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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 43
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Die Verlängerung des Lebens

In der letzten Zeit hat wieder einmal ein etwas starker Konsum an Goethe-Zitaten stattgefunden: »du siehst mit diesem Trank im Leibe«, »dürft' ich zum Augenblicke sagen« usw. Wir wollen einmal versuchen, die Sache ohne Anlehnung an die Klassiker zu betrachten.

Ein sehr bekannter und beliebter Bonvivant, der, was man ja zunächst von einem Bonvivant nicht erwarten sollte, seit Jahren Theosoph ist, schreibt mir unter anderem: »Daß die Altweibermühle nun wirklich erfunden und kein Märchen ist, scheint tatsächlich festzustehen. Nun stehe ich allen Entdeckungen und Erfindungen den Menschen betreffend, was seine Gesundung, Lebensführung, Hygiene anlangt, immer vorsichtig gegenüber.

Man kann den Teufel, der sich einmal wo festgesetzt, wohnlich und behaglich ausgebreitet hat, nicht mit einer Injektion austreiben. Man kann ihn fesseln, aber sicherlich nicht austreiben! Denn schließlich geht der betreffende Unglückliche so wie bei der Quecksilberbehandlung nach einer gewissen Reihe von Jahren ja doch an der Syphilis zugrunde. Ich weiß, daß man der Mutter Natur kein Schnippchen schlagen kann, daß man sie nicht zum besten haben kann, daß man nicht zu ihr sprechen kann: Ich stehe über dir.«

Ich kann nur sagen, daß ich diesen Worten vollständig beipflichten muß. Ich bin ja zwar ebenfalls der Ansicht moderner Ärzte, daß unser derzeitiges Leben pathologisch kurz ist. Ich bin auch der Ansicht, daß die Wissenschaft das Recht und die Pflicht hat, hier zu reformieren, aber ich kann niemals glauben, daß sie es durch operative Eingriffe vermag.Friedell hat sich mit diesen wissenschaftlichen Problemen seit seiner Begegnung mit Novalis' Panmagismus beschäftigt, also seit seiner Studienzeit.

Es gibt meiner Meinung nach drei Möglichkeiten, das Leben zu verlängern: eine physiologische, eine psychologische und eine moralische.

Die physiologische kann, das scheint mir ausgemacht, nur bei der Zelle beginnen. Hier ist der Brandherd, das geheimnisvolle Laboratorium, wo Leben entsteht, sich erhält und verschwindet. Genau genommen ist ja unser Zellenleben unsterblich; was einer beschränkten Dauer unterliegt, ist nur unser Individualbewußtsein. Bei den einzelligen Organismen findet nicht einmal das statt, sie pflanzen sich durch einfache Teilung fort, so daß man sogar von einer Bewußtseinskontinuität reden kann. Diese Wesen leben also tatsächlich ewig. Dies stimmt aber doch nicht ganz genau. Denn sie sind genötigt, von Zeit zu Zeit zu ›konjugieren‹, welcher Vorgang bekanntlich darin besteht, daß sie sich aneinanderlegen und durch einen ziemlich komplizierten Prozeß ihre Kerne teilweise gegeneinander austauschen. Dann haben sie wieder für längere Zeit die Fähigkeit der Teilung: konjugieren sie nicht, so gehen sie nach einer Reihe von Generationen ein. Es wäre also eigentlich nur nötig, die Zellen, aus denen unser Organismus aufgebaut ist, von Zeit zu Zeit zur Konjugation zu bringen, und damit wäre jedem von uns, wenigstens im Prinzip, ein ewiges Leben ermöglicht. Das ist nun allerdings eine vorläufig etwas phantastische Auskunft, und ich empfehle sie auch zunächst nicht gerade für eine wissenschaftliche Behandlung, sondern eher für einen utopischen Roman à la Wells oder Jules Verne, der ganz amüsant werden könnte. Aber schließlich hat ja gerade die Entwicklung der letzten Jahrzehnte gezeigt, daß auch auf den Gebieten der sogenannten exakten Naturwissenschaft nichts unmöglich ist.

An sich ist ja der Tod die allerparadoxeste Erscheinung im ganzen Weltgeschehen. Man hat denn auch zu seiner Erklärung eine ganze Anzahl von Theorien aufgestellt, von denen ich wohl die meisten als bekannt voraussetzen darf. Meine Vermutung über diesen Gegenstand ist diese, daß das Leben ganz einfach ein langsamer Vergiftungsprozeß ist, eine Kette von mysteriösen Gärungserscheinungen, die den Organismus allmählich zersetzen und zerstören. Nun gibt es ja, zum mindesten theoretisch, gegen jedes Toxin ein Antitoxin, gegen jeden Gärungserreger ein Gegenferment. Auch das klingt noch recht phantastisch. Begeben wir uns daher in das Gebiet des greifbaren Alltags.

Es ist experimentiell nachgewiesen, daß der überanstrengte Muskel gewisse Körper ausscheidet, die man als Ermüdungsgifte bezeichnen kann. Ich bin nun überzeugt, daß der Organismus in gewissen Fällen auch in seiner Totalität vergiftet ist, zum Beispiel, wenn er nicht genügend ausgeruht ist, das heißt: die sonst langsam und träge wirkenden Gifte besitzen jetzt eine größere Ausdehnungsfläche und Angriffskraft. Daher ist ja auch die Schlaflosigkeit das schrecklichste und verheerendste Leiden. Es stellt eben eine Vergiftung des menschlichen Gesamtkörpers dar. Und hieraus ergibt sich die sehr einfache physiologische Regel zur Verlängerung des Lebens: Vermeide jede Überanstrengung und Übermüdung! Das klingt sehr trivial und selbstverständlich, aber es ist merkwürdig, wie selten man danach lebt. Ich glaube, zwei Drittel der Menschen sterben an schlechter Ökonomie ihres Kräftehaushalts. Jede Stunde, in der der Organismus schlafen, nichts tun oder etwas Bestimmtes tun, zum Beispiel reichlich atmen und Licht aufnehmen wollte und die wir ihm aus irgendeinem, dazu noch meist nicht zwingenden Grund verweigerten, ist eine Verkürzung des Lebens. Fast jedes Menschendasein enthält aber mindestens zwei bis drei solcher Vergiftungsstunden am Tage.

