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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 40
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Boheme

Zu den vielen törichten und irreführenden Schlagworten, mit denen unsere Umgangssprache operiert, gehört auch das von der Boheme. ›Bohemien‹ ist in den Augen des großen Publikums identisch mit ›Künstler‹. Dieses geht nämlich von der Ansicht aus, daß ein genialer Mensch sich von den übrigen doch irgendwie schon äußerlich, durch eine Art Zunftzeichen oder Kostüm unterscheiden müsse.

Ich weiß nicht, ob es in Frankreich eine Menschenklasse namens Boheme jemals gegeben hat oder ob sie auch dort immer nur in Romanen und Spielopern vorgekommen ist; aber ich weiß, daß ich auf deutschem Boden nie und nirgends einem solchen Schwerenöter und Tausendsassa begegnet bin, ja daß ich mir ein solches Geschöpf im realen Leben überhaupt gar nicht vorstellen kann. Ich weiß hingegen, daß es Menschen gibt, die lange, ungekämmte Haare haben, sich salopp und geschmacklos kleiden, vorlaut und unangenehm benehmen und Schuldenmachen und Faulenzen für eine Ehre, hingegen Vernunft und Arbeit für eine Rückständigkeit halten. Daß diese Eigenschaften mit Künstlerschaft in einer tieferen Beziehung stehen, wird niemand behaupten; und ich behaupte, daß sie jede Künstlerschaft ausschließen.

Man vermag weder in Leonardos noch in Goethes, weder in Ibsens noch in Nietzsches Biographie etwas von Zigeunertum zu entdecken, und in gewissen Lebensabschnitten Lessings, Schillers oder Wagners vermag man nur Not zu erkennen, niemals aber die Freude an diesen ungeordneten Zuständen, die für den ›Bohemien‹ charakteristisch ist. Denn ein bedeutender Mensch ist ein Mensch, der von einer tieferen Mission durchdrungen ist, der sich als höchst notwendig empfindet, und ein solcher wird schon aus Verantwortungsgefühl sich nicht psychisch und physisch vergeuden.

Der Künstler ist der große Revolutionär. Er ist sozusagen das »böse Gewissen« der Menschheit. Die Menschheit will Ruhe, er aber will ewige Bewegung. Die Menschheit will Festes, Kompaktes, Resultate, er aber will immer wieder auseinanderbrechen, verflüssigen, in Probleme auflösen. In allem Geistigen ist er der größte Anarchist. Aber gerade dazu bedarf er in allen äußerlichen Lebensdingen der größten Ordnung und Solidität, sonst würde er ja vor lauter materiellen Ablenkungen nie zu einer inneren Konzentration kommen. Kurz: der echte Künstler ist in seiner äußeren Lebensform der vollendete Philister und wer das nicht versteht, dem fehlt die primitivste Voraussetzung zur Erkenntnis des künstlerischen Schaffens. Was der Künstler am Philister tadelt, sind nicht dessen bürgerliche Tugenden: seine Arbeitsamkeit, Korrektheit und Wirtschaftlichkeit, sondern das unbändige Behagen, das dieser über seine Tugenden empfindet, seine platte Selbstzufriedenheit, seine geistige Genügsamkeit und der verderbliche Wahn, daß materielle Arbeit ausreiche, um ein menschenwürdiges und Gott wohlgefälliges Leben zu führen.

Wenn jemand in seinen häuslichen und ökonomischen Verhältnissen ungeordnet ist, so ist das unter allen Umständen ein persönlicher Defekt, vielleicht ein verzeihlicher, aber keineswegs etwa deshalb verzeihlich, weil dieser Jemand ein Dichter ist. Wenn es auch allerdings selten vorgekommen ist, daß Dichter und Denker sich große Vermögen erwarben oder sehr hohe Staatsstellungen bekleideten, so muß man doch hierbei sehr wohl zwischen Nichtwollen und Nichtkönnen unterscheiden. Es ist freilich nicht gut möglich, daß jemand gleichzeitig Tragödien schreibt und Fabriken leitet, Philosophie treibt und große Staatsaktionen durchführt, wenn er nämlich beides gründlich nehmen will. Aber man darf daraus noch lange nicht folgern, daß es sich hier um Fähigkeiten handelt, die einander ausschließen. Es ist überhaupt mit allen diesen Fächerungen etwas sehr Mißliches: sie nehmen sich auf dem Papier sehr gut aus und dienen dem allgemeinen menschlichen Generalisationstrieb, der sehr oft nichts weiter ist als Denkfaulheit; aber die Wirklichkeit geht meistens andere Wege.

Thales inszenierte einmal mit Erfolg eine Art Öltrust: er tat dies nicht aus Gewinnsucht, sondern um zu beweisen, daß der Philosoph sehr gut die kaufmännischen Dinge beherrschen könne, während das Umgekehrte nicht der Fall sei. Friedrich der Große wäre sicher einer der ersten Schriftsteller seiner Zeit geworden, wenn er nicht durch seine Abstammung genötigt worden wäre, einer der ersten Politiker und Strategen seiner Zeit zu werden. Schiller war ein Finanzgenie, was allein schon seine Korrespondenz mit den Verlegern beweist. Als eine Bank, bei der Schopenhauer hohe Depots hatte, fallierte, war Schopenhauer der einzige, der durch ein höchst geschicktes Manöver seine ganze Einlage rettete. Kant, der von Bettlern abstammte und sein Leben lang von seinen Büchern und Kollegien ein Bettelhonorar bezog, brachte es dennoch durch kluge Transaktionen zuwege, daß er bei seinem Tode ein ansehnliches Vermögen hinterlassen konnte. Bacon, Locke, Leibniz hatten verantwortungsvolle Staatsposten inne. Thoreau hatte eine Bleistiftfabrik. Tizian war ein gerissener Holzhändler. Shakespeare war Bodenspekulant. Und so weiter.

Es wäre auch ganz absurd, wenn es anders wäre. Warum sollte ein bestimmtes Maß an organisatorischer Kraft und psychologischem Scharfblick, das gewöhnlich für Dramatik oder Vernunftkritik verwendet wird, plötzlich versagen, wenn es auf Handel oder Politik angewendet werden soll? Der Feldherr, der Dramatiker und der Kaufmann haben im Grunde dasselbe Thema.

Und dazu bedürfen sie der »genialen Nüchternheit«, die Mommsen als den Hauptcharakterzug Julius Cäsars bezeichnet hat. Der schöpferische Mensch ist vor allem besonnen; in allen Dingen. Diese Besonnenheit, schon von den alten Griechen als das Gottähnliche im Menschen erkannt, ist die Grundfarbe seines Wesens. Hingegen der leichtfertige, tirilierende, vagabundierende, immer gepfändete, in ausgeliehenen Hosen durchs Leben tanzende Bohemekünstler, der zwischen zwei Räuschen ein großes Bild malt und zwischen zwei Liebschaften seine gesammelten Werke schreibt, gehört in jene Lügenwelt voll schlecht kolorierter Karikaturen, mit der der Philister sich umgibt, weil er nicht genug Mut und vor allem nicht genug Phantasie besitzt, um die Realitäten des Lebens nacherleben zu können.

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