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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 97
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Gotteswort

I.

Es ist schwer ernst zu bleiben, wenn man den Begriff Gottes Wort untersuchen will. Wirklich: im Anfang war das Wort und Gott war ein Wort. Götter sind Worte. Und diesem verstiegensten aller Worte, dem Gotte, hat insbesondere die Gruppe von Religionen, die wir die monotheistischen nennen, Worte in den anthropomorphen Mund gelegt, Menschenworte, Worte der Weisheit und der Unwissenheit, die da und dort lange Zeit nur das Ansehen besaßen, wie etwa die Bücher alter Schriftsteller, die aber jedesmal zu authentischen Worten Gottes gestempelt wurden, sobald Ketzerei an der Echtheit zu zweifeln begann. Der Mensch mag auf das Tier hinuntersehen, soviel er will; ein Tier, das Gottes Wort zu besitzen behauptete, gibt es denn doch nicht in der sprachlosen Natur. Seit etwa 2000 Jahren bemühen sich Juden und Christen, einen authentischen Text von Gottes Wort herzustellen; der Islam steht zu seinem Glücke etwas abseits, weil er unsere Philologie und ihre Anwendung auf die hl. Schrift nicht kennt. Fragen wir nun, was die Kirche unter authentisch versteht, so müssen wir natürlich von den Märchen absehen, mit denen die Gehirne unserer armen Kinder entartet werden: von dem Finger Gottes, der nach dem Judenmärchen z. B. die 10 Gebote in die Tafeln eingedrückt hat, und von dem hl. Geist des Christenmärchens, der immer dabei war, wenn von Moses bis auf die Evangelisten ein Mann eines der Kanonbücher schrieb, der dabei war, wenn ein andrer Mann eines der Bücher übersetzte, der wieder in der Nähe war, wenn die Übersetzung übersetzt wurde, d. h. ins Lateinische, die offizielle Sprache der kath. Kirche. Auf die neueren Sprachen ließ der hl. Geist sich nicht mehr ein. Was will es nun heißen, wenn das Konzil von Trient die Vulgata für authentisch erklärte? Wobei die groteske Tatsache nicht vergessen werden sollte, daß – wie wir alsbald erfahren werden – dieser authentische Text ja erst einige Jahrzehnte nach dieser Erklärung hergestellt wurde, daß also der hl. Geist die Männer des Konzils Textworte authentisieren ließ, die erst eine spätere Generation aus philologischen Gründen für die richtigen ansehen lernte. Auf dem Konzil war der vernünftige Antrag gestellt worden, zuerst die hebräischen und griechischen Originaltexte authentisch zu machen und dann auch authentische Übersetzungen in die neuen Nationalsprachen zu schaffen. Die Anträge gingen nicht durch. Man gestand sich ein, authentische, d. h. verbürgte Originaltexte nicht zu besitzen und erklärte dennoch die gebräuchliche lateinische Übersetzung dieser ungeprüften Originale für authentisch. Was war das nun? Seltsam genug bedeutet das Stammwort des Begriffs, αὐϑεντης auf dessen schwierige Etymologie ich nicht eingehen will, den Urheber nicht einer Schrift, sondern eines Mordes, gewissermaßen den eigenhändigen Mörder, dann wohl auch den Gewalthaber überhaupt, den gewalttätigen oder den unumschränkten Herrn. Wir werden kaum mehr erfahren, wie aus dieser Bedeutung heraus (αὐϑεντια =  Selbstherrschaft) das Adjektiv αὐϑεντικος im Griechischen, authenticus im Lateinischen zu dem Sinne: zuverlässig, verbürgt, eigenhändig, urschriftlich gelangte. Aber in diesem juristischen, gerichtsprozessualischen Sinne allein kann die Vulgata authentisch genannt worden sein. Wie der römische Richter eine behördlich für zuverlässig erklärte Kopie des Testamentes als authentisch behandelte, falls das Original