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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 9
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Kritik an der Vorkritik

›Die Stunde‹Für dieses Blatt schrieb Friedell eine Zeitlang Theaterkritiken. hat es eingeführt, daß ihre Kritiker zuweilen in die Generalproben gehen und ihre Beobachtungen bereits am Tage der Premiere veröffentlichen. Ich will gleich vorausschicken, daß ich diese Einrichtung mißbillige und von ihr, was mich betrifft, keinen Gebrauch machen werde. Sie wäre nur dann zulässig, ja förderlich, wenn die betreffenden Beurteiler sich ehrenwörtlich verpflichten wollten, alle Stücke oder doch zumindest alle Schauspieler prinzipiell begeistert zu loben. Dann würden diese durch eine solche Vorkritik einen heilsamen Auftrieb erhalten; anderenfalls aber würden sie entmutigt, verwirrt und im Glauben an sich selbst irregemacht werden, denn jeder Schauspieler, auch der eingebildetste, wird während der Probe durch ein Tadelswort, und käme es selbst von einem Kritiker, sogleich aus der Kontenance gebracht; nach der Premiere pflegt ihn das weniger zu genieren, weil er da schon das Publikumsurteil kennt. Die Vorkritik würde also ganz einfach an der Pejoration der schauspielerischen Leistungen arbeiten, was doch unmöglich ihre Aufgabe sein kann.

Ich halte diese Methode aber auch für unvorsichtig, weil sie den alten Streit aufrührt, ob Rezensenten überhaupt zu Generalproben zuzulassen seien. Und in der Tat erwägt, wie ich höre, der Bühnenverein bereits neuerdings diese Frage. Ich bin nun vielleicht nicht ganz ungeeignet, in dieser Sache ein objektives Urteil zu fällen, da ich sozusagen beide Parteien in meiner Seele vereinige; denn ich wäre einmal beinahe selber in den Präsidialausschuß des Österreichischen Bühnenvereins delegiert worden, wenn es mir nicht im letzten Moment gelungen wäre, meine Wahl durch allerlei Intrigen zu vereiteln.

Blicke ich also in meine Schauspielerseele, so muß ich sagen, daß eine Generalprobe mir nicht dazu angetan scheint, dem Besucher ein richtiges Bild von unseren Leistungen beizubringen. Eine Generalprobe, bei der alles klappt, kommt nur äußerst sporadisch vor; der Fall tritt so selten ein, daß wir – abergläubisch, wie das Bühnenvölkchen schon einmal ist – dies für ein schlechtes Omen halten. Die Requisiten sind fast niemals vollständig versammelt, und auch wenn sie es sind, so sind sie doch nicht alle am richtigen Ort; und auch wenn sie es wären, so würde doch immer noch das Mißtrauen, was wir infolge zahlreicher übler Erfahrungen diesen Verhältnissen entgegenbringen, uns unsicher und nervös machen. Der Text sitzt meistens noch nicht ganz fest, und wenn er sitzt, so sitzen die Stellungen nicht. Und selbst wenn sich die Monstrosität ereignet, daß auch diese sitzen, so sind wir immer noch nicht in Gewißheit darüber, ob unser Partner sich in derselben glücklichen Lage befindet. Von Vorgängen, wie Volksgemurmel, Mondschein und Glockengeläute, die seit Erschaffung der Welt noch nie auf einer Generalprobe zur rechten Zeit eingetreten sind, gar nicht zu reden. Zudem ist es Vormittag; man ist verärgert, unausgeschlafen, stimmungslos, und bei Tag Theater zu spielen ist überhaupt eine Tortur. Das Deplacierte und Lächerliche des ganzen Betriebes wird von der Sonne, vor der es bekanntlich keine Geheimnisse gibt, unerbittlich ans Licht gebracht. Und vor allem fehlt die Hauptsache: der raunende, summende, vibrierende, mit gespannter Erwartung geladene Bienenstock ›Publikum‹, die angriffsbereite Batterie von tausend blitzenden Opernguckerrohren, der mysteriöse Fluidumtrichter des vollbesetzten Hauses, dessen Magnetismus uns gleichzeitig ängstigt und reizt, zu den letzten Kraftanspannungen befeuert und überhaupt erst zu Schauspielern macht.

