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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 86
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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G.

ganz

ist uns ein so geläufiges Wort, seine Bedeutung scheint uns in allen Sprachen ein so vertrauter Begriff; und dennoch ist der Sinn, den wir mit dem alltäglichen Worte verbinden, so unbestimmt geblieben, wie die Herkunft von ganz (auch von totus) unaufgeklärt geblieben ist. Und weil das Wort der Gemeinsprache angehört, darum liegt der Fall noch verwickelter als bei den technischen Ausdrücken der Philosophie, die sich doch häufig in den alten und neuen Sprachen genau entsprechen. Ganz aber kann im Sprachgebrauche für vier recht verschiedene lateinische Worte eintreten: für totus, für cunctus, für integer und auch für omnis; es kann im Sinne von totus für zwei griechische Worte eintreten, für ὁλος und für παν, die doch wenigstens von den Stoikern sehr fein unterschieden worden sind. Im substantivischen Gebrauche bezeichnet das Ganze ungefähr soviel wie die Einheit, mit dem Nebengedanken, daß keine der Einheiten fehlen darf, der Teile, die das Ganze ausmachen; das Ganze ist also eine Vielheit von Dingen, die wir, entweder aus irgendeinem menschlichen Interesse oder durch eine sachliche Verknüpfung gezwungen, als eine Einheit auffassen. Man hört den Widerspruch deutlich; je nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit wird nur das Ganze zu einer Einheit oder werden die Teile des Ganzen zu Einheiten. Das Ganze und ein Teil sind Korrelatbegriffe; keiner dieser beiden Begriffe hat einen Sinn, sobald er vom andern losgelöst wird. Dabei bietet die Sprache (nicht nur den Deutschen) noch die besondere Schwierigkeit, daß der eine Korrelatbegriff, der Teil, ein ganz geläufiges Wort der Gemeinsprache ist, der andere jedoch, das Ganze, selbst in der wissenschaftlichen Sprache noch nicht recht fest geworden ist; wir schwanken zwischen: das Ganze (Opitz sagte noch die Ganze), die Gaenze, die Ganzheit, früher wohl auch Gaenzigkeit und Gaenzlichkeit. Für die Anwendung der Kategorie der Ganzheit auf die Dinge wäre es nun wertvoll gewesen, wenn die Sprachen zwischen dem Falle unterschieden hätten, wo wir die Verknüpfung der Teile zu einem Ganzen erst der Wirklichkeit aufgedrängt haben, und dem Falle, wo die Natur uns eine solche Vorstellung der Verknüpfung aufzwingt: wenn die Sprachen zwischen unorganischen und organischen Ganzen unterschieden hätten. Das unorganische Ganze ist eine künstliche Einheit; die ästhetische Einheit, die wir von jedem Kunstwerke verlangen, die künstlerische Einheit also, ist eine bildliche Übertragung des organischen Begriffs der Ganzheit. Ich glaube nun, daß die Unmöglichkeit, die verschiedenen Bedeutungen von ganz logisch zu ordnen, von einer gewissen Armut unserer Kultursprachen herrührt; es gibt Sprachen (bei den sog. Wilden), in denen der Unterschied zwischen belebten und unbelebten Wesen durch verschiedene Formen des Nomens und des Verbums ausgedrückt wird. Wir besitzen ein so feines sprachliches Unterscheidungsvermögen fast gar nicht mehr; mir scheint aber ganz ein solches Rudiment zu sein; unser Sprachgebrauch neigt immer noch dazu, die Substantivform des Wortes nur auf organische Ganze anzuwenden und auf solche Ganze, die metaphorisch mit einem Organismus verglichen werden. Für die Totalität von Dingen haben wir das ältere Wort all. Aber der Sprachgebrauch ist, namentlich in der adjektivischen Verwendung, durchaus nicht konsequent. Zwar wird man substantivisch nur von einem lebendigen Ochsen sagen, daß er ein Ganzes bilde; aber adjektivisch sagt man: der Großschlächter handle nur mit ganzen Ochsen; doch auch: man habe ein ganzes Pfund gekauft. Die Quantität ist beim ganzen Ochsen noch an die Natur geknüpft; beim ganzen Pfund hat nur menschliche Willkür das Maß bestimmt. Die deutsche Wortgeschichte (auf die Etymologie von lat.  totus, integer, griech. ὁλος, παν lasse ich mich nicht ein) belehrt uns darüber, daß ganz ursprünglich nur von lebenden Wesen gesagt wurde; im Rolandslied heißt ein ganzer Mann noch soviel wie unverwundet, in voller Kraft; noch Schiller gebraucht mit ganzer Haut (wie norddeutsch allgemein mit heiler Haut) im Sinne von unverwundet. Die übertragenen Anwendungen von ganz gleich heil waren sehr häufig. Übertragen war schon die Anwendung auf Freisein von Krankheit, noch mehr auf geistige Gesundheit. Übertragen der Ausdruck ganze Jungfrau, was recht anatomisch gemeint war; von männlichen Tieren gebraucht (ganzer Ochse, ganz Schwein, ganzer Bock) hieß ganz soviel wie unverschnitten; ein Ganzer kommt wohl auch im Sinne von Hengst vor. (Der Zusammenhang mit Gänserich, Ganser, früher auch Ganzer, bleibt unaufgeklärt, weil Gans das ältere Wort ist.) Die Belege für diese ursprüngliche Bedeutung von ganz sind so zahlreich, daß ich die zweifelhafte Unterstützung durch eine gewagte Etymologie entbehren kann; ich muß aber doch sagen, daß ich den Versuch unserer Sprachwissenschaftler, ganz von