nicht beizutreiben war, so nannte die Kirche die alte lateinische Übersetzung der Bibel authentisch, weil sie sich ein Urteil über die hebräischen und griechischen Originale nicht zutraute. Übrigens stammt auch die übliche Bezeichnung der Bibel aus der Juristensprache; die alten Juden faßten das ihnen hinterlassene Wort Gottes als ihren Bund mit Gott auf, ihren Vertrag mit ihm, schwarz auf weiß; die Septuaginta übersetzte das hebräische Wort mit διαϑηκη, was dann lateinisch in wortwörtlicher Lehnübersetzung testamentum hieß; trotz des ganz andern Verhältnisses (Jesus Christus schloß keinen Vertrag, am wenigsten mit einem auserwählten Volke) wurde dieses Wort auf die Büchersammlung der Apostel und der Evangelisten angewendet, und so bekamen wir zu dem alten ein neues Testament. Die kirchliche Authentisierung der Vulgata entsprach aber gerade ihrem juristischen Vorbilde sehr schlecht. Tausend Jahre lang hatte sich die Kirche wohl oder übel mit der Ungleichheit und Unzuverlässigkeit ihrer Bibelhandschriften abgefunden. Sie nahm aus lokalen Streitigkeiten niemals Veranlassung, entweder einen der alten Bibeltexte, den hebräischen, chaldäischen, syrischen, griechischen oder eine der neuen Übersetzungen, die deutsche, die französische, die vlämische, für authentisch zu erklären. Erst als die Reformation daran ging, Gottes Wort ohne Mitwirkung des hl. Geistes zu deuten, wissenschaftlich, soweit Theologie Wissenschaft sein kann, philologisch, als die Reformation die Verwegenheit hatte, die relativ authentischen Texte, den hebräischen und den griechischen, philologisch zu Rate zu ziehen, da fuhr die Kirche mit ihrer Erklärung dazwischen: die sogenannte Vulgata, haec vetus et vulgata editio pro authentica habeatur. Mit gewohnter Klugheit hat die römische Kirche, wie wir sehen werden, den Streit über diese Deklaration sich austoben lassen, ohne den Begriff authentisch authentisch zu interpretieren. Von der einen Seite wurde behauptet, authentisch heiße soviel wie vom hl. Geiste inspiriert; von der andern Seite wurde gelehrt, die Erklärung hätte nur den Wert einer Approbation, die Feststellung des echten Vulgatatextes sei nach wie vor wissenschaftliches Menschenwerk, dem Wunder des hl. Geistes und der Infallibilität des Papstes entrückt. So konnte es kommen, daß heute, scheinbar ohne Widerspruch, den Schulkindern die Worte der Vulgata als verbürgte Worte Gottes eingebleut werden, daß aber katholische Gelehrte behaupten dürfen, die römische Kirche lasse der Bibelforschung und der Textkritik freie Hand. In Wahrheit ist die Vulgata auch für gute Katholiken nicht das authentische Wort Gottes, sondern nur das offizielle, an das man sich zu halten hat. Als ob ein Richter wüßte, daß er nicht das echte Testament vor sich habe, aus unjuristischen Gründen aber die Fälschung für authentisch erklärte. Unglaublich wäre es, wenn nicht eine bekannte Tatsache, daß die römische Kirche es versucht hat, das Wort Gottes, das doch zur Erlösung der Menschheit da sein sollte, der lesenden Menschheit zu verbieten. Die Einschränkung des Bibelverbots auf solche Bibelübersetzungen, die nicht approbiert waren, stammt erst aus der ängstlichen Zeit der Kirche (1757); die alten Bibelverbote galten den Übersetzungen in die Volkssprachen überhaupt: im 11. Jahrhundert wurden den Böhmen, im 13. den Waldensern, im 14. den Wiglifianern ihre Übersetzungen verboten. Selbst der Besitz einer Bibelübersetzung war strafbar. Während des 30jährigen Krieges endlich wurde das Lesen der Bibel in einer Volkssprache generell verboten. Wer mir