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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 36
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Drei Passanten und eine Gasröhre

Auch das Folgende zielt auf den Fachmann. Aber diesmal geht es nicht um die Schattenwelt der behördlich genehmigten Literaturhistoriker oder um die fatalen Fix- und Fertigkeiten des Berufsmenschen im Theaterbetrieb – hier attackiert Friedell die Zunft der Philologen, eine Kaste, die ihm ganz besonders trist erschien. In ihrer Nähe bediente er sich in aller Unschuld einer Sprache, die sie erschauern ließ. Das Gegenteil von ›agil‹ hieß dann beispielsweise ›gil‹; das Gegenteil von ›unwirsch‹ war ›wirsch‹ usw. Auch den Dichter Hugo von Hofmannsthal, so berichtet die Anekdote, schlug er solchermaßen in die Flucht.

Das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit kann ein dreifaches sein. Nämlich: entweder er besitzt die Eigenschaft, selbsttätig schöpferisch Wahrheit aus sich zu erzeugen: diese Gruppe von Personen wollen wir die ›Wisser‹ nennen. Oder aber, er hat zwar nicht die Möglichkeit, Wahrheit aus Eigenem zu produzieren, ist jedoch wahrheitsempfänglich, das heißt, er besitzt die Fähigkeit, Wahrheit als Wahrheit zu erkennen, sobald sie ihm vorgezeigt wird. Und drittens gibt es Wesen, die sich damit beschäftigen, Mißwissen hervorzubringen und es anderen zu imputieren, die klare und einfache Wahrheit, die immer und überall stets die eine ist, zu trüben, zu verwirren und zu verwickeln. Die drei genannten Gruppen von Personen haben also zur Wahrheit entweder die Beziehung der Produktivität oder die der Empfänglichkeit oder die des Antagonismus. Weitere Möglichkeiten gibt es nicht. Wir wollen uns jedoch für heute nur mit der ersten Gruppe, den ›Wissern‹ befassen.

Diese können nun noch weiter unterschieden werden, und zwar rücksichtlich ihres Verhältnisses zur kompakten materiellen Welt, während die bisherige Einteilung von der geistigen Welt hergenommen war. Und zwar sind hier zwei Haupteigenschaften maßgebend: erstens die Leichtigkeit, Beweglichkeit, Tatkraft, kurz Aktivität eines Lebewesens und zweitens seine Gabe, sich in den umgebenden äußeren Zuständen, in der Umwelt zurechtzufinden, diese aufzufassen und zu unterscheiden und mit ihr zu operieren. Es ist klar, daß diese beiden Eigenschaften sich nicht decken. Denn es gibt allenthalben Menschen, die eine sehr große Aktivität besitzen, der aber nicht eine genügende Beherrschung der Umwelt zur Seite geht; und andrerseits finden sich Persönlichkeiten, die zwar über eine sehr scharfe und genaue Kenntnis der äußeren Verhältnisse verfügen, jedoch nicht mit der nötigen Tatkraft begabt sind, um dies alles in die Praxis umzusetzen. Wir gelangen daher abermals zu drei Gruppen: nämlich erstens: umwelterfüllte und zugleich aktive Wisser, zweitens: umwelterfüllte und nicht aktive oder kürzer gesagt: ktive Wisser, drittens: Wisser, die sowohl umweltlos als auch ktiv sind. Diese letztere Gruppe enthält scheinbar eine Paradoxie: denn wie können diese Menschen wissen, da sie doch ohne Umwelt sind? Hier ist nun zu sagen, daß der schöpferische Mensch (und nur von diesem ist ja hier die Rede) mit einem inneren Wissen begabt ist, das sich auch unabhängig von den äußeren Eindrücken selbsttätig zu entwickeln vermag, er besitzt eine Innenwelt, die ebenso vollständig und in sich gegliedert ist wie die von ihm ignorierte Umwelt.

Die vierte Kombinationsmöglichkeit, nämlich Wisser, die zwar umweltlos, aber aktiv sind, kommt in der Wirklichkeit nicht vor, denn ein Mensch ohne Umwelt ist niemals aktiv, da in dieser allein der Anreiz zur äußeren Betätigung liegt. Um das Gesagte nun etwas klarer zu machen, wollen wir es an drei konkreten Beispielen illustrieren. Wir wählen dazu eine zwar erfundene, aber sehr einfache Situation: Auf der Straße liegt eine Gasröhre. Es erscheinen nun nacheinander drei Passanten, alle drei zur Gruppe der Wisser gehörend, jedoch der eine, nämlich Napoleon der Erste, Kaiser der Franzosen, aktiv und umwelterfüllt, der zweite, Geheimrat von Goethe, ktiv und umwelterfüllt, der dritte endlich, der Privatgelehrte Dr. Schopenhauer, ktiv und ohne Umwelt.

