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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 96
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Gott

I.

»Wenn Gott nicht existierte, man müßte ihn erfinden.« So wird oft gesagt. Man müßte? Soll heißen: man sollte. Aus höchsten moralischen Gründen. Aus Gründen der Moral, die auf Befehle des existierenden oder erfundenen Gottes zurückgeht. Wirklich mußte man ihn erfinden. Aber nicht, weil man sollte, sondern nach der Natur der Menschen und ihrer Sprache. Man mußte Gott erfinden heißt also: man hat ihn erfunden, notwendig. Der Sinn des berühmten Satzes ist also: weil Gott nicht existiert, darum haben ihn die Menschen nach ihrer Natur erfunden. Gott, der Gott unsres Wörtervorrats, der einige oder einzige Gott des christlichen Abendlandes, ist nicht als ein Allgemeinbegriff der vorgestellten Wesen zu fassen, die bei den Heiden Götter hießen. Die Götter waren nach dem Bilde des Menschen gedacht. (Nicht erst Feuerbach hat diesen parodistischen Gedanken ausgesprochen; ich finde ihn schon in der »Götterlehre« von K. Ph. Moritz [3. Ausg. S. 22]: »Den Göttern selber konnte die Phantasie keine höhere Bildung als die Menschenbildung beilegen.«) So waren sie wenigstens Bilder, Bilder einer reichen, jungen, schönen Phantasie. Der einige Gott ist ein Wort bloß, ein mühsam konstruiertes Wort, ohne Bild, seinen Inhalt darzustellen. Alle Versuche, diesen Gottvater bildhaft zu sehen, sind heidnisch. Der Protestantismus mit seiner Bilderstürmerei ist nur konsequent gewesen. Will man diesen abstrusen Gottesbegriff zur Vergleichung mit andern Begriffen zusammenstellen, so ergibt sich die Schwierigkeit: Worte von ähnlicher Nonsensität und doch ähnlicher historischer Macht aufzufinden. Der Stein der Weisen war nie, und dennoch wurden ihm Wunderkräfte beigelegt. Aber der Stein der Weisen war nicht nur Menschenglaube, sondern auch sonst, real, so wie er von einem Betrüger hergestellt und verkauft wurde, Menschenwerk. Ich vergleiche den Gott lieber mit dem Phlogiston der Chemie. Gegen hundert Jahre, vom Ende des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, haben die Theologen der Chemie und mit ihnen die Welt an dieses Wort geglaubt, das die Verbrennung der Körper, also die Wärme, also die Herkunft der wichtigsten irdischen Kraft erklären sollte. Heute wissen wir: Bleioxyd ist Blei und noch etwas, Pb + O. Damals lehrte man, gegen den Augenschein – da man das höhere Gewicht des Bleioxyds schon beobachtet hatte –: Blei ist Bleikalk und noch etwas, Blei ist Bleikalk (Bleioxyd) + Phlogiston. Etwas, was gar nicht auf der Welt war, sollte die Ursache dessen sein, was da war. Wie Phlogiston in alle Metalle hineingedacht wurde, so der Gott in alle Geschehnisse: der Zufall wird zur Geschichte durch Gottes Vorsehung, Rache am Verbrecher wird zur Strafe durch Gottes Gerechtigkeit, die Aussage wird zum Eide durch Gottes Anrufung. Der berüchtigte ontologische Beweis für das Dasein Gottes ist nur ein Fall unter vielen; die Gewohnheit der Menschen, Scheinbegriffe zu gebrauchen, läßt deren Existenz mitvorstellen. Das hat schon Oldenburg in einem Briefe an Spinoza (III, vom 27. Sept. 1661) hübsch ausgesprochen: »Glauben Sie, klar und zweifellos aus Ihrer eigenen Definition von Gott beweisen zu können, daß ein solches Ens existiere? Ich freilich denke, daß Definitionen einzig und allein Begriffe unseres Kopfes enthalten; daß aber unser Kopf vieles begreift, was nicht existiert, und äußerst fruchtbar ist in der Vermehrung und Steigerung der einmal begriffenen Dinge: also kann ich nicht einsehen, wie ich von meinem Gottesbegriff zur Existenz Gottes kommen soll.« Die ehrenwerte Bemühung des Deismus, auf seine Weise dem Ruhebedürfnisse der Menschheit zu dienen und den regressus in infinitum zu vermeiden, hat zur Anerkennung eines Gottes geführt, mit dem das freie Denken auskommen zu können glaubte. Gott ist die Antwort auf die schönste und kindlichste Frage, auf das ewige Warum und das Warum des Warum. Gott ist also die letzte Ursache. Nur daß Subjekt und Prädikat dieses Urteils gleicherweise Anthropomorphismen sind. Der Gottesbegriff ist freilich auch in der fetischbildenden Volksvorstellung eine Antwort auf die alte kindliche Frage, aber dieser alte Gott ist nach dem Bilde des Menschen geschaffen. Und Hume hat die kühnste Lehre zu erweisen versucht, daß nämlich auch der Ursachbegriff eine Art Personifikation der Zeitfolge ist. Ich weiß nicht, was bei solchen Vorstellungen noch von dem deistischen Urteile übrig bleibt: Gott sei die letzte Ursache.