einwerfen wollte, daß ein solches kirchenpolitisches Verbot nichts zu tun habe mit dem Gange meiner Untersuchung, der mag bedenken, daß die Christen der ersten Jahrhunderte nichts hatten zum Troste in der elenden Welt als Gottes Wort, keine Kirche, keinen Klerus, keine Dogmen (Kirche, Klerus, Dogmen im Sinne von heute), daß noch zur Zeit des hl. Hieronymus Erbauung einzig und allein aus dem Worte Gottes geschöpft werden konnte, daß es nachher die äußerste Frechheit der Worthändler war, der Christenheit die Worte nur noch in einer fremden Sprache zu reichen, wie uralte, unverständlich gewordene Zaubersprüche, die einzige Möglichkeit aber des Gebrauchs, die Übersetzung der alten Worte, zu verweigern. Es ist nicht meines Amtes, hier wenigstens nicht, die Person der Dreieinigkeit zu kritisieren, die der hl. Geist heißt, wohl aber darf und muß ich auf die Frage eingehen, wie weit der hl. Geist nach der Kirchenlehre für den offiziellen Wortlaut des Gottesworts verantwortlich gemacht wird. Die Entscheidung über diese Frage hat das Urteil der Theologen über die Güte der lateinischen Übersetzung beeinflußt. Auf der mittleren Linie bewegen sich die Gelehrten, die die Sprache der Vulgata tadeln (Ludwig de Dieu: suos habet naevos, habet et suos barbarismos), die aber auch von der Übersetzung zugeben, daß sie nichts gegen den Glauben, nichts wider die guten Sitten enthalte. Päpstlicher als der Papst sind die Gelehrten, die (wie Morinus) den hl. Geist nicht nur für den Inhalt, sondern auch für die Form der lat. Übersetzung bemühen: vulgatam versionem ϑεοπνευσ τον non sine gravibus agumentis existimamus. Mit Rücksicht auf die größere oder geringere Wichtigkeit der Bibelstellen unterscheiden theologische Schriftsteller bei der Mitwirkung des hl. Geistes 3 Grade: die revelatio (Offenbarung), die inspiratio (Eingebung) und die assistentia (Beistand). Da die Inspiration, um die es sich besonders handelt, den Verfassern des alten Testaments eher bewußt war als denen des neuen, da die Inspiration überaus selten behauptet wird, so ist es doch wohl dem Irrtum unterworfene menschliche Ansicht, die über den Grad der Mitwirkung des hl. Geistes zu entscheiden hat. Die kompromittierende Lehre, daß man im Hinblick auf die vielen naturwissenschaftlichen und historischen Schnitzer der Bibel bei »natürlichen Dingen« nur von einer inspiratio concomitans reden solle, ist von der Kirche bereits zurückgewiesen worden. Da nun das Gotteswort, das Wort des allwissenden und wahrhaftigen Gottes, auch in natürlichen Dingen nicht irren kann, da die Inspiration des hl. Geistes bei der ersten Niederschrift nicht ein bloßer Beistand, sondern eine zwingende Macht war, eine Determination, da unwesentliche Irrtümer und Widersprüche von den gläubigsten Männern zugestanden werden müssen, so bleibt nichts anderes übrig als die Form der lat. Vulgata preiszugeben. Gottes Allmacht wollte die Abfassung ihrer Worte in den drei hl. Sprachen; aber sie wollte in die Natürlichkeiten des Sprachgeistes sich nicht hineinmischen. Sie sorgte nur dafür, daß der hl. Geist bei den entscheidenden Worten in Aktion trat. Die Sorge für die Tradition der hl. Schriften (man achte auf die bewundernswerte Konsequenz der römischen Kirche) hat Gott vor Christi Geburt der Synagoge und später der Kirche überlassen. Die Kirche hat also ein Recht, die ihr aus irgend welchen, auch praktischen, politischen Gründen genehme Form des Gottesworts für authentisch zu erklären; für ihre Zwecke; fremde Zwecke, z. B. die der modernen Wissenschaft, gehen die Kirche nichts an.

II.

