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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 45
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Das Lebensrezept

Ich bekomme so viele Briefe über meine kleine Betrachtung ›Die Verlängerung des Lebens‹, daß ich mich verpflichtet fühle, noch einiges Aufklärende und Ergänzende hinzuzufügen. Im allgemeinen bin ich ja nicht der Ansicht, daß ein Autor seine eigenen Worte kommentieren soll. Denn ich bin aufs tiefste überzeugt, daß man den Menschen im großen und ganzen nur das mitteilen kann, was sie eigentlich schon wissen, nämlich irgendwie latent in sich tragen; ist diese Voraussetzung nicht gegeben, so werden sie es entweder überhaupt nicht verstehen oder ›auf ihre Art auslegen‹, das heißt: also falsch verstehen. Gelingt es einem Autor, das, was der ihm bestimmte Leser sich schon längst gedacht hat, ein wenig voller, deutlicher, energischer ins Licht zu rücken, so darf er schon sehr zufrieden sein; alles andere sind hoffnungslose Bemühungen.

Diesmal glaube ich aber doch eine Ausnahme machen zu müssen, denn die Irrtümer, die ich hervorgerufen habe, sind durch mich selbst verschuldet. Ich habe mich nämlich offenbar zu kurz ausgedrückt. Meistens ist ja das Gegenteil der Fall: wir pflegen irgendwelche Erkenntnisse, die wir gemacht zu haben glauben, solange zu ›fletchern‹,›Fletchern‹ = sehr gründlich zerkauen, eine Methode, die nach dem amerikanischen Schriftsteller Horace Fletcher (1849-1919) benannt ist. bis sie jeden Geschmack verloren haben. Aber wie es eine schlechte Weitschweifigkeit gibt, so gibt es auch eine schlechte Knappheit, eine falsche Kürze, die von dem, was sie sagen will, nur das Skelett übrig läßt und die Dinge so mazeriert vorbringt, daß ein lebendig empfindender Mensch schlechterdings nichts mit ihnen anzufangen weiß. Dadurch kann es dann leicht geschehen, daß das Ganze inkonsequent, unlogisch, widerspruchsvoll wird. Die Widersprüche freilich wären noch nicht das Schlimmste, denn auf ihnen beruht alle geistige Betätigung: unser gesamtes Denken ist eine solche Bewegung von einem Widerspruch zum anderen, und die ›Wahrheit‹ über eine Sache ist dann in der Regel das arithmetische Mittel, das sich aus diesen sich kreuzenden und scheinbar aufhebenden Widersprüchen ziehen läßt; diese Arbeit kann man dann meistens getrost dem Leser überlassen. Aber allzu große Kürze hat noch einen zweiten Nachteil im Gefolge: sie erzeugt ganz überflüssige Mißverständnisse, und zwar die Hauptkategorie aller Mißverständnisse: die terminologischen. Der Autor gebraucht irgendein Wort, und zwar in einem ganz spezifischen Sinn, der ihm und vielleicht nur ihm vorschwebt, der Leser aber nimmt dieses Wort nicht in dieser übertragenen und mehr oder weniger symbolischen, sondern in seiner bisherigen Bedeutung, und so ergibt sich bisweilen das groteske Verhältnis, daß beide eigentlich im Grunde dasselbe meinen und sich nur in einem scholastischen Terminalienstreit befinden. Es besteht aber alles geistige Leben in solchem Verschieben, Umändern, Verwandeln, wenn man will: Fälschen der ursprünglichen Bedeutung unserer Begriffe, dies ist der Sinn und das Ziel allen Fortschritts: er verrückt.

Wenn auf einer Theaterprobe eine Szene schlecht herausgekommen ist, so pflegt der Regisseur zum größten Mißvergnügen aller Beteiligten zu rufen: »Gehen wir zurück!« Gehen wir also noch einmal zurück.

