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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 25
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Tagebuch im Stile Bahrs

Bahrs ›Tagebücher‹ erschienen regelmäßig im ›Neuen Wiener Journal‹. Als er Wien verließ, sprang Friedell für ihn ein . . .

1919

8. April: Die Leute zerbrechen sich schon wieder einmal meinen Kopf, weil ich ›so plötzlich‹ Wien und das Burgtheater verlassen habe. Die wildesten Gerüchte schwirren herum und dringen selbst bis in mein liebes Salzburger Schlössl. Die einen sagen, es habe sich ein Schauspielerrat gebildet, der kategorisch meine Entlassung forderte, die andern, es hätte eine furchtbare Szene mit Albert HeineBurgschauspieler, mit Friedell eng befreundet; in der Zwischenkriegszeit Direktor des Burgtheaters. gegeben, die dritten, schon wohlwollender, begnügen sich damit zu munkeln, ich sei plötzlich schwachsinnig geworden. Weit entfernt nun, den Leuten derlei Konjekturen zu verübeln, sehe ich darin einen der vielen Schlüssel, mit denen man das Wesen des Menschen aufsperren kann, oder, weil dies ja doch zu viel versprochen wäre, einen Spalt, eine Ritze, einen Riß in der Wand, durch den man in die Seelen hineinzuspähen vermag, die, wenn man sie erst einmal von einer Seite aus erblickt hat, und sei diese auch noch so sekundär und abgelegen, sich dem Betrachter oft sogleich und mühelos ganz zu eröffnen pflegen.

Was nämlich die Wiener an meinem ›Abgang‹ so erbittert hat, das war, daß er eben so gar kein Abgang war, sondern ein freundliches Auseinandergehen nach einigen für mich sehr lehrreichen und, wenn man das Wort vom jetzigen Burgtheater in den Mund nehmen darf, genußreichen Versuchen. Aber das genügt den Leuten nicht, ihrem Empfinden fehlt da etwas, nämlich um es in Kürze zu sagen, der Sardou.Victorien Sardou, (1831–1908) für Friedell der Inbegriff des ›wendigen‹ Komödienschreibers. In meinem Scheiden vom Burgtheater war gar kein Sardou. Die Wiener wollen aber Sardou, in allem und jedem, ohne Sardou freut sie's nicht, auf den Sardou können sie nun einmal nicht verzichten, Sardou muß dasein und wenn es malheureuserweise passiert, daß einmal keiner da ist, nun so erfinden sie sich halt ihren Sardou, in dem Punkt haben sie schrecklich viel Phantasie. Und wenn ich's recht überlege, so haben sie ja recht, denn das wird schon wirklich der Grund sein, warum ich nicht das Richtige für das Burgtheater bin und für Wien überhaupt: es fehlen bei mir immer die knallenden Szenen, die die Wiener Lebensluft braucht. Die großen verlogenen Gesten, die Aktschlüsse. Und mein Weggang vom Burgtheater war halt so gar kein Aktschluß, er hat sich von selber gemacht, und ein Aktschluß, der sich von selber macht, ist doch kein Aktschluß! Dies, freilich wohl sehr unbewußt, war ihnen ja auch an Burckhard so zuwider, bei dem alles immer höchst naturalistisch und fast gewöhnlich zuging, und an Klimt, der täglich vierzehn Stunden in seinem weltfern über der Stadt träumenden Atelier arbeitete, ohne je in die Theateratmosphäre der Kärntnerstraße hinabzusteigen, und an Mahler und an Hugo Wolf und an Stifter und an allen anderen. Sie hätten uns alle ganz gut brauchen können und sie waren nicht einmal gegen uns, nein, das kann man nicht sagen, aber wir waren ihnen irgendwie unheimlich, sie hatten keine Sprache, in der sie sich mit uns unterhalten konnten, ihre Zeichen waren nicht unsre Zeichen, wir hatten halt alle zu wenig Sardou.

14. April: Heute ist Emanuel KohnFingierter Name sechzig Jahre alt geworden. Wie viele Wiener wissen, wer Emanuel Kohn ist? Ihn wird es wohl wenig kümmern in seinem stillen Häusel in der Sieveringerstraße, wo er, längst von allen irdischen Ehren abgewendet und nur noch ganz tief in sich hineinhorchend, seine Tage lebt wie ein weltversöhnter griechischer Zyniker, der nichts braucht, nichts will und alles verlacht, oder vielleicht noch besser, wie ein sanfter und heiterer Mönch, einer von denen, wie sie Fra Prosciutto gemalt hat, denen in einem Antlitz voll müden Friedens ein paar zwingend lustige Augen glühen. Und doch müßten alle heute hinwallfahrten in seine ganz in Grün versteckte Klause, wo ein Größter Deutschösterreichs in dreißigjährigem Ringen das Geheimnis der Musik entzaubert hat. Aber das kleine gelbe Büchel, das, es sind jetzt auch schon acht Jahre her, bei Moritz Perles erschienen ist, kennt keiner (mein alter Josef Hofmann etwa ausgenommen) und keiner weiß, wie darin auf die behutsamste und sicherste Art jenes furchtbare Urphänomen, das wir Töne nennen, enträtselt und rein und groß, seinen tausendjährigen Schleiern entnommen, vor uns hingestellt ist. Aber ich habe für deinen demütigen Sinn schon zu viel von dir geredet, verzeih, lieber Emanuel!