Die Geschichte des Vulgata-Textes lehrt uns, daß die katholische Kirche niemals die Existenz eines authentischen Textes behauptet hat. Die Vulgata ist immer ein Kompromiß gewesen. Die Vorstellung, die den Kindern beigebracht wird, daß nämlich jedes Wort und jeder Buchstabe der hl. Schrift den Verfassern und den Übersetzern vom unfehlbaren hl. Geiste diktiert worden sei, ist nach den eigenen Lehren der Kirche eine widerspruchsvolle Vorstellung. Nur um den Inhalt, nicht um die Sprachform soll der hl. Geist sich gekümmert haben; alle Schriftstellen jedoch, die für den Inhalt der Lehre von Bedeutung sind, werden bis aufs Jota, bis aufs Komma der Übersetzung für sakrosankt erklärt. Die Kirche definiert die Richtigkeit des Vulgata-Textes ebenso geschickt wie die Verbindlichkeit der Dogmen: quod semper, quod ubique, quod ab omnibus creditum est, hoc est catholicum. Nur daß es kaum einen Satz der lateinischen Bibelübersetzung gibt, von dem man mit Recht behaupten könnte, daß er immer, überall und bei allen Gläubigen in Gebrauch gewesen wäre. Zählt man doch über 150 000 Varianten. Nicht einmal die Bezeichnung vetus et vulgata latina editio, die seit der 4. Sitzung des Trienter Konzils offiziell ist für den jetzt noch üblichen Text, ist eindeutig. Der hl. Hieronymus, der verantwortliche Redaktor unseres Textes, nennt öfter die griechische Septuaginta editio in toto orbe vulgata oder ähnlich; ebenso der hl. Augustinus. Dann wurde im 4. Jahrhundert auch die Itala, deren Text trotz aller Barbarismen von Hieronymus sehr pietätsvoll in seine neue Übersetzung herübergenommen wurde, die usitata, die communis oder auch die vulgata genannt. Vulgata war noch lange kein Terminus für einen offiziellen Text. Vulgata war immer der jeweilig übliche, der jeweilig moderne Text. Und auch eine Itala, worunter man jetzt gern eine bestimmte alte Textfassung verstehen möchte, hat es in diesem Sinne eigentlich gar nicht gegeben. Was Augustinus Itala nennt, das ist einfach die in Italien, dem Lande des römischen Bischofs, verbreitete lateinische Bibel. Die Redaktion des hl. Hieronymus, trotzdem sie die Autorität dieses Heiligen und eines Papstes für sich hatte, machte der Unsicherheit im Gebrauche lateinischer Bibeln noch lange kein Ende. Bis zum Ausgange des 6. Jahrhunderts herrschte große Freiheit in der Wahl des Textes. Päpste und Heilige zitierten nach persönlicher Überzeugung oder nach zufälligen Umständen bald die Itala, bald die Übersetzung des Hieronymus. Noch Gregor der Große, der starke Realpolitiker, bringt Stellen bald aus der alten, bald aus der neuen Übersetzung, quia sedes apostolica utraque utitur. In einigen Teilen der beim Gottesdienste gesungenen Liturgie ist der Text der Itala heute noch beibehalten. Etwa vom 8. Jahrhundert an war allerdings die Übersetzung des Hieronymus für Predigt u. dgl. allein üblich; sie hieß aber im Verhältnis zur Itala emendata oder recens; Gregor nannte sie, wie wir eben gesehen haben, die nova gegenüber der vetus; aber auch hebraica translatio wurde das Übersetzungswerk des Hieronymus mit leiser Mißbilligung genannt. Ohne daß es zu einer offiziellen Erklärung kam, wurde aber die alte Itala in der Praxis von dem Texte des Hieronymus verdrängt, so daß schon im 12. Jahrhundert der Glaube aufkommen konnte, dieser Text sei von der Kirche offiziell befohlen worden. Damals war die Kenntnis des Hebräischen bei den christlichen Theologen noch so selten, daß immer noch die Septuaginta gelegentlich als Vulgata zitiert wurde, die auf das Hebräische zurückgehende Übersetzung des Hieronymus als die letzte Quelle angesehen, als hebraica veritas. Die wachsende Verbreitung des Textes von Hieronymus konnte bei der damaligen Technik der Vervielfältigung eine Einheitlichkeit nicht herstellen. Mit noch mehr Recht als Hieronymus einst