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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 26
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
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Haresu

In einer Theaterkritik erwähnte Friedell den Namen Hamsun. Ein Druckfehler machte daraus Haresu. Als sich die Anfragen häuften, lieferte er folgende Kurzbiographie und Würdigung des ›japanischen Klassikers Rennosuke Haresu‹. – Alle Zitate sind Zitate aus Schriften Friedells, besonders aus ›Ecce poeta‹ (1912) und seinem Aphorismenbuch ›Steinbruch‹ (1922), mehr oder minder abgewandelt. Außerdem stecken wahrscheinlich allerhand eigne Entwürfe hinter dem ›dramatischen Gesamtwerk Haresus‹.

In einer seit kurzem erscheinenden Revue schrieb ich letzthin über den Sekretär in Rittners ›Unterwegs‹: »Er ist Leporello, aber freilich ein vergeistigter, verfeinerter, seelisch gesteigerter Leporello, der Stendhal und Haresu im Blute hat.« Seitdem bin ich mehrfach von Bekannten, die den Namen Haresus flüchtig oder auch gar nicht gehört hatten, ersucht worden, doch einiges Nähere über ihn mitzuteilen. Ich habe nun allerdings niemals geglaubt, daß Haresu heute schon zum geistigen Besitzstand des deutschen Bildungsphilisters gehört (und ich möchte diesem feinen und weltfernen Geist ein solches Schicksal auch gar nicht wünschen, obgleich es ihm höchstwahrscheinlich nicht erspart bleiben wird); aber ich dachte doch, daß der eine oder andere ›Connaisseur‹ ihn bereits einem breiteren Publikum zugänglich gemacht habe. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein, und so ergreife ich denn mit Vergnügen die Gelegenheit, zu sagen, was ich über ihn weiß. Es ist freilich wenig genug, und auch dies Wenige ist schwer in Worte zu fassen.

Die Verlegenheit beginnt schon bei dem Versuch, Haresu in eine bestimmte Gruppe zu rangieren. Denn eine Gruppenbezeichnung, eine Etikette und Nomenklatur muß ja bei uns jedermann haben, sonst nimmt man ihn nicht ernst. Wir Westler würden nun wohl keinen Augenblick zögern, Haresu einen Dichter zu nennen, aber ich glaube, er selbst wäre mit dieser Klassifikation kaum einverstanden gewesen. Er hat einmal von sich geschrieben: »Ich habe nie etwas anderes im Leben für wertvoll gehalten, als die andächtige und willenlose Betrachtung des Weltalls und seiner Schönheit, wie sie sich in allem und jedem tausendfältig und ununterbrochen offenbart, sei es in einer Blume, in einem Frauenantlitz, in einem Wasserspiegel oder in einer großen Seele, und ich betrachte jedermann als einen schmählich Betrogenen, der einer anderen Aufgabe oder Tätigkeit hienieden irgendeinen Wert beilegt.« Und ein andermal: »Was wir sagen können, geht uns nichts mehr an. Unsere tiefsten und wirklichsten Gefühle haben eine Scheu davor, zu Worten zu gefrieren.« Er schätzte also die literarische Tätigkeit offenbar nicht sehr hoch ein, wie ja überhaupt im Orient der Mensch mit dem Dichter noch eine innigere Einheit bildet als bei uns. Er wollte nicht schreiben, sondern leben. Seine Bücher betrachtete er nur als zufällige Nebenprodukte.

