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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 44
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Körper und Seele

Ich sagte, das dritte und wichtigste: das moralische Mittel zur Verlängerung des Lebens bestehe im Idealismus. Dieser Punkt war nun den meisten Irrtümern ausgesetzt. So machte mir zum Beispiel jemand die ernste Vorhaltung, er habe einen Spezereiwarenhändler gekannt, eine Seele von einem Menschen, stets gut zu aller Welt, in seiner Geschäftsgebarung ein Muster an Korrektheit, und doch wurde er nur einundfünfzig Jahre alt; war der also etwa ein schlechter Mensch? Ein anderer machte einen Bekannten namhaft, der, obgleich offenbar kein Idealist, sondern Börsianer, doch bereits neunundachtzig Jahre alt sei. Ein dritter machte mich darauf aufmerksam, daß ich gesagt hätte, alle Idealisten seien langlebig, gleich darauf aber von einer Reihe großer Männer selber zugegeben hätte, daß sie im jugendlichen Alter gestorben seien: das sei doch offenbar ein Widerspruch! Es wird also nötig sein, zwei Begriffe festzustellen: erstens, was ist ein Idealist? und zweitens, was ist ›langlebig‹?

Statt Idealist könnten wir auch Dichter sagen. Jeder Mensch nämlich, dem irgend etwas wichtiger ist, als er selbst, ist eine Art Dichter. Der Förster und sein Wald, die Mutter und ihr Kind, der Forscher und sein Objekt, der Künstler und sein Werk, Cato und Rom, Columbus und Amerika, Jesus und die Menschheit: das sind alles nur Grade. Jeder Mensch bleibt eine Zeitlang im Stofflichen befangen. Aber sein Schicksal und sein Rang entscheiden sich dadurch, ob jemals die schwerwiegende Frage an ihn herantritt, die eigentliche Geniefrage: wie kann ich die Menschen ein Stück weiterbringen? Ob er dieses Ziel erreicht, ist ja sehr zweifelhaft. Trotzdem ist in dieser bloßen Fragestellung schon ein Funken Genialität. Jeder Mensch, dessen Entwicklung von dieser Frage beherrscht und geleitet wird, ist ein kleines Genie. Der amerikanische Wanderprediger, der, erfüllt von seinen einseitigen Weltverbesserungsideen, von einem schmutzigen Dorf zum andern zieht, ist ein kleines Genie. Der hysterische Mönch, der sein ganzes Leben dem selbstquälerischen Gottesdienst gewidmet hat, und von seinen Gebeten die Rettung der übrigen Menschheit erhofft, ist ein kleines Genie. Der Volksaufwiegler, der den Massenstaat organisiert, ist ein kleines Genie. Der Religionsstifter, der Revolutionsheld, der Erfinder, der Dramatiker: sie alle sind Genienaturen einer Art, wenn auch verschiedenen Grades, sofern sie unter diesem Prinzip stehen. Welche Mittel sie bei ihrer Arbeit verwenden und welche Geschicklichkeit sie in der Anwendung ihrer Mittel besitzen, ist Sache ihres persönlichen Talents. Aber ihre Genialität besteht darin, daß sie diese Mittel bestimmten idealen Werten dienstbar machen.

In jeder Matrosenschenke, in jedem Gebirgsdorf kann man einen solchen stummen Dichter finden. Man erkennt ihn leicht an der wohlwollenden und mitleidigen Geringschätzung, mit der ihn die anderen behandeln.

Es kommt also gar nicht auf die Größe des Objektes an, das das Leben eines Menschen ausfüllt, sondern auf die Größe der Hinneigung, die dieser Mensch zu seinem Objekt hat. Es kann in einem Dasein die Pflege eines Kanarienvogels oder eines Goldfisches dynamisch die selbe Bedeutung haben wie die Konzeption des Faust oder des Zarathustra.

Was nun die Frage der Langlebigkeit anlangt, so ist die Zahl der Lebensjahre ein sehr äußerlicher Bestimmungspunkt. Jeder Mensch trägt ein ganz bestimmtes individuelles Lebenstempo und vermutlich auch ein ganz spezifisches, nur ihm eigentümliches Zeitgefühl in sich; und danach allein bestimmt sich seine Lebensdauer. Es gibt Infusorien,Aufgußtierchen deren Dasein nur nach Stunden zählt, und doch erreichen diese vom Infusorienstandpunkt aus zweifellos ein recht schönes Alter. Die Uhr ist überhaupt ein sehr inkompetenter und oberflächlicher Zeitmesser. Das wahre Maß der Zeit ist das psychologische: nämlich die Zahl der Vorstellungen und Eindrücke, die ein Mensch in einer gewissen Zeitspanne aufnimmt. Diese Vorstellungsmassen können nun mit einer solchen Intensität und Dichte auf ihn einströmen, daß er in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit schon ein volles Menschenschicksal erfüllt haben kann. Und dazu kommt noch als zweites, daß jener lebenerhaltende Motor, den das Ideal repräsentiert, sofort aussetzt, wenn die treibende Idee, die das Zentrum eines menschlichen Lebens bildete, sich erfüllt hat.