Ich übergehe meine Hypothesen über die Möglichkeiten einer Regeneration der Zelle, die ja von mir, wie ich ausdrücklich bemerkt habe, durchaus nicht wissenschaftlich gemeint waren, weshalb jener mit ›Chemicus‹ unterzeichnete Briefschreiber sich seinen Vortrag über den Unterschied zwischen dem Menschen und der Amöbe hätte schenken können; denn niemand, der mich von Angesicht kennt, wird mir ernstlich zutrauen, daß ich mich mit einer Amöbe verwechsele. Von den drei Rezepten zur Verlängerung des Lebens, die ich aufzustellen versuchte, lautete nun das erste, das physiologische: vermeide jede Ausscheidung von Ermüdungsgiften durch Überanstrengung. Hierauf ist zunächst der an sich gewiß nicht unvernünftige Einwand gemacht worden, daß das ein sehr gewagtes Rezept sei, denn da nachweisbar jedes Organ durch Mangel an Betätigung atrophiere, so bestehe diese Gefahr selbstverständlich auch für den Gesamtorganismus, wenn er sich gehen lasse und jedem Bedürfnis nach Ausspannung sofort blind gehorche. Hier haben wir schon gleich ein Mißverständnis. Ich habe natürlich nicht gemeint, daß der Mensch stets nur das tun soll, was ihm in jedem gegebenen Moment als das Angenehmste erscheint, sondern daß er das tun soll, was sein Körper für das Wünschenswerteste erachtet; und das ist durchaus nicht dasselbe. Wir sind bereits so durch falsche Bildung verdorben, daß wir längst kein Ohr mehr für die Sprache unseres Organismus besitzen und erst wieder langsam lernen müssen, ihm zuzuhören und seine Winke zu verstehen. Wir sollen ruhen, nicht wenn unsere Launen, sondern wenn unsere Organe es verlangen; und sie verlangen es sehr deutlich, wenn man sich die Mühe gibt, sich auf ihre Zeichengebung ein wenig einzustellen. Sodann aber: ist denn Atrophie etwas gar so Schreckliches? Warum sollte die Entwicklung des Menschen nicht in einer Rückbildung seiner Körperlichkeit liegen, da sie doch offen in seiner zunehmenden Vergeistigung liegt? Wäre es nicht möglich, daß mit einer Reduktion des Physischen eine Subtilisierung und Ätherisierung Hand in Hand ginge?

Ein zweiter Einwand ging dahin, daß durch meinen Ratschlag das menschliche Leben leicht um den Segen der Arbeit gebracht werden könne, die allein es lebenswert mache und mit einem Inhalt fülle. Aber damit hat es eine eigentümliche Bewandtnis.

Allenthalben, schon von Kindheit an tönt uns die graue, bleierne Mahnung entgegen: »Arbeitet! Das ist der Sinn eures Daseins!« Aber es wäre gar nicht so übel angebracht, dem Alltagsmenschen einmal die gegenteilige Warnung zuzurufen und ihm zu Bewußtsein zu bringen, daß er eigentlich viel zu viel arbeitet. Er operiert mit einem ungeheuren Überschuß oder, in seiner Sprache zu reden, Saldo an Arbeitskapital, nämlich an überflüssigen Sorgen, Strapazen, Berechnungen einer Zukunft, von der nur das eine gewiß ist, daß sie nicht so sein wird, wie er sie sich vorstellt. Es wäre für seinen Körper und seine Seele viel gesünder, wenn er einfach in den Tag hineinlebte. Dies wissen noch heute alle Völker des Südens; dies wußte das ganze Altertum, das ganze Mittelalter; erst mit der zunehmenden Verdüsterung Europas, die mit der französischen Revolution anhob, hat die Arbeit aufgehört, für einen Druck und eine Schande gehalten zu werden.

