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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 37
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Pologie

Meine kleine Betrachtung ›Drei Passanten und eine Gasröhre‹ hat viele Menschen in große Erbitterung versetzt. Die Ursache war ein einziges kleines Wort oder vielmehr kein Wort (denn sie lassen es nicht als solches gelten), sondern nur eine Silbe, die kleine Silbe ›ktiv‹. So hatte ich nämlich alle Personen bezeichnet, die nicht aktiv sind. Ich glaubte mit dieser sprachlichen Neuerung den Menschen eine Wohltat zu erweisen und bin nun sehr erstaunt, bemerken zu müssen, daß sie diese edle Handlungsweise nicht nur nicht anerkennen, sondern mit erheblichen Beschimpfungen belohnen. Sie suchen mir hinterlistigerweise dadurch ein Bein zu stellen, daß sie betonen, diese Bildung sei philologisch unrichtig: das Wort ›aktiv‹ werde vom lateinischen Stamm agere abgeleitet, das a in dieser Zusammensetzung sei daher kein ›Alpha privativum‹, und was dergleichen Haarspaltereien mehr sind.

Hierauf habe ich nun zunächst zu erwidern, daß ich auf solche Finten nicht aufsitze. Die Philologie geht mich gar nichts an, sondern nur die lebende Sprache. Die Philologie hat nie etwas in die Sprache hineinreden dürfen, sondern immer nur die Aufgabe gehabt, den vorhandenen Sprachen nachzulaufen und sie mit allerlei langweiligen Erklärungen, Ableitungen und Klassifikationen zu belästigen. Die Sprache bildet sich niemals nach den Gesetzen der Philologie, sondern immer nur nach ihren eigenen Gesetzen, die zumeist im philologischen Sinne falsch sind. Müßten sonst die unglücklichen Kinder in der Schule so viele ›Ausnahmen‹ büffeln und gäbe es sonst in jeder Sprache so viele ›unregelmäßige Verba‹ zum Durchfallen? Ja, ich glaube sogar, die Philologen selber wären unglücklich, wenn die Sprachen ›richtig‹ gebildet wären, denn dann hätten sie ja gar nichts mehr zu erforschen, zu kommentieren und zu examinieren und wären gänzlich überflüssig. Es gibt nur eine wirklich korrekte Sprache: das ist Volapük;Eine (Welthilfssprache), erfunden von J. M. Schleyer (1831-1912), 1880 erstmals veröffentlicht. und gerade die spricht kein Mensch. Mit Recht; denn sie ist unbeschreiblich langweilig. Eine Sprache ohne Fehler ist wie ein Mensch ohne Fehler, nämlich vollkommen unerträglich. Eine Schriftsprache ohne Anomalien wäre dasselbe wie eine mündliche Aussprache ohne jede Dialektfärbung, was bekanntlich das ödeste von der Welt ist. Auch die größten Schauspieler hatten immer noch irgendwie einen leichten Anklang von Mundart: Matkowsky sprach königsbergerisch, die Wolter kölnisch, Bassermann spricht mannheimisch, die Medelsky wienerisch. Das sogenannte ›reine Hochdeutsch‹ wirkt affektiert und geschmacklos, ja einfach unmenschlich.

Es ist übrigens mit allen anderen Dingen genau so. Unregelmäßigkeit ist das Wesen der Natur, des Lebens, des Menschen. Regelmäßigkeit ist ein künstliches Destillat oder ein seltsamer Zufall.

Das regelmäßigste Gebilde, das die Natur hervorbringt, ist das Kristall, und trotzdem: jeder Mineraloge weiß, daß ein vollkommen regelmäßiges Kristall nicht existiert. Aber schon seine bloße Annäherung an die Regelmäßigkeit macht das Kristall zu etwas Totem. Schön gerundete Bergkegel, radiär symmetrische Tiere, gleichmäßige Klimata und dergleichen: das alles ist bisweilen zu beobachten, aber es sind gewissermaßen Marotten der Natur. Und ebenso verhält es sich mit der Kunst. Wir betrachten vollkommen ausgeglichene Schöpfungen mit Bewunderung, aber zugleich mit Befremden: es fehlt ihnen die Lebensatmosphäre, wir können nicht recht heimisch mit ihnen werden. Gewisse Menschen schmecken fade, gleich chemisch reinem Wasser. Ganz ebenso wie dieses sind sie zu ›abgeklärt‹ und eben darum ungenießbar.

Kurzum: die Sprache ist kein logisches Gebilde und will gar keines sein, sie ist ein lebender Organismus mit Launen, Widersprüchen und Entgleisungen; und wenn man sie noch unvernünftiger macht, so erhöht man ihren Reiz.