II.

»Man hat denjenigen für einen Erzprahler zu halten, der da sagt, er wisse, wo alle unsere Wörter herkommen.« Dieser besonnene Satz des alten Frisch sollte vor jeder etymologischen Untersuchung beachtet werden. Auch unsere Zeit, die in der Etymologie wieder einmal zu einem Gipfel gelangt ist, prahlt, wenn sie ihre etymologischen Hypothesen mit Sicherheit aufstellt. Ich will ganz bescheiden eine kleine Vermutung über die Herkunft der Wörter Götze und Gott mitteilen. Unsere Fachgelehrten haben sich nicht geeinigt. Es lag immer nahe, das Wort Götze als ein verächtliches Diminutiv von Gott aufzufassen und es mit Deunculus aus dem mittleren Latein zu vergleichen, das aber bei Du Cange nicht zu finden ist. Schon Frisch und nach ihm Adelung leiteten Götze von gießen, ahd. giozan ab; das Wort sollte ein gegossenes und später jedes künstlich hergestellte Bild bezeichnet haben. Die gegenwärtige Sprachwissenschaft brachte das Wort weiter mit dem griechischen Stamme χυ ( χεω usw.), ferner mit der Sanskritwurzel hu (opfern) in Zusammenhang. Kluge macht zu der Herleitung Gußbild ein kleines Fragezeichen und neigt dazu, Götze für eine Kurzform von Götterbild zu halten, so wie Götz und Spatz als Koseformen von Gottfried und Sperling (mhd. Spar) zu verstehen sind. H. Paul lehnt in der II. Aufl. seines Wörterbuches beide Herleitungen entschieden ab; jedenfalls sei die Ableitung aus gießen zurückzuweisen. Aber Paul weist doch darauf hin, daß Götze früher überhaupt für ein Bildwerk gebraucht wurde, noch bei Luther prägnant für ein Götzenbild (»die Götzen ihrer Götter«). Da das Wort eigentlich ein christenkirchlicher Begriff ist und ursprünglich genau das bedeutet, was wir heute mit äußerster Verachtung einen Fetisch nennen, so ist es mit einiger Wahrscheinlichkeit nur aus der Wortgeschichte der Bibel zu erklären. Und da scheint mir ein Zwischenglied übersehen worden zu sein, das griechische Wort χωνευειν, gießen, aus geschmolzenem Metall bilden, mit seiner reichen Familie; χωνευτον, χωνευμα hieß das Gegossene, das Gußbild. Die Griechen besaßen aus alter Zeit für die Nachbildung oder das Bildchen eines Gegenstandes das Wort ε ἰδωλον von ε ἰδος, Bild; unser Idol; bei Homeros steht dieses ε ἰδωλον schon für künstlerische Gebilde, aber besonders häufig für die Schattenbilder der Toten. Im Sinne eines Gespenstes, der aus dem Seelenkult hervorging, ging das Lehnwort idolum und die freie Lehnübersetzung spectrum in die lateinische Gelehrtensprache über; beide Worte wurden seit den Stoikern auch zu einem Terminus für die Bildchen in der Seele, die Vorstellungen. Mit ε ἰδωλον, aber auch mit χωνευτον übersetzten die Verfasser der Septuaginta und die Kirchenschriftsteller die hebräischen Ausdrücke, in denen den Juden die Herstellung von Götterbildern verboten worden war. Die Vulgata und Augustinus haben dafür sculptile et conflatile; conflatile von conflare, zusammenblasen, anfachen, schmelzen, gießen. Mir scheint nun, daß der Weg über ζωνευτον und conflatile zu Götze etymologisch gangbar ist. Nun vergleiche man Luthers Übersetzung mit der Vulgata: non facies tibi sculptile neque omnem similitudinem (II, 20, 4.), du solt dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen; non facietis vobis idolum et sculptile, nec titulos erigetis, nec insignem lapidem ponetis in terra vestra, ut adoretis eum (III, 26, 1), ihr sollt