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Friedrich Wilhelm Mader: Wunderwelten - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleWunderwelten
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1987
isbn3-453-31374-7
firstpub1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160122
projectid4fe9a05f
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8. Die großen Astronomen

Unsre Freunde hatten beschlossen, ihre Zeitrechnung nach irdischem Maßstab einzuteilen, um jeglicher Verwirrung der Begriffe zu entgehen, und so war es, wie die Uhren der Sannah anzeigten, 8 Uhr morgens, als sich alle um den Frühstückstisch im Nordpolzimmer versammelten.

Die Schlafgemächer befanden sich sämtlich in den inneren Räumen, die auf künstliche Beleuchtung angewiesen waren; die vier Säle, die sich in der Äquatorlinie der Sannah befanden, hatten stets abwechselnd eine Stunde Tag und eine Stunde Nacht; im Südpolzimmer dagegen herrschte zur Zeit beständige Nacht, im Nordpolzimmer unaufhörlich Tag. Aus diesem Grunde wurde letzteres zum gewöhnlichen Aufenthaltsort gewählt.

Schultze berichtete eingehend über die Vorkommnisse der vergangenen Nacht und schloß mit den Worten: »Die Tatsache, daß die Erde mit dem Mond so rasch aus unserem Gesichtskreis entschwand, sowie daß das ganze Sonnensystem uns zu entfliehen drohte, ist der erste praktische Beweis für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems.«

»Wieso?« fragte Heinz Friedung erstaunt: »Ich meinte, nichts von der Welt stehe so sicher wie dieses System und es sei längst schon als zweifellos richtig erwiesen!«

»Da sieht man die Schulweisheit!« lachte der Professor: »Was einer glaubt, verkündigt er, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Einbildung, gewöhnlich als zweifellose Wahrheit. So werden den Schülern und selbst den Studenten die anerkannten wissenschaftlichen Vermutungen als felsenfest stehende Wahrheiten verkündigt. Meist lassen sie sich dadurch täuschen, und so kommt es, daß die große Menge sowie auch die von ihrer eigenen Unfehlbarkeit überzeugten Gelehrten glauben, jeden verhöhnen und als ungebildet und rückständig brandmarken zu dürfen, der ihren Glauben nicht teilt und an dem zweifeln zu dürfen glaubt, was als modernster Standpunkt der Wissenschaft gilt.

Es ist wahr, das kopernikanische System ist überaus einleuchtend und erklärt am besten alle astronomischen Erscheinungen auf der Wissensstufe, auf der wir zur Zeit stehen; ja, unser ganzes physikalisches Begriffssystem beruht auf der Voraussetzung seiner Richtigkeit. Aber zweifellos bewiesen ist die Richtigkeit so wenig, wie irgendeine andre sogenannte ›wissenschaftliche Wahrheit‹. Es ist sehr unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar, daß ein kommendes, fortgeschritteneres Geschlecht wieder zum ptolomäischen Weltsystem zurückkehrt. Dann müßte allerdings die gesamte astronomische Wissenschaft umgearbeitet und eine neue Physik erfunden werden, die sich auf der ptolomäischen Anschauung aufbauen würde. Wie gesagt, es ist unwahrscheinlich, daß dies geschehen wird, aber durchaus nicht unmöglich, denn unsre Wissenschaft baut sich lediglich auf Vermutungen auf, nicht auf Wissen: Tatsachen sind keine Wissenschaft, sondern erst die stets unsichern Schlüsse, die wir aus den Tatsachen folgern.«

»Mit Verlaub, Herr Professor«, begann nun John Rieger, der stets bestrebt war, seine Bildung zu vermehren: »Was ist das eigentlich, das polemische und das koperganische Weltsystem, wenn ich mir solche Frage aus Unbescheidenheit zu stellen gestatten darf?«

»Gewiß darfst du das, und ich will dich gerne aufklären: Claudius Ptolomäus war ein berühmter Sternkundiger im zweiten Jahrhundert vor Christus und lebte in der Stadt Alexandria in Ägypten. Er glaubte, die Erde bilde den Mittelpunkt der Welt und stehe unbeweglich fest, während Sonne, Mond und Sterne sich um sie bewegten, wie es ja für uns den Anschein hat. Diese Meinung nennt man das ptolomäische Weltsystem, an das man noch 1500 Jahre nach Christus allgemein glaubte.

