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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 73
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Erkenntnistheorie

Wenn Erkenntnistheorie überhaupt eine wissenschaftliche Disziplin ist, so ist sie unter den philosophischen Disziplinen die jüngste und die vornehmste. Die jüngste, weil die Philosophie durch Jahrtausende die schwersten Probleme der Metaphysik schon behandelt hatte, bevor sie sich darauf besann, nach der Möglichkeit und nach den Grenzen der menschlichen Erkenntnis zu fragen. Griechisches Denken und modernes Denken ist durch keinen Umstand so sehr geschieden als durch diesen: daß Locke, Hume und Kant uns eben gelehrt haben, die Vorfrage nach dem Anfang und dem Ende unserer Erkenntnis zu stellen. Wenn man von dem einzigen Hegel absieht, der eine Voruntersuchung des Erkenntnisvermögens durch das Erkenntnisvermögen bekanntlich für ebenso ungereimt hielt wie etwa die Absicht, schwimmen lernen zu wollen ohne ins Wasser zu gehen, – und der denn auch in der Selbstbewegung der Begriffe ertrank –, abgesehen von Hegel, haben alle neueren Philosophen die Notwendigkeit begriffen, den verkehrten Weg der antiken Welt zu verlassen und in der Erkenntnis der Wahrheit mit der Untersuchung oder der Kritik der Erkenntnis anzufangen. Man kann sogar sagen, daß Kants Lebenswerk die Erkenntnistheorie an die Stelle der alten Metaphysik gesetzt habe; es gereicht der Erkenntnistheorie nicht zur Unehre, daß sie auf diesem Gebiete zu lauter Negationen geführt hat, daß sie (noch über Kant hinaus) uns gelehrt hat: die ewigen Fragen der alten Metaphysik gehen über die Grenzen der menschlichen Erkenntnis hinaus. Und von einer andern als einer menschlichen Erkenntnis wissen wir ja nichts mehr. Aber auch für die andern Bearbeiter solcher Gedankenwelten ist die junge Disziplin der Erkenntnistheorie die vornehmste Disziplin geworden. Diese Männer teilen sich freilich in zwei Lager, je nachdem sie die Erkenntnistheorie unter dem Gesichtspunkte der Logik oder unter dem der Psychologie betrachten. Die Kämpfer in beiden Lagern werfen einander grimmige Worte zu, um so grimmigere, je näher die Kämpfer dem Range der gemeinen Soldaten stehen; die Führer der beiden Lager wissen schon besser, daß die beiden Häuser der Logik und der Psychologie nur vorläufige Notbauten für wissenschaftliche Sammlungen sind, und daß man diese Sammlungen einmal anders ordnen und besser unterbringen werde. Vorläufig haben unsere besten Logiker die alte formale Logik preisgegeben, halten die Logik nicht mehr für ein Werkzeug des Denkens und sind nicht mehr weit davon entfernt, eine einseitige Erkenntnistheorie vorzutragen mit all dem, was sie über Begriff und Urteil und über die Methoden des Wissens zu sagen haben; sie wollen es nur freilich nicht zugeben, daß ihre Logik, da sie nicht mehr formal sein wollte, psychologisch werden mußte. Abseits stehen nur die scharfsinnigen Grübler, die ein neues System der formalen Logik erfinden wollen, ihren Witz an der symbolischen Logik oder der Algebra der Logik üben, ein Präzisionswerkzeug des Denkens erträumen, eine neue Denkmaschine, und mit ihrer bewundernswerten mathematischen Klarheit dennoch in die Fehler der formalen Logik zurückfallen. Die modernen Psychologen, die von ihren Gegnern dafür wie zum Schimpfe Psychologisten genannt werden, haben die Logik, welche nur noch Erkenntnistheorie des Urteils und der Methoden ist, als ein Gebiet der Psychologie anschauen gelernt; Psychologie ist ihnen die Vorschule nicht nur aller Geisteswissenschaften, sondern auch aller empirischen Wissenschaften; es gibt keine Erfahrung ohne ein Urteil, und das Urteil ist ein psychischer Akt. Für die Architektur einer noch ungeschriebenen allumfassenden Psychologie des Psychologismus wäre es nur bedenklich, daß Erkenntnistheorie dem ersten Worte eines solchen Lehrbuchs vorauszugehen hätte und doch wieder erst nach Durcharbeitung des ganzen Feldes verständlich wäre. Der gleiche