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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 46
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Das Leben als Spiel

Das menschliche Leben bewegt sich zwischen zwei Klippen: der Gefahr der geistigen Stagnation, Verstockung, Verknorpelung, Eintrocknung: physiologisch ausgedrückt: Arterienverkalkung, und der Gefahr der Überreizung, Überlastung, sozusagen der geistigen Übervölkerung: physiologisch ausgedrückt: Zuckerkrankheit. Das erste ist die schleichende Todeskrankheit des Philisters, die fast schon mit seiner Geburt einsetzt, das zweite das Schicksal aller ›Aktivisten‹. Es ist daher jedem Menschen die Aufgabe gestellt, zwischen diesen beiden Klippen hindurchzukommen und den totalen Mangel an Aufregungen ebensosehr zu vermeiden, wie den schädlichen Überschuß an solchen. Mit anderen Worten: er muß versuchen, sich Aufregungen zu schaffen, die im Grunde keine sind, seine Emotionen wie eine Art Kostüm zu tragen; und daher lautete das zweite, das psychologische Rezept, das ich für die Verlängerung des Lebens zu empfehlen versuchte: lebe unernst. Hier nun fand eines jener typischen Mißverständnisse statt, von denen ich letzthin sprach: indem nämlich viele das Wort ›unernst‹ in seinem alten wörtlichen Sinne nahmen, während ich es in einer etwas modifizierten, speziellen und subjektiven Bedeutung gebraucht wissen wollte. Ich verstehe unter dem ernsten Menschen den Menschen, der in der Realität befangen ist, den praktischen Menschen; und unter dem unernsten Menschen ganz einfach den geistigen Menschen, den souveränen Menschen, der imstande ist, das Leben von oben herab zu betrachten, indem er es bald humoristisch, bald tragisch nimmt, aber niemals ernst. Beide, der humoristische und der tragische Aspekt, gehen nämlich auf ein und dieselbe Wurzel zurück und sind nichts anderes als zwei entgegengesetzte und eben darum komplementäre Äußerungen desselben Weltgefühls. Zur tragischen Einstellung gehört ganz ebenso das Nichternstnehmen des Daseins wie zur humoristischen Einstellung: beide ziehen ihre Nahrung aus der tiefen Überzeugung von der Nichtigkeit und Vanität der Welt, daher denn auch alle großen Humoristen auf einem deutlichen, wenn auch nur selten sichtbaren Untergrund von Pessimismus gemalt haben und umgekehrt nur der humoristisch begabte Mensch in der Lage ist, eine Tragödie zu schaffen: denken wir bloß an die drei größten dramatischen Ingenien, die die europäische Kulturentwicklung bisher hervorgebracht hat: Euripides, Shakespeare, Ibsen: aber im Grunde trifft dies alle dramatischen Dichter der Weltliteratur von Kalidasa bis heute.

Ja, ich könnte mir sogar ganz gut einen alten Mystiker vorstellen, der die Behauptung aufgestellt hätte: Gott nimmt die Welt nicht ernst, sonst hätte er sie nicht schaffen können. Nur der Künstler kann nämlich etwas erschaffen, kann Leben erzeugen. Die Kraft Gottes ist, unendlich potenziert, die Kraft, die in jedem Künstler wirkt. Nun aber vermag der Künstler nur deshalb etwas zu gestalten, aus sich heraus zu projizieren, außer sich zu stellen, weil er zu diesen Gestalten, zu seinen Geschöpfen bereits das Verhältnis der Distanz besitzt, weil er von ihnen (wenigstens im grob realen Sinne) nicht mehr affiziert wird: weil er sie nicht ernst nimmt.

Und hierauf, auf jener Fähigkeit einer unernsten, künstlerischen, rein geistigen Einstellung beruht denn auch in der Tat die Überlegenheit des Menschen über seine übrigen Mitgeschöpfe, ja sie beruht vielleicht allein hierauf: über die ganze Natur, mit Ausnahme des Menschen, ist eine tiefe Trauer gebreitet.

Ströme und Steine, Wiesen und Wälder, Pflanzen und Tiere zeigen uns immer dasselbe ernste, klagende Antlitz.

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