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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 66
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Eitelkeit

I.

Der Gemeinsprache gehören die Worte eitel und Eitelkeit an, haben aber in ihrer Definition ebenso große Schwierigkeiten wie in ihrer Herleitung. Schon im Lateinischen muß das Nebeneinander zweier Bedeutungen auffallen, die nicht so leicht zu vermitteln sind, wie die gleichen Doppelbedeutungen in neueren Sprachen uns zu glauben verführen. Lateinisch vanus bedeutete zunächst so viel wie leer, taub (von Früchten), sodann schon bildlich gehaltlos, unbedeutend, erfolglos; von Menschen bildlich gebraucht bedeutete es etwa: lügenhaft, windig, aber auch schon (wie unser eitel): eine hohe Selbsteinschätzung, die in Mißverhältnis steht zu dem innern Gehalte. So wird zwischen leer, gehaltlos und unberechtigtem Stolze (bei innerer Gehaltlosigkeit) scheinbar eine Brücke hergestellt; wir nennen aber auch solche Menschen eitel, die sehr gehaltvoll, sehr wertvoll sind, wenn sie nur an diesem ihrem Werte oder an ihren Erfolgen Freude haben oder gar Freude äußern. Man könnte wohlwollend unterscheiden: Stolz ist das Bewußtsein des eigenen Wertes, Eitelkeit ist die Freude daran. Jedenfalls geht es nicht an, den Begriff, den wir heute fast ausschließlich mit Eitelkeit verbinden, unmittelbar als eine Metapher von Leerheit aufzufassen; die romanischen Sprachen, die lateinisch vanitas für beide Bedeutungen beibehalten haben, scheinen den Widerspruch nicht zu empfinden. Der Franzose sagt z. B. vanité sowohl (biblisch) für die Nichtigkeit der irdischen Dinge als für die kleine Schwäche eines sonst bedeutenden Mannes; sprichwörtlich: une once de vanité gâte un quintal de mérite. Wir haben im Deutschen, um einen eitlen Menschen zu bezeichnen, noch zwei Worte, deren Bildung ein Pedant beidemal tadeln müßte: eingebildet und selbstgefällig; wer sich selbst allzu sehr gefällt, der ist eitel, mag er seinen Wert überschätzen oder richtig einschätzen; bei eingebildet denkt man schon eher daran, daß der Stolz unberechtigt ist. Aber die Nuancen gehen ineinander über. Das gebräuchlichste Wort ist eitel; es ist in sehr alter Zeit im Sinne von leer, unfruchtbar, eine Übersetzung von lateinisch vanus gewesen; auch die Zusammenstellung eitel und wan kommt vor. Ein gradliniger Bedeutungswandel führte zu dem Sprachgebrauche: bloß (das Brot eitel essen gleich merum panem), rein (eitel Wein), wofür wir jetzt lieber lauter sagen. Frühzeitig, schon mhd., wurde als Übersetzung von vanitas, im Sinne einer menschlichen Charaktereigenschaft das Wort Eitelkeit gebildet, wobei zu beachten, daß noch der populäre Geiler v. Kaisersberg das Fremdwort Wanheit vorzieht; erst nhd. folgte das Adjektiv eitel in dieser Bedeutung nach. Die Herkunft dieses Wortes, wie die von lat.  vanus, ist unaufgeklärt, wie gesagt. Ohne jedes historische Recht hat man, weil eitel sohon ahd. für vanus eintrat, auch für das deutsche Wort die Grundbedeutung leer angenommen; sprachwissenschaftlich besser begründet, aber immer noch