Stein müßte Fundament und Krönung des Gebäudes werden. Die Unmöglichkeit, solchen idealen Forderungen zu genügen, mag aber aus dem Wesen der Sprache zu erklären sein, die ja niemals voraussetzungslos ist, während Erkenntnistheorie noch voraussetzungsloser sein müßte als andere Wissenschaften. Die einfache Wahrheit, daß die ganze Untersuchungsweise, die jetzt Erkenntnistheorie heißt, nur das vornehmste Kapitel der Psychologie sei (das mit der bald gegenstandslos gewordenen Bezeichnung Logik überschrieben werden könnte), diese Wahrheit wird verdunkelt durch die allgemeine Beliebtheit des Titels Erkenntnistheorie. Ich glaube aber, daß dieser Terminus des gelehrten Sprachgebrauchs schlecht und unsauber gebildet ist, was ja nicht zu verhindern braucht, daß er in Deutschland noch eine Weile in Ansehen bleiben wird. Es ist ein ausschließlich deutscher Ausdruck, von Reinhold dem Sohne (nach Eisler) geprägt, aber erst durch Zeller zu seiner jetzigen akademischen Würde promoviert. Das Ausland ist lange Zeit ohne den Begriff Erkenntnistheorie ausgekommen und erst neuerdings haben die Engländer es für nützlich gehalten, die neue Disziplin, die doch von ihnen ausgegangen war, mit dem überaus gelehrten Worte epistemology zu benennen. Das Wort ist pedantisch, übersetzt aber ganz ordentlich Lehre vom Wissen, während unser Erkenntnistheorie ein schlechter Name ist. Das Wort epistemology, in den reichen Schatz der englischen Fremdwörter von Ferrier vor etwas mehr als fünfzig Jahren eingeführt (aus ἐπιστημη und λογος zusammengesetzt), hat immerhin die Endung -logie, mit der wir international unsere Lehrgebäude bezeichnen, beibehalten. Unter Theorie verstehen wir international etwas ganz anderes als ein Lehrgebäude; wird Theorie der Praxis entgegengestellt, dann ist der Bedeutung des Wortes in unserer empiristischen Zeit ein gewisser Tadel beigesellt, wir denken zunächst an ein Begriffsgebilde, dem keine Wirklichkeit entspricht, oder das wenigstens unbewiesen als vorläufige Hypothese in der Luft schwebt; sonst aber verstehen wir unter Theorie gern eine Annahme oder eine unbewiesene Behauptung, die der Erklärung eines Sachverhalts oder auch einem ganzen Lehrgebäude zugrunde liegt. In einer saubern Philosophensprache durfte man also von verschiedenen Theorien der Erkenntnis sprechen, von der Erkenntnistheorie eines bestimmten Philosophen, nicht aber von der Erkenntnistheorie überhaupt, als von einer besondern Disziplin. Man konnte sagen: Kant hat durch seinen kritischen Idealismus eine Wissenschaftslehre, eine Epistemologie erst geschaffen, trotzdem seine eigene Theorie der Erkenntnis nicht allgemein und nicht in allen Stücken anerkannt werden konnte. Der Fall liegt ähnlich bei dem unsaubern Sprachgebrauche, der Kants System durch Jahrzehnte die kritische Philosophie nannte, weil die Hauptwerke Kants das Wort Kritik im Titel führten, und der noch heute Kritizismus als technischen Ausdruck beibehalten hat, trotzdem es in der ganzen Geschichte der Philosophie kaum einen hervorragenden Mann gegeben hat, der nicht an den Vorstellungen und Begriffen seiner Zeit oder seiner Vorgänger Kritik geübt hätte, und trotzdem es einen bewußten Dogmatismus kaum mehr gibt, gegen den der Kantsche Kritizismus auszuspielen wäre. Die Aufgabe der neuen Disziplin, Möglichkeit und Grenzen des menschlichen Wissens von der Welt zu bestimmen, läuft wirklich auf eine gründliche Analyse der Begriffe hinaus und dürfte darum der wesentlichste Teil unserer Kritik der Sprache sein, die also ein Beitrag zur Erkenntnistheorie ist. Oder zur Logologie, wenn man vor dem häßlichen Worte nicht zurückschreckt. Herbart, der der Erkenntnistheorie die Bearbeitung der Begriffe zuwies, Lotze und der Engländer Ward haben sich schon der Anschauung genähert, die in einer Sprachkritik das vorläufige Hauptgeschäft der Philosophie sieht: nicht eine neue Wissenschaftslehre, aber eine neue Lehre vom Wissen ist unser Hauptgeschäft.

 

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