euch keinen Götzen machen, noch Bilde, und sollt auch keine Säule aufrichten, noch keinen Malstein setzen in euerem Lande, daß ihr darvor anbetet; non vidistis aliquam similitudinem in die qua locutus est vobis Dominus in Horeb, de medio ignis, ne forte decepti faciatis vobis sculptam similitudinem aut imaginem masculi vel feminae (V, 4,15), denn ihr habet kein Gleichnis gesehen des Tages, da der Herr mit euch redete ... auf daß ihr euch nicht verderbet und machet euch irgendein Bild, das gleich sei einem Manne oder Weibe; maledictus homo, qui facit sculptile et conflatile, abominationem Domini, opus manuum artificum, ponetque illud in abscondito (V, 27, 15), verflucht sei, wer einen Götzen oder gegossen Bild machet, einen Greuel des Herrn, ein Werk der Werkmeister Hände, und setzet es verborgen. Das hebräische Wort, das überall steht, לכפ, wird von Fürst erklärt: » Bild, das entweder aus Holz geschnitzt oder aus Stein gemeißelt ist, seltener von einem Gußbilde.« Daß die Bedeutung sich mit dem Fortschreiten der Technik wandelte, daß das Wort zuerst Schnitzerei, dann Erzguß bezeichnete, kann natürlich nicht auffallen; Feder bedeutet jetzt ganz vulgär die Metallfeder; und am Ende hat Skulptur, das jetzt jedes plastische Werk bedeutet, die gleiche Entwicklung durchgemacht. Ich wollte auch hier auf die merkwürdig stetige Reihe von Lehnübersetzungen hinweisen: לכפ, χωνευτον, conflatile, Goetze; wenigstens scheint mir sicher, daß Luther, im letzten der zitierten Beispiele, da er sculptile et conflatile mit Goetze oder gegossen Bild übersetzte, ausdrücklich auf die Gleichheit der beiden Ausdrücke hinweisen wollte. Und mir ist gewiß, daß wir es da nicht bloß mit einer gelehrten Volksetymologie zu tun haben, daß Goetze doch nur eine dritte Lehnübersetzung des Bibelwortes für Bildnis ist. Nicht behaupten, aber fragen möchte ich: warum sollte Gott nicht das gleiche Wort sein? Man achte besonders darauf, daß die alte nordische und gotische Form des Wortes ( guð und guþ) trotz der maskulinischen Verwendung neutral war, etwa das Gegossene. »Das Wort guþ, welches der Form nach Neutrum ist, wird für den Christengott als Masculinum gebraucht. Dagegen für die heidnischen Götter ist der neutrale Plural guda noch im Gebrauch.« (Braune, Gotische Gramm. S. 35.) Wir hätten dann nicht Götze in Bedeutung und Form aus Gott abzuleiten, sondern umgekehrt Gott aus Goetze. Götze wäre als das Gegossene der gemeinsame Ausdruck gewesen. Und nur der Form nach wäre Gott aus Goetze abzuleiten. Wenn man einen Bedeutungswandel dabei anerkennt (wie bei der Herleitung des abschätzigen Goetze aus dem heiligen Gott), so scheint mir das schon christelnden Hochmut zu verraten. Denn einen ernsthaften Unterschied der Bedeutung kann ich nicht wahrnehmen. Gott wäre die sächsische Form zu Goetze ( Witze und wit, Schütze und shoot, nütze und ags. nyttu). Wäre es nicht möglich, daß heidnische Sachsen den Crucifixus, welchen die südwestlichen Germanen schon verehrten, in ihrer Verstocktheit das Gott, das Gegossene genannt hätten? Daß der Name nach der Bekehrung blieb, während die ältere, südwestgermanische Form Götze als Übersetzung des biblischen sculptile et conflatile auf die nichtchristlichen Götter eingeschränkt wurde? Wäre es gar so unerhört, daß das Wort einmal Gottesdienst, den Kultus des richtigen Gottes, das andre Mal Götzendienst, den