16. April: Ein herrliches Versbuch ›Geröll‹ von Franz Xaver Hinterbichler (erschienen in Hallstadt im Verlag deutscher Jungsteirer ›Wir wollen!‹) reißt einen pfauchenden, lavaspuckenden Abgrund auf zwischen uns und aller Erscheinung. Ich habe mich oft gefragt, woher denn der wilde narkotische Krampf kommt, der mich jedesmal schüttelt, wenn ich Hinterbichlers dampfende Verse auf mich wirken lasse. Es wird wohl daher kommen, daß er stets und unfehlbar mit magischem Finger an unser Tiefstes zu rühren weiß, das, uns selber fremd, stark und gefährlich in uns waltet, unser geheimstes Sehnen, vor dem wir, obschon es das Siegel unseres wahrsten Wesens enthält, dennoch angstvoll zurückschauern, flehend, daß es unerschlossen bleibe. Aber Hinterbichler erhört unser Flehen nicht. Herrisch bricht er die flammenden Siegel und streut uns in grausam funkelnder Triumphfreude unser Innerstes vor die Füße.

19. April: Li-Hä-Dsi sagt in seinem Dahu-Ku (Buch des südlichen Blütenlandes): »Der Mensch ist eine Töpferscheibe. Wird sie zu langsam gedreht, so bringt sie nichts vorwärts, wird sie zu rasch gedreht, so fällt sie um.« Daran muß ich jetzt immer denken, wenn ich auf unser armes Österreich blicke.

1921

10. Jänner: Wildgans Burgtheaterdirektor; nun will es also doch Frühling werden in unserem armen, schwergeprüften Landel, Stifter-Träume werden wahr, und Herr Walther guckt uns mit seiner Fiedel zum Fenster herein. Denn das ist die Erfüllung, die das Burgtheater seit seiner Begründung sucht, in Schreyvogel einen Augenblick lang schon gefunden zu haben schien, dann wieder sich völlig entgleiten ließ und nun endlich in festen Händen hält: die Linie des reinen Österreichers, der zum erstenmal in dem Kelten Vercingetorix (dessen prachtvolle Schilderung bei Tacitus man in der soeben bei Georg Müller erschienenen neuen Ausgabe dieses römischen Spengler nachlesen möge) in die Geschichte tritt und dann sich sachte über Kaiser Max (uns neuerlich nahegerückt durch die vortreffliche Monographie Waldemar Sussmanns ›Der letzte Ritter‹, Egeria Verlag, G.m.b.H, Basel 1920) zu Stelzhammer hinbewegt: die, um es in einem Wort zu sagen, josefinische Barocke! Mögen wir begnadeten Zeugen dieser erseligenden Stunde uns würdig erweisen!

15. Jänner: Da streiten sich die Leut' herum, was der Sinn der Kunst unserer Zeit sei, und inzwischen hab' ich ihn in aller Stille gestern gefunden. Nämlich nirgends sonst als in den Werken des bis zur Unheimlichkeit luziden, zu Unrecht so lange vergessenen großen, ja übermenschlichen Karl Friedrich Christian Krause, die gerade im rechten Augenblick im Verlag Stußmann & Co., Potsdam, soeben erschienen sind. Die Stelle steht auf Seite 28 von Band IV und lautet: »Kunst ist die Unsächlichkeit der Lebgestaltung: sie ist das Volldazulebende, denn alle Endhalbheit fordert Vereinhalbheit. Nur dadurch wird ihr Inbeweg vollwesengliedbaulich.«

25. Jänner: Jetzt hab' ich geglaubt, meinen Goethe ziemlich inwendig zu haben, und heute schlag ich, wie ganz zufällig, den alten Eckermann auf und finde folgenden Bericht vom 15. Mai 1828: »Frühmorgens bei Goethe, der mir frischer als je entgegentritt und zuruft: Ei, da sind Sie ja, mein Guter!« Diese pythischen Urworte, in denen die letzten Schlösser unseres Wesens mit magischem Finger aufgeriegelt werden, haben mich gepackt, daß mir altem Mann die Tränen in die Augen kamen.

27. Jänner: In seiner Sammlung von Sprüchen sagt unser Kippopotl, der nun endlich doch den Nobel-Preis bekommen hat, in seinem von stilistischen Härten und Dialektanklängen nicht ganz freien, aber eben darum um so blutvolleren Australisch: »Derimana dafang tschinta derimata Auron diatti kassiang.« Und, Hand aufs Herz: hat er nicht recht?

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