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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 30
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Kabarett Fledermaus

Kurz nach der Jahrhundertwende entstand mit dem ›Kabarett Fledermaus‹ eine für Wien ganz unverständliche, ›un-französische‹ Kleinkunstbühne. Berühmte Künstler des Jugendstils sorgten für die Innendekoration, berühmte Künstler, darunter die Schwestern Wiesenthal, die hier debütierten, traten allabendlich auf, vorwiegend vor Künstlerpublikum, da es in anderen Kreisen an Verständnis mangelte. Friedell war einige Jahre artistischer Leiter des Ensembles und ging dann zum Theater.

Die Reporter haben gesagt: das Schönste ist die gemütliche Bar mit den originellen bunten Kacheln und den tadellos korrekten Drinks. Ferner haben die Reporter gesagt: »Hoffentlich wird das Programm mit der Zeit das künstlerische Niveau dieses Interieurs erreichen.« Das ist eine Perfidie, denn das Programm hat dieses Niveau bereits erreicht, und die ›Fledermaus‹ ist zweifellos das beste deutsche Kabarett, das man bis jetzt erlebt hat.

Allen voran schreitet unser Pianist, ein geradezu unbegreiflicher Musiker, bei dem man sich erstaunt fragen muß: woher nimmt dieser Künstler seinen Ideenreichtum, da man doch glauben sollte, daß jede mögliche Melodie schon von mehreren bedeutenden Musikern komponiert worden ist? Unsere Tänzerin ist ein Geschöpf, das Grazie mit Natürlichkeit zu verbinden weiß, während die anderen berühmten Tänzerinnen mehr oder weniger eine auf Draht gezogene Grazie besitzen. (Man hat bei ihnen immer den Eindruck: »Vortrefflich konstruiert! Wie wird es doch wohl in Bewegung gesetzt? Vermutlich durch den Hauptakkumulator. Nein, das wäre zu kostspielig, also durch Nebenschaltung.«) Und dann haben wir eine Diseuse, die sich von den meisten ihrer Kolleginnen ebenfalls sehr vorteilhaft unterscheidet, denn sie versteht die Kunst des Andeutens und Verschweigens. Sie nimmt an, daß der Zuschauer kein vollkommener Idiot ist, sondern ein Mensch mit Phantasie: mit einer gebundenen Phantasie, die man nur zu befreien braucht, um sie selbsttätig zu machen. Etwas vollkommen Neuartiges sind die ›Masken‹. Drei schöne junge Damen in prächtigen, phantastischen Gewändern sprechen zu einer merkwürdig aufreizenden Musik einige kompliziert lapidare Aphorismen von Peter Altenberg. Die drei Künste gehen hier so ineinander, daß man nicht mehr weiß, was eigentlich den starken Eindruck hervorruft. Das Ganze übt daher eine vollkommen mysteriöse Wirkung aus, die ganz einzigartig ist. Es ist sehr wohl möglich, daß die Chöre der griechischen Tragödien so ähnlich ausgesehen haben: unheimlich stilisierte Frauengestalten mit bösen Augen, die zu einer ganz verwirrenden Musik tiefsinnige Gnomen sprechen.

Nach diesen kurzen Mitteilungen brauche ich wohl nicht mehr zu bemerken, daß die ganze Sache in Wien glatt abgefallen ist. Vor allem beschwerte man sich darüber, daß dem Humor nicht Rechnung getragen werde. Aber für Possen haben wir ja das Burgtheater, und außerdem besitzt auch die ›Fledermaus‹ eine humoristische Nummer allerersten Ranges: Nämlich die große Mittelpause, in der das Wiener Publikum seine Urteile abgibt . . .

Einzig ein anwesender Minister war milde, aber vielleicht nur deshalb, weil er zur liberalen Partei gehört. Er sagte: »Nun, ich könnte auch begreifen, daß man alle diese Dinge sehr schön und gut findet. Das ist schließlich Geschmackssache.«

Nein, Excellenz: Das ist nicht Geschmackssache, sondern Sache des Geschmacks, und daher nicht Sache Wiens.

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