von der Itala hätte man jetzt sagen können: quot codices, tot exemplaria (Praefatio zum B. Josua). Die Abschreiber änderten, bald nach ihrer Unwissenheit, bald nach ihrer Gelehrsamkeit; die einzelnen Länder hatten ihre besonderen Texte, so das Frankenreich die Biblia Caroli Magni, auch Biblia Alcuini genannt. Trotzdem wird schon im 13. Jahrhundert der Text, der im ganzen und großen gemeinsam war, vulgaris genannt, und um 1266 gebraucht Roger Baco den Ausdruck exemplar vulgatum zum erstenmal in unserm Sinne von einer Edition, die die Fakultät von Paris und der Primas von Frankreich approbiert hatten; was die Dominikaner und wieder die Franziskaner nicht hinderte, abweichende Texte für ihr Machtgebiet aufzustellen. Da nun jeder gelehrte Abschreiber um diese Zeit es für Ehrensache hielt, zur Ermittlung des authentischen Hieronymus-Textes ältere Handschriften zu vergleichen, Varianten in seinen Text aufzunehmen oder an den Rand zu notieren, da diese Gelehrtenhandschriften wieder kopiert wurden, aber nicht genau, sondern mit voller Freiheit, unter den Varianten zu wählen, da diese sogenannten Correctorien, jede für sich, den authentischen Text des Hieronymus zu finden hofften, so gab es bald keinen zuverlässigen Text mehr. Roger Baco, der sich selbst dem Papste für Herstellung einer offiziellen Edition empfohlen zu haben scheint, urteilt sehr hart über die Bibelhandschriften seiner Zeit: quot sunt lectores per mundum, tot sunt correctores seu magis corruptores, quia quilibet praesumit mutare quod ignorat, quod non licet facere in libris poetarum. Die letzten Worte erinnern daran, daß wir uns bei dem Überblicke der Zeit der Renaissance langsam nähern. Auch diese Bewegung hinterließ Spuren in dem Texte; so ähnlich die deutschen und die italienischen Codices waren, feinere Sprachkenner entdeckten doch Germanismen in den deutschen Texten, einen gewissen color latinus in den italienischen. Als nun jetzt der übliche lateinische Bibeltext endlich durch die neue Buchdruckerkunst vervielfältigt wurde, in gotischen Lettern natürlich, da lautete der Titel: Biblia oder Textus bibliae oder Biblia sacra latina juxta vulgatam editionem; eine Nürnberger Ausgabe von 1471 hat zum ersten Male den Titel: Biblia Vulgata. Gerade um diese Zeit, als der Titel Biblia vulgata aufkam und man das vorzubereiten begann, was heute noch in der katholischen Welt offiziell die Vulgata heißt, gab es einen allgemein anerkannten lateinischen Bibeltext weder für die Theorie noch für die theologische Wissenschaft. Für die kirchliche Praxis genügte die ungefähre Gleichförmigkeit der Bibeln. Es ist nun schwer zu sagen, ob die Reformation oder der schon damals beginnende humanistische Alexandrinismus das Hauptmotiv war, den biblischen Text Buchstab für Buchstab zu untersuchen: ob die Bibelphilologie den reformatorischen Gedanken geweckt hat oder dieser Gedanke die Bibelphilologie. Jedenfalls vereinigten sich auf dem Konzil von Trient seltsamerweise humanistische Neigungen und das energische Streben nach Gegenreformation zur endlichen Forderung eines authentischen Bibeltextes. Der Antrag wurde am 8. April 1546 zum Beschluß erhoben. Dabei wird, wie in all diesen Kämpfen, die Fiktion aufrecht erhalten, als ob es bereits einen einzigen, in der ganzen Kirche gebräuchlichen Text gäbe, den man nur zu approbieren, für authentisch zu erklären brauchte. Unter dieser Fiktion ging es an, die neue Ausgabe mit Strafandrohungen zu schützen: gegen willkürliche Änderungen der Gelehrten, wie gegen leichtsinnige Fehler der Drucker. Sehr wichtig ist für die Herausgabe eines authentischen Gottesworts, daß die Kirche den Charakter der Übersetzung, den die Vulgata trägt, zwar nicht leugnet, aber doch im Grunde verschweigt; in den Dekreten ist immer nur von einer editio die Rede, nicht von einer