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Gutenberg > Egon Friedell >

Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 35
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Der Schwager des Vulpius

Jena, den 18. September 1791. Vor Döbereiners Gastwirtschaft »Zum grünen Baum.« Freiherr v. Roßstock, Doktor Kiefer.

Der Freiherr. Wer war denn der korpulente Herr, der eben ins Haus trat?

Der Doktor. Der Geheimrat von Göthe.

Der Freiherr. Göthe? Kenn' ich nicht. Titular oder in einem Amt?

Der Doktor. Er führt die Oberaufsicht über die dasigen Landesanstalten für Wissenschaft und Kunst.

Der Freiherr. Ah, dann kenne ich ihn ja. Ein sehr schwieriger Herr. Ich habe mit ihm einen dreiwöchigen Schriftenwechsel gehabt. Aber warum nennt er sich jetzt Göthe?

Der Doktor. Er hat immer so geheißen.

Der Freiherr. Aber damals unterschrieb er sich immer Go-ethe.

Der Doktor. Das spricht sich Göthe. Es ist eine altertümliche Schreibung.

Der Freiherr. Oder vielmehr eine neumodische Gothomanie? Ist es ein Kriegsname?

Der Doktor. Nein. Er schreibt und amtiert unter demselben Namen.

Der Freiherr. Was schreibt er denn?

Der Doktor.. Meist Wissenschaftliches. Hat sehr schöne Experimente über Farben gemacht. Auch über Pflanzenwachstum. Jetzt arbeitet er, wie ich höre, an einem Buch über chemische Wahlverwandtschaften. Übrigens hat er auch Belletristisches verfaßt.

Der Freiherr. Das interessiert mich schon mehr. Am Ende gar Romane? Das interessiert mich am meisten.

Der Doktor. Ja. Auch ein Roman ist darunter. Es ist aber schon so an die fünfzehn Jahre her, daß er erschienen ist. Aber nein: was rede ich denn da? Siebzehn Jahre ist's her. Ich war ja damals noch nicht Kandidat.

Der Freiherr. Aber wie hieß er denn?

Der Doktor. Werthers Leiden. Des jungen Werthers Leiden.

Der Freiherr. Was? Des Werthers Leiden von Georg Goethe? Aber das kenne ich ja! Und ob ich es kenne! Das war doch einen Winter lang das Gespräch auf allen Assemblées. Und sogar auf den Dörfern. Ich erinnere mich noch wie heute: in Neckargemünd wurde es als Moritat gezeigt. Hortense wollte sich totlachen, wir waren damals gerade verlobt. Aber ein Vetter von mir, der lange Einsiedel, wollte sich nicht totlachen, sondern im Gegenteil: totschießen! Er war nämlich ebenso unglücklich verliebt wie Werther: in die Philine Radziwill, die nach Wien verheiratet war. Dort hab' ich ihr, als ich in geheimer Mission am kaiserlichen Hof war, die ganze Geschichte erzählt. Sie sagte: aber das muß ja ein entzückendes Buch sein, das müssen Sie mir verschaffen! Das war aber gar nicht so leicht, denn es war in Österreich verboten.

Der Doktor. Und der lange Einsiedel?

Der Freiherr. Hat sich natürlich nicht erschossen. Übrigens der Herr von Goethe ja auch nicht. Am Ende hat er gar seine Lotte geheiratet.

Der Doktor. Er ist überhaupt nicht verheiratet. Das heißt: nur zur linken Hand.

Der Freiherr. Ach, interessant. Also mit keiner Geborenen?

Der Doktor. Nein. Mit einer Demoiselle Vulpius.

Der Freiherr. Vulpius? Am Ende eine Verwandte von Christian Vulpius?

Der Doktor. Seine Schwester.

Der Freiherr. Nein! Die Schwester des großen Vulpius? Des unsterblichen Verfassers von Rinaldo Rinaldini? Und das sagen Sie mir nicht gleich? Da muß ich diesen Herrn von Goethe doch unbedingt kennenlernen. Was für eine wunderbare Fortune! Kommen Sie rasch!

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