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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 5
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Meine Nestroy-Vorstellung

Infolge meiner persönlichen Beziehungen zu einigen einflußreichen Redakteuren besitze ich jederzeit die Möglichkeit, mich über meine schauspielerische Tätigkeit öffentlich lustig zu machen.

Dies ist ein Trick von ganz unberechenbarem Nutzen, den ich hiermit freimütig aufdecke (wie das ja auch neuerdings die modernen Taschenspieler tun).

Es wird nämlich dadurch erstens den Kritikern, die ja eigentlich die hierzu berufenen Persönlichkeiten sind, das Vergnügen am Verhöhnen erheblich reduziert, weil Selbstironie den Verdacht erweckt, daß man wenig empfindlich sei; zweitens aber wird jede eigene Lächerlichkeit dadurch, daß man sie selber konstatiert, ganz bedeutend verringert. Ein Kunstgriff, der überhaupt für alle erdenklichen Lebenslagen zu empfehlen ist. Wenn jemand dick ist, so versuche er nur ja nicht, diese Tatsache durch enge Kleider zu kaschieren, sondern trage seine Dicke möglichst deutlich und heiter zur Schau. Wenn jemand auf dem Eislaufplatz oder im Tanzsaal der Länge nach hinschlägt, so erhebe er sich vor dem anwesenden Damenflor nicht mit ärgerlicher, sondern mit möglichst belustigter Miene, und er wird dadurch zwei Drittel seiner Lächerlichkeit einbüßen.

Zum Thema. Es ist wohl überflüssig, zu erwähnen, daß meine Nestroy-Vorstellung einer Anregung des Herrn Siegfried Meyer vom ›Residenzblatt‹ zu verdanken ist, denn die meisten Dinge, die sich ereignen, sind einer Anregung des Herrn Siegfried Meyer vom ›Residenzblatt‹ zu verdanken. Ich bin sehr im Zweifel, ob nicht schon die Erschaffung der Welt auf eine Anregung des Herrn Siegfried Meyer vom ›Residenzblatt‹ zurückzuführen ist; jedenfalls muß er dabei irgendwie seine Hand im Spiel gehabt haben. Ich vermute dies deshalb, weil auch im Kosmos bekanntlich Verschiedenes ganz und gar nicht klappt, wenngleich keine so haarsträubende Unordnung herrscht, wie bei meiner Nestroy-Aufführung; auch hat man die verschiedenen Schlampereien, die in der Natur vorkommen, nicht – wie dies in unserem Fall geschah – damit zu entschuldigen versucht, daß dies alles absichtlich so gemacht und ›parodistisch‹ gemeint sei. Und schließlich und endliche hoffe ich im Interesse der Menschheit, daß bei der Schlußbilanz die Schöpfung ein wesentlich besseres Geschäft bedeuten wird als meine Nestroy-Vorstellung.

Immerhin hatte ich doch gedacht, daß die intimen Beziehungen, die Herr Siegfried Meyer zu sämtlichen Wiener Redaktionsdienern unterhält, auf die Kritik günstiger einwirken würden. Die Genialität, die in dem Gedanken des Regisseurs lag, mit schlechten, aber billigen Dekorationen und Schauspielern und keinerlei Proben, sondern einigen angsterfüllten Beratungen eine Vorstellung zustande zu bringen und alle daraus erfolgenden Defekte dann als ein Füllhorn satyrischen Feuerwerks darzustellen, wurde nirgends genügend gewürdigt.

Was meine Wenigkeit anbetrifft, so habe ich mich nicht im geringsten zu beklagen, denn ich darf sagen, daß ich mich seit der Pfingst-Aufführung von ›Einen Jux will er sich machen‹ als Schriftsteller endlich allgemein durchgesetzt habe. Kritiker, die mich bisher verachtet oder totgeschwiegen haben, gaben nunmehr freimütig zu, daß ich eine wirklich feine Feder besitze. Ich kann daher meinen Schriftsteller-Kollegen nur aufs angelegentlichste raten, sich ebenfalls hie und da einmal schauspielerisch zu versuchen. Einer unserer ersten Kritiker machte die ebenso witzige wie schmeichelhafte Bemerkung, ich erinnere lebhaft an Wedekind, denn ich könne als Schriftsteller viel und als Schauspieler nichts. Das ist gewiß sehr liebenswürdig, wenn man bedenkt, daß er ja auch hätte schreiben können: »Herr Friedell erinnert lebhaft an Wedekind, aber leider nur als Schauspieler. Als Schriftsteller besitzt er eine frappante Ähnlichkeit mit dem hervorragenden Menschendarsteller Ferdinand Bonn.Bonn war ein viel besserer Bonvivant und ein viel schlechterer Schriftsteller als Friedell. Trotzdem war ich von dem Vergleich befremdet, weil ich nicht nur Mitarbeiter des ›Neuen Wiener Journals‹, sondern außerdem mit seinem sehr geschätzten Kritiker gut bekannt bin. Ich stellte ihn auch gleich am nächsten Tage ernsthaft zur Rede, und er gebrauchte die plumpe Ausrede, daß das, was er geschrieben habe, seine wirkliche Meinung gewesen sei. Ein etwas sehr naiver Standpunkt, das muß ich schon sagen: welchen Zweck hat es denn dann eigentlich, mit einem Kritiker gut zu stehen, wenn er bei jeder Gelegenheit rundheraus sagt, was er über einen denkt? Man mißverstehe mich übrigens nicht: Ich bin ein viel zu kluger und charaktervoller Mensch, um nicht für gerechten und ehrlichen Tadel empfänglich zu sein, ich kann aber von einem Menschen, dem ich angeblich sympathisch bin, verlangen, daß er derartige, im Prinzip ja sehr förderliche und dankenswerte kunstphilosophische Auseinandersetzungen ganz privat und diskret behandelt und nicht an die große Glocke hängt; in der Zeitung, die von Tausenden wildfremder Menschen gelesen wird, beschränke er sich auf einige wenige neutrale Schlagworte wie ›überwältigend‹ und ›unvergleichlich‹.