Ich verdanke die Bekanntschaft mit Haresu Hermann Bahr, der heute vielleicht im ganzen deutschen Sprachgebiet, sicher aber in Deutschösterreich der einzige Geist von wahrhaft kosmopolitischem Format und Zuschnitt ist, von lebendigem Gefühl für das, was Goethe ›Weltliteratur‹ genannt hat, und dessen feine und starke Witterung für Menschheitswerte auch vor dem Gelben Meer nicht halt gemacht hat. Haresu ist übrigens nur in Mitteleuropa ein Fremder, in England und Frankreich, ja selbst in Rußland ist er ziemlich bekannt: Mc Collins, der Biograph Swinburnes, hat über ihn einen kritischen Essay geschrieben und Cornish F. Warren hat einige seiner Werke ganz vorzüglich ins Englische übersetzt; und die beiden feinen gelben Lederbände mit den schimmernden japanischen Farbenholzschnitten finden sich im Strandkorb oder im Boudoir mancher träumerischen Lady. Georg Müller, der in London auf ihn aufmerksam geworden war, plante eine deutsche Ausgabe, und zwar auf Grund des japanischen Originaltextes, aber der Weltkrieg verhinderte die Ausführung dieses Projektes.

Rennosuke Haresu wurde Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts geboren; das genauere Datum ist nicht bekannt. Er besuchte das Seminar in Hiroshima und die Hochschule Semnon Gekko und widmete sich dann der Lackmalerei. Erst im reiferen Mannesalter entdeckte er seinen Dichterberuf. Er begann mit Märchen und Gedichten. Einige dieser Märchen sind in George Holidays Sammlung ›Erzähler des Ostens‹ enthalten. Sie sind leicht und anmutig geschrieben, von feiner, weltkundiger Charakteristik und durch halb melancholische, halb ironische Lichter angenehm belebt. Besonders die Geschichte von der ›kleinen lasterhaften Kirschblüte‹ ist voll Humor und Poesie. Wenn man aber an die große Begabung denkt, die fast alle ostasiatischen Völker gerade für dieses literarische Genre besitzen, so wird man nicht finden, daß Haresu hier etwas Außergewöhnliches geleistet hat. Seine Lyrik ist vor etwa zwanzig Jahren in Auswahl ins Französische übersetzt worden; die ›Anthologie de Haresu‹ habe ich mir jedoch nicht beschaffen können.

