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Wozu das Theater?

Egon Friedell: Wozu das Theater? - Kapitel 17
Quellenangabe
typemisc
authorEgon Friedell
titleWozu das Theater?
publisherVerlag C.H. Beck
year1965
editorPeter Haage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20140408
projectida02b4929
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Nestroy

In den Dreißiger- bis Sechzigerjahren lebte in Wien ein Schauspieler, der durch die hinreißende Komik seiner hageren, windschiefen Figur, seiner endlosen, schlenkernden Gliedmaßen und seiner blechern schnarrenden Zungenschnelligkeit, durch seine schlagenden und geistesgegenwärtigen Extempores und seinen zähen und drolligen Kampf mit der Zensur und schließlich auch durch eine lange Reihe glücklich zusammengestellter Gelegenheitspossen große und dauernde Popularität genoß. Dies war die eine Hälfte Johann Nestroys, eine äußere Hülle, die die Welt, und zumal die wienerische, so oft und gern für den ganzen Menschen zu nehmen und ausschließlich gelten zu lassen pflegte. Daneben aber gab es noch einen zweiten Nestroy, einen sokratischen Dialektiker und kantisch analysierenden Geist von höchster Feinheit und Schärfe, eine shakespearisch ringende Seele, die mit einer wahrhaft kosmischen Phantasie die Maßstäbe aller menschlichen Dinge verzerrte und verrückte, um sie eben dadurch erst in ihren wahren Dimensionen aufleuchten zu lassen. Dieser schöpferische Ironiker in Nestroy war, seinen Zeitgenossen völlig unbekannt, zu einem posthumen Leben verurteilt, ja er führt sogar noch bis zum heutigen Tage für die meisten ein anonymes Dasein. Daß dem so ist, kommt zunächst daher, daß der souveräne und radikale Skeptiker auf dieser Welt immer einen schweren Stand hat: die Menschen, die sich ihre handlichen, kompakten Zusammenhänge von gestern nicht auflösen lassen wollen, empfinden ihn instinktiv als ihren Feind und vergessen nur zu gern, daß die geistige Gesundheit, die Entwicklungsfähigkeit und fortschreitende Kraft jeder Epoche von der Menge geistigen Dynamits abhängt, der ihr zur Verfügung steht. Dazu kommt aber noch als besonderer Grund, daß Nestroy in einer Stadt wirkte, die von jeher eine unglaubliche Virtuosität darin besessen hat, sich ihrer Erzieher zu entledigen und jedermann, der ihr durch Wahrheitsliebe unbequem wurde, zum Jongleur und Bajazzo zu degradieren.

Und doch muß man wieder andrerseits sagen, daß wohl nur in Wien ein solcher Genius entstehen konnte, dessen Grundwesen sich vielleicht am einfachsten mit einem Wort (das aber eigentlich Hermann Bahr gehört) als barock bezeichnen läßt. Wien, das in den Tagen der Barockzeit seinen kulturellen und künstlerischen Höhepunkt erklommen hat, ist im Grunde bis zum heutigen Tage in seinen eigenartigsten und sichtbarsten, seinen reichsten und feinsten Lebensäußerungen eine Barockstadt geblieben. Das Wesen der Barocke ist, kurz gesagt, die Alleinherrschaft des rechnenden, analysierenden, organisierenden Verstandes, der das aber nicht wahrhaben will und sich daher in tausend abenteuerliche Masken und künstliche Verkleidungen flüchtet; die klare; sichtende, überschauende Intelligenz, die sich, des trockenen Tones satt, einen wilden Formen- und Farbenrausch antrinkt; Rationalismus, der sich als bunteste, vielfältigste Sinnlichkeit kostümiert. Dies ist auch das Wesen Nestroys: er ist von einer kristallenen Nüchternheit, einer brennenden Luzidität, die die Menschen und Dinge förmlich zerleuchtet, und dabei doch voll heimlicher Sehnsucht nach all den verwirrenden, narkotischen Dingen, die das Leben erst begehrenswert und interessant machen; ein starker, wissender und weltkundiger Geist und dabei doch umwittert von dem Aroma der problematischen Natur. Und darüber hinaus hat er noch den tiefsten Sinn der Barocke ausgedrückt: jene sublime und fatale Fähigkeit, ja Nötigung, mit dem ganzen Leben zu spielen und nichts ernst zu nehmen, auch nicht das eigene Ich.

Dies alles zwingt uns, in Nestroy den größten, ja den einzigen Philosophen zu erblicken, den der deutschösterreichische Stamm hervorgebracht hat. Daß die Literaturgeschichte weit davon entfernt ist, diese Tatsache auch nur zu ahnen, kommt daher, daß sie noch immer von Professoren geschrieben wird, daß diese aber, infolge ihres Berufes daran gewöhnt, zwischen ›Fortschritt‹ und ›sittlichem Betragen‹ einen Kausalnexus herzustellen, unmöglich einen Menschen von der Biographie Nestroys in die Selekta aufrücken lassen können und überdies dem – übrigens auch in intelligenteren Kreisen als den ihrigen verbreiteten – Irrtum huldigen, daß ein Philosoph notwendig ein sogenannter ›ernster Mensch‹ sein müsse. Man könnte aber gerade im Gegenteil sagen, daß der Philosoph erst dort anfängt, wo der Mensch damit aufhört, sich und das Leben seriös zu nehmen; und es gibt in der Tat fast keinen großen Denker, bei dem wir diese Behauptung nicht in dieser oder jener Form lesen könnten: sie findet sich bei Heraklit und Plato, bei Kant und Schopenhauer, bei Pascal und Nietzsche, kurz überall.

