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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 24
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Die Duse

Eine Theaterkritik im Stile Bahrs

Von der Duse, als sie im April 1892 in Toulouse gastierte, hat Herr Laroche-Mathieu, der damalige Kritiker des ›Messager de Toulouse‹ geschrieben: »Elle joue l'angoisse de la vie«. Dieses Wort sprengt wie mit einer Stichflamme das Wesen der großen Seherin auf. In ihr zittert die große, allwissende Angst, die verschlossene Grüfte aufbricht, den Riegel von allen Geheimnissen schiebt und das große Lebenssiegel löst. Dieses eben ist ja auch ihre Wirkung: daß sie stets unfehlbar mit tragischem Finger an unser Tiefstes zu rühren weiß, das, uns selber fremd, stark und gefährlich in uns waltet. So hat sie auch gestern wieder die Bianka in der ›Porta chiusa‹ gespielt. Das Stück ist abscheulich: keuchend, verlogen, überzuckert sentimental, was Butti, ›il grande Butti‹, in seinen ›Avertimenti d'un dramaturgo‹ (die unser Buschbeck doch endlich einmal herausgeben sollte) »una commedia rosea« nennt. Aber die Duse machte daraus eine eroische Winterlandschaft. Jede ihrer feuchten Gebärden ist ein sfumato, das an die höchsten Offenbarungen der Trecentisten gemahnt, an die verlorengegangene Kunst, alle Erscheinungen mit dem schwimmenden Zauberhauch der respirazione zu verdampfen. Che asprezza! Che grazia! Che portamento! Ihre leicht nachgedunkelte Stimme hat die Herbe und Süßigkeit einer uralten toskanischen Traube. Was ist daran noch venezianisch? Jedes ihrer Worte zwingt uns zu sagen: »Fiorentina mi sembri veramente, quand' i' t'odo« (was Simon Wasserkopf, unser großer Dante-Erneuerer, in seiner herrlichen, soeben bei Vásárhely in Budapest erschienenen Übertragung eindeutscht: »Florenzin scheinst du mir, so wahr ich dir lebe, wenn ich dir luse«), aber tiefrührend wirkt es doch wieder, wenn ihre Zunge bisweilen, wenn sie im höchsten Affekt ein »Si« hervorstößt, leicht ins Sienesische hinübergleitet. Und still schleicht man sich in die nachtweiße Herbstnacht und weint.

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