griech. χανδανειν herzuleiten, für ebenso töricht halte als des alten Wachter Herleitung von lat.  cunctus. Diese Einschränkung des Begriffes Ganzheit auf eine den lebenden Wesen innewohnende Einheit und auf die Dinge, denen menschliches Interesse eine Einheit zuschreibt, trennt in unserm Sprachgebrauche die Worte ganz und all; ohne Zwang lassen sich auch ὁλος (συνολος) und πας (ἁπας) so unterscheiden. Sagt man »wir haben alles Brot aufgegessen«, so denkt man ohne die Vorstellung der Einheit an alles vorhandene Brot; sagt man »das ganze Brot«, so versteht der Hörer darunter die Einheit eines Brotlaibes. (J. H. Schmidt: »Synonymik der griechischen Sprache« IV 540.) Schließt also der Begriff der Ganzheit den der Einheit in sich ein, bedeutet er Integrität oder unverletzte Einheit, so wird seine alltägliche Anwendung auf unorganische Dinge wieder einmal zum Bilde von einem Bilde. Ein zerbrochener Topf gibt Scherben, gewiß; aber es hängt doch nur von unserer Aufmerksamkeit ab, ob wir die einzelne Scherbe als ein Ganzes betrachten wollen oder nicht. So wie wir jedoch eine Scherbe, einen Brotlaib, einen Berg, einen Acker, ein Haus, weiter ein Volk, eine Wissenschaft usw. ein Ganzes nennen, beleben wir, personifizieren wir das Ding oder das Gedankending, sprechen wir im Bilde, auch ohne daran zu denken. Nun ist aber auch die biologische Einheit eine tief verhüllte Metapher, hergenommen sicherlich (nach einem uralten Instinkte) von dem menschlichen Ichgefühl, das wir in die Erscheinungen der belebten Natur hineinlegen. Darum durfte ich den Begriff der Ganzheit ein Bild von einem Bilde nennen. So hilft auch das plane Wörtchen ganz, dunkle Wörter der Philosophie eigentümlich zu beleuchten. Wir haben (vgl. Art.  Entwicklung) den Spencerschen Hilfsbegriff der Integration abgelehnt, weil wir doch eigentlich in der Wirklichkeitswelt (wenn wir uns von der Sprache zu befreien wagen) nicht Einheiten vorfinden oder Ganze, sondern nur Relationen, reichere und ärmere, nähere und fernere, wichtigere und unwichtigere Beziehungen. Integration schien aber gerade das Streben zum Ganzen zu bezeichnen, und wir wußten nicht zu sagen, was ein Streben wäre und was ein Ganzes. Nun aber erfahren wir plötzlich, daß Integration für den Sprachgebrauch der Biologie und Physik ganz falsch gebildet worden sei; die Integrität setzt die Einheit schon voraus, legt Wert auf die unverletzte Einheit; ein Streben nach der unverletzten Einheit oder einem integren Ganzen mag zur Not in der Moral oder sonst einer Wertlehre einen Sinn haben, nicht aber in der Naturwissenschaft. Natürlich hat Spencer bei der Wahl des Wortes Integration nicht an die Bedeutungsübergänge gedacht, die zu Integrität hinüberführen; er dehnte vielmehr den Begriff der mathematischen Integration auf das Naturgeschehen aus. In der Mathematik jedoch sind Integrale und ganze Zahlen durch eine Welt geschieden; im Naturgeschehen kann Integration gar nichts anderes heißen als das Streben nach der Einheit. Im Unterbewußtsein von Spencer mag da die so häufige Verwechslung von numerischer Einheit und natürlicher, logischer Einheit sich vollzogen haben, vor der ich (vgl. Art.  Einheit) nicht nur Spencer-Anhänger gewarnt habe. Auch an das Begriffspaar Stoff und Form erinnert uns der Begriff der Ganzheit. Wir haben gelernt (vgl. Art.  Form), daß wir mit einer dumpfen Erinnerung an die formae substantiales der Scholastiker heute noch von geometrischen, biologischen und ästhetischen Formen reden; daß wir im Gegensatze zu einer Form das Stoff nennen, was ohne eigne Einheit ist. Auch dieser Gedanke sollte uns abhalten, den Begriff der Ganzheit auf ungeformten Stoff anzuwenden, oder auf einen Stoff, dessen Form wir nicht kennen. Nichts hindert uns, den Weltenraum und den sog. Äther und alle sichtbaren Sterne und die unsichtbaren dazu mit dem Worte Weltall zusammenzufassen. Es bedeutet genau soviel wie Welt. Nennen wir aber diese gleiche Vorstellung das Weltganze, so suggeriert uns die Sprache den Glauben, daß wir dieses Weltall als einen Organismus begriffen haben.

»Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt,
Gewöhnlich für ein Ganzes hält;
Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs Alles war.«

Wir sind zu dieser Bescheidenheit Mephistos über den bescheidenen Gedanken gelangt, daß das Ganze und der Teil Korrelatbegriffe seien, menschliche Korrelatbegriffe, die eigentlich auf den unerforschlichen Begriff der organischen Einheit zurückgehen. Wir wissen nichts mehr anzufangen mit dem scheinbaren Tiefsinn der scholastischen Ontologie, welche vier Arten des Gedankenganzen unterschied, und auch das eigentliche totum wieder in mehrere Gruppen einteilte; höchstens ist es für die Wortgeschichte zu bemerken, daß man schon sehr früh zwischen dem totum integrum und dem totum integrale ganz fein distinguierte. Ein totum mysticum, worunter freilich die Scholastiker nur einige Geheimnisse der Heilslehre verstanden, ist uns der Begriff der Ganzheit überhaupt geworden.

 

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