Man wird aber wohl nicht irren, wenn man annimmt, daß Haresus Haupttalent auf dem Gebiet der Philosophie und des Dramas lag. Er hat eine große Anzahl kleiner Theaterstücke verfaßt: lauter Miniaturdramen, wir würden sie vielleicht Einakter nennen, farbige und durchgeistigte Dialoge, die bald an Gobineaus Renaissanceszenen, bald an Plato, am häufigsten aber an Maeterlinck erinnern; sie sind meist ziemlich locker komponiert, stellen aber doch immer irgendeine dramatische Situation höchst bildhaft und eindrucksvoll vor den Leser. Haresu berührt sich übrigens auch darin mit Maeterlinck, daß er sich in seinen Theaterstücken bewußt an frühere dramatische Formen anlehnt. Wie Maeterlinck die alten flämischen Puppenspiele wiederbelebte, so griff Haresu auf den ›No‹ zurück. Der ›No‹ war eine Art dramatischer Aufführung, die etwa mit unserer Oper verglichen werden kann. Der Text wurde von Schauspielern gesungen, außerdem spielte der Chor eine bedeutende Rolle. Die Handlung war nicht sehr kompliziert, aber fein durchgearbeitet. Was nun Haresu wollte, war, wie er sagte, ein ›No‹ ohne Musik. »Denn«, äußerte er sich, »wozu die äußere Melodie, da doch alle tiefen Dinge einen inneren Gesang in sich tragen? Poesie ist musikalisches Denken. Der Dichter ist ein Mensch, der auf diese Weise denkt. Sieh tief genug und du siehst musikalisch, das Herz der Natur ist immer Musik.« Dieses Prinzip zeigt sich schon in der ganzen Architektonik, die Haresu seinen Werken gibt: sie sind immer irgendwie symphonisch angelegt. Da ist zum Beispiel ein Dramenzyklus ›Der schwarze Ritter‹, der eine Art ›comédie humaine‹ darstellt: lose Bilder aus der Geschichte der Menschheit. Leider enthält die englische Ausgabe nur das erste Stück. Dieses führt uns unter die ersten Menschen, in eine Art Paradies, wo der Urmensch in Unkenntnis der Krankheit, des Todes und aller irdischen Leiden mit seinen zahlreichen Kindern lebt. Unter diesen befinden sich die Brüder Aschikaga, eine finstere, grüblerische, von Herrschsucht gequälte Gewaltnatur, und Jhehasu, ein sonniger Instinktmensch, glücklich und von allen geliebt, wir würden sagen: Kain und Abel, und in der Tat hat ja der ostasiatische Mythus große Ähnlichkeit mit der Bibel. Beide Brüder lieben ihre Schwester Sada, doch diese neigt sich Jhehasu zu; das Motiv der Geschwisterliebe wird hierbei ganz unbefangen verwendet. Aschikaga, der Jhehasu schon längst eifersüchtig haßt, als den Freien, Reinen und Sicheren, dem alles von selbst zufällt, beschließt, sich seiner zu entledigen. Er lockt ihn in den labyrinthischen ›Wald der Schlangen‹, aber mit nachtwandlerischer Sicherheit findet Jhehasu wieder den Weg ins heimische Paradies zurück. Neuer Streit entbrennt zwischen den Brüdern, und der Vater, der herbeieilt und erfährt, daß Sada die Ursache ist, schleudert seinen Fluch auf diese, denn »alles Unheil kommt immer vom Weibe«. In seiner Erregung stürzt er plötzlich kraftlos zusammen. »Ich sehe fast nichts mehr . . . außer mir ist es ganz dunkel . . . als ob ich blind wäre. Aber nun beginne ich wie von innen zu sehen (plötzlich in höchstem Schreck und Erstaunen): Ha . . . ah . . . was muß ich sehen? (er fällt zurück, seine Glieder strecken sich). Sada: Er schläft ganz seltsam . . . wie ein Tier. Jhehasu (zittert unaufhörlich, bewegt die Lippen, will etwas sagen, kann es aber nicht aussprechen.) Sada: Was soll das . . . sagt, was soll das alles? Jhehasu (im Aufblitzen einer Erkenntnis): Er wird nicht wieder erwachen! (Er verstummt und erschrickt über seine eigenen Worte). Sada (verständnislos): Nicht wieder erwachen? Aschikaga (murmelt vor sich hin): Nicht wieder erwachen . . . (Er steht dicht hinter Jhehasu. Seine Hand tastet nach dem Hammer. Es wird ganz finster. Man sieht nur noch das Leuchten seiner Augen).« Hiermit schließt das erste Stück, das für uns zweifellos etwas Befremdendes hat. Denn dieser Gedanke, daß die erste Erfahrung von der Sterblichkeit des Menschen sogleich den Plan erzeugt, zu töten, ist von einem ungeheuerlichen, radikalen, ganz uneuropäischen Pessimismus und Immoralismus. Und ebenso pessimistisch ist die Einkleidung des ganzen Dramenzyklus. Sie besteht nämlich darin, daß der ›schwarze Ritter‹, ein gottfeindlicher Dämon, eine Art Luzifer, zur Strafe für seine Auflehnung die Welt träumen muß: alles, was auf Erden geschieht, ist nichts als der schaurige Alpdruck eines gefallenen Engels. Am Schluß der Szenenreihe, die bis in die Gegenwart führt, schüttelt der Geist mit übermächtiger Kraft seinen quälenden Traum von sich ab, denn zu entsetzlich sind die Gesichte, die ihn bedrängen. Aber nur für eine kurze Frist ist ihm Erholung gegönnt, noch ist seine Schuld nicht gesühnt, bald wird er wieder in den Schlaf versinken müssen, in dem ihn immer schrecklichere Visionen erwarten. Das ist Haresus Ausblick in die Zukunft der Menschheit.

