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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 22
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Kapazitäten . . .

Die Welt im Drama

Eine Buchbesprechung im Stile Kerrs

Kerr hat diese wie auch die folgende Kerr-Parodie sehr gelobt und weit herumgezeigt.

I

S. Fischer, Berlin, schickt mir (wackerer Samuel!) Alfred Kerr, ›Die Welt im Drama‹. Erster Band: ›Das neue Drama‹. Zweiter Band: ›Der Ewigkeitszug‹. Dritter Band: ›Die Sucher und die Seligen‹. Vierter Band: ›Eintagsfliegen‹. Fünfter Band: ›Das Mimenreich‹. Was soll ich damit tun? All' die Köstlichkeiten einschlürfen wie eine Riesenplatte voll Austern (Natives, bitte, nicht Nordsee!), wie eine Magnumflasche Pommery extra sec, wie den Duft eines verfluchten, geliebten Weibes? Aber das will man ja nicht von mir. Ich soll schreiben . . . schreiben (pfui Teufel).

II

Schreiben . . . na schön . . . aahber – was? Soll ich etwa schreiben: »Dieser Zeitgenosse vereinigt mit bemerkenswertem Feingefühl eine erkleckliche Summe von Kenntnissen auf dem Gebiete der modernen . . .?«

Pfui Teufel.

III

Ich spitze meinen Bleistift (Koh-i-noor, hart, mittelschwarz) mit meiner herrlichen Bleistiftspitzmaschine (Johann Faber, D.R.P. Nr. 5060, jetzt – etsch! – nicht mehr erhältlich). Mir fällt nichts ein.

IV

Aber . . . was ist das? Was tritt da plötzlich in meine Ganglien? Ich (und wenn ihr zerspringt, liebe Leute) ich werde meine Kritik auf kerrisch schreiben. (Ich werde meine Kritik auf kerrisch schreiben.) Auf kerrisch. Ecco.

V

S. Fischer (wackerer Samuel!) schickt mir: ›Die Welt im Drama‹. Von Alfred Kerr. Von Alfred Kerr. Damit ist (eigentlich!) schon alles gesagt. Alle Bücher sind entweder von Alfred Kerr oder aber: sie sind nicht von Alfred Kerr. Hier sondern sich herkulesscheidewegmäßig die Geister. (Will sagen: die Stile, aber die Stile sind die Geister.) Ein Buch ist von Kerr, das heißt: es ist hermetisch dicht gearbeitet, fettlos, schwerelos, eine Essenz. (Aus zehntausend Rosen, die die andern nicht haben.) Es ist nicht von Kerr, das heißt: es ist traurig, schwammig, schwabbelig, molluskig, porös.

VI

S. Fischer schickt mir: ›Die Welt im Drama‹. Fünf Bände. Auf Holzpapier, in elendem Pappband. Der Pappband wird zermürben, das Holzpapier wird zerfallen, die Gedanken, will sagen: die leuchtenden Formulierungen (jede rechtschaffene Formulierung ist schon ein Gedanke) werden bleiben. Weiterleuchten. Lampen, schwingend von der heute pulsierenden Gegenwart in noch ungeborene nebelfeuchte Zukunft.

Fünf Bände? Fünf Kosmosse. Oder nein. Ein Kosmos, ein Ganzes, ein fünfteiliger Kosmos. (Ein fünf-teiliger Kosmos.)

VII

Herr Professor Eberhard Körbing aus Halle wird im Konversationslexikon suchen: Kerr, Alfred, namhafter Kritiker.

Ein Kritiker? Ein ›das Kunstleben mit Randnoten Begleiter‹? Daß i nöt lach'!

Hirschfeld ist ein mieses Jüngelchen. Eulenberg ist ein Sucherchen. Sternheim ist ein Krampfwitzebold (etwa: mit Panoptikumzwangsgrinsen). Wedekind ist ein ephemerer Excentric-Clown (satanisch einprägsam, ballend, Zeitprofil-umreißend, aber . . . dennoch . . . ephemer). Selbst G. Hauptmann . . . ein dichtender Pubertäterich schließlich.