versio; die gelehrtere Vorrede zum clementinischen Text (1592) erwähnt die alten hebräischen und griechischen Handschriften, nennt sie aber Quellen ( fontes), nicht Originale; wohl gab es auf dem Konzil – wie gesagt – schon philologische Gemüter, die authentische Ausgaben der hebräischen und der griechischen Texte verlangten, aber dazu ist es bis zum heutigen Tage nicht gekommen. Die römische Kirche brauchte für ihre immer praktischen Zwecke nur einen offiziellen Text, den lateinischen. Bekanntlich dauerte es noch lange, bevor die Beschlüsse des Konzils ausgeführt wurden. Der Papst war zeitgemäßer, fast möchte man sagen liberaler als das Konzil, neigte zu einer gründlicheren Revision des Textes, vielleicht auch zu der Kühnheit, wirklich einen authentischen Text der hebräischen und griechischen Originale herstellen zu lassen. Am Ende siegte aber der konservative Zug der römischen Kirche. Mochten Humanisten und Reformierte spotten, mochten selbst gutkatholische Kardinäle wünschen, daß bei dieser einzigen Gelegenheit ganze Arbeit gemacht würde, die Entscheidung fiel dennoch so aus, wie mehr als tausend Jahre früher: möglichst wenig ändern. So lange dauerten die Vorbereitungen, daß die Kirche inzwischen, von der berühmten Plantinischen Druckerei, eine provisorische authentische Ausgabe herstellen ließ. Unter Pius V., der die Gegenreformation mit der gleichen Energie betrieb wie den Kampf gegen die Türken, war die Kommission sehr fleißig dabei, den offiziellen Vulgatatext festzustellen. Wir erfahren aus den Protokollen, daß Stimmenmehrheit über die Annahme einer Lesart entschied. Dann bildete der uralte Kodex Amiatinus, auf den ein Zufall aufmerksam machte, die Grundlage der Revision. Wieder wurde die Arbeit ein Kompromiß: das Ideal schien womöglich den Originaltext des hl. Hieronymus wieder herzustellen; dabei sollte die Tradition möglichst geschont, sollte auf Wörtlichkeit der Übersetzung und auf gutes Latein kein besonderer Wert gelegt werden. Anfangs 1589 wurde die Arbeit dem Papste, es war Sixtus V., übergeben. Sixtus mühte sich persönlich, mehrere Stunden täglich, mit der Revision. Er entschied strittige Fälle, änderte aber auch willkürlich viele Beschlüsse der Kommission. Wieder mit der Tendenz, die letzte offiziöse Ausgabe gegen den Beschluß der Kommission zu konservieren. Die durch Sixtus revidierte Handschrift ist noch vorhanden; sie wurde unter der Leitung eines Augustiners und eines Jesuiten von dem berühmten Manutius gedruckt. Aber auch noch jeden einzelnen Druckbogen hat der Papst persönlich durchgesehen, ohne unbegreiflicherweise Druckfehler ganz vermeiden zu können. Die Ansicht der katholischen Gelehrten, der Papst habe da als gelehrter Mensch eingegriffen und nicht kraft seines Lehramts, wäre wohl nicht ausgesprochen worden, wenn die sixtinische Ausgabe zufällig die offizielle geblieben wäre. Jedenfalls war es nicht die Ansicht des Papstes Sixtus. Denn in der Bulle, die seiner Ausgabe vorgedruckt ist, sagt Sixtus V. feierlich genug: nos enim rei magnitudinem perpendentes ac provide considerantes, ex praecipuo ac singulari Dei privilegio et ex vera ac legitima successione apostolorum principis beati Petri, pro quo Dominus et Redemptor noster, ab eterno patre pro sua reverentia procul dubio exauditus non semel tantum, sed semper rogavit, ut eius fides non humana carne et sanguine, sed eodem patre inspirante ei revelata, umquam deficeret ... Da Sixtus so die schon damals und besonders von ihm selbst angenommene Unfehlbarkeit für seine philologische Arbeit in Anspruch nahm, war es ganz konsequent, daß er seine Edition nicht nur für den Gebrauch der Kirche (in Liturgie und Predigt) allein erlaubte, sondern auch für die private d. h. wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel. Aber es kam anders. Kurz nachdem