Dies ist aber nicht der Zweck meiner Neueinführung, sondern ich will damit die Bequemlichkeit erhöhen. Jede Sprache ist ein Verkehrsmittel und soll daher möglichst handlich und komfortabel gestaltet sein. Nun finde ich aber, daß die einfache Weglassung des ›Alpha privativum‹ (auch wenn es keines ist) das Leben sehr erleichtert. Ebenso kann man auch die Form ›in‹ behandeln, die im Lateinischen dem Alpha privativum entspricht. Wie umständlich ist es zum Beispiel, zu sagen, eine Sache sei gar nicht interessant. Man sagt in diesem Fall ganz einfach: »ich finde diese ganze Erörterung über das Wesen der Sprache teressant«. Es läßt sich aber nun noch eine dritte Form bilden, die ich nicht verschweigen will, obgleich ich fürchte, daß die wenigsten ihr mit der entsprechenden Nimosität gegenüberstehen werden. Eine Sache kann teressant oder interessant sein, sie kann aber auch keines von beiden sein, und in diesem Falle ist sie unteressant. (Über dieses Wort dürfte der Setzer, der nur an dividuelle Wortbildungen gewöhnt ist, kaum digniert sein.) Oder: jemand hat das Abiturium bestanden; in diesem Falle ist er ein Abiturient. Ist er durchgefallen, so gebührt ihm der Titel Biturient; ist er aber gar nicht zur Prüfung gegangen, so muß er als Unbiturient bezeichnet werden. Ferner gibt es unglückliche Wesen, die man Abstinenzler nennt, die meisten Menschen hingegen sind als Unbstinenzler anzusprechen, während wieder andere (zu denen zum Beispiel ich gehöre) als ausgesprochene Bstinenzler durchs Leben gehen.

Wir wollen nun zur bstrakten Darstellung der Sache übergehen und hierbei das Gebiet der Ktualität möglichst vermeiden. So läßt sich also zweifellos feststellen, daß wir, da wir leider immer noch auf merikanische Lebensmittel angewiesen sind, unter andauernder Provisionierung leiden.Der Artikel erschien kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs. Dies liegt nicht nur an den leider immer noch ternationalen Beziehungen und unserer sularen Lage, sondern auch daran, daß wir einen kompletten Verwaltungsparat besitzen. Wir haben uns eben kein warnendes Beispiel an Rußland genommen, wo mit dem Eintreten des Bsolutismus sofort der Zustand der Narchie aufhörte. Früher war unser Staatswesen wenigstens undministriert, aber jetzt ist es gänzlich dministriert. Unsere Staatsschuld ist mortisiert, die einzelnen Länder sind politisch malgamiert, außer Wien ist kaum noch etwas nektiert. Durch unsere ausgedehnte Dustrie wirtschaftlich vernichtet, durch Potheken in unserer Gesundheit gefährdet, durch unsere Genieure der Verkehrsmittel beraubt und durch unsere Fanterie in der öffentlichen Sicherheit bedroht, sind wir in der ganzen Welt kreditiert und stoßen überall auf Lianzen, obgleich wir uns doch zum Perialismus bekehrt haben. Wir haben uns zwar schon längst an nimalische Nahrung gewöhnt, aber jetzt, wo wir auch noch ein Grarland geworden sind, können wir nur noch unser Auskommen finden, wenn wir an völligem Petit leiden. Kein Wunder, daß man nur noch thletisch aussehende und drett gekleidete Menschen trifft. Und dabei hatten wir gehofft, daß es unter dem jetzigen ristokratischen Regime bei uns endlich einmal zu siatischen Zuständen kommen werde.

Ich habe nun gefunden, daß Personen, die ich mit meiner Sprachreform bekannt machte, zunächst sehr entrüstet waren, dann aber nachdenklich wurden und schließlich über nichts anderes mehr grübelten als über neue Wortbildungen, so daß sich dies bei ihnen zu einer Art lästigen Epidemie entwickelte. Ich erhoffe diese Wirkung auch bei allen, die dies lesen, will aber nun doch schließen, da mancher finden könnte, ich hätte mit einem Scherz kommen sollen, der etwas timer, bstruser und bsurder sei. Da ich außerdem die Unvorsichtigkeit begangen habe, diese Erörterungen nonym zu schreiben, so besteht die Gefahr, daß ich eine Reihe kademisch gehaltener Zuschriften bekomme. Zum Glück sind die meisten Menschen im Besitz meiner Dresse oder sie wenden sich bestenfalls an meine Undresse, die Redaktion des ›Neuen Wiener Journals‹. Ich will aber doch nicht hoffen, daß manche so weit gehen werden, sich von nun an mit einem Bonnement zu begnügen. Wenn sie meine Darlegungen mit Fekt und Version betrachten, so werden sie finden, daß sie nicht müsanter und parter sind als das Meiste, was hier gedruckt steht.

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