Kultus des falschen Gottes bedeutete? Schlicht und schlecht ist nur eines von vielen Beispielen, die sich beibringen ließen. Für Götzendienst haben wir noch ein zweites Wort zur Verfügung: Abgötterei. Abgott ist selbstverständlich der falsche Gott, der Mißgott (wie Abort der häßliche Ort, Abgunst die Mißgunst); doch ist diese Bedeutung nicht sehr alt, vielleicht aus einem Mißverstand hervorgegangen; der Abgötter hieß noch bei Luther ein Götzendiener; von einem alten Worte abgott, das im Gotischen nicht Götze, sondern gottlos bedeutete. Ulfilas sagte für Götzen galiugaguda; afguþs war ihm der impius. Es ist für mich kein Zweifel, daß dieses überraschend gebildete Wort eine genaue Lehnübersetzung von ἀϑεος ist, dem es buchstäblich in seiner Bedeutung und in seiner fast unlogischen Form entspricht. Unserer dogmatischen Sprachwissenschaft liegt es näher, Gott mit einer Sanskritwurzel in Zusammenhang zu bringen, als mit dem deutschen Worte Goetze. Man knüpft an sansk. hu an, die Wurzel für opfern, anrufen; und gibt zwei verschiedene Etymologien, als ob nicht offenbar opfern und anrufen nur zwei verschiedene Übersetzungen oder Kulturstufen der gleichen Handlung wären. Gott (sansk. huta, got. guþa) soll danach heißen: der viel angerufen wird, dem viel geopfert wird. Nach meiner Vermutung wäre die letzte Erklärung nur grammatisch zu ändern; nicht dem viel gegossen wird, sondern der Gegossene. (Ich wage noch – ohne zu einer Vermutung zu gelangen – an gueuse zu erinnern, ein französisches Wort, das bei Littré und Diez von gueux etymologisch separiert wird, und das einen gegossenen Metallklotz bedeutet; es wäre fast zu hübsch, wenn dieses gueuse am Ende doch mit gueux, unbekannter Herkunft, zusammenhinge, das jetzt Lump geworden ist.) Bei allen diesen Zusammenhängen könnte man höchstens darüber staunen, daß die Menschen nicht früher schon den kindlichen Unverstand einsahen, der sie die eigenen Götzen oder Bilder knechtisch verehren, die fremden Götzen oder Bilder mit äußerstem Hochmut verachten ließ. Warum sollten die heidnischen Sachsen den bildlich sichtbaren Gott der Franken und Alemannen nicht einen Goetzen geheißen haben, da doch christliche Kirchenväter es wagten, die menschlich schönen Kultbilder der Griechen Goetzen zu nennen? Hier wie dort auf der einen Seite Glaube, auf der andern Seite Unglaube. Für den Gläubigen ist der Fetisch Bild und Sitz des wunderwirkenden Gottes; für den Ungläubigen ist das Gottesbild eine abominatio, ein Fetisch. Wenn die allgemein angenommene Etymologie richtig ist, so wendeten die Portugiesen ja ihr Wort feitiço (von facticius künstlich, vielleicht auch schon: von Zauberkunst stammend) auf die (für sie) lächerlichen wundertätigen Puppen, Tiere und Gerätschaften an, die sie bei den Negern der Westküste als Gegenstände der Verehrung vorfanden. Das Wort ( Fetisch, fetiscio, fétiche, fetish) ist dem gemeinsamen Hochmut der christlichen Völker gemein. Wir müssen von dem verschiedenen Stimmungswert, mit dem zweitausendjährige Christengewohnheit uns die Worte Gottesdienst und Götzendienst trennen läßt, absehen, wir müssen völlig durchdrungen sein davon, daß das gleiche Ding dem Einen Gott und dem Andern Götze sein kann, wenn wir uns von der Tyrannei dieser Wortwerte befreien wollen. Wollen wir Ernst machen mit einer vergleichenden Religionswissenschaft, so haben wir zu einer