schlecht begründet, ist Grimms Vermutung, eitel sei auf eine Wurzel zurückzuführen, welche flammen, glänzen, scheinen bedeutete. Mich reizt die Vorstellung, daß eitel und vanus miteinander verbunden werden könnten, lautlich und begrifflich, durch Wind (von wehen), wie wir denn noch heute einen homo vanus einen windigen Menschen nennen können; einen Windbeutel; aber ich werde mich hüten, meine Etymologie vorzuschlagen, solange mir noch ein Glied der Kette selbst verdächtig ist. Bevor ich dazu übergehe zu sagen, weshalb dem Begriffe Eitelkeit eine Stelle in dem Wörterbuche der Philosophie gebührt, möchte ich Goethe über den Begriff sprechen lassen. Weil ein Wort von Goethe immer ein Buchschmuck ist, weil Goethes Weisheit unerschöpflich ist und weil Goethe da zufällig die Herleitung von Leerheit berührt, wofür er denn auch von Grimm (D. W. III S. 387) ehrfurchtsvoll getadelt wurde. Goethe redet (Dichtung und Wahrheit 15. Buch) von dem Arzt-Philosophen Zimmermann, dessen Umgang der wünschenswerteste war, wenn man ihm nachsehen konnte, daß er sich, seine Persönlichkeit, seine Verdienste sehr lebhaft vorempfand. »Da mich nun überhaupt das, was man Eitelkeit nennt, niemals verletzte und ich mir dagegen auch wieder eitel zu sein erlaubte, das heißt, dasjenige unbedenklich hervorkehrte, was mir an mir selbst Freude machte, so kam ich mit ihm gar wohl überein; wir ließen uns wechselsweise gelten und schalten, und weil er sich durchaus offen und mitteilend erwies, so lernte ich in kurzer Zeit sehr viel von ihm. Beurteil' ich nun aber einen solchen Mann dankbar, wohlwollend und gründlich, so darf ich nicht einmal sagen, daß er eitel gewesen. Wir Deutschen mißbrauchen das Wort eitel nur allzu oft; denn eigentlich führt es den Begriff von Leerheit mit sich, und man bezeichnet damit billigerweise nur Einen, der die Freude an seinem Nichts, die Zufriedenheit mit einer hohlen Existenz nicht verbergen kann ... Wer sich aber an seinen Naturgaben nicht im Stillen erfreuen kann, wer sich bei Ausübung derselben nicht selbst seinen Lohn dahinnimmt, sondern erst darauf wartet und hofft, daß Andere das Geleistete anerkennen und es gehörig würdigen sollen, der findet sich in einer übeln Lage, weil es nur allzu bekannt ist, daß die Menschen den Beifall sehr spärlich austeilen, daß sie das Lob verkümmern, ja, wenn es nur einigermaßen tunlich ist, in Tadel verwandeln ... Was einer nicht schon mitbringt, kann er nicht erhalten.« Ähnlich urteilt Goethe an andern Stellen seiner Lebensbeschreibung über die kleinen Eitelkeiten von Herder und Klopstock, stets der eigenen Schwäche eingedenk. Mit dieser abgeklärten und entsagenden Weisheit des Dichters vergleiche man die Heftigkeit des Philosophen Schopenhauer, der nicht müde wird, die Eitelkeit als die ärgste Torheit der Menschen an den Pranger zu stellen. Und auch Schopenhauer, dem die Nichtigkeit des Daseins überhaupt sehr gut in die pessimistische Weltanschauung hineinpaßte, beruft sich darauf, »daß in fast allen Sprachen Eitelkeit, vanitas, ursprünglich Leerheit und Nichtigkeit bedeutet.« (W. a. W. u. V. I 384.)