Hier aber sehe ich schon wieder ein drohendes Mißverständnis sich am Horizont heranwälzen. Was ist Arbeit? Ich glaube, die Definition kann ganz einfach lauten: alles, was Anstrengung verursacht. Wenn Kant Jahrzehnte hindurch über seine Vernunftskritik grübelt, wenn Kepler Tag und Nacht den Lauf der Sterne beobachtet, wenn Flaubert eine Woche lang an einer Seite Prosa feilt, so ist das keine Arbeit; so wenig wie es Arbeit ist, wenn ein Kind an einer Eisenbahn baut und darüber Essen und Schlaf vergißt. Hingegen die leichteste und einfachste Tätigkeit, die ungern ausgeführt wird, ist ein fressendes Gift für den Organismus, das ihn auf die Dauer langsam zerstören muß. Dieselbe Energieleistung kann unter verschiedenen Umständen beleben und erfrischen oder erschöpfen und aufreiben. Nicht wenige Menschen benutzen ihre Mußestunden zum Holzhacken; von einem Holzhacker habe ich das noch nie gehört. Aber vielleicht würde es für ihn eine prächtige Erholung sein, Aktendeckel zusammenzukleben. Die Gesellschaft erfordert allerlei unangenehme und beschwerliche Arbeiten, die einmal getan werden müssen. Tausende tun sie freudig. Tausende arbeiten in Fabriken, in Laboratorien, in Kontoren tagaus tagein und sind dabei glücklich. Erst die Vorstellung, daß sich unter diesen Tausenden auch eine Anzahl von solchen befindet, die es ungern tun, schafft die ›soziale Frage‹. Der Gedanke, daß es Personen gibt, die gegen ihren Wunsch täglich viele Stunden hobeln oder kutschieren oder kopfrechnen müssen, ist unerträglich, denn das ist ja eine der raffiniertesten und schrecklichsten Formen der Zwangsarbeit. Aber vielleicht würde der, welcher so furchtbar unter der Last des Kopfrechnens leidet, riesig gern kutschieren und umgekehrt. Es kommt also nur auf die richtige Beurteilung an. Ich kenne Leute, die zu ihrem Privatvergnügen die Geschäftsbücher ihrer Freunde durchsehen. Was mich betrifft, so glaube ich nicht zu weit zu gehen, wenn ich behaupte, daß ich auch für ein Monatsgehalt von mehreren Millionen dazu nicht bereit zu finden wäre.

Und damit kommen wir zu einem zweiten wichtigen Punkt: zum Begriff der Arbeit gehört es, daß sie bezahlt wird. Merkwürdigerweise wird nämlich sehr oft eine Tätigkeit erst dadurch unerträglich, daß sie Geld einträgt. Es dringt damit ein geheimes Gift in sie ein, das alle Freudigkeit aus ihr heraustreibt. Es liegt etwas Deklassierendes, Entwürdigendes in dem Versuch, eine menschliche Leistung ziffernmäßig zu taxieren: sie sollte etwas Inkommensurables, über allem irdischen Wert Stehendes sein. Diese Auffassung ist nun freilich praktisch nicht wohl durchführbar; aber die menschliche Seele ist schon einmal so perfid, daß sie sich um ›praktische Durchführbarkeiten‹ nicht zu kümmern pflegt, sondern ihren eigenen geheimnisvollen Impulsen folgt, die allem Anschein nach einer anderen Welt angehören.

Alle Arbeit hat auch noch den weiteren großen Nachteil, daß sie den Menschen ablenkt, zerteilt, von sich selbst entfernt. Und damit hängt es auch zusammen, daß alle Heiligen, alle Religionsstifter, alle Menschen, die in größerer Nähe zu Gott lebten, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen pflegten. Was taten sie dort? Nichts. Aber dieses Nichtstun enthielt mehr Leben und innere Aktivität als alles Tun aller andern. Der größte Mensch ist der, der stille zu halten vermag, ein Spiegel zu sein vermag: kein zitternder, ewig bewegter, sondern ein klarer, reiner, ruhender, der alles göttliche Licht in sich einsaugen kann. Dies ist denn auch die Lehre aller Mystiker aller Zeiten. »Der Mensch«, sagt Meister Eckhart, »muß schweigen, damit Gott sprechen kann. Der Mensch muß leiden, damit Gott wirken kann.«

Die deutlichste Antwort auf die Frage, was besser sei: Schaffen oder Schauen, Arbeiten oder Nichtstun, gibt uns die Geschichte von Martha und Maria, die Lukas in seinem Evangelium erzählt: Maria setzte sich zu den Füßen des Herrn und hörte auf seine Rede, Martha aber wurde abgezogen durch mancherlei Dienstleistung. Und sie sprach zum Heiland: »Herr, fragst du nicht danach, daß meine Schwester mich allein dienen läßt? Sage ihr doch, daß sie es mit mir angreife.« Der Herr aber antwortete: »Martha, Martha, du hast viele Sorge und Mühe. Weniges aber tut not oder vielmehr eines. Denn Maria hat das gute Teil erwählt, das darum nicht von ihr genommen werden soll.«

Selig sind die Müßigen, denn nur sie werden die Herrlichkeit Gottes schauen; selig sind die Stunden der Untätigkeit, denn in diesen arbeitet unsere Seele. Die Arbeit ist ein Fluch, der über den Menschen verhängt wurde, als er vertrieben ward aus dem Paradies des Nichtstuns.

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