Aber der ›mit Randnoten Begleiter‹? Der ›Horatio‹? Der ›Epilogerich‹? Er hat eben das Schlußwort. Das letzte Wort. Das weiseste. Das wärmste. Das männlichste. Er lebt, er (allein) lebt hinein in kommende Fortinbras-Zeiten.

(Überhaupt: wieso ›Randnoten‹? Der Schlag soll euch treffen! Hier ist, oder aber es treffe mich der Schlag, auf jeder Seite Grundmauernstes an Philosophie, Kosmographie der Seele. Jawohl: Kosmographie der Seele. Nehmt nur etwa einmal – aber ihr könnt auch tausend anderes nehmen – nehmt einmal diese schauerlicherschütternde Welterklärungs-Hypothese im zweiten Band, Seite 214ff. Ja, da kann man wirklich nur noch sagen: ff.!)

Ein Kritiker?

Ich sage: m. n. (mit nichten).

VIII

Und dann: Kinder, Menschenskinder!

Seid's doch gescheit! Ist denn das ›Bleibende‹ wirklich das ›poetisch Gestaltete‹? Die Jamben, die Anapäste, tatatam, tamtata, tamtata, tatatam?

Sophokles (Ruhe: es ist so!) hat eine zweifingerdicke Staubschicht. ›Patina‹ nennt man das. Patina erhöht den Wert, ich weiß, ich weiß. Jedoch für wen? Für den Antiquar, den buckligen, triefäugigen, humpelnden, verschrumpelten hundertjährigen Antiquar.

Aber Plato? Die Dialoge? des Symposion, des Protagoras? Die könnten gestern geschrieben sein.

Nein. Nicht gestern. Heute.

Und Racine? Und Corneille? Laßt's mich aus, Kinder! Kitschpuppen, Marionettiges, Kaftanmäßiges, weiß und rot angemalte Tortenaufsätze. Auf Draht Gezogenes. Zuckerguß. Goldpapier. Zerschlissener Brokat. Von Seele: keine Spur.

Hingegen: Pascal. Ein Blutvollster. Ein warmer, zuckender Sichselbstkreuziger. Ein Widerspruchsvollster. Ein Kreuzungspunkt alles Jubels und Jammers. Aller Kraft und Ohnmacht des Engeltiers ›Mensch‹. Prophet, Evangelist, Paraklet noch für deine Enkel.

Ich sage: noch für deine Enkel.

Also wer bleibt? was bleibt?

Kinder, Menschenskinder.

Seid's g'scheit.

IX

Dazu kommt noch ein Wesentliches.

Vielem gibt die Kritik erst eine Form.

Sie formt: was der Dichterling nicht formen konnte. Sie ballt zusammen, kondensiert Nebelschwaden, schafft Übersichten, Zusammenhänge . . . Sie ist das ›Gefäß‹, das (nun ja, meinetwegen) ›empfängt‹. Aber was empfängt? Wasser. (Nicht immer, aber sehr oft, meine Lieben, sehr oft!) Und selbst den Wein . . . umgibt sie, umfängt sie . . . mit Kristall . . . mit edlem Metall. Sie bewahrt ihn. Ohne sie würde er verfließen, verdampfen.

Ich wechsle das Bild. Sie ist nicht das Gefäß, das die Dichtung auffängt, sie ist ganz einfach der Spiritus, der sie konserviert.

Habt ihr verstanden? Der Spiritus.

Aber (und dies euch gesagt, ihr Rezensenten), es muß echter Spiritus sein, reiner, höchstprozentiger, sonst konserviert er nicht.

Sonst stinkt er bloß.

(Ende der allgemeinen Betrachtungen über das Wesen des Kritikers.)