Unterscheidung zwischen Gott und Götze kein Recht mehr; wir wollten denn das grobsinnliche Bild, von dem der Gläubige wunderbare Hilfe erwartet, einen Götzen, den abstrakten, geläuterten Gottesbegriff, dessen Wunder und Hilfe der Gläubige mit Worten anruft, Gott nennen. Und weil die Bezeichnung Götze durch christlichen Hochmut im Mittelalter den immerhin humanen und ganz und gar nicht widerwärtigen antiken Göttern angeworfen worden war, brauchte die Neuzeit für die gröbstsinnlichen Götzen der Naturvölker ein neues Wort und sagte Fetisch. Zwischen dem Fetisch der Neger und den Götzenbildern der Griechen ist natürlich ein ästhetischer Unterschied. Kein so großer Unterschied besteht zwischen dem Fetisch des Negers und (in der Vorstellung des gemeinen Mannes) den alten Kultrequisiten der Christen. Dem abendländischen Forschungsreisenden mag der Fetisch ein Gelächter oder eine Scham sein. Dem katholischen Missionar sollte der hausgemachte Gott, der mobile Gott vertrauter sein. Die Neger haben ihre Leichenteile in Fetischhütten wie in Reliquienschreinen. Ihre Priester benützen die Fetischhütten als Opferstock. Die Neger haben für Krieg und Krankheit, für Trank und Geburt Spezialfetische, wie es im Katholizismus Spezialheilige gibt, deren Wunderkraft für das Volk, das aber von den Priestern selten eines Bessern belehrt wird, am Bilde haftet. Erwähnung verdient, daß auch bei den Negern Königtum und Gott, Thron und Altar, fest aneinandergeknüpft scheinen. Bei einigen Negerstämmen ist der König »ein lebendiges Kultgerät« (Lippert, Gesch. d. Priestertums I. 87). Der König wird wie ein Fetisch abgesetzt, wenn der Fisch oder der Regen ausbleibt. Von protestantischen Freigeistern ist oft und hart darauf hingewiesen worden, daß das Allerheiligste des Katholizismus völlig der Definition des Fetisch entspricht. Kein Zweifel, daß diese Protestanten recht haben. Nur vergessen sie selbstgerecht, daß das Wunder nicht an der Substanz der Hostie haftet, sondern erst durch das sakrale Wort, das der geweihte Priester spricht, geschaffen wird. (Die sakralen Worte, welche die Wandlung bewirken, dürfen nicht einmal in populären Erklärungen zum Meßtexte übersetzt werden, so eng haftet der Zauber an den lateinischen Worten hoc est enim corpus meum usw.; die katholische Kirche und Papst Alexander VII., der durch Dekret vom 12. Jan. 1661 die Übersetzung verboten, haben wohl nicht bedacht, daß das Neue Testament die Zauberworte in griechischer Sprache anführt, daß sie also ihre Kraft schon durch die lateinische Übersetzung der Vulgata verloren haben müßten.) Der Protestant, der also in der Substranz einen Fetisch sieht, wo er in der Wandlung einen Wortfetisch sehen sollte, will nicht bemerken, daß er den Worten der Bibel, beileibe nicht den lateinischen Worten, sondern dem hl. Texte Luthers, ebensolche Zauberkraft zuschreibt: Wahrsagekraft bei den immer noch üblichen Nadelproben, wunderbare Hilfe beim Gesundbeten und (wenn der Protestant ganz modern und aufgeklärt ist) wenigstens Trost in Widerwärtigkeiten. Leistet ihm der Wortfetisch nicht einmal diesen Dienst mehr, dann dürfte der Protestant wohl kein Recht haben, sich noch einen gläubigen Christen zu nennen. Die Protestanten waren es, die für ihren Priester, den gonga der Fetischneger, sicherlich ohne den Humor zu empfinden, die Bezeichnung »Diener am Wort« gefunden haben.

III.

