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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Einfluß

Beinahe wie Abhängigkeit, die, von Anfang an ein schiefes Bild, das Verhältnis von Ursache und Wirkung ausdrücken sollte, Notwendigkeit also, am Ende aber zu dem vagen Begriff verblaßte, den wir kennen (Vgl. Art.  Abhängigkeit), ist auch Einfluß bis an die Grenze der ursprünglichen Bedeutung herunter gekommen. Ein Mann von Einfluß ist ein Mann, der einem irgendwie nützen kann dadurch, daß andre, kleinere, aber immer noch einflußreiche Leute von ihm abhängig sind. Auch andre Dinge haben Einfluß auf den Menschen: das Milieu. Man spricht von Einfluß, wenn man eine ursächliche Verbindung annimmt, aber die Wirkung nicht genau berechnen kann; die Hauptbedingung wird Ursache genannt, die Nebenumstände haben Einfluß: z. B. der Nutzwert einer Wasserleitung hängt von der Höhe des Drucks ab; dessen Ursache ist die Erhöhung des Reservoirs über dem Ausfluß; aber Länge der Leitung und lichte Weite der Röhren haben Einfluß auf den Druck. Und dieses Wort hat eine große Geschichte des Kampfes hinter sich. Das Bild vom Einfließen ist jetzt so verschwommen, daß wir allgemein sagen: Einfluß auf etwas nehmen oder haben; noch im 18. Jahrhundert allgemein: in etwas. Lessing zuerst konstruiert mit auf, wohl in Nachahmung der Franzosen, deren akademisches Wörterbuch influencer erst 1835 buchte; Voltaire sagte noch: influer z. B. tout ce que nous entoure influe sur nous en physique, en morale ... une idée influe sur une idée, chose non moins compréhensible. Es ist mir nicht bekannt, wer das Bild vom Einfließen zum erstenmal auf psychische Vorgänge angewandt hat; nicht einmal, wer das Bild vom Hineinfließen einer Flüssigkeit zuerst auf physikalische Wirkungen übertragen hat. Für den Einfluß der Gestirne hatten freilich schon die Lateiner den Ausdruck influxus stellarum; man wäre versucht, an die Gezeiten zu denken, wenn flux et réflux (mare refluum) bereits im Altertum als Wirkungen des Mondes erkannt worden wären. Jedenfalls ist influxio und influxus eine Lehnübersetzung von ἀποῤῥοια ( influxio = καταῤῥοια oder -οη, uns in Katarrh erhalten), worunter Empedokles die Kraftausflüsse der Körper versteht, die von den ποροι aufgenommen wurden und so physische und psychische Wirkungen erzeugten; die Lateiner übersetzten das Wort durch effluvia, und influxus scheint mir der notwendige Korrelatbegriff zu diesen Effluvien. Von großer Bedeutung wurde das Bild vom Einfließen aber erst, als die Verlegenheit der Naturforscher die Lehre vom Fluidum erfand; nicht nur die Wärme, das Licht, die Elektrizität waren Fluida, sondern auch der Nervengeist; und da hatte man eine Elementarbewegung (die Fluida waren Elemente), die das alte Rätsel der Wechselwirkung von Seele und Leib endlich zu erklären schien. Noch die Encyklopädisten trugen die Lehrmeinung vom Nervenfluidum vor. Die vorausgegangene Nervenhypothese, nach der die Nerven so etwas wie elastische Stricke waren, in eine ebenfalls elastische dura mater gebettet, und auf ein Klingelzeichen der Außenwelt z. B. in Schwingungen gerieten wie die Luft, widersprach der Anatomie doch gar zu gröblich. Eine Flüssigkeit schien die Kraftübertragung besser zu erklären: Hydrodynamik war neuer als Akustik. Und so nannte man die alten animalischen Geister jetzt Nervenfluidum. Eine physiologische Deutung versuchte man gar nicht. Erzeugt wurde das Nervenfluidum durch die aufgenommene Nahrung; was nachher daraus wurde, das wußte man nicht zu sagen. Die beiden andern, einander heftig bekämpfenden Erklärungen, die