II.

Ich will also meine Vermutung, daß die ursprüngliche Bedeutung von vanus und eitel irgendwie mit Wind zusammenhing (noch Luther sagt für Eitelkeit gern das Eitel; man glaubt einen Dingbegriff wie etwa die Spreu herauszuhören) nicht weiter benützen, will auch keinen Wert darauf legen, daß Eitelkeit im Sinne von Leerheit eine reine Negation ausdrückt; immerhin bleibt Eitelkeit ein leeres Wort, ein flatus vocis, wie die Nominalisten gesagt haben sollen, und die Frage drängt sich auf: Ist es möglich, daß ein bloßer Lufthauch die gleiche Macht über die Handlungen der Menschen haben sollte wie die stärksten Gefühle, die man Hunger und Liebe nennt, die die Selbsterhaltung des Leibes und die leibliche Erhaltung der Art erzwingen? Da ist nun zunächst zu bemerken, daß die Bezeichnungen für die drei einzigen Motive menschlichen Handelns Summenworte sind, daß nicht die Begriffe oder Worte Hunger, Liebe und Eitelkeit wirksam sind, sondern jedesmal ein augenblickliches Bedürfnis. Da ist weiter zu bemerken, daß Hunger und Liebe vorsprachliche Gefühle sind, die ganze organische Natur beherrschen, daß dagegen die augenblicklichen Bedürfnisse der Eitelkeit in der Stufenreihe der Organismen eigentlich erst über den redenden Menschen Macht gewinnen. Bei Tieren läßt sich Eitelkeit nur selten nachweisen, am ehesten noch bei den Genossen des Menschen, bei Pferd und Hund, die ein wenig von der Sprache angesteckt worden sind. Wilde Tiere kann man reizen, aber nicht beleidigen; wilde Tiere haben keine Ehre im Leib. Ich habe schon dargelegt, daß man das Gefühl der Ehre, der echten wie der falschen, anstatt der Eitelkeit zum Range des dritten Motivs erheben könnte, und daß mystische Beziehungen zwischen der Ehre und der Liebe bestehen. (Vgl. Art.  Ehre S. 204.) Nur daß die Liebe ein vorsprachliches Gefühl ist und daß das Gefühl der Ehre, des Stolzes oder der Eitelkeit, aufs engste mit der Sprache zusammenhängt. Wie die Sprache, auch wenn wir sie ganz streng nur in den momentanen Äußerungen der Individualsprache auffassen, nicht anders wirklich sein kann als zwischen den Menschen, so ist auch Ehre und Eitelkeit nur zwischen den Menschen möglich und wirksam, als eine soziale Erscheinung. Der alte Walch und Schopenhauer behalten recht: Diese Gefühle bestehen in der Opinion anderer Leute, und die Opinion äußert sich in Worten. Die Frage, wie die Eitelkeit eine so mächtige Ursache menschlicher Handlungen sein könne, fällt also unter die allgemeinere Frage nach der Möglichkeit einer Macht der Worte, der Frage, die ich (Kr. d. Sp. I 2 S. 151 ff.) zu beantworten gesucht habe. Ich möchte jetzt noch hinzufügen, daß unsere bessere Einsicht in das Wesen des Ursachbegriffs (Vergl. Art.  causalitas) die Frage vereinfacht. Wir nennen unter den Veränderungen, welche eine besonders interessante Veränderung bedingen, diejenige die Ursache, der wir eine auslösende Wirkung zuschreiben. Warum sollte ein zwischen den Menschen eingeübtes Wort nicht ebenso gut auslösende Kraft besitzen wie ein anderer eingeübter Sinneseindruck? Der Anblick einer Beute veranlaßt das Tier zu Handlungen, die das Hungerbedürfnis befriedigen. Der Anblick eines zweckentsprechenden Weibchens, der Anblick eines Eis, eines zum Nestbau tauglichen Fäserchens veranlaßt das Tier zu Handlungen, die der Erhaltung der Art dienen. Das eingeübte Kommandowort löst bei einer disziplinierten Truppe instinktartige Handlungen aus, die sich schlecht mit der bewußten Einsicht des Einzelnen vertragen; auf den Ruf »Feuer!« erschießt der Soldat seinen Kameraden. Auch die Eitelkeit zwischen den Menschen verfügt über solche eingeübte Kommandowörter. Das Vernehmen eines eingeübten Wortes veranlaßt den redenden Menschen zu Handlungen, die irgendwie, groß oder klein, verständig oder töricht, der Behauptung seiner sozialen Stellung dienen. Zwischen den Menschen. Im Anfang war die Tat, sagt Goethe-Faust, der Verächter der Sprache. Im Anfang war das Wort, sagt der Evangelist Johannes und meint es im Sinne des Neuplatonismus so fremdartig-tiefsinnig, daß wir den Gedanken kaum mehr mitdenken können. Jedenfalls dachte er am wenigsten an die spätere Umdeutung des Christentums in den Sozialismus unserer Zeit, als dessen bisher einzig sicher erreichtes Ziel wir die gemeine menschliche Sprache erkannt haben. (Vgl. Kr. d. Spr. I 2 S. 24-42.) In diesem Sinne könnten wir freilich sagen: Im Anfang war das Wort. Es ist alles zwischen den Menschen. Es ist alles eitel. Wie schon der weise Salomo gewußt hat, der kein Neuplatoniker war: Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.

 

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