Napoleon

wirft einen kurzen Blick auf die Gasröhre und sagt zu einem Begleiter: »Die Erfurter verstehen nichts vom Röhrenlegen. Sie sind unbekannt mit den Vervollkommnungsmöglichkeiten des Bronzegusses. Sie wissen nicht, daß jeder Zentimeter Mehrumfang der verwendeten Röhren infolge der Ausdehnung des Gases eine verbrecherische Verschwendung von Wärmeenergie bedeutet. Die Erfurter sind kurzsichtige Krämer.« Und zu einem anderen Begleiter: »Sie werden Monsieur Laplace durch eine Eilstafette veranlassen, mir ein ausführliches Exposé über Röhren von geringerer Lichtung, vorteilhafterem Guß und dichterer Füllung vorzulegen. Zunächst sollen probeweise die illyrischen Provinzen mit einem System solcher Röhren überzogen werden. Man bestelle ferner Gourgeaud für morgen in die Audienz. Er wird mir einen Vortrag über die Möglichkeit unterseeischer Röhrensysteme halten. Wenn der innere Gasdruck stark genug ist, kann er möglicherweise dem äußeren Wasserdruck auch in bedeutenden Tiefen die Waage halten.« Und zu einem dritten Begleiter: »Sie hatten mir etwas über die Neuordnung der Geschworenengerichte zu sagen?«

Goethe

betrachtet aufmerksam die Röhre, beklopft sie mehrfach mit seinem Spazierstock und entwirft auf dem Heimweg die Disposition zu nachfolgendem Buch: ›Neue Beiträge zur Theorie und Behandlung der kinetischen Gase, nebst einem Tafelwerk. Erster Teil: Kurze Synopsis der bisherigen Theorien samt Wiederlegung der irrigen Lehre des Herrn Neuton. Zweiter Teil: Materialien zu einer möglichen Neubildung der Axiome vom Spannungsdruck auf Basis der neueren Kalküle des Herrn Gay-Lussac. Anhang: Bläserei und Hüttenkunst in ihren Beziehungen zum Gaswesen, nebst einer vergleichenden Tabelle über die Flußbarkeit der in Mitteldeutschland gewöhnlichen Lichtmetalle.‹

Schopenhauer

bemerkt die Röhre, da diese zur Umwelt gehört, nicht, stolpert über sie, eilt erbittert nach Hause und schreibt das Parergon: ›Über einen neuerdings in Deutschland hervorgetretenen öffentlichen Unfug‹:

»Seneca sagt im dritten Kapitel des sechsten Buches seiner Meditationen, daß kein noch so wohltätiger Fortschritt im Bildungsgange des menschlichen Geschlechtes hervortrete, ohne alsogleich in den Händen der Toren in einen ebenso schädlichen Mißbrauch pervertiert zu werden. Dieses Wort des Römers findet neuerdings Anwendung auf den nicht derb genug zu rügenden rohen, böswilligen und tölpelhaften Unfug des öffentlichen Röhrenlegens. Da das neue Evangelium des sich vermöge seiner luftverpestenden Dampfwagen, seiner Betrug und Geldschwindel züchtenden Börse und seiner Geist und Körper vergiftenden Café-Chantants immer gottähnlicher fühlenden neudeutschen Philisters bekanntlich ›Komfort‹ heißt, so wollen wir uns nicht der Ketzerei schuldig machen, das ganze den in Städten ohnehin schon spärlich zugemessenen Ozon völlig absorbierende Treiben mit Gasröhren als eine alberne und gesundheitsschädliche Spielerei zu bezeichnen. Daß aber solches bei helllichtem Tage und ohne Bedachtnahme auf die allergewöhnlichsten Sicherheitsmaßregeln und noch dazu mit offenkundiger boshafter Absicht in den frequentiertesten Straßenzügen geschieht, verdiente an dem lässigen Schadenstifter mit sofortiger Enthebung aus dem von ihm mit verbrecherischer Gedankenlosigkeit versehenen Amte geahndet zu werden, oder aber es sollte derselbe im Zuge eines abgekürzten und einprägsameren Verfahrens für jedes durch solche grobe und bübische Fahrlässigkeit beschädigte Bein, Knie oder sonstige Körperglied allsogleich eine wohlgezählte Tracht Stockprügel oder Kopfnüsse empfangen. Jedesmal, wenn der sich keiner Attacke auf Leben und Sicherheit vermutende ruhige und friedfertige Spaziergänger einen Fahrdamm übersetzen will, stellt sich ihm eine derartige mit tückischem Raffinement gerade auf den ungehörigsten Platz praktizierte Höllenröhre gleich einem Fuchseisen auf den Weg, so daß er vor die Wahl gestellt ist, entweder erheblichen Leibesschaden zu nehmen oder aus beständiger Angst, zu Falle zu geraten, seine gesamten Gedanken und Empfindungen auf etwan herumliegende Gasröhren zu konzentrieren.

Aber solche Erwägungen werden solange tauben Ohren gepredigt werden, als die Erzeugung von neuem Brennlicht der Menschheit wichtiger sein wird als die Hervorbringungen von neuem Geisteslicht und die Ruhe und körperliche Sicherheit des Denkers für völlig belanglos gilt, gemessen an der Bedeutung von schmutzigen, mißriechenden Gasröhren, welche vor allem schon deshalb die höchste Wertschätzung des erleuchteten Zeitgenossen genießen müssen, weil sie ihm das Entzünden und Verpaffen seines geliebten cigarro erleichtern.«

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