X

Ich sagte zu Lina, der Allerliebsten, der sanften, blonden, mit dem Antlitz der Zwanzigjährigen: Hier ist einer, der brüderlich mitschwingt in unseren Seelen, wie eine Windesharfe, wie eine Memnonssäule; der unser Leuchten kennt und unser Versinken, der schon für die Gegenwart die historische Vogelschau besitzt (für die Gegenwart . . . die historische Vogelschau) und vor allem: einer, der lachen kann, weil er . . . weil er für Menschen und Dinge den stereoskopischen Blick besitzt. Weil er weiß, daß es ein Oben und Unten, ein Vorne und Hinten, ein Rechts und Links gibt, daß auf dieser Kugel alles rund ist und unendlich viele Seiten und Ecken hat. Weil er die Welt mit Facettenaugen betrachtet . . .

Sie sagte: Ja. Aber er schimpft zu viel.

XI

Aber er schimpft ja gar nicht. Wie sagte doch der verstorbene Nietzsche? »Über jedem großen Manne erhebt sich noch sein eigenes Ideal.« Kerr ist dieses Ideal. Zeigt dieses Ideal. Das ist nicht schimpfen.

Und dann: wovon hat der Künstler mehr: von zieltreffendem, kernsten Kern herauspräparierendem Seelentadel oder von Federn-Gelobe mit Klischeesätzen? »Unvergleichlich«, »sich selbst übertroffen« – was gibt ihm das? Ist es ein Spiegel? Oder eine Scheuklappe?

Kerrs fünf Bücher sind Dichterspiegel. Sie sind aber auch . . .

XII

Sie sind aber auch Zeitspiegel. Sie. Nur sie.

Brandes (jener unsägliche Däne) schreibt Hauptströmungen (bitte: Ströhmungen), aber wo strömt es? Was ist es? Ein sabbriges, labbriges, kuhwarmes Gerinnsel, breit, schwammig, schlammig . . . näh. Und dann: gesetzt den Fall, selbst wenn, zugegeben . . . so wären es immer nur Ströme (Strööhme), aber die Landschaft, durch die sie fließen? Aber die Luft, durch die sie rauschen? Aber (malermäßig gesprochen) das ambiente?

Hier ist Literaturhistorie, ihr Herren Professoren! Nicht Literaturhistoohrie, sondern Literaturhistorie. Kurzweg. Schlechtweg. Wo sonst noch? In den sauledernen Wälzern? Oder bei jenem Seminarhäuptling W. Scherer, welcher mit erhobenem Zeigefinger im Gange der deutschen Dichtung die (zerspring!) ›Ideenfiliationen‹ aufzeigt? Oder bei Erich Schm . . ., aber wozu noch Namen?

Hier ist, was dort nicht ist: Stimmungen der Zeit, der Zeit, Schwebungen, Unfaßbares gefaßt, Imponderables, Schwereloses, abgewogen mit schwerelosen Gewichten, die doch sind . . . Hier ist: Blick für Gestuftestes, Finger für Nuanciertestes.

XIII

Ich fasse zusammen.

Die p.p. besten Dichter sind ein Weltchen im Drama. Ein Hauptmann-Weltchen. Ein Schnitzler-Weltchen. Oder aber: ein Weltscherben. Ein Strindberg-Weltscherben. Ein Hebbel-Weltscherben. Hier jedoch . . . hier ist die Welt. Die Welt. Capito?

XIV

Aber nun kommt Herr Gottlob Schulze aus Posemuckel und sagt skeptisch – überlegen – relativistisch: Jaaa . . . sehnse . . . heernse . . . sehnse . . . ob man für Kerr ist oder nicht . . . dies ist ja nun wohl doch schließlich Geschmackssache . . . nöch?

Ich aber erwidere ihm: Nicht Geschmackssache, sondern Sache des Geschmacks. Erwidere ich.

Nicht – – –

sondern – – –

des Geschmacks.

Eccolo.

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