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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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9. Der Mars

Die Sannah, die seit der vergangenen Nacht, wenn man von einer Nacht reden konnte, nicht mehr von dem Strom der Fliehkraft durchkreist wurde, befand sich in der Anziehungssphäre des Planeten, der seit langem den Beobachtungseifer und die Phantasie der Astronomen am meisten angeregt hat.

Man war ihm schon so nahe, daß man die größeren Gebilde seiner Oberfläche deutlich unterscheiden konnte, ohne das Fernrohr zu benutzen.

»Da hört sich ja alle Wissenschaft auf!« war das erste, was Schultze überrascht und enttäuscht ausrief: »Soll das wirklich der Mars sein? Wo sind denn die Kanäle, meine geliebten Kanäle, die ich so fleißig beobachtet und mit solcher Zärtlichkeit studiert habe, das Wunder, das Rätsel des Mars?«

Von Kanälen war in der Tat keine Spur zu sehen.

Flitmore meinte, zum Professor gewendet: »Ich habe nie recht an jene merkwürdigen Kanalbildungen glauben können und vermutete, daß es sich um optische Täuschung handle. Der Mars ist bedeutend kleiner als unsre Erde, sein Halbmesser beträgt wenig mehr als die Hälfte des ihrigen; seine Polarregionen sind von ungeheurer Ausdehnung, namentlich im Winter. Und nun sollen die mutmaßlichen Bewohner des kleinen bewohnbaren Erdstrichs das Land mit einem gewaltigen Netz ungeheurer Kanäle durchzogen haben?«

»Warum nicht?« fragte Schultze eigensinnig: »Wenn es die Bewässerung des Landes verlangte.«

»Bei den ausgedehnten Eis- und Schneemassen der Pole, den ungeheuren Schneefällen im Winter und angesichts der meist äußerst raschen Schneeschmelze im Frühling kann ich an Wassermangel auf dem Mars nicht glauben.«

»Na! Aber die Kanäle sollten doch den Wasserzufluß regeln, ihn über das ganze Land verteilen und Überschwemmungen verhüten.«

»Ganz schön, wenn es Kanäle von vernünftigen Größenverhältnissen wären und von vernünftigem Verhalten. Aber diese angeblichen Kanäle zeigten eine Breite von 60 bis 300 Kilometern: ich bitte Sie, was soll das? Das sind ja unsinnige Maße für einen Kanal! Wenn sie nun aber wenigstens beständig so geblieben wären, aber da wurde ein und derselbe Kanal einmal breiter, dann wieder schmäler; mit Vorliebe verdoppelte er sich plötzlich, oft innerhalb 24 Stunden, ebenso rasch konnte die Verdoppelung wieder verschwinden und hie und da der ursprüngliche Kanal ebenfalls; dann wieder verschwand ein alter Kanal und zwei neue erschienen an seiner Stelle.«

»Ja, ja! Das waren eben die Rätsel dieser merkwürdigen Kanäle«, beharrte der Professor.

»Und nun ist ihr Rätsel gelöst«, lachte Flitmore: »Sie sind einfach gar nicht vorhanden, diese famosen Kanäle.«

»Das muß ich allerdings zugeben«, gestand der Gelehrte zu: »Aber die Sache ist nur um so rätselhafter.«

Doch auch ohne diese geheimnisvollen Gebilde erschien die Landschaft merkwürdig genug: weiß leuchtete der Nordpol mit feinen Eis- und Schneefeldern; das schneefreie Land gegen den Äquator erschien rötlichgelb unterbrochen von dunkelgrün bewachsenen Streifen; einige kleine Meere oder große Seen trennten streckenweise die Kontinente und breite Flüsse zogen silbergraue Bänder durch die Ebenen.

Überhaupt erschien fast alles eben. Größere Gebirge waren keinesfalls vorhanden und kleinere Erhebungen ließen sich aus der Höhe, in welcher sich die Sannah befand, nur an den Schatten erkennen, die sie warfen; wo jedoch die Sonne die Täler voll erleuchtete, konnte Berg und Tal überhaupt nicht unterschieden werden.

Inzwischen stürzte das Weltschiff mit blitzartiger Schnelle gegen den Planeten und man sah alles von Sekunde zu Sekunde wachsen.

Flitmore beeilte sich daher, den Zentrifugalstrom zu schließen, ehe die Sannah in die atmosphärische Hülle des Planeten gelangte, damit ihre Außenwandungen nicht etwa durch die ungeheure Reibung in Glut versetzt würden.

Der Sturz verlangsamte sich nun zusehends, bis die abstoßende Kraft die Fallgeschwindigkeit überwand und das Weltschiff zunächst ganz langsam zu steigen begann.

»Wollen wir eine Landung auf dem Mars unternehmen?« fragte nun der Lord.

»Hurrah!« rief Schultze begeistert.

»O ja, bitte!« schmeichelte Mietje.

»Ich bin dabei!« sagte Münchhausen: »Die Kerkerhaft behagt mir auf die Dauer nicht, wenn sie auch erst zwölf Stunden währt.«

»Das wird herrlich!« rief Heinz seinerseits begeistert.

»Und was sagst du, John?« wandte sich Flitmore an den Diener.

»Sir, ich habe nichts dareinzureden, was Ihre unmaßgebliche Entschließungswillkür betrifft; aber was meine Spezialität in dieser Fragesache betreffen möchte, so wäre es mir besonders genehm, freie Luft zu schöpfen, obwohl sozusagen die Luft hier innen ausgezeichnet für die Atmungsorgane ist.«

»Also, wir landen«, entschied der Lord, »da es einstimmig gewünscht wird; die Schimpansen können wir ja nicht um ihre Meinung befragen und so müssen Dick und Bobs sich der Mehrheit fügen.«

Gleichzeitig unterbrach er wieder die Fliehkraft; sobald ihm jedoch die Sturzgeschwindigkeit in bedenklichem Maße zuzunehmen schien, schloß er wieder den Strom auf einige Sekunden.

Durch dieses abwechselnde Öffnen und Schließen wurde ein langsames Fallen ermöglicht, das noch durch die Marsatmosphäre gemildert wurde, sobald man diese erreicht hatte.

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