Da ich so, von außerhalb, über Wortheiligtümer spreche, die vielen guten Abendländern wert sind, habe ich vielleicht die Pflicht, mit einigen Worten meine Stellung zur religiösen Frage zu präzisieren. Ich schicke voraus, daß ich Gretchens Frage: »Nun sag, wie hast du's mit der Religion?« nicht für so wichtig halte, wie sie traditionell, nach jahrhundertlanger Katechisation, genommen zu werden pflegt. Es gibt wichtigere Fragen. Ob es eine Entwicklung oder einen Fortschritt gibt? Ob Erkenntnis durch Sprache möglich ist? Ob überhaupt etwas wie Ordnung in der Natur vorhanden ist? Das ob ist die Frage. Wir suchen Entwicklung, Erkenntnis, Ordnung. Wenn wir eins davon gefunden hätten, dann wäre noch lange nicht nach dem Urheber der Entwicklung, der Erkenntnismöglichkeit, der Ordnung zu fragen. Die Menschen haben von jeher die Neigung gehabt, die letzten Fragen zuerst zu beantworten, die letzte Ursache zuerst entdecken zu wollen. Und so haben sie lange vor jeder Naturforschung schon das Wort Gott oder so ähnlich als letzte Antwort gebrauchen gelernt. Wie das Wort Seele. Wie das Wort Phlogiston. Wenn die Menschen gewartet hätten, so besäßen sie heute das Wort Gott nicht und ich hätte nicht nötig, mein Verhältnis zu einem Worte zu präzisieren, das ich nicht verstehe. Ich will aber durch Berufung auf meinen sprachkritischen Standpunkt nicht auszuweichen scheinen. Ich nehme ja doch instinktiv eine bestimmte Stellung zu diesem unverstandenen Worte ein. Ich verstehe es nicht nur nicht; ich glaube auch, daß es keinen Sinn hat. Ich glaube, daß der alte Judengott nebst seiner Übersetzung ins Christentum ein totes Symbol geworden ist, ein totes Wort. Die Physik hat dem Judengott seine Substanz genommen, die Naturgeschichte seinen Ursachcharakter, die Astronomie den Ort, auf welchem stehend er die Erde bewegen könnte. Der Atheismus, rein als Negation des Gottesbegriffs genommen, ist wirklich auf einer gewissen Stufe des Wissens die einzige anständige Weltanschauung. Nur einbilden soll man sich nichts auf diese Weltanschauung. Andere Fragen sind wichtiger, wie gesagt. Nicht einmal tapfer ist es mehr, sich zu dieser kleinen Negation zu bekennen. Nur anständig wäre es für jeden geistigen Arbeiter. Und infam scheint es mir, daß unsere vom Staate angestellten Gelehrten, seltene Ausnahmen abgerechnet, das Bekenntnis zu dieser kleinen Negation vor der Öffentlichkeit scheuen. Irgendein Wortkompromiß mit dem alten Judengott suchen. Infam scheint es mir und dumm dazu. Wenn alle deutschen Professoren, die es angeht, sich zu ihrem Atheismus bekennen würden, so könnte und wollte der Staat ihnen kein Haar krümmen; und wir hätten es nicht erlebt, daß ein so unbedeutender Kopf wie Haeckel, bloß um dieser einen Ehrlichkeit willen, zu einem Führer des jungen Deutschland gemacht worden ist, das schon seit Schopenhauer einfach atheistisch ist. Der alte Judengott ist tot. Aber auch der Materialismus, der ihn umbringen geholfen hat, liegt in den letzten Zügen. Und das metaphysische Bedürfnis der Menschen, die ahnungslos in ihrem Materialismus ebenso metaphysisch waren wie in ihrem Gottglauben, ringt überall nach einem neuen Ausdruck für die alte Sehnsucht. Die armen Menschen suchen den Sinn der Welt, in die sie hineingestellt sind. Wer ein tiefes Gefühl für diese Sehnsucht hat und das Wort nicht findet, der flüchtet aus der Welt in die Mystik. Der Okkultismus, der gegenwärtig unter vielen Namen sich gebärdet, als ob er eine neue Religion und einen neuen Gott gebären wollte, ist doch nur die Mystik des dummen Kerls. Die großen Mystiker aus der Nachfolge Buddhas und Jesus hatten den Sinn der Welt gefunden, in ihrem Gefühl, jeder für sich, nicht mitteilbar. Wollte einer für dieses nicht