die ersten Exemplare der sixtinischen Bibel in prächtigen Einbänden an die katholischen Fürsten verschickt waren, starb Sixtus, und die Kommission unter der Leitung Caraffas, nach dessen Tode unter der Leitung Bellarmins, ging sofort daran, den Verkauf der sixtinischen Ausgabe zu sistieren. Da es aber unschicklich gewesen wäre und gegen römische Tradition, wenn der fast unmittelbare Nachfolger (zwischen Sixtus V. und Clemens VIII. gab es in 1½ Jahren 3 Päpste) seinen Vorgänger desavouiert hätte, so wurde die neue Fiktion aufgestellt, daß die Kirche die Arbeit des Papstes Sixtus nur ein wenig verbessert habe. Diese Fälschung findet sich schon in der Selbstbiographie Bellarmins, auf dessen Rat die neue Ausgabe unternommen wurde; coram Pontifice demonstravit Biblia illa (die sixtinische) non esse prohibenda, sed esse ita corrigenda ut salvo honore Sixti V. Pontificis Biblia illa emendata prodirent. Die Seele der neuen Edition war der Jesuit Toletus, der doch schon den Druck der sixtinischen Ausgabe überwacht hatte. Einem andern Gelehrten, der wiederum eine Vergleichung mit dem Hebräischen empfahl und in einer Denkschrift mehr als 200 Stellen aus der Arbeit des Toletus, aus der jetzigen Vulgata also, als fehlerhaft angriff, wurde einfach Schweigen auferlegt. Eine Fälschung ist auch der Titel dieser offiziellen Ausgabe von 1592; er lautet: Biblia sacra Vulgatae editionis Sixti V. Pontificis Max. jussu recognita et edita (neuere Ausgaben haben nur: Biblia sacra Vulgatae editionis). Die offizielle Ausgabe der Vulgata, welche seit 1592 bei Kirchenstrafe die einzige authentische ist, wurde nicht nur durch diese kleine Fälschung für ein Werk des Sixtus ausgegeben. Die Vorrede Bellarmins, die man heute noch, außer den tridentinischen Dekreten, den Prologen und den Vorreden des hl. Hieronymus, vor jeder approbierten Vulgata-Ausgabe finden kann, enthält über diesen Punkt eine feste Lüge: Sixtus habe nach Vollendung des Drucks und vor der Ausgabe wegen der vielen Druckfehler beschlossen und verordnet (censuit atque decrevit), das ganze Werk neu herauszugeben. So ist das authentische Gotteswort zustande gekommen.

III.

Ein Deutscher kann von der Geschichte der Bibelübersetzungen nicht sprechen, ohne Luthers zu gedenken. Seine deutsche Bibel hat unsere neue deutsche Sprache geprägt. Nicht nur das protestantische, auch das katholische Deutschland bildete sich an Luthers Sprache. Das ist nicht erst ein Ergebnis jüngerer Forschung; das wußte Luther selbst und sprach es in seinem tumultuarischen Selbstbewußtsein gern aus. In seinem Sendbriefe vom Dolmetschen (8. Sept. 1530) sagt er: »Das merkt man aber wohl, daß sie (die Papisten) aus meinem Dolmetschen und Deutsch lernen deutsch reden und schreiben, und stehlen mir also meine Sprache, davon sie zuvor wenig gewußt, danken mir aber nicht dafür, sondern brauchen sie viel lieber wider mich; aber ich gönne es ihnen wohl, denn es tut mir doch sanft, daß ich auch meine undankbaren Jünger, darzu meine Feinde, reden gelehrt hab.« In diesem selben Sendbriefe, der in jeder Geschichte der deutschen Sprache abgedruckt werden sollte, verteidigt er sich besonders gegen den Vorwurf, den entscheidenden Satz, daß der Glaube allein selig mache, falsch übersetzt zu haben, weil das Wort allein bei Paulus nicht stehe. »Wahr ist's, diese 4 Buchstaben sola stehen nicht drinnen, welche Buchstaben die Eselsköpf ansehen wie die Kühe ein neu Tor. Sehen aber nicht, daß gleichwohl die Meinung des Texts in sich hat; und wo man's will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehört's hinein; denn ich habe deutsch, nicht lateinisch oder griechisch reden wollen, da ich deutsch zu reden im dolmetschen fürgenommen hatte.