Das psychologische Rezept zur Verlängerung des Lebens lautet: Lebe unernst! Das ist für den Stoffwechsel förderlicher als jede Karlsbader Kur. Das sogenannte ernste Leben ist fast identisch mit Arterienverkalkung. Es ist gewiß schon jedermann aufgefallen, daß Schauspieler ungewöhnlich lange jugendlich bleiben und öfter als andre Menschen ein hohes Alter erreichen. Das kommt ganz einfach daher, daß sie sich in einem fast permanenten Zustand der Erregung befinden, der aber niemals echt ist. Der Organismus braucht nämlich beides: äußerste Schonung und äußerste geistige und nervöse Bewegung. Diese notwendige Verbindung ist aber nur im ›unernsten‹ Organismus verwirklicht. Wären die Aufregungen des Theaterberufes reell, so müßte jeder, der sich ihm widmet, in wenigen Jahren an Zuckerkrankheit sterben. Selbstverständlich gibt es auch anderwärts, wenn auch weniger häufig, Menschen, bei denen diese Bedingungen ebenso erfüllt sind. Man findet solche Personen zum Beispiel hie und da unter Diplomaten (weil dieser Beruf dem Komödiantischen sehr nahe steht), unter Sportsleuten (weil deren Tätigkeit eine praktisch zwecklose und spielende ist), vor allem aber unter allen Arten von sogenannten weltfremden Menschen; hingegen niemals unter Spielern, denn diese nehmen ihre Beschäftigung ungeheuer ernst.

Der dritte und wichtigste: der moralische Weg zur Vergrößerung der Lebensdauer nimmt seinen Ausgang von dem einfachen Naturgesetz, daß jeder Mensch genau so lange lebt, als er etwas zu tun hat. Die ganze Natur ist nämlich durch und durch idealistisch, und sie gestattet nicht, daß irgend jemand ohne Schaden sich dem widersetzt. Sie hat das vielleicht grausame Prinzip, daß sie nur idealistischen Bestrebungen Erfolg verleiht. Sie ist darin ganz unerbittlich. Der Idealist bringt lauter Opfer und scheinbar lauter überflüssige, während flache und rohe Menschen eine Zeitlang auf seine Kosten leben. Vielleicht leidet er auch in der Summe weit mehr, als er genießt. Aber er ist der Lebensfähigste. Die andern gehen früher oder später am Leben zugrunde: eben weil sie es um jeden Preis beherrschen wollten und daher unmerklich in seine strudelnden Kreise gerieten, während der Idealist an seinen Idealen, diesen scheinbaren Blendern und Schädigern, einen lebenserhaltenden Motor besitzt. Seine Ideale lassen ihn nicht sterben, sie sind sein Lebensgeist, sein ›Pneuma‹.

Fast alle Idealisten sind langlebig. Kein Künstler, Denker, Staatsmann, Erfinder stirbt, ehe er sein Werk vollendet hat. Das gilt auch von den sogenannten ›zu früh der Menschheit Entrissenen‹ wie Mozart, Kleist, Raffael, Alexander dem Großen.

Denn es ist doch wahrscheinlich nicht so, daß irgendeine menschliche Lebensbahn, und gar eine von der Bedeutsamkeit und inneren Spannung solcher Männer, plötzlich in der Mitte abgebrochen wird, sondern wir müssen wohl annehmen, daß der frühe Tod in diesen Fällen auf das spezifische Tempo zurückzuführen ist, das jedem geistigen Organismus von vornherein innewohnt. Jeder Mensch hat eben eine gewisse innere Geschwindigkeit, die sich für einen Geist, der diese Verhältnisse vollkommen zu überblicken vermöchte, sogar wahrscheinlich in irgendeiner Gleichung ausdrücken ließe. Es gibt offenbar eruptive Naturen von einer solchen physischen Beschleunigung, daß sie eben in der Hälfte der normalen Zeit die volle Strecke ihres Lebens und Schaffens zurücklegen. Der Franzose hat dafür den sehr glücklichen Ausdruck ›la vie à grande vitesse‹. Wir haben den Eindruck, daß zum Beispiel Schiller im Fragment des ›Demetrius‹, Nietzsche im Fragment des ›Antichrist‹, Novalis in seinen philosophischen Aphorismen, die er selber ›Fragmente‹ nannte, ihre letzten Möglichkeiten erreicht haben und können uns darüber hinaus eigentlich nicht gut mehr etwas vorstellen.

Aber das genannte Gesetz erstreckt sich nicht bloß auf die Großen, es gilt auch von den Kleinen. Was für Kepler die Bewegung der Gestirne, für Kolumbus Westindien, für Bismarck die deutsche Einheit war, das kann für einen anderen ein Blumengarten, ein geliebter Mensch oder eine Taubstummenschule sein. Ideale sind bessere Lebenselixiere als alle Tinkturen, Kurorte und Professorenkonsilien der Welt.

Idealismus ist das Geheimnis der Macht über die Dinge, denn nur durch Idealismus sind wir imstande, in das Innere der Dinge einzudringen. Der nüchterne Eigennutz hat keinerlei Zugänge zu den Mysterien der umgebenden Welt.

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