mitteilbare Gefühl vom Sinne der Welt das tote Wort Gott wieder gebrauchen, so hätte die Sprache ja nichts dagegen. Ich liebe nur die Worte nicht, die keine mitteilbare Vorstellung ausdrücken können. Auch den großen Mystikern war Gott nur in ihrem Gefühl, unsagbar; wie sie ihn nannten, wurde er zum Götzen. Der bescheidenen Ehrlichkeit, sich zu der einfachen Negation des Gottesbegriffs zu bekennen, zum Atheismus, zu dem Eingeständnis, daß man den Sinn des Wortes Gott nicht verstehe – dieser kleinen Tapferkeit steht der christliche Sprachgebrauch gegenüber, der das Epitheton gottlos nicht als schlichte Bezeichnung einer theoretischen Überzeugung gelten läßt, sondern eine praktische Disqualifikation mit dem Worte verbindet, einen ähnlichen Makel wie mit dem Worte ruchlos. ruchlos wird allgemein von dem mhd. ruochen abgeleitet: sich um etwas kümmern, auf etwas Rücksicht nehmen. Ruchlos: der auf nichts Rücksicht nimmt. Mir leuchtet diese Ableitung nicht ein. Wir haben aber in ruchbar dieselbe Silbe ruch =  rucht = mhd. ruoft, das unserem Ruf entspricht. Ich meine, wollte man eine Lehnübersetzung von infamis bilden, so standen ruchlos und verrucht zur Verfügung, die wir beide im Sinne von infam gebrauchen. Apologeten des Christentums berufen sich auf diesen Sprachgebrauch, der zwar nicht unter den Atheisten (das ging nicht mehr gut seit Spinoza und Bayle), wohl aber unter den Gottlosen einen schlechten Menschen verstand. Auf die Scheu vor der öffentlichen Meinung des Sprachgebrauchs mag manche Feigheit der Philosophen zurückzuführen sein. Manche feige Umgehung der Wahrheit. Auch der Atheismus hat seine Jesuiten gehabt: Sophisten für und gegen den Gottesbegriff. In jedem einzelnen Falle ist für die Zeit vom 15. Jahrh. bis zur Gegenwart sehr schwer zu entscheiden, ob der jeweilige Anwalt des Gottesbegriffs gläubig war oder ein feiger Heuchler. Auch dürfte man nicht vergessen, daß ein Wort, solange an der bezeichneten Sache nicht gezweifelt worden ist, wie die Sache selbst verteidigt zu werden pflegt; wird die Existenz der Sache geleugnet, so entbrennt ein erbitterter Kampf um das Wort allein. Ich habe vorhin unter den Worten, die so gegenstandslos geworden sind wie Gott, auch das alte Prinzip Phlogiston angeführt. Als dieses Phlogiston gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Priestley und Lavoisier unter die Erdichtungen geworfen wurde, fand das Unding Phlogiston dennoch seine altgläubigen Anwälte. Und die, weil sie langsam oder dumm oder treu waren, pflegt man in der Geschichte der Naturwissenschaften doch auch nicht Heuchler zu nennen. Freilich, die Anwälte des Gottesbegriffs werden von Staat und Kirche gelohnt; und dennoch ist es in jedem einzelnen Falle sehr gewagt, von Unehrlichkeit zu sprechen, wo vielleicht nur Unklarheit vorlag. Unklarheit bis zur völligen Konfusion möchte ich annehmen, wenn ich den kleinen Artikel Atheist (Gottesleugner) in Maimons »Philosophischem Wörterbuch« (S. 25) lese. Er scheint zu einem Keulenschlag gegen den Atheismus auszuholen, um nachher schärfste Kritik an dem landläufigen Gottesbegriff zu üben. »Sollte dieser (der Atheist) auch einen Platz in einem philosophischen Wörterbuche verdienen? Allerdings, aber nur, um auf ewig daraus verbannt zu werden.