Nikolaus Kopernikus war ein polnischer Priester, der ein Buch schrieb, auf dem unsere jetzigen Anschauungen beruhen, und das im Jahre 1543 erschien. Hier erklärt er nicht nur, daß die Erde sich um ihre Achse dreht, woraus Tag und Nacht entstehen, sondern daß sie auch in einem Jahre sich um die Sonne bewegt, die den stillstehenden Mittelpunkt unseres Sonnensystems bilde, um den sich auch die andern Planeten oder Wandelsterne drehen. Ja, er entdeckte auch eine dritte Bewegung der Erde, die Schwankung ihrer Achse, die er Deklination nannte, durch welche bewirkt wird, daß das Erdenjahr nicht völlig mit einer scheinbaren Umdrehung des Himmels zusammenfällt, so daß die Tag- und Nachtgleichen etwas zu früh eintreten. Die Ansicht des Kopernikus nennt man das kopernikanische Weltsystem.«

»Na!« meinte John geringschätzig: »Der Ptolomäus muß ja ein ganz törichter und ungebildeter Mensch gewesen sein und was der Kopernikus behauptet hat, ist nichts Besonderes: Das weiß ja jedes Kind, daß sich die Erde um die Sonne dreht!«

»Weil man es ihm in der Schule sagt, mein Freund, Aber du mußt bedenken, dem Kopernikus hat es niemand gesagt, der hat es aus sich selbst heraus gefunden.«

»Halt, Professor!« widersprach der Lord: »Es ist eine uralte Weisheit der Ägypter, die Kopernikus aufwärmte, wodurch jedoch sein Verdienst nicht geschmälert sein soll. Schon in den ältesten Zeiten gab es große Geister, die auffallend richtige Begriffe über die Erde und unser Sonnensystem besaßen. Sie schienen dieselben von den ägyptischen Priestern übernommen zu haben und diese vielleicht von den Chaldäern. Aber das Verdienst dieser scharfen Denker ist es, daß sie diese damals so unglaublichen Wahrheiten als richtig erkannten und auf Grund derselben wissenschaftliche Großtaten vollbrachten.

Denken Sie an die Cheopspyramide, die 3000 Jahre vor Christus erbaut wurde und deren Maße in überraschend genauem Verhältnis zum Umfang der Erde und zu einigen erst in neuester Zeit wieder entdeckten astronomischen Entfernungsmaßen stehen. Ihre Kanten sind nach den vier Himmelsrichtungen gerichtet, und in der königlichen Leichenkammer befindet sich ein Spiegel, der durch einen langen, geneigten Tunnel unaufhörlich nach dem Polarstern blickt. Wer solche Berechnungen auszuführen vermochte, besaß Fähigkeiten und wissenschaftliche Kenntnisse, eine Beobachtungsgabe und eine Denkkraft, die auch von den ersten Größen unserer modernen Astronomie Kopernikus, Keppler, Galilei und Isaak Newton nicht übertroffen wurde.«

»Sie haben recht«, gab Schultze zu: »Die Alten hatten gewaltige Geister, die ohne unsre modernen Hilfsmittel, ohne Teleskop und Spektralanalyse, beinahe so viel erreichten, wie unsre modernsten wissenschaftlichen Größen mit all den Vorteilen der Riesenarbeit ihrer Vorgänger und der vollkommensten Instrumente.

Schon der griechische Weltweise Bion lehrte 500 Jahre vor Christus die Kugelgestalt der Erde und behauptete, es müsse auf unsrer Erde Gegenden geben, auf denen es sechs Monate lang Tag und sechs Monate Nacht sei. Eratosthenes von Alexandria rechnete den Umfang der Erde mit verblüffendem Scharfsinn und erstaunlicher Genauigkeit aus, wobei er zu annähernd demselben Ergebnis kam, wie lange vor ihm die Chaldäer.

