kopf: »Wenn sich dieser Asteroid in Glut befände, dann allerdings wäre meine Ansicht widerlegt, wenn er nicht etwa erst vor kurzer Zeit entstanden oder durch einen Zusammenstoß plötzlich erhitzt sein sollte. Es ist ja gar nicht unwahrscheinlich, daß mitunter die Anziehungskraft eines solchen rotierenden Körpers bewirkt, daß ein größerer Brocken, der in seine Nähe kommt, auf ihn stürzt und sich mit ihm vereinigt, wobei er durch die Heftigkeit des Anpralls vorübergehend zur Leuchtglut gelangen würde. Ich vermute jedoch eher, daß dieses Leuchten ein phosphoreszierendes ist oder von leuchtenden Substanzen, Radium und dergleichen herrührt. Ich meine, die Sache ist es wert, daß wir uns durch den Augenschein überzeugen und auf dem Streitobjekt landen.«

»Lord«, mahnte Schultze: »Sie würden dabei riskieren, daß die Sannah in Glut gerät und wir alle elendiglich verbrennen.«

»Sollte es uns zu heiß werden«, lachte Flitmore, »so machen wir uns einfach aus dem Staube.«

Da eine rechtzeitige Flucht jede Gefahr ausschließen konnte, entschlossen sich alle, den Landungsversuch zu unternehmen und der Herr des Weltschiffs stellte den Zentrifugalstrom ab.

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