Stattdessen, wer sitzt in einer Generalprobe? Ein paar gähnende, mißgelaunte Skribenten, ein paar höhnisch lächelnde, übelwollende Kollegen, ein paar stets unzufriedene und skeptische Direktionsmitglieder. Niemand klatscht, niemand lacht, niemand schneuzt sich gerührt. Man spricht buchstäblich in den Wind. Selbst Zischen wäre eine Erlösung, weil es doch irgend eine menschliche Reaktion, ein Dokument innerer Anteilnahme wäre. Man kommt sich wie ausgesetzt vor; die Bühne wird zum Pranger. Es fehlt für das, was man da oben tut, nicht nur jedes Tonikum, sondern auch jede Entschädigung. Die einzige Entschädigung für Theaterspielen ist nämlich ein zahlendes Publikum. Denn man mag sich auf der Bühne noch so töricht gebärden: die Menschen, die für solchen Anblick auch noch Geld auslegen, sind zweifellos noch törichter, und dieses Verhältnis setzt den Darsteller in eine Position unleugbarer geistiger Überlegenheit. Fällt jedoch dieser Umstand weg, so erhebt sich jene gefährliche, stets auf der Lauer liegende Frage, die der Tod jeder Schauspielkunst ist: »Wozu das alles? Warum habe ich mir das Gesicht rot und blau angemalt wie ein Hottentottenpriester, Kleider umgehängt, die hierzulande kein Mensch trägt, und eine lästige Haarmütze auf den Kopf gestülpt? Es weiß ja doch jeder Mensch hier, daß ich der Egon Friedell bin und nicht der Kaiser von China.« Natürlich bin ich infolgedessen schlecht. Der Herr Kritiker aber, der meist von dieser Probe meiner Kunst genug zu haben pflegt und sich daher die Abendvorstellung schenkt, geht nach Hause und schreibt: »Herr Friedell war wieder einmal ganz unmöglich.»

Wenn man daher die Sache einigermaßen billig ansieht, so muß man sagen: wir Schauspieler sind zweifellos im Recht.

Blicke ich nun in meine Kritikerseele, so muß ich sagen, daß wir Kritiker ohne die Generalprobe keine solide und einigermaßen ernst zu nehmende Arbeit leisten können. Das Publikum hat sich bekanntlich daran gewöhnt, gleich am nächsten Morgen wissen zu wollen, was in der Premiere los war. Wir wären also, wenn uns der Besuch der Generalprobe verwehrt wird, gezwungen, in der Zeit von 11 bis 1 Uhr nachts eine längere feinsinnige Kritik und in vielen Fällen einen ganzen tiefschürfenden Essay zu Papier zu bringen. Das ist schon rein technisch fast unmöglich; und außerdem brauchen wir gerade so gut Stimmung wie die Herren Schauspieler; die muß aber natürlich ausbleiben zu einer Zeit, in der ein normaler Mensch bereits vollkommen ausgeleert, abgeschnurrt und von der Tagesarbeit bereits durchlöchert ist und nur noch für Alkoholismus, politische Diskussionen, Erotik und ähnliche, zumeist den Geist nicht übermäßig in Anspruch nehmende Beschäftigungen befähigt zu sein pflegt. Wir brauchen außerdem auch Sammlung: zu einem vernünftigen Urteil über eine Sache kann man allemal erst gelangen, wenn die Eindrücke sich gesetzt, geklärt haben; was aber mich betrifft, so war ich seit meiner Geburt noch nie von 11 bis 1 Uhr abgeklärt. Was wäre also die Folge? Ich würde schlecht schreiben, und zwar in doppeltem Sinn: erstens Blödsinn und zweitens, in meiner Verbitterung, Verrisse. Und die Leser würden sagen: »Dieser Friedell ist ein Idiot«, und die Schauspieler: »Dieser Friedell ist ein Schwein«, und die Schauspielerinnen: »Er hat eben von mir nicht erreicht, was er gewollt hat.«

Wenn man daher die Sache einigermaßen billig ansieht, so muß man sagen: wir Kritiker sind zweifellos im Recht.

Ich hoffe, hiermit meinen Standpunkt mit aller wünschenswerten Klarheit präzisiert zu haben, und hoffe, daß es auf dieser Basis zu einer Einigung kommen wird.

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