Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 7
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
Schließen

Navigation:

Defekte

Um es gleich zu sagen: ich halte meinen Direktor und mich für die beiden enfants terribles des Theaters. Das Wort ›terrible‹ ist übrigens bei ihm ganz wörtlich zu nehmen. Wenn Papst Julius II. den Beinamen ›il papa terribile‹ hatte, so möchte ich ihn ›il direttore terribile‹ nennen. Wer's nicht glaubt, der komme einmal zu einer drittletzten Probe. Ich glaube nicht, daß der Kommandant eines gerammten Schiffs ein ähnliches Gebrüll gegen seine Bemannung vollführt, wie unser Kapitän. Das Verletzendste an der Sache ist, daß er sich dabei gar nicht aufregt.

Unter enfant terrible im erweiterten Sinne aber verstehe ich bei meinem Direktor und mir: Durch uns ist aufgekommen, daß das Theaterspielen überhaupt keine Kunst ist. Es war auch schon vor uns keine; aber bis dahin hatten alle Schauspieler das Berufsgeheimnis gewahrt und durch allerlei Kniffe geschickt kaschiert. Bei uns aber lag es so plump und offenkundig zutage, daß selbst die Kritik dahinterkam.

Während nämlich zum Zeichnen, wenigstens soweit es sich auf nichtexpressionistischem Gebiet bewegt, die Kenntnis der menschlichen Proportionen gehört und zum Komponieren die Kenntnis jener sonderbaren Mückenschwärme, die man Noten nennt, bedarf es zum Theaterspielen lediglich einiger Defekte, nämlich des Fehlens gewisser den Menschen angeborener Fähigkeiten und Empfindungen. So z. B. der Intelligenz. Es ist nämlich ganz merkwürdig, mit welcher Selbstverständlichkeit in einem Theaterbetrieb von jedem Schauspieler angenommen wird, daß er schwachsinnig ist. Schon bei jedem Besucher eines Kindergartens wird ein größeres Ausmaß an Auffassungsgabe vorausgesetzt, als bei einem Menschendarsteller. Man sagt ihm z. B. auf der Probe: »Wenn Sie die Klingel hören, so begeben Sie sich unverzüglich zur Tür.« Wehe aber dem Schauspieler, der das ohne diese Anweisung täte! Sofort würde er angeschrien werden: »Ja, wer hat Ihnen denn das angeschafft?« – »Ja, ich habe mir gedacht . . .« – »Sie haben sich aber nichts zu denken!« Wenn man nicht rechtzeitig auftritt, so wird ein wildfremder Mensch angebrüllt: »Ja, wissen Sie denn nicht, daß dieser Herr jetzt aufzutreten hat?« Hat man einen Gegenstand, den man beim Spiel braucht, vergessen, so wird ein anderer Mensch angeschrien: »Ja, Requisiteur, haben Sie denn kein Hirn im Kopf?« Sitzt der Bart schief, so wird voll Wut nach dem Friseur gerufen, und sind die Hosen zu hoch hinaufgezogen, so wird der Garderobier für einen Schandfleck der menschlichen Gesellschaft erklärt. Daß man selbst soviel Verstand habe, um diese Mängel zu vermeiden, erwartet niemand. Diese Behandlung hat aber durchaus nichts Unangenehmes oder Erniedrigendes an sich, vielmehr bildet sie im Gegenteil einen Hauptreiz des Theaterberufes. Endlich einmal nicht denken, endlich einmal für nichts verantwortlich sein! Von jedem Satz, den er spricht, werden die Betonung und der Tonfall dem Schauspieler wie einem Papagei genau vorgemacht. Sogar der Text wird ihm von der Souffleuse vorgesagt, wobei ich aber niemandem raten möchte, sich darauf allzusehr zu verlassen, denn sämtliche Souffleusen, die ich bisher kennengelernt habe, hatten dieselbe Eigentümlichkeit, daß sie in eine kunstvolle Pause, auf die ich mir schrecklich viel einbildete, laut und vernehmlich den Rollentext hineintrompetete, hingegen wenn ich wirklich hängenblieb, mich stumm und verliebt anstarrten. Selbst für unser schlechtes Spiel sind wir nicht verantwortlich, denn dann hat der Regisseur entweder falsch besetzt oder nichts aus uns zu machen verstanden.

Die zweite Eigenschaft, deren Mangel zum Theaterspielen gehört, ist das Schamgefühl. Man hat bei aristokratischen Liebhabervorstellungen oft beobachtet, daß Personen, die im Leben das gewandteste und sicherste Auftreten haben, sich auf der Bühne linkisch und befangen zeigen. Weil sie eben feine Menschen sind. Es ist nämlich gar nicht wahr, daß das Theater maskiert. Im Gegenteil: es decouvriert. Im Leben ist es sehr leicht, sich zu verstellen, auf der Bühne ist es fast unmöglich. Unter der Schminke kommt alles auf. Im täglichen Leben ist dem Menschen die Aufgabe gestellt, möglichst geschickt nicht er selber zu sein, sondern immer Hüllen, Draperien, Schleier zu tragen.

Immer ist der Vorhang unten, nur einmal ist er oben: im Theater; das Seelenrevier fällt, das innerste Wesen wird manifest, ob der Träger des Geheimnisses will oder nicht. Kein Wunder, daß da die besseren Menschen Hemmungen haben. Aber deren Überwindung ist abermals ein großer Reiz. Es ist der Reiz, den jede Prostitution hat.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.