Nestroy war ein echter Philosoph auch darin, daß er kein System besaß. Wo er irgend eine moralische Ungleichung bemerkte, da stellte er sie ans Licht und gab sie dem Spott preis. Deshalb hat er auch niemals ein politisches Programm gehabt und galt gleichermaßen den Konservativen als bedenklicher Umstürzler wie den Liberalen als finsterer Reaktionär. Von rechts und links angefeindet zu werden, ist aber immer das Los aller echten Komödientemperamente, denen es gar nicht anders möglich ist, als alle Dinge von oben zu betrachten, von einem erhöhten Standpunkt olympischer Heiterkeit, vor dem rechts und links nur zwei Hälften desselben menschlichen Grundwesens sind. Nestroy war zweifellos das, was Nietzsche einen ›freien Geist‹ genannt hat: seine außerordentliche Witterung für alles Komplizierte, Widerspruchsvolle, Vieldeutige, sich Kreuzende und Aufhebende in der menschlichen Natur, seine seltene Gabe, gerade die halben, gemischten, gebrochenen Seelenfarben auf seiner Palette zu bringen, macht ihn zum unmittelbaren Erben und Fortsetzer Lawrence Sternes, Lichtenbergs und Kierkegaards und stellt seine Bühnenpsychologie neben die moderne Chromatik eines Wilde und Shaw. Und auch darin erinnert er an die beiden Iren, daß er ganz skrupellos gerade die ordinären Sorten der Bühnenliteratur: das Kolportagedrama, das Rührstück, das Familienmelodram, den Schwank und die Posse bevorzugt, aber freilich im höchsten Maße veredelt hat, indem er ihnen seinen reifen, funkelnden, facettenreichen Geist okulierte. Er nahm eben nichts ernst, auch sein eigenes Handwerk nicht: obgleich er natürlich das Hohle und Leere aller Theatermache vollkommen durchschaute, arbeitete er doch ganz unbefangen mit den längst hergebrachten Requisiten und uralten Versatzstücken, denen die Lustspielschreiber seit Meander und Plautus Publikumsgelächter zu entlocken pflegten; auch hat er ebenso unerschrocken gestohlen wie Shakespeare, Molière oder Sheridan. Alles Technische ist bei ihm gewollt primitiv, aber dieses grobe Gerüst dient ihm ja nur dazu, um daran die gestuftesten, menschenkundigsten Bosheiten aufzuhängen. An Shaw erinnert er übrigens auch darin, daß er ein Auflöser der Romantik war, ein unerbittlicher Unterminierer alles Pathos und Zerreißer lebensverfälschender Illusionen. Sein ›Lumpazivagabundus‹ ist die dramatische Vernichtung der romantischen Form, seine späteren Werke zerstören die romantischen Inhalte: eine lebensgefährlichere Parodie auf den Byronismus als der ›Zerrissene‹ ist nie geschrieben worden; und dieser Kampf gegen die Mode der Sentimentalität war ungleich schlagender als der seines berühmten Zeitgenossen Heine, der den Romantiker, der in ihm selbst steckte, niemals ganz überwunden hat. Aber es ist eine seltsame Tragikomödie im Leben Nestroys, daß seine Generation den großen Zeitkritiker und Gesellschaftssatiriker, den sie dringend nötig hatte, in ihm nicht erkannte und sich bloß an die ›Spassetteln‹, den Scherz und die Ironie, aber nicht an die tiefere Bedeutung hielt. »Soziale Lustspiele sind ein wahrer Schatz für die Bühne« sagte Laube und beklagte, daß die deutsche Produktion auf diesem Gebiete so viel ärmer sei als die französische, ohne zu bemerken, daß dicht neben ihm ein Dichter lebte, der alljährlich mit der größten Mühelosigkeit soziale Lustspiele produzierte, die die zeitgenössischen französischen an Glanz, Kraft und Natürlichkeit ebenso weit hinter sich ließen, wie ein echtes Gemälde einen Dreifarbendruck oder ein lavaspeiender Berg ein Brillantfeuerwerk.

Und über das alles hinaus hat Nestroy in seinen Lustspielen die ganze Luft seiner Zeit eingefangen, einer Zeit, die in ihrer eigenartigen Poesie so nie wiederkehren wird: und damit hat er die höchste Aufgabe des Komödienschreibers erfüllt. Und wenn Goethe gesagt hat, daß Voltaire Frankreich sei, so könnte man mit ebenso großer Berechtigung behaupten, daß Nestroy Wien sei, jenes ewige Wien, wie es war, ist und sein wird: eine ganze Landschaft mit dem von ihr genährten, entwickelten, zur Reife und zur Überreife gebrachten Menschenschlaggeist ist in ihm klingend und leuchtend geworden. Seine Werke sind eine Art Memoirenliteratur, im Grunde die einzige, die es gibt. Ohne solche Glücksfälle wüßten wir nichts von vergangenen Zeiten, wir hätten bloß fremde Hieroglyphen, die uns verwirren und enttäuschen. Nestroys Komödien sind ein unvergängliches Stück seelische Kostümgeschichte. Er hat die Gestalt seiner Zeit aufbewahrt, mit allen ihren Stärken und Gebrechen, ihren Gesundheiten und Krankheiten, ihren ernsten und lächerlichen Falten, und da steht sie nun: konserviert in Spiritus, in gutem, reinem, starkem Spiritus.

Jahrzehntelang hat sich der von plumpen und stumpfen Literaturprofessoren irregeleitete Blick des Publikums nur an die rohen Formen gehalten, die Nestroy als täuschende Emballage benutzte, um eine ganz verbotene Ware aufs Theater zu bringen: – Philosophie.

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