« Darauf die berühmten Worte: »Denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie die Esel tun, sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen, und denselbigen auf das Maul sehen wie sie reden, und darnach dolmetschen; so verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.« Er folgt nicht »den Esel und Buchstabilisten«, nicht »der Eselkunst«; weiß auch, daß er das gute Deutsch »leider nicht allewege erreicht noch getroffen habe, denn die lateinischen Buchstaben hindern aus der Maaßen sehr gut zu reden.« Manchmal ist er aber so recht mit sich zufrieden, wie da er den englischen Gruß anstatt »Maria voll Gnaden« zum tollen Ärger der Papisten »du holdselige« übersetzt hat. »Und hätte ich das beste Deutsch hie sollen nehmen und den Gruß also verdeutschen: Gott grüße dich, du liebe Maria! denn soviel will der Engel sagen und so würde er geredet haben, wenn er hätte wollen sie deutsch grüßen. Ich halte, sie (die Papisten) sollten sich wohl selbst erhenkt haben für große Andacht zu der lieben Maria, daß ich den Gruß so zunicht gemacht hätte. Aber was frage ich darnach, sie toben oder rasen? ... Wer deutsch kann, der weiß wohl welch ein herzlich fein Wort das ist: die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Kaiser, der liebe Fürst, der liebe Mann, das liebe Kind. Und ich weiß nicht, ob man das Wort liebe auch so herzlich und gnugsam in lateinischer oder andern Sprachen reden möge, das also dringe und klinge in das Herz durch alle Sinne wie es tut in unser Sprache.« Es fällt fast schwer, bei Luther zu scheiden zwischen seiner unvergleichlichen, unerhörten Sprachkraft und seiner Unfreiheit im Glauben an das Gotteswort. Nur offiziöse protestantische Geschichtsschreibung kann übersehen, daß er als Theologe ein Bauerndickschädel war, daß er seine Erfolge mit seiner Schwäche und seiner Unfreiheit verdankte. Auf die entscheidende Lehre, daß der Glaube allein selig mache, ist ihm die nötige Antwort vor bald 200 Jahren gegeben worden, aus protestantischen Kreisen, in dem Meisterwerke aller Ironie, in Liscows nicht genug zu preisender und auch in Deutschland fast völlig unbekannter Schrift über die »Unnötigkeit der guten Werke zur Seligkeit«. Wäre dieser Liscow ein Franzose gewesen, jeder französische Schulknabe wüßte ihn auswendig und deutsche Bibliotheken wären voll von Liscow-Dissertationen. Und wer mir dafür eins auf die Nase geben wollte, der brauchte mir nur vorzuhalten, mit Recht, daß ich es zustande bringe, Luther und Liscow zu lieben. Luthers Stellung zum Gotteswort, sein fanatisches Vertrauen auf die Schrift läßt sich kaum logischer ausdrücken als in einem alten handschriftlichen Vermerk, den ich im 5. Bande der Jenaischen Ausgabe von 1575 (Universitäts-Bibl. v. Freiburg i. B.: K. 9024) gefunden habe: »Quid est sacra scriptura nisi quaedam epistola Omnipotentis Dei ad creaturam suam ... omne effectum praestantiam atque autoritatem habet a sua causa ... omnis Ecclesiae autoritas est a scriptura sacra. Ergo scripturae sacrae autoritas non est ab Ecclesia.« In diesen für die Lutherzeit unwiderleglichen Sätzen ist die Bedeutung des Gottesworts für Rom und Wittenberg festgelegt. Die Autorität der Schrift stammt nicht von der Kirche, also ist die katholische Lehre falsch. Die Autorität der Kirche stammt aus der Schrift, also haben die Protestanten recht. Nur daß aus der Reformation heraus sich langsam die Kritik entwickelte, die Frage: ob die Schrift wirklich ein Brief Gottes an die Menschen sei, ob wir irgend ein Gotteswort besitzen. Mit abgründiger Gelehrsamkeit ist Schritt für Schritt zur verneinenden Antwort emporgestiegen worden. Niemand aber hat bisher sich genugsam gewundert über das Denken oder die Sprache der Menschen, die ernsthaft die Frage aufstellten, ob ein Wort dieser Sprache, der Gott, uns authentische Sprachworte hinterlassen habe.

 

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