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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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11. Die Schrecken des Mars

Heinz hatte die zweite Nachtwache.

Ihm war etwas unheimlich zumute auf diesem fremden Weltkörper, der völlig neue und unbekannte Gefahren bergen mochte. Eigentliche Angst hatte der junge Mann zwar nicht, dazu besaß er zuviel persönlichen Mut, verbunden mit körperlicher und geistiger Gesundheit; aber eines eigentümlichen, beklemmenden Gefühls konnte er sich nicht erwehren.

Das Lager befand sich auf einem breiten Hügelrücken, auf dem die Sannah gelandet war und der sich ins Unendliche zu erstrecken schien. Ebenso unendlich hatte bei Tageslicht der Sumpf ausgesehen, der die etwa 200 Kilometer breite Vertiefung zwischen dieser und der nächsten Hügelkette ausfüllte.

Und diese sumpfige Niederung schien bei Nacht in unheimliche Lebendigkeit zu geraten.

Bestimmte Laute konnte der junge Wächter nicht vernehmen, wohl aber ein dumpfes Gemeng von Tönen, als ob da Tausende von Geschöpfen raschelten und plätscherten.

Unwillkürlich kamen dem Aufhorchenden die unsterblichen Verse aus Schillers Taucher in den Sinn:

»Da unten aber ist's fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.«

Und weiter:

»Das Auge mit Schaudern hinunter sah,
Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt' in dem furchtbaren Höllenrachen.
Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt.

— — — — — — — — — —

Und schaudernd dacht' ich's, – da kroch's heran,
Regte hundert Gelenke zugleich …

Soweit war Heinz in seinen Gedanken gekommen, da kroch wirklich etwas heran. Es schien eine Schlange zu sein, an und für sich kein besonders großes Tier, etwa armsdick und ungefähr drei Meter lang; aber als der Schein des Feuers den glatten, feuchten, rötlichen Leib erleuchtete, kam es dem Jüngling doch wie ein grauenerregendes Ungeheuer vor; denn es glich einem Regenwurm, und für einen solchen war seine Größe doch geradezu riesenhaft.

Der spitz zulaufende Kopf zeigte zwei äußerst kleine, blasse Augen, die kaum als solche zu erkennen waren; der Mund glich nur einem runden Loch und schien zum Saugen und nicht zum Beißen bestimmt.

Der widerliche Wurm kroch geradewegs auf Heinz zu und kümmerte sich nicht um das Feuer. Hinter ihm tauchte ein zweiter auf und dann ein dritter – ja der ganze Abhang schien sich zu beleben: in Scharen rückte das Gewürm an, als habe der Sumpf seine Heere ausgesandt, die unberufenen Eindringlinge auf dem Mars zu vernichten.

Zunächst sandte Heinz dem vordersten Wurm eine Explosionskugel in den Leib, die ihm jedoch nur eine kleine Wunde beibrachte, da sie in der weichen Masse auf keinen Widerstand traf und daher überhaupt nicht zum Platzen kam.

Der Wurm krümmte und wand sich, schnellte dann aber plötzlich vor und ringelte sich um des Schützen Fuß, in raschen Windungen an ihm hinaufkriechend.

Von Schauer und Ekel erfaßt, griff der junge Mann nach seinem Dolchmesser und bearbeitete das Tier mit Stichen und Schnitten; allein sah er sich auf einmal von allen Seiten angegriffen: da erhob sich ein schlüpfriges Haupt, dort ein zweites und drittes; und sie wanden sich an ihm empor, all diese unheimlichen Geschöpfe und so viel Köpfe er abschnitt, seine eigenen Kleider in der Eile der Abwehr zerfetzend, die Zahl war zu groß, er konnte nicht mit ihnen fertig werden!

Ein stechender Schmerz im Nacken ließ ihn nach hinten greifen: er berührte den kalten schleimigen Leib eines der Würmer, der sich dort festgesogen hatte und ihm das Blut aussaugte; und schon hing ein andrer der gräßlichen Köpfe an seiner Wange.

Heinz warf sich zu Boden und wälzte sich wie wahnsinnig umher; aber er kam nicht los: nur immer neue schlüpfrige Ringe spürte er sich um seine Glieder ziehen.

Flitmore war durch den Schuß geweckt worden und trat aus seinem Zelt. Mit lautem Hallo weckte er die Genossen und stürzte sich selber mit dem Messer auf das überall sich ringelnde Gewürm; denn mit dem Gewehr war hier nichts anzufangen, das sah er gleich.