Meine Mitspieler (die Bezeichnung ›Kollegen‹ werden sie sich wahrscheinlich nicht gefallen lassen) waren fast durchwegs Komiker, und das sagt alles. Ein Komiker ist nämlich ein Mensch, der unter gar keiner Bedingung gestattet, daß irgendwann irgendwo über irgendetwas anderes gelacht wird, als über ihn. Besonders ängstlich wacht er über die Komik seiner Partner. Ich versuchte zwar die Herren in Bezug auf meine Person zu beruhigen, aber ihr Mißtrauen war nicht einzuschläfern. Einer von ihnen (den Namen sage ich nicht, weil er sich sonst heute abend weigert, mit mir zu spielen) trat auf mich zu und sagte: »Wenn Sie diesen längeren Satz im ersten Akt zu sprechen haben, werde ich hinter Ihrem Rücken auf den Händen auf und ab gehen. Die Nummer ist todsicher, Sie als Dilettant haben natürlich Bedenken, aber verlassen Sie sich auf meine Theatererfahrung, in Passau hat es bei dieser Stelle Lachstürme gegeben.« Ich kann übrigens – eitel, wie wir Mimen nun einmal sind – die Mitteilung nicht unterdrücken, daß bei einem Satz von mir tatsächlich gelacht wurde. Nach der Vorstellung trat jedoch Herr Eisenbach, der Star des ›Wiener Jüdischen Possentheaters‹, der als Gast mitgewirkt hatte, auf mich zu und sagte: »Wissen Sie, warum bei dieser Stelle über Sie gelacht worden ist?« »Selbstverständlich infolge meiner fabelhaften vis comica«, erwiderte ich stolz. »Nein«, sagte Herr Eisenbach gekränkt, »sondern weil ich Sie so komisch angeschaut habe.«

Auf gespanntem Fuße stand ich auch mit dem Claquechef. Die Preise sind nämlich ziemlich beträchtlich. Ein beifälliges Gemurmel behaglicher Laune stellt sich ungefähr so hoch wie eine Flasche Heiligensteiner Riesling, und für einen spontanen Applaus bei offener Szene bekommt man bereits eine ganze Erdbeerbowle. Ich habe daher auch an den bisherigen Abenden meine sämtlichen Empfänge und Abgänge restlos versoffen.

Mein erbittertster Feind war jedoch der Kapellmeister. Er erklärte, ich sei geradezu ein Phänomen, und es sei ebenso leicht, einer Sau das Schreiben wie mir das Singen beizubringen. Ich ärgerte ihn offenbar, denn während der Musikproben rief er mir immer aus dem Orchester allerlei Spitznamen zu, wie »Es«, »Des« und »Fis«, und einmal nannte er mich sogar entrüstet »Fisis«. Ich erklärte ihm jedoch kaltblütig, daß ich über dererlei Sottisen erhaben sei, da ich zum Glück nicht wisse, was sie bedeuten. Drauf schrie er empört: »Daß Sie jede Note falsch singen, damit habe ich mich abgefunden, aber die Einsätze könnten Sie doch wenigstens richtig bringen.« »Gern«, erwiderte ich, immer meine vornehme Haltung bewahrend, »aber dann müssen Sie mir zuerst mitteilen, was Einsätze sind; ich bin nämlich in Ihre Gaunersprache nicht eingeweiht.« Zum Glück gab es nur wenig Proben, denn auf die Dauer hätte ich mich von diesem hochmütigen Menschen nicht schikanieren lassen, der sich immer einbildete, ich müsse mich nach ihm richten. Er hielt mich offenbar für einen Laien, dem man alles einreden kann, aber ich weiß ganz gut, daß es nicht so ist, sondern daß die Musik sich nach dem Auftretenden zu richten hat; denn ich bin seit Jahren mit dem Kapellmeister eines Hippodrom befreundet.

Der Leiter der Veranstaltung jedoch, der Regisseur, ist überglücklich, obwohl er ziemlich verrissen wurde, denn er ist noch nie in seinem Leben außerhalb der Gerichtssaalrubrik so ausführlich besprochen worden. Und mit diesem vortrefflichen kleinen Scherz wollen wir schließen, wobei ich nicht unerwähnt lassen will, daß ich auch diesen einer Anregung des Herrn Siegfried Meyer verdanke.

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