Wir gelangen auf diesem Wege zu einer Philosophie, wie sie schon vor mehr als hundert Jahren Novalis in seiner Lehre vom magischen Idealismus entwickelt hat. Der Name ist unter dem Einfluß der eigensinnigen Terminologie Fichtes entstanden, die damals gebräuchlich war. Einfacher könnten wir diese Weltanschauung vielleicht als Panmagismus bezeichnen, in der Art, wie man Hegels System Panlogismus und Hebbels Weltanschauung Pantragismus genannt hat. Denn diese Philosophie sieht überall Wunder und will alles wunderbar erklärt wissen, wobei Novalis freilich unter Wunder und Magie nicht dasselbe verstand wie die Zauberkünstler, die seine Zeit in so lebhafte Aufregung versetzt haben. Das Wunder, das überall schlummert und dessen Kraft – richtig genützt – alles vermag, ist für Novalis der Geist, wo und in welcher Form immer er auftritt. Der Geist ist seiner Natur nach schrankenlos, und es gibt daher keine bestimmten Grenzen seiner Machtmöglichkeiten. Wenn wir heute mit der Hilfe unseres Geistes imstande sind, gewisse Gliedmaßen zu dirigieren, so liegt es nur an uns, ob wir auch einmal fähig sein werden, alle Teile unseres Körpers, die ganze Welt willkürlich in Bewegung zu setzen: dies ist die Grundthese des magischen Idealismus, dessen Wundertaten von unseren heutigen Leistungen nur dem Grad, nicht der Art nach verschieden sind. Und Prentice Mulford, den man in gewissem Sinn einen modernen Messias nennen könnte, vertritt denselben Gedanken. »Wir glauben«, sagt er, »daß die Unsterblichkeit im Fleisch möglich ist, das heißt, daß ein Körper so lange behalten werden kann, wie der Geist ihn zu gebrauchen wünscht, und daß ferner dieser Körper, statt im Laufe der Zeiten zu verfallen, sich in einer erneuten Jugend zu regenerieren vermag. Wir glauben, daß die Mythen der Kulturvölker, die von Unsterblichen, das heißt von Wesen handeln, die über höhere Kräfte gebieten als das Geschlecht der Sterblichen, auf irgendeinem wahren Kern beruhen.« Gedanken sind für ihn ebenso wirklich wie Wasser und Luft und Metall, sie sind für ihn Kräfte, die auch außerhalb des Körpers wirken, die von uns zu anderen überströmen, die unaufhörlich unseren Leib aufbauen und zerstören. Und in der Tat: machen wir nicht täglich die Erfahrung, daß der Geist stärker ist als der Körper, daß der Körper nur dazu da ist, um den Geist zu bedienen? Den experimentellen Beweis aber für diese Fähigkeit des Geistes, sich den Körper zu bauen, hat Carl Ludwig SchleichCarl Ludwig Schleich (1859–1922), Arzt und Schriftsteller. in seinen höchst tiefsinnigen und fruchtbaren und in manchen Partien geradezu genialen Werken erbracht, in denen er unter anderem auf die metaphysische Schöpferkraft hinweist, die in der Hysterie liegt. Bekanntlich sind die Hysterischen imstande, bloß durch ihren Willen, ihre Einbildungskraft Geschwülste, Brandwunden, Blutungen zu erzeugen, ja es gibt sogar einen hysterischen Scheintod und einen Tod durch Autosuggestion! Wir stehen hier vor etwas Gespenstischem und sehen deutlich, wie eine Art Geisterhand in das Gefüge des materiellen Daseins hineingreift. (Übrigens ist ja die Hysterie überhaupt nur eine graduelle Steigerung ganz normaler und alltäglicher Wirkungen, an denen man ebenfalls schon sehen könnte, daß der ›Gedanke‹, die ›Vorstellung‹ schöpferisch ist: zum Beispiel das Erröten vor Scham, das Erbleichen vor Zorn, die Gänsehaut vor Angst, die Speichelsekretion bei der ›Idee‹ von Leckerbissen und dergleichen. Außerdem ist jeder Tod durch Schreck eine Art Autosuggestion.)

Ich glaube, alles dies müßte uns zu dem Schluß drängen, daß jeder Mensch der Dichter seiner eigenen Biographie ist, die meisten unbewußt, einem instinktiven Bildungstrieb folgend, etwa in der Art, wie eine Alge sich ihr Kieselgehäuse baut, der geniale Mensch bewußt. Unser Dasein, unsere Handlungen sind gleichsam Sekrete unseres Willens, unseres intelligibeln Ichs, unserer Seele, die als die einzigwahre Realität geheimnisvoll schöpferisch hinter unserm sichtbaren Leben thront.

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