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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 21
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Devrient

Max Devrient, der jetzt fünfundzwanzig Jahre am Burgtheater ist, hat seinen Beruf als Schauspieler begründet, als dieses Theater noch auf der vollen Höhe seines Weltruhms stand.Der Artikel erschien 1907. Von den großen Künstlern, denen er ebenbürtig an die Seite treten durfte, sind heute schon viele gestorben, und von den übrigen haben die meisten den Anschluß an den veränderten Kunstgeschmack nicht finden können. Das Burgtheater, wie es heute vor uns steht, ist eine imposante Ruine, und was jetzt dort an künstlerischen Leistungen geboten wird, ist der Mehrzahl nach aus erhabener Kunst und antiquiertem Kitsch eine seltsame Mischung, von der man mit den Worten Nathans sagen kann: »Groß und abscheulich!«

Max Devrient ist nun einer der wenigen vom guten alten Burgtheater, die ein Organ für die Umwandlung besessen haben, die sich inzwischen auf dem Gebiet der Dramatik vollzogen hat. Er hat noch ganz jene unnachahmliche echte Noblesse des alten Burgtheaters, die man an den Darstellern anderer Bühnen fast immer vermißt, und er hat dabei die Knappheit und Schärfe, den Mangel an Redseligkeit und schönem Gefühl, die halben Worte und Gesten, die nur andeutende Charakteristik: – kurz alle jene Eigenschaften, die das wohltuende Merkmal der modernen Schauspielkunst sind.

Man sieht an jeder Bewegung, die er macht, die außerordentliche Schulung, die er genossen hat, eine Schulung, wie sie nur das Burgtheater bieten konnte. Er hat jene unerschütterliche Sicherheit, die das Kennzeichen des berufenen Schauspielers ist. Denn ein richtiger Schauspieler fühlt sich nirgends so frei und unbefangen wie auf der Bühne, weil dort – und nicht im Leben – sein eigentliches Zuhause ist. Und dazu kommt noch, daß Devrient einer der ästhetischsten Schauspieler ist, die je auf der Bühne gestanden haben. Sein scharfes, herbes Organ, seine kurzen Bewegungen, sein vollendet schön geschnittener Kopf – das alles sind Kunstwerke der Natur.

Es ist bekannt, daß die Wiener gräßliche Theaternarren sind. Sie sind aber einigermaßen entschuldigt, denn diese an sich recht alberne Unart wurde an ihnen mit allen Mitteln großgezogen, und zwar durch eine Reihe entzückend liebenswürdiger Schauspieler und Schauspielerinnen. An andern großen Bühnen ist das Stück die Hauptsache und der Schauspieler der bloße Interpret. Am Burgtheater war das immer umgekehrt. Die Stücke waren oft sehr schlecht, aber auch wenn sie gut waren, waren sie fast nie so gut wie die Schauspieler. Max Devrient steht viel höher als die meisten Rollen, die er gespielt hat. Seine Stärke waren immer die papierenen Salonhelden aus jenen berüchtigten französischen Schauspielen, die in den siebziger Jahren nach Deutschland importiert wurden und eine Art Rache für Sedan bildeten. Sie haben bekanntlich lange Zeit den deutschen Markt fast ebenso ausschließlich beherrscht wie der französische Champagner, bis man endlich doch fand, daß sie nicht genug ›sec‹ seien.

Aber Max Devrient hat aus diesen Attrappen Menschen gemacht. Und das kam daher, daß er selbst ein ausgezeichneter Mensch war. Er setzte vor seine Rollen das Vorzeichen Max Devrient, und sofort war die ganze Figur verändert. Andre sind auch außerordentlich elegante und vornehme Schauspieler. Aber ihre Noblesse ist gewissermaßen nur Kostüm. Sie hat keine tiefere Bedeutung als ihr Frack oder ihre Lackstiefel. Sie hängt nicht mit dem innern Menschen zusammen. Sie ist etwas rein Physiologisches. Aber bei Devrient geht sie tiefer. Sie ist mehr als Theater.

Und daher wäre es vielleicht das Richtigste, bei diesem Devrient-Jubiläum gar nicht vom Künstler Max Devrient zu reden, sondern ausschließlich vom Menschen Max Devrient. Darin liegt eine scheinbare Degradierung, aber in Wahrheit ist es das höchste Lob. Denn jeder Künstler ist genauso viel Künstler, als er Mensch ist. Es kommt nie und nirgends auf etwas anderes an. Wenn es nur mit dem Menschen richtig steht, so ist die Kunst ein Nebenprodukt, das sich von selber herausstellt.

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