Es gelang dem Lord, den jungen Freund frei zu machen; aber er selber war bereits von einigen der Würmer umschlungen und auch Heinz wurde alsbald wieder angefallen.

Laut kreischend stürzte Mietje aus ihrem Zelt: die widerlichen Sumpftiere waren dort eingedrungen und eines davon hing an ihrem weißen Arm.

Aber wie sah es hier draußen aus! Sie schauderte, denn überall trat ihr Fuß auf ähnliche ekelhafte Geschöpfe, die sich krümmten und an ihr emporwanden.

Inzwischen war auch Schultze auf dem Plan aufgetaucht. Die wimmelnden und sich bäumenden Geschöpfe, die den Boden bedeckten, erregten zunächst sein wissenschaftliches Interesse.

»Das sind ja Ringelwürmer von fabelhafter Größe«, rief er aus: »Lumbriciden oder Regenwürmer, nichts andres! Wirklich kolossale Geschöpfe! Aber eigentlich nichts Auffallendes: gab es Schalentiere, Schneckenarten von riesenhaften Formen, warum nicht auch Nacktschnecken und Würmer? Ich vermute sogar, daß ähnliche Geschöpfe zur Zeit der Ammoniten auch die Erde bevölkerten; Spuren ihres Daseins konnten sie natürlich nicht hinterlassen, da sie knochenlose Weichtiere sind.«

»Helfen Sie uns lieber, Professor«, keuchte Heinz: »Später wollen wir dann meinetwegen eine wissenschaftliche Unterhaltung über diese Höllenbrut beginnen, falls wir mit heiler Haut davonkommen.«

»Sie haben recht«, sagte Schultze: »das scheinen ja in der Tat ganz verflixte Kumpane zu sein: sie gehen ja geradewegs auf mich los! Aber meine Hochachtung, junger Freund! Sie kämpfen wahrhaftig nach Schwabenart. Bravo! Das war wieder ein Schwabenstreich!«

»Der wackre Schwabe forcht sich nit!« zitierte Münchhausen, der nun ebenfalls, gleichzeitig mit John, auf der Bildfläche auftauchte: »Zur Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken hinuntersinken.«

Heinz hatte wirklich mit einem wohlgezielten Hieb den Leib eines Ringelwurms in der Mitte durchgetrennt, so daß das Zitat gut paßte.

»Wenn nur die andern kalter Graus packte«, meinte der junge Held, der sich am Ende seiner Kräfte fühlte. »Aber da hat es gute Wege!«

»Hu, hu! Mich packt der kalte Graus!« schrie Münchhausen, dem sich eines der Tiere um den Hals schlang. Er riß es los und schleuderte es zu Boden, um es mit der Wucht seiner breiten Füße zu Brei zu zertreten.

Der Professor und der Diener waren bereits in den wütendsten Kampf verwickelt: sie hieben wie rasend mit den Messern um sich; allein der Sumpf mußte Tausende dieser Ungeheuer beherbergen und alle just auf den Lagerplatz der Unseligen loslassen; der Kampf schien aussichtslos.

Was waren diese Geschöpfe? Weichtiere, die ein Fußtritt, ein Dolchhieb unschädlich machte! Sie besaßen keine Tatzen, keine Krallen, kein Gebiß; sie waren nicht gefährlicher als Blutegel: aber ihre unerschöpfliche Zahl machte sie unüberwindlich, und unsre Freunde sahen ein gräßliches Ende vor Augen. Viel lieber hätten sie mit den wildesten Raubtieren, mit Löwen, Tigern, mit einem Rudel Elefanten oder einer Büffelherde gekämpft.

Die Schimpansen Dick und Bobs hausten mörderisch unter den Angreifern: sie schienen rasend vor Wut. Sie warfen sich auf den Boden und würgten, zerrissen mit vier Händen zugleich, während sie gleichzeitig mit ihrem scharfen Gebiß Dutzende der Lumbriciden unschädlich machten.

Aber was half's? Immer neue Scharen rückten an!

Münchhausen, der sich ohnehin nur schwerfällig bewegen und nicht leicht bücken konnte, hatte sofort erkannt, daß seine wirksamste Waffe in seinem kolossalen Körpergewicht bestand.

Er führte einen wahren Indianertanz auf, sprang so hoch er nur immer konnte und zerquetschte unter seinen gewaltigen Fußsohlen alles zu Brei, was sich unter ihm regte.

Es wäre ein Anblick zum Totlachen gewesen, wie der dicke Kapitän umherhopste, als wolle er sich zur Balletttänzerin ausbilden, wenn nicht das Gefährliche der Lage alle Lust zur Heiterkeit erstickt hätte.