Eine zweite Serie heißt ›Der Eroberer‹. Sie ist durch die Gestalt Noritomos zu einer Einheit zusammengeschlossen, eines gewaltigen ›Tenno‹, der beschlossen hat, die ganze bewohnte Erde zu erobern, und in einer bunten Bildergalerie wird nun gezeigt, wie ihm dies tatsächlich gelingt. Aber je weiter er vordringt, desto unbefriedigter wird er, ohne sich recht den Grund erklären zu können. Schließlich gelangt er in ein fernes Land, in dem der Buddhismus herrscht. Dort hat er eine Unterredung mit einem Buddhapriester. Dieser sagt zu ihm: »Ich will dir eine Geschichte erzählen. Als Gotama geboren wurde, sagten die Zeichendeuter: wenn er ein weltliches Leben erwählt, wird er zum Weltbeherrscher werden, entsagt er der Welt, so wird er zum Buddha. Noritomo: Und was tat Gatoma oder Glotama oder wie er heißt? Der Priester: Er wurde natürlich zum Buddha. Hätte er sich der Welt ergeben, so wäre die Erdscheibe ihm untertan geworden, und du stündest nicht hier. Aber er wurde zum Buddha; das war das Schwere. Und es war auch das Bessere. Noritomo: Sage mir: Glaubst du, wenn ich der Welt entsagte, könnte ich da auch noch zum Buddha werden? Der Priester: Nein. Noritomo: Und warum nicht? Der Priester: Weil du, wenn du zum Buddha begabt wärst, niemals die Welt hättest wählen können. Aber ich will dir etwas ins Ohr sagen: du kannst immer noch zum Buddha werden. Für dich. Nicht für die Welt. Aber für dich. Das kann jeder werden (mit einiger Geringschätzung), selbst du.« Und nun erkennt Noritomo, daß man die Länder der Erde und ihre Bewohner bloß erobern, aber nicht besitzen kann, und ebenso die Frauen, die man liebt, und alles auf der Welt, bis auf eines: sich selbst; aber wenn man sich selbst besitzen will, gerade dann darf man kein Eroberer sein. Und er läßt sich von seinem Leibarzt ein Gift geben, das ihn scheintot macht; und während um seinen Sarg sich alles in wilde Parteikämpfe und Anarchie auflöst, flieht er heimlich in die Einsamkeit.

Auf Haresus Philosophie kann ich leider hier nicht mehr näher eingehen. Sie ist im wesentlichen in einer Sammlung von Aphorismen, Parabeln und kleinen Abhandlungen niedergelegt, die den Titel ›Der Steinbruch‹ führt und als Motiv die Worte: »Mein Ziel ist nicht, Recht zu behalten, sondern Gedanken in Bewegung zu setzen.« Der letzte Satz des Buches lautet: »Also besteht die vornehmste Aufgabe des Menschen darin, der Steuermann seines Narrenschiffes zu sein.« Haresu scheint übrigens so etwas wie ein ›décadent‹ gewesen zu sein, wenigstens läßt ein Aphorismus seines Buches darauf schließen, welcher heißt: »Wenn dem Reiher neue Federn wachsen, ist er krank und gereizt. Vom Weisen, dem die neuen Gedanken wachsen, soll man nicht erwarten, daß er gesund sei.«

Haresu starb im Jahre 1896, kurz nach dem Frieden von Shimonoseki. Den letzten Aufstieg seines Vaterlandes zur Weltgeltung hat er nicht mehr erlebt. Aber es ist zu vermuten, daß er, dessen Lieblingssatz lautet: »Die Welt ist nicht draußen«, diesen Ereignissen nicht allzuviel Bedeutung beigelegt hätte. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: »Ich komme wieder.« Wer den Buddhismus kennt, weiß, daß darin kein triumphierender Glaube an die Unvergänglichkeit ausgesprochen ist, sondern das resignierende Bekenntnis der Unvollkommenheit. Diejenigen aber, die sich mit Andacht in seine Werke versenken, werden finden, daß diese trotz mancher sonderbarer Einzelheiten, in die sich der Europäer erst hinüberdenken muß, kleine Vollkommenheiten sind, und sie werden mit Wilde sagen: »I love Haresu.«

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