Der Geograph Strabo ahnte Amerika, da er sagte, es könne noch zwei oder mehrere unbekannte Kontinente auf der Erdkugel geben. Aristarch wagte es, die Entfernung und Größe des Mondes und der Sonne zu berechnen, wobei er die Größe des Mondes und die Entfernung der Sonne fast genau so angab, wie wir sie heute erforscht haben: das waren Maßstäbe, die für jene Zeiten geradezu ungeheuerlich erscheinen mußten. Posidonius lieferte eine wahrhaft wunderbare Berechnung der Erdatmosphäre und der Lichtbrechung, und ebenso erstaunlich ist seine Berechnung der Größe der Sonne: wir ahnen nicht, mit welchen Mitteln er solche verblüffende Ergebnisse erreichte.

Auch Apollonius von Pergä war ein solcher Geistesriese, der den Begriff der Parallaxe entdeckt haben soll, das heißt die Methode zur Berechnung der Entfernung der Gestirne. Hipparch berechnete den Schattenkegel des Mondes mit großer Genauigkeit und schloß daraus auf die Entfernung von Sonne und Mond.

Pythagoras lehrte die Bewegung der Erde als Ursache der scheinbaren Bewegung der Gestirne; Aristarch erkannte, daß die Erde sich um die Sonne drehe und daß die Fixsterne sich in ungeheurer Entfernung von uns befinden. Dies alles scheint übrigens Demokrit schon 400 Jahre vor Christus erkannt zu haben.

Archimedes hatte schon die ersten Ideen von der Gravitation. Aber all diese kühnen Fortschritte lagen hernach jahrhundertelang brach und vergessen, bis Kopernikus sein großes Werk schrieb, zu dessen Prophet sich der unglückliche Giordano Bruno aufwarf.

Dann kam Tycho Brahe, der große Beobachter, dem Kepler so viel verdankte. Johann Kepler stellte die berühmten Gesetze der Planetenbewegung auf, ihre elliptische Bahn um die Sonne, das Gesetz ihrer Bewegungsgeschwindigkeit im Verhältnis zu ihrer Bahn und das Gesetz des Verhältnisses ihrer Umlaufzeit zu ihrer mittleren Entfernung zur Sonne.

Galilei benutzte als erster das Fernrohr, entdeckte die Monde des Jupiter und die Mondphasen der Venus; Cassini berechnete die Entfernung der Sonne aus ihrer Parallaxe beim Durchgang des Mars; Römer und Leverrier maßen die Geschwindigkeit des Lichts, Newton stellte die Gesetze der Gravitation auf; Kant und Laplace brachten das Weltall mit seinen Bewegungsgesetzen in ein großartiges System und erklärten seine Entstehung, Entwicklung und seine Zukunft. Endlich entdeckte Herschel den Planeten Uranus, Piazzi, Gauß und Olbers die Planetoiden, wiederum Herschel die Eigenbewegung der Fixsterne und das Vorhandensein von Doppelsternen; er war es auch, der die Nebelflecke studierte.

Als nun noch im Jahre 1838 die erste Fixsternparallaxe berechnet wurde, was uns in den Stand setzte die Entfernung und Größe der Himmelskörper außerhalb unsres Sonnensystems zu berechnen, waren die großen astronomischen Entdeckungen zu Ende, wenn wir absehen von den wunderbaren Enthüllungen durch die Spektralanalyse.«

»Danke, weisester aller Professoren!« sagte Münchhausen lachend: »Sie haben uns da einen Vortrag gehalten, der wahrhaftig ein Abriß der Geschichte der Astronomie in den letzten 10 000 Jahren genannt werden darf. Aber in einem Punkte irren Sie: Sie haben sozusagen die großen astronomischen Entdeckungen für abgeschlossen erklärt, und vergessen, daß sie eben jetzt erst recht anfangen, seit wir ausgezogen sind, das Weltall persönlich zu erforschen.«

»Und jetzt haben wir die beste Gelegenheit zu solchen Entdeckungen«, sagte Mietje, die soeben eingetreten war. Sie hatte einen Rundgang durch die Beobachtungszimmer gemacht, wie er abwechselnd jede halbe Stunde ausgeführt wurde, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.

»Was gibt's?« fragte Flitmore.

»Wir nähern uns dem Mars mit großer Geschwindigkeit«, erwiderte seine Gattin.

Flitmore stand auf: »Lassen Sie uns sehen, meine Herren«, sagte er, und alle folgten ihm in eines der Äquatorialzimmer, von dem aus die Lady den Planeten beobachtet hatte.

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