Münchhausen floß der Schweiß in Strömen herab, und doch war sein Gehüpfe umsonst: auch er fühlte sich umringelt und umwunden, und nun glitt er gar auf dem gar zu schlüpfrig gewordenen Boden aus, fiel hin und rollte mitten unter das blutdürstige Ungeziefer, nicht ohne eine ganze Anzahl davon plattzudrücken.

Die Kämpfenden, die alle mehr oder weniger Blut lassen mußten, waren erschöpft, und noch immer kroch es in dichten Massen den Abhang herauf. Wenn sie sich nur zu der Strickleiter hätten flüchten und in dem Weltschiff bergen könnten! Aber sie hatten ihr Lager wohl hundert Meter weit davon aufgeschlagen und zwischen ihnen und der Sannah wimmelte es von dichten schwarzen Massen, die sich übereinander zu türmen schienen.

Da erschollen schrille, heisere Schreie in der Luft; dann dumpfe Flügelschläge, und gespenstisch rauschten mächtige schwarze Gestalten herab.

Im Schein des immer noch hochaufflackernden Feuers ließen sich einige dieser neuen Geschöpfe, die sich in dessen Nähe niedergelassen hatten, erkennen.

Sie boten keinen ermutigenden Anblick, vielmehr erschienen sie selber als schreckliche Ungeheuer: es waren Vögel, die nichts Vogelähnliches hatten als die ungeheuren Fledermausflügel. Am ehesten erinnerten sie an den Pterodaktylus der irdischen Urzeit; ein plumper Kopf mit tiefeingeschnittenem Rachen und scharfen Zähnen gab ihnen Ähnlichkeit mit diesem erstaunlichen Vogel. Ihre Größe übertraf die des Adlers um das Doppelte; das Merkwürdigste jedoch war, daß sie vier Füße besaßen, die mit gewaltigen Krallen bewehrt waren.

So unheimlich und gefährlich diese Vögel aussahen, wenn man sie überhaupt als Vögel bezeichnen konnte, so erschienen sie doch als Retter in höchster Not; denn sie räumten mit fabelhafter Gewandtheit und Mordgier unter den Ringelwürmern auf und kamen in solchen Scharen, daß sie sich auch der wimmelnden Mengen gewachsen zeigten.

Sie ließen sich namentlich am Rande des Hügels nieder und packten mit ihren Krallen und Zähnen alles, was da heraufkriechen wollte. Und nun, da keine neuen Nachschübe kamen, nahm die Zahl der Angreifer auf der Höhe sichtlich ab und mit neuem Mut ließen unsre Freunde wieder ihre Messer arbeiten.

Endlich erhob kein Wurm mehr sein drohendes Haupt, wenn auch die verstümmelten Leiber am Boden sich ringelten und wanden, zuckten und schnellten, als ob sie überhaupt nicht völlig tot zu kriegen seien.

Schultze eilte auf Münchhausen zu, der immer noch auf dem Boden umherrollte und nicht auf die Beine kommen konnte. Und jetzt, da die Gefahr beseitigt schien, lachte der Professor aus vollem Halse über den erheiternden Anblick: Da wälzte sich der runde Kapitän wie eine Tonne auf stürmischer See; an seinem Haupte hingen zwei Würmer gleich Schmachtlocken zu beiden Seiten herab und um seinen Hals wand sich ein allerdings geköpftes Tier wie ein dickes Halstuch.

Trotz seiner Heiterkeit beeilte sich Schultze doch, den dicken Freund von seinen Peinigern zu befreien und ihm mit Unterstützung des inzwischen ebenfalls herbeigeeilten Heinz auf die Beine zu helfen.

Dann ging es an das Verpflastern und Verbinden der Wunden, die merkwürdigerweise nur äußerst klein waren. Alle hatten mehr oder weniger Blut hergeben müssen, Münchhausen aber war entschieden am stärksten angezapft worden.

»Tut nichts!« meinte er humorvoll: »Ich habe Vorrat und die Biester haben bei mir mehr Fett als Blut geholt, wie ich vermute; das kann mir bloß gut tun. Ich fühle mich geradezu erfrischt und erleichtert.«

»Aber einen Tanz haben Sie aufgeführt, Kapitän«, lachte Schultze: »Ich sage Ihnen, eine ägyptische Bauchtänzerin ist nichts dagegen.«

»Kunststück!« sagte Münchhausen: »Wo hat eine ägyptische Tänzerin auch solch stattlichen Bauch?«

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