im 18. Jahrhundert ihre Rolle noch lange nicht ausgespielt hatten, der Occasionalismus von Geulincx und die prästabilierte Harmonie von Leibniz, waren voneinander gar nicht so verschieden, wie der Zank ihrer Vertreter vermuten läßt; nach beiden Lehren wurde der liebe Gott ganz persönlich bemüht, um das berühmte commercium animi et corporis herzustellen; nach Leibniz war Gott immerhin ein geschickter Uhrmacher, und Petrus kam heraus, wenn es 12 Uhr schlug; nach Geulincx mußte Gott, wenn es 12 schlug, den Zeiger auf 12 stellen und Petrus noch extra mit seinem Finger vorschieben. Für die menschliche Vorstellung scheint die prästabilierte Harmonie nicht ganz so lächerlich zu sein, wie die eines Deus ex machina; unsinnige Erklärungsversuche sind beide Lehren für unser Bewußtsein von der Unwirklichkeit des Seelenbegriffs. Damals aber galt die Seele für ein wirkliches Ding, und da mußte die Lehre vom influxus physicus als Rettung vor einer verrückt gewordenen Theologie erscheinen. Im Grunde war die Lehre uralter populärer Materialismus, war nur ein hilfloser Ausdruck für die alltägliche Beobachtung, daß der Körper auf die Seele wirke, die Seele auf den Körper. Wissenschaftlich erschien daran nur die Annahme, daß Fluida dabei tätig waren: das Nervenfluidum floß ein, wirkte auf das Muskelfluidum, und umgekehrt. Wer sich über das System des influxus physicus unterrichten will, der findet in schlechtem Latein eine schon recht kritische Darstellung in Wolf's Psychologia rationalis (Ausgb. von 1740, § 558 u. ff.); nur daß die zugrunde liegende Vorstellung eines Fluidums an dieser Stelle nicht hervorgehoben wird, dafür aber die Realität dessen, was überfließt, gleich im ersten Satze behauptet wird. Wer dieses System verteidigt, wird Influxionist genannt; wer zugibt, die Art des Influxus nicht zu kennen, dürfe so nicht genannt werden. Und Wolf erklärt (§ 573): influxus physici nullam habemus notionem; er könne auf eine verständliche Weise nicht erklärt werden; man könne ihn nicht widerlegen, aber auch weder a priori noch a posteriori beweisen. Wenn es einen influxus physicus gäbe, so gälte im Weltall nicht immer das Gesetz der Erhaltung der lebendigen Kräfte (§ 580). Wolf hilft sich mit der qualitas occulta; darin sähe der influxus physicus der magnetischen Anziehungskraft ähnlich wie ein Ei dem andern (§ 582). Und so gelangt Wolf dazu, an diesem Begriffe Sprachkritik zu üben und ihn (§ 583) für ein leeres Wort zu erklären, einen terminus inanis. Non tamen negari potest tamdiu terminum esse sine mente sonum, quamdiu nobis notio nulla fuerit. Sane hoc pacto omnes termini inanes in philosophiam recipere liceret: quo facto magno veluti agmine in philosophiam postliminio (durch das Rückkehrrecht) ruerent adeo feliciter a recentioribus ex eadem eliminati inanes termini, qui scientiarum progressum tantopere impediverunt. Unbeachtet, aber sehr merkwürdig für die Geschichte der Naturwissenschaften, sind die Beispiele solcher leeren termini oder Worthülsen (furfur), welche Wolf in der Anmerkung gibt: Haß und Liebe der unbelebten Dinge, den Strick der Anziehung, aber auch den von Van Helmont kurz vorher eingeführten und so populär gewordenen Begriff Gas. Noch deutlicher wird der Agnostizismus Wolfs in den »Vernünftigen Gedanken von Gott« (II. Ausgb. v. 1733). Die Frage sei nicht, ob, sondern wie ein influxus möglich sei, wie die Bewegungen des Körpers von der Seele dependieren oder determinieret werden und umgekehrt. Die subtile flüssige Materie, die Einige spiritus animales, andere fluidum nervosum nennen, hat einen natürlichen Einfluß: der Seele in den Leib und des Leibes in die Seele; die subtile flüssige Materie im Gehirn bewerkstelliget durch ihren Einfluß in die Musceln oder Mäuslein die Bewegungen im Leibe. Die ganze Vorstellung sei metaphorisch zu verstehen, wenn man nicht eine überfließende Realität annimmt (§ 273). Wir würden sagen: solange die Physiologie nichts über die Wechselwirkung von Seele und Leib auszusagen vermag, solange sind alle diese Begriffe leere Worte. Da nun aber die Erfahrung an einer solchen Wechselwirkung nicht zweifeln läßt, da wir auch ohne physiologische Kenntnis der intimsten Vorgänge handeln müssen, solange wir leben wollen, so können wir die Lösung des Rätsels nicht abwarten. Der handelnde Mensch ist (nach Goethes Wort) immer gewissenlos; der handelnde Mensch kümmert sich auch nicht um die physiologischen Gründe seines Handelns. Wir könnten nicht leben, wenn wir darin nicht Instinktwesen wären. Das etwa meint Wolf, wenn er (§ 172) fast ironisch lehrt, man könne in der Moral den influxum physicum annehmen. »Es gewinnet die Moral nicht das allergeringste dadurch, ob die Frage ausgemacht ist oder nicht, wie die Seele in dem Leibe würcke oder die Bewegungen in dem Leibe determinieret ... ja ich nehme es auch selbst in der Moral als einen Grund an, daß die Seele die ihrem Willen unterworfene Bewegungen im Leibe hervorbringet, weil es den moralischen Wahrheiten nicht den geringsten Eintrag tut, wenn es sich gleich auch anders verhielte, indem wir, wie ich schon gesaget, blos darauf sehen, daß die Bewegungen gleich da sind, wenn es die Seele verlanget, nicht aber, wie solches zugehet.« Ebenso irrelevant sei die physiologische Frage im Strafrecht. »Weil man der Seele nicht beikommen kann, so greift man den Leib an, wenn man ihren Willen mit Macht lenken will.« Aus allen diesen Gründen will Wolf die Hypothesen über die Wechselwirkung von Seele und Leib vernünftig und bescheiden beurteilt wissen. Als nun später, besonders durch Euler, das Fluidum an Ansehen verlor, verblaßte das Bild des Influxus und der Begriff Einfluß, den einst Meister Ekkhart als Einfluß Gottes oder der Gnade wohl ganz materiell gefaßt hatte, blieb als die leere Hülse übrig, die wir einander im Gespräche und in Büchern als beliebtes Wort zuwerfen. »Wir stehen alle unter dem Einfluß des Milieus«. Wir haben es ja so herrlich weit gebracht. Vor 50 Jahren sagte man Kraft und Stoff, heute sagen wir Energie und anstatt influxus sagen wir Einwirkung. Und die Einwirkung der Energie (niemand lacht über die Tautologie) erklärt heute das commercium animi et corporis. Hätte die Wissenschaft das Lachen nicht überhaupt verlernt, so hätte sie längst bemerken müssen, daß ein guter Scherz, den Schopenhauer einmal (Par. I S. 7) über die prästabilierte Harmonie macht, ganz allgemein auf den influxus animi et corporis passe, ja sogar weiter auf die neueste Formulierung des alten Rätsels, auf die Art, wie sich die eine Energieform in die andere verwandelt. Schopenhauer vergleicht die prästabilierte Harmonie mit den Bühnenwirkungen, »als woselbst sehr oft der influxus physicus nur scheinbar vorhanden ist, indem Ursach und Wirkung bloß mittelst einer vom Regisseur prästabilierten Harmonie zusammenhängen, z. B. wann der Eine schießt und der Andere a tempo fällt«. Auch wann der Schauspieler das Pistol abdrückt und der Inspizient hinter den Coulissen knallt. Man denke daran, daß Bacon alle Systeme Gespenster des Theaters genannt hat. Alle theistischen Systeme suchen einen Regisseur hinter den Erscheinungen der Natur.

 

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