« Das Wort bezeichne »etwas Unmögliches«, wie das Wort Hypogriph (so!). Denn nur der Leugner eines anthropomorphischen Gottes, eines falschen Gottes, sei möglich. Der Begriff des wahren Gottes, »eines unendlich vollkommenen Wesens«, enthalte keinen Widerspruch, könne also nicht geleugnet, d. h. als unmöglich verworfen werden. Eine Realität dieses Begriffs sei freilich nirgends anzutreffen, weil das Objekt dieses Begriffs, seinem Wesen nach, nicht Gegenstand der Wahrnehmung sein könne. Der Gottesbegriff sei also problematisch, wie eine mathematische Formel, solange man sie nicht konstruieren könne. Wer nun »keines Weges die Möglichkeit und das Dasein Gottes leugnet, sondern diese Annehmung nur für uns unerweislich hält«, der sei darum noch kein Atheist. Wenn einer lehrt, die Engel seien bärtig, der Zweite, die Engel seien unbärtig; und nun ein Dritter käme und sagte, die Engel seien so wenig bärtig als unbärtig, indem sie überhaupt keinen Körper hätten, so leugne er weder die Existenz noch die Nichtexistenz des Engelbartes. So Maimon, nachdem er den Atheismus für ewig aus der Philosophie zu verbannen versprochen hat. So ungefähr sagen das die schlimmsten Atheisten auch. Und dennoch glaube ich in diesem krassen Falle sogar nicht an eine Unehrlichkeit. Bacon von Verulam ist nicht unklar; aber der Vater der modernen Naturwissenschaft ist tiefsinnig bis zur theosophischen Grenze, und darum zögere ich auch bei ihm, die kleine Abhandlung »über den Atheismus« für Heuchelei zu erklären. Da findet sich der oft zitierte Satz: Verum est tamen, parum philosophiae naturalis homines inclinare in atheismum, at altiorem scientiam eos ad religionem circumagere. Sehr fein ist weiter der Gedanke: es gebe Atheisten, die eher Tod und Marter auf sich nähmen, als daß sie ihre Überzeugung verleugneten; das wäre doch wunderbar (monstri simile), wenn sie nicht an etwas wie einen Gott glaubten. (Das Sophisma besteht darin, daß Gott zum Urheber alles Guten, also auch der Glaubenstreue, gemacht wird.) Einen abscheulichen Vorwurf gegen die Gottlosen, die schlechten Menschen, enthält der Satz: Nemo Deos (sic!) non esse credit, nisi cui Deos non esse expedit. (Niemand leugnet das Dasein der Götter außer denen, denen die Nichtexistenz der Götter nützlich wäre.) Nun denn, ich möchte diesen Schimpf in einen höhern Sinn kehren und den Gedanken so aufnehmen: jawohl, wir modernen Menschen leugnen das Dasein Gottes, weil unsre Weltanschauung diese Leugnung nötig hat. Wollte aber jemand diese Stelle der Sermones fideles, wie manch andre, für Heuchelworte des schlauen und wahrlich nicht heiligen Kanzlers ansprechen, so könnte ich nicht heftig protestieren. Bacon hat das prächtige Bild von den menschlichen Vorurteilen oder Gespenstern oder Idolen geschaffen, die seit jeher den Fortschritt der Erkenntnis gehindert haben; er spricht (vgl. Art.  Bacons Gespensterlehre) von den Gespenstern oder Idolen des Stammes, der Höhle, des Marktes und des Theaters. Sollte es ihm entgangen sein, daß der Gottesbegriff zugleich ein Gespenst des Stammes, der Höhle, des Marktes und des Theaters ist? Das freilich konnte Bacon kaum für möglich halten, was uns jetzt am Ende klar geworden ist: daß Gott nur eine Übersetzung von Idol ist, daß wir für Idol oder Gespenst ebenso gut Götze oder Gott sagen könnten, daß Bacon recht gut strafend von den Göttern oder Götzen des Stammes, der Höhle, des Marktes und des Theaters hätte sprechen können. Gott ist das oberste, das allgemeinste, das unwahrste Idol. Ein Bild, zu dem kein Modell gesessen hat. Ein Idealbild meinetwegen. Ein Wort jedenfalls. Götter sind Worte. Aus der Existenz des Wortes hat man wieder einmal auf die Existenz der Sache geschlossen, als ob der ontologische Beweis zu den Instinkten der redenden Menschen gehörte. Und mir fällt eine Wortfolge Luthers ein, die nicht etwa gedankenlos entstanden ist; sie steht vielmehr gleich im ersten Artikel der wohlüberlegten und fast diplomatisch stilisierten Augsburgischen Konfession. »Erstlich wird einträchtiglich gelehret und gehalten ..., daß ein einig göttlich Wesen sei, welches